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Journalistenpreis für die Schulz-Story im Spiegel von Markus Feldenkirchen? Einspruch, sagt Bernd Gäbler

Der ehemalige Grimme-Direktor und Journalistik-Professor Bernd Gäbler sieht die „Schulz-Story“ des Spiegel auch kritisch
Der ehemalige Grimme-Direktor und Journalistik-Professor Bernd Gäbler sieht die "Schulz-Story" des Spiegel auch kritisch

Bernd Gäbler war von 2001 bis 2005 Direktor des Grimme-Instituts lehrt seit 2011 als Professor für Journalistik in Bielefeld. Für MEEDIA hat er sich mit der viel diskutierten "Schulz-Story" des Spiegel auseinandergesetzt. Das Nachrichtenmagazin und der Autor Markus Feldenkirchen haben für die minutiöse Beschreibung des Wahlkamps von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz viel ob bekommen. Gäbler hat dazu einige kritische Anmerkungen.

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Von Bernd Gäbler

Solche Nähe zum Protagonisten, solche Einblicke hinter die Kulissen habe es noch nie gegeben. Groß und beinahe ungebrochen ist die Begeisterung über das Schulz-Portrait im Spiegel dieser Woche. Und wer wollte leugnen, dass dem Hamburger Magazin da ein Coup gelungen ist? Keiner war so nah dran an der Berg- und Talfahrt des SPD-Kanzlerkandidaten wie der Spiegel-Autor Markus Feldenkirchen. Er hat uns einen seltenen Einblick in das Gefühlsleben eines Spitzenpolitikers ermöglicht und die Beben im Zentrum des SPD-Wahlkampfes eindrucksvoll nachgezeichnet. Bevor sich aber alle Jurymitglieder für sämtliche deutsche Journalistenpreise gedankenlos ergeben und freiwillig vorab schon alle Pokale (und am liebsten den Pulitzerpreis gleich mit) an die Ericusspitze schicken, möchte ich einige Einwände gegen den Text vortragen, die zumindest wenn der erste Jubel verklungen ist, noch in Erwägung gezogen werden sollten.

Erstens: Die Besonderheit des Textes liegt vor allem in der Nähe, die der Protagonist Martin Schulz zugelassen hat. Es war dessen Entgegenkommen, nicht Feldenkirchens Investigation. Markus Feldenkirchen war in erster Linie immer dabei und hat notiert, was gesagt wurde oder das Aufnahmegerät laufen lassen. Natürlich ist es noch eine gute und anerkennenswerte journalistische Leistung, aus der Fülle der O-Töne die markantesten herausgefiltert zu haben und um diese herum in einem dichten Text die Monate des Wahlkampfes nachgezeichnet zu haben. Aber diese Reportage ist dadurch auch nie multi-perspektivisch, sondern gewährt immer nur einen Blick: den durch das Schlüsselloch. Natürlich hat jede journalistische Arbeit ein begrenztes Thema, durch die voyeuristische Perspektive ist hier der Blickwinkel aber besonders eng. Nimmt man Feldenkirchen beim Wort, dann kreisten alle Gedanken der verantwortlichen SPD-Wahlkämpfer monatelang allein um die Themen: Welche Performance ist Martin Schulz anzuempfehlen? Wie steht es um seine Medienresonanz? Was sagt die Demoskopie? Gab es nicht ein einziges seriöses Gespräch in der Spitze der traditionsreichen Volkspartei über die Frage, was jetzt wichtig für Deutschland ist, keinen klugen Gedankenaustausch über die notwendige Außenpolitik gegenüber Trump oder Erdogan? Wenn das tatsächlich so war, wüsste man einen Grund mehr für die krachende Wahlniederlage.

Zweitens: Der Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer sagt zu dem ungewöhnlichen Entgegenkommen von Marin Schulz, dieser habe nur eine Bedingung gestellt: Der Artikel dürfe erst nach der Wahl veröffentlicht werden. Dies mag man glauben. Es liegen auch keine gegenteiligen Informationen vor, aber man darf sich schon fragen, ob es nicht doch weitere Absprachen gab. Dass der Spiegel Schulz Ende Januar als „Sankt Martin“ ausrief, hatte ja noch einen ironischen Beiklang. Dass er im Februar fragte „Kippt sie?“ und auf dem Cover einer geschrumpfte Kanzlerin einen übergroßen Martin Schulz entgegensetzte, mag der damaligen Stimmung geschuldet sein, aber verwunderte es nicht doch, dass der Spiegel („Wie gut/schlecht geht es den Deutschen“) pünktlich zum Wahlkampfauftakt am 1. März ausgerechnet die von der SPD zum Top-Thema erkorene „soziale Gerechtigkeit“ auf den Titel hob? Glaubten die Blattmacher tatsächlich, das sei ein Kassenschlager?

Feldenkirchens Suggestion, dass der ursprüngliche, authentische Martin Schulz das Zeug zum Kanzler gehabt hätte, ist eine Illusion
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Drittens – und das ist der gewichtigste Einwand: Der Text von Markus Feldenkirchen kommt in der äußeren Form eines Protokolls daher, beinhaltet aber auch eine gefährlich einseitige Auffassung von Politik. Feldenkirchen legt nahe, dass der ursprüngliche Martin Schulz, den er als authentischen, mitfühlenden und mitreißenden Politiker zeichnet, der Emotionen wecken und Hoffnungen schüren konnte, das Zeug zum Kanzler gehabt hätte. Im Laufe des Wahlkampfes ließ er sich dann durch eine Schar von Beratern, Spindoktoren, Einflüsterern und Parteifreunden abschleifen, verbiegen und zurechtstutzen. Das sei der eigentliche Grund seiner Niederlage. Diese Suggestion von Feldenkirchen aber ist eine Illusion.

Eine Persönlichkeit, die so ist wie Feldenkirchen den ursprünglichen Schulz beschreibt, ist eben noch kein guter Politiker, sondern allenfalls ein feuriger Rhetor, einer der zur Mobilisierung von Menschen taugt oder zum Volkstribun. Zu einem durchsetzungsstarken Politiker in der Demokratie braucht es aber zum Glück mehr. Er muss verhandeln können, verschiedene Interessen moderieren, in Gremien bestehen. Er muss sich nicht zuletzt gegenüber dem Gesetzgeber, also dem Deutschen Bundestag, behaupten können oder Kompromisse schließen. Er wird das Recht schätzen und die demokratischen Institutionen respektieren. Und er muss entscheiden und andere dazu bringen, sich enthusiastisch für seine Linie einzusetzen.

Auch dafür ist der Wahlkampf ein guter Testlauf. Wer das alles schon im eigenen Wahlkampfteam nicht schafft, hat eben eine zu einseitig auf die Politikdarstellung ausgerichtete Begabung. Zum Glück ist unsere politische Wirklichkeit so komplex, dass Volkstribune nicht einfach einen Durchmarsch schaffen. Es ist keineswegs bedauernswert, wenn diese Art der Leidenschaft als „standing“ für eine Kanzlerschaft nicht ausreicht.

Bernd Gäbler war von 2001 – 2005 Direktor des Grimme-Instituts in Marl und lehrt seit 2011 als Professor für Journalistik an der FHM Bielefeld

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Alle Kommentare

  1. Daß nun noch eine wichtige Person sich zu einem als relevant erachteten Thema äußert erkennt man in der Art der einleitenden Vorstellung dieser Person, welche dann am Ende des Textes nochmals wiederholt wird. Gut.

    Es äußert sich ein Professor für Journalistik, (ehem. Direktor des Grimme-Instituts. Ebenfalls gut).

    Sachlich bringt der Text für außerhalb des Journalistenbetriebs Befindliche nichts Konkretes. Erwähnenswerte allenfalls Äußerungen zu einer vermeintlichen Schlüssellochperspektive. Dazu hatte sich ein Forist weiter oben bereits geäußert.

    Die Aufgabe von Schulz konnte nicht darin bestanden haben, den Kanzler geben zu können. Es ehrt ihn, daß er dies offenbar ebenfalls so einschätzte. Das Vorhandensein dieser zutreffenden Einschätzung dürfte den eigentlichen Kern der ganzen Reportage ausmachen.

    Dazu käme allenfalls noch, daß in unserem Lande Dinge, die ohnehin alle ahnen und einige offenbar auch zu wissen scheinen ihre Dimension verändern, sobald irgendwer daherkommt und dies ausspricht, oder dokumentiert. Vor einer allseits akzeptierten Scheinwelt also den Vorhang beiseite zieht.

    Sowas führt zu Wallungen bei den medialen Zeremonienmeistern, die sogar zur spontanen Nominierung eines Medienpreises qualifizieren können.

    Es wurde nichts aufgedeckt. Es wurde nur etwas sichtbar, und damit auch ein wenig spürbarer gemacht. Wir empfangen Signale von Phantom-Schmerzen.

    Mal sehen, wie die Laudatio ausfallen wird.

  2. Erschreckend, dass sich der Spiegel auf die ganze Sache überhaupt eingelassen hat.

    Aus Sicht der SPD-Führung – und Schulz wird die Sache ja mit Gabriel, Nahles und Oppermann abgesprochen haben – würde ich dagegen sagen: guter Deal!

    Wenn man die ganze Sache mal Frank-Underwood-mäßig zu Ende denkt:

    – *Vor* der Wahl einen Schutzschirm für den Kandidaten durch die Vereinbarung mit dem Spiegel, erst nach der Wahl zu porträtieren. Etwa hinsichtlich möglicher emotionaler Instabilitäten des Kandidaten in der Kampagne (da wird es mit Sicherheit Ängste gegeben haben, auch im Hinblick auf Schulz Vergangenheit).

    Vielleicht sogar ein bisschen Befeuerung des „Schulz-Hype“, oder etwas freundlichere Berichterstattung im SPON.

    – *Nach* der Wahl dagegen einen Bericht, genau so wie ihn Feldenkirchen jetzt abgeliefert hat. Tenor: super sympathisch der Schulz, aber letztlich eben doch ein Jammerlappen ohne Machtinstinkt.

    Damit man ihn schneller wieder abschießen kann.

    Was der Spiegel dagegen mit der ganzen Sache wollte, durchschaue ich nicht, kommt mir sehr erratisch vor.

    Außerhalb der Journalisten-Blase ist die Story doch jetzt nicht wirklich ein Bringer, wenn man mal ehrlich ist (dass Schulz im Wahlkampf mal Durchhänger hatte, hat man sich auch so gedacht, wo sind da die wirklichen News).

    Die Sache lohnt sich also für den Spiegel eigentlich gar nicht richtig, von „Journalistenpreisen“ mal ab, für die man sich aber nichts kaufen kann.

    Es sei denn, man ist so verschwörungstheoretisch anzunehmen, dass der Spiegel Gabriel und Nahles jetzt im Gegenzug „irgendwann einmal vielleicht aber auch nie“, (c) Don Corleone, um einen Gefallen bitten darf 🙂

    1. Interessant auch, wie Nahles ihn jetzt verteidigt. Man müsse als Politiker doch auch mal Emotionen zeigen dürfen, und so.

      Niemand hat die Absicht, einen Parteivorsitzenden zu stürzen. 🙂

  3. Die Begeisterung über Feldenkirchens Schulz-Story im Spiegel trug Züge des inzenierten Schulz-Hypes im Spiegel zu Beginn des Jahres. Daher zur Replik Herrn Gäblers (es ehrt, meedia, sie zu publizierten): Eine fundierte, präzise formulierte Zurechtrückung der überschäumenden Euphorie über Feldenkirchens Schlüsselloch-Text. Knapp, gut, auf den Punkt.

    1. Leider verwechselt Gäbler hier elementar was eine Schlüssellochperspektive auf der einen und durch erworbenes Vertrauen zugelassene Nähe auf der anderen Seite bedeutet.

  4. Kanzlerkandidat Schulz hätte wissen müssen dass im Fall einer bevorstehenden Niederlage vor allen Wählern als Optimismus-Heuchler dastehen wird, da er sein Wissen um kommende Wahlkatastrophe ja monatelang mit dem (glücklichen) Spiegel-Reporter „geteilt“ hat. Er hat das Dilemma entweder simpel übersehen – oder war zu schwach, um Konsequenzen zu ziehen.

    Schulz hätte seine Einwilligung gegenüber dem Reporter problemlos widerrufen können, als er seine Niederlage unaufhaltsam kommen sah. Dass er die teilnehmende Spiegel-Reportage einfach ungeschützt weiterlaufen ließ, mag einer Mischung aus Einsamkeit, Eitelkeit und Angst geschuldet sein.

    Es ist aber ein sicheres Indiz für taktische Kurzsichtigkeit, die den Kandidaten – bei echten Herausforderungen – für eine Kanzlerschaft disqualifiziert.

  5. Die Argumente von Herrn Gäbler sind sehr überzeugend. Preise haben eher jene Journalisten verdient, die kein halbes Jahr Zeit haben, um ein interessantes Protokoll zu verfassen, das einzig auf privilegiert zugelassener Nähe zu einem Spitzenpolitiker beruht.

  6. Sehr geehrter Professor Gäbler,

    besten dank für eine inhaltlich komplett anderslautende Beleuchtung der Story, entgegen der üblichen Mainstream-Heuchelei, welche auch in diesem Fall vielerorts anzutreffen ist.
    Nämlich die realistische Beleuchtung einer kuriosen (auch einzigartigen) Politikernähe im Bundestags-Wahlkampf, welche am Ende der Geschichte vermutlich keine neutrale, offene Betrachtung mehr zulassen kann.
    Eben die fehlende Klasse als Kanzlerkandidat.
    Den wirklichen Coup hat doch Herr Schulz gelandet – den Mut aufzubringen, dieser Story frühzeitig zuzustimmern und vielmehr noch, in vermeintlich aussichtsloser Position das Ganze durchzuhalten.
    Aber da war wohl zu Jahresbeginn bei allen Protagonisten die Euphorie etwas überbewertet.
    Irgendwie fühlt es sich an, wie ‚eigentlich haben da alle verloren‘.

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