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Fünf Gründe, warum „Babylon Berlin“ die deutsche Serienlandschaft verändern wird

Liv Lisa Fries und Volker Bruch sind die Hauptdarsteller der neuen deutschen TV-Serie „Babylon Berlin“
Liv Lisa Fries und Volker Bruch sind die Hauptdarsteller der neuen deutschen TV-Serie "Babylon Berlin"

Die Erwartungen sind riesig, wenn in der kommenden Woche das Mammutprojekt "Babylon Berlin" Premiere feiert, eine Co-Produktion von X Filme Creative Pool, ARD und Sky Deutschland. Die Serie wird in Deutschland zunächst beim Pay-TV-Anbieter Sky zu sehen sein und erst 2018 in der ARD laufen. Nicht zuletzt deshalb hat "Babylon Berlin" das Zeug, die deutsche Serienlandschaft und das internationale Ansehen deutscher TV-Produktionen nachhaltig zu prägen.

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„Versuchen Sie nicht, Ihre Gedanken zu ordnen. Lassen Sie einfach los.“ Mit diesen Worten beginnt die erste Episode der neuen TV-Serie „Babylon Berlin.“ Und tatsächlich: Wer sich darauf einlässt, erlebt ein Serienspektakel sondergleichen. Fünf Gründe, warum „Babylon Berlin“ schon jetzt zu den besten deutschen TV-Serien gehört und gleichzeitig die deutsche Fernsehlandschaft nachhaltig verändern wird:

1. Starke Geschichte

Ohne eine starke Geschichte kann es keine starke Serie geben: Dies mag zunächst wie eine lapidare Phrase daherkommen, doch in der Vergangenheit wurden vor allem deutsche TV-Serien ausgerechnet diesem simplen Grundsatz oftmals nicht gerecht. Und auch auf internationalem Serien-Terrain zeigte sich jüngst an der siebten „Game of Thrones“– Staffel was mangelnde Drehbuch-Qualität selbst bei einer solchen Über-Serie anrichten kann.

Die Verfilmung der Bestseller-Krimireihe von Volker Kutscher ist bester Serien-Stoff: In den Goldenen 20er Jahren, während der Weimarer Republik, kommt der Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) von Köln nach Berlin, um einen Erpressungsfall aufzudecken. In Berlin findet er eine Stadt im Rausch und kämpft gleichzeitig – traumatisiert vom Ersten Weltkrieg – gegen seine Angststörung. Ohne Medikamente geht bei ihm gar nichts. Eines Tages trifft Rath auf Lotte (Liv Lisa Fries), die tagsüber als Aushilfe bei der Polizei und nachts als Prostituierte arbeitet – und die sein Leben nur noch weiter verkompliziert. Schon bald findet sich der Kommissar in einem Dschungel aus Korruption, Gewalt, Extremismus, Drogen und Prostitution wieder.

Regisseur Tom Tykwer („Lola rennt,“ „Das Parfüm“, „Cloud Atlas“) beschreibt die Geschichte als einen „modernen, epischen Polizeifilm in historischem Gewand, der die Weimarer Republik als Schmelztiegel einer taumelnden Welt im Auf- und Umbruch zeigt“

2. Ausgezeichnetes Handwerk und Detailverliebtheit

„Babylon Berlin“ ist die teuerste deutsche Serie aller Zeiten. 40 Millionen Euro kosteten die ersten beiden Staffeln. Die ersten Planungen für die Serie begannen bereits im Oktober 2013, als sich die Produktionsfirma X Filme Creative Pool die Filmrechte an der Krimireihe sicherte. Im Oktober kamen die ARD und Sky Deutschland als Co-Produzenten dazu. Vier Jahre sind für deutsche TV-Verhältnisse eine überaus lange Zeit. Gedreht wurde an 180 Tagen an insgesamt 300 Drehorten mit 70 Requisiteuren und Ausstattern. Der hohe Zeitaufwand und die enormen Kosten machen sich bezahlt: Die Inszenierung der Top-Filmemacher Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries ist überaus detailverliebt umgesetzt, hier stimmt alles: Musik Kostüm, Requisite, Kamera. Es ist die penible Umsetzung auch kleinster Details, die die Szenerie der 20er Jahre erst realistisch wirken lässt – und die im deutschen TV bisweilen oft schmerzlich vermisst wird.

3. Internationale Aufmerksamkeit

Es hat sich schon in den vergangenen Jahren angekündigt, dass Deutschland im Bezug auf Serienqualität aufholen wird. Da gab es „Club der roten Bänder“, „Morgen hör ich auf“, „Weissensee“ und „Deutschland 83“: allesamt Serien, die deutlich über dem Niveau lagen, was der TV-Zuschauer sonst von der deutschen Serienlandschaft gewöhnt war. Und so langsam schaffen die deutschen TV-Sender mit ihren Produktionen sogar den Sprung über den großen Teich. Was RTL zuletzt mit „Deutschland 83“ vorgemacht hat, wird nun von der ARD/Sky-Produktion noch überboten: Die Distributionsfirma Beta Film konnte „Babylon Berlin“ bereits unter anderem nach Großbritannien, Frankreich, Italien, Schweden, Spanien, Norwegen und Dänemark verkaufen. In den USA wird die Serie bei Netflix laufen. Damit hat Deutschland eine weitere Prestige-Serie, die es – wie schon „Deutschland 83“ – tatsächlich endlich mit internationalen Vorbildern aufnehmen kann und hinter der sich wahrlich niemand verstecken muss.

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4. Besinnung auf das Urdeutsche

Was bereits „Weissensee“ und „Deutschland 83“ auszeichnete, wird auch bei „Babylon Berlin“ zum Erfolgsfaktor: die Konzentration auf Deutschland und seine Geschichte. Das deutsche Fernsehen ist offenbar immer dann besonders gut, wenn es sich auf die eigene, die deutsche Geschichte besinnt – und nicht versucht, krampfhaft amerikanische Vorbilder zu kopieren. Zu Recht: Denn Deutschland bietet dem Fernsehen ein Gros an (noch) unerzählten Geschichten, wie in diesem Fall die unstete Zeit der Weimarer Republik und ein Berlin zwischen Trümmern und Glamour: Die Republik erlebte nach dem Ersten Weltkrieg einen demokratischen Frühling. Doch gleichzeitig stiegen rechtsradikale Strömungen unweigerlich auf und mündeten schließlich in der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Die Serie zeigt ein Deutschland, das versucht, sich neu zu erfinden – und das ganz ohne öffentlich-rechtliches Oberlehrertum. Die Serie versteht sich nicht als Lehrfilm oder als Spiegel der Gesellschaft; sie will kein moralischer Kompass sein, sondern einfach eine extrem gute Geschichte erzählen.

Und „Babylon Berlin“ geht noch einen Schritt weiter, als „nur“ einen Teil der deutschen Geschichte abzubilden: Die Serie nimmt sich einem spezifisch deutschen Charakteristikum an: der German Angst. Während der Weimarer Republik war Deutschland nach seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg durch und durch verunsichert; es herrschte großes Politik-Misstrauen und die Bevölkerung war von Krisen gebeutelt. All das wird im „Babylon Berlin“-Protagonisten Gereon Rath verkörpert: auch er wird von seiner Angst beherrscht; generell ist sie der stärkste Treiber der Handlung.

Gleichzeitig kann die Serie als Hommage an den großen deutschen Angst-Film der Weimarer Republik verstanden werden: „Nosferatu.“ Eine gequälte Seele, die wie hypnotisiert umherwandelt: die Analogie zur Darstellung von Gereon Rath ist eindeutig. Gleichzeitig wird der Zuschauer von „Babylon Berlin“ immer wieder in Szenen hineingeworfen, die wie Albtraumsequenzen daherkommen und stark an den Horrorklassiker aus dem Jahr 1922 erinnern. Eine weitere Anspielung darf freilich genauso wenig vergessen werden: Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“, ebenfalls entstanden während der Weimarer Republik. Franz Biberkopf kämpft wie Gereon Rath darum, sich in der Hauptstadt eine neue Existenz aufzubauen. Dabei steht er unter der Macht der Hure „Babylon“, die im neuen Testament die Gesamtheit aller falschen Religionen verkörpert. Alfred Döblin nannte einst Berlin selbst die „große Hure Babylon“.

Die Sky-Serie konzentriert sich also zum einen auf deutsche Charakteristika sowie zum anderen auf die eigene Geschichte und die eigene Kultur. „Babylon Berlin“ ist typisch deutsch und das ist gut so.

5. Pay-TV First

„Babylon Berlin“ feiert in der kommenden Woche Premiere bei Sky Deutschland, die ARD zeigt die Serie hingegen erst im Jahr 2018. Das wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich, schließlich zahlt der öffentlich-rechtliche Sender von den 40 Millionen Euro Produktionskosten angeblich allein satte 12 Millionen. Von Sky kommen lediglich fünf. Es kann also davon ausgegangen werden, dass Sky Deutschland nur unter der Bedingung der Erstaustrahlung zur Co-Produktion bereit war. Doch ohne Sky wäre eine derart große – auch internationale – Aufmerksamkeit schwierig geworden und die Serie wäre sicher nicht das geworden, was sie heute ist. Gegenüber des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) räumte NDR-Intendant Lutz Marmor ein: „Es ist ein Experiment. Wir müssen am Ende sehen, ob die Sache aufgeht oder nicht.“ Mangelnde Experimentierfreude sei ARD und ZDF schon genügend vorgeworfen worden. „Nun haben wir’s mal getan. Dafür liegen die Rechte ab Herbst 2018 für mehrere Jahre bei uns, und wir haben eine Top-Serie im Programm. Ich finde, das war einen Versuch wert“, so Marmor.

Das ist ein Schritt, der zu begrüßen ist, und der gleichzeitig zeigt, dass auch bei den großen Sender-Chefs angekommen ist, dass Streamingdienste zur Zukunft der TV-Landschaft untrennbar dazugehören. Wer auf internationalem Niveau produzieren will, darf Sky, Netflix und Amazon nicht ignorieren. Wie viele Zuschauer einschalten werden, wenn „Babylon Berlin“ 2018 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen ist, wird sich zeigen. Doch was viel wichtiger ist: Die ARD hat sich mit diesem „Experiment“ einen großen Schritt auf neues Streamin-Terrain gewagt und sich damit ein Stück weit von ihrer German Quoten-Angst gelöst. Es bleibt zu hoffen, das „Babylon Berlin“ nicht das letzte Experiment dieser Art bleibt.

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