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Riesen-Reichweiten für Kimmel & Co nach Las Vegas: Warum US-Latenight-Moderatoren die neuen Leitartikler sind

Latenight-Talker als neue Leitartikler: Stephen Colbert, Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel, Trevor Noah (v.l.n.r.)
Latenight-Talker als neue Leitartikler: Stephen Colbert, Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel, Trevor Noah (v.l.n.r.)

Die drei erfolgreichsten Facebook-Postings der Welt vom Dienstag waren allesamt Videos aus US-Latenight-Shows, die den Massenmord in Las Vegas thematisierten. An der Spitze lag Jimmy Kimmel mit einer hoch-emotionalen Ansprache gegen die Waffengesetze in den USA. Das Phänomen ist nicht neu. Latenight-Talker sind in den USA mittlerweile die wahren Leitartikler. In Deutschland ist diese Rolle unbesetzt.

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Jimmy Kimmel hatte Tränen in den Augen. Wieder einmal. Der Gastgeber der Latenight-Show „Jimmy Kimmel Live“ des US-TV-Senders ABC nutzte seinen Eröffnungsmonolog für eine hoch-emotionale Ansprache zu dem Massaker, das ein Waffennarr in Las Vegas angerichtet hatte. Kimmel sagte u.a.: „Ich habe Kommentare gelesen, die meinen, dass das schrecklich ist, wir aber nichts dagegen tun können. Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden. Natürlich gibt es etwas, das wir tun können. Es gibt viele Dinge, die wir dagegen tun können aber wir tun es nicht. Das ist interessant, weil wenn uns jemand mit einem Bart angreift, dann hören wir Telefone ab, bauen Mauern, rufen Reise-Verbote aus und treffen alle möglichen Vorkehrungen, dass das nicht wieder passiert. Aber wenn ein Amerikaner Waffen kauft und andere Amerikaner tötet, dann können wir nichts dagegen tun.“

Er hasse es, über solche Sachen zu reden, sagte er weiter: „Ich will jeden Abend nur über Sachen lachen. Das scheint immer schwerer zu werden in jüngster Zeit. Es fühlt sich an, als hätte jemand ein Fenster zur Hölle geöffnet.“

Der Latenight-Talker traf mit seiner Rede, während der ihm die Tränen über die Wangen liefen, einen Nerv. Das Facebook-Video wurde schon über 23 Mio. Mal aufgerufen, bei YouTube steht der Zähler bei über sechs Millionen Aufrufen. Auch Kimmels Kollege Trevor Noah widmete dem Las-Vegas-Massaker eine engagierte Ansprache mit Millionen Abrufen. Der Vorfall war auch Thema bei Latenight-Talker Stephen Colbert. Jimmy Fallon, Gastgeber der „Tonight Show“ präsentierte die Popsängerin Miley Cyrus und Schauspieler Adam Sandler, die ein Lied anlässlich des schrecklichen Ereignisses sangen. Die Komiker, Sprücheklopfer und Pop-Künstler erreichten mit ihren Beiträgen ein Multi-Millionen-Publikum. Und zwar sowohl im TV als auch weltweit über die Social-Media-Kanäle, vor allem Facebook.

Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschieht. Kimmel sorgte bereit im Frühjahr für Aufsehen, als er die Geschichte seines mit einem Herzfehler geborenen Sohnes erzählte und mit einem Appell für eine allgemeine Krankenversicherung in den USA verknüpfte. Das Video hat derzeit bei YouTube über elf Mio. Abrufe. Kimmel, Fallon und Noah äußerten sich auch sehr ernst und viel beachtet zu den Ausschreitungen von Rechtsradikalen in der US-Kleinstadt Charlottesville. Stephen Colbert, ohnehin einer der politischsten Talkmaster in den USA, macht die Politik von US-Präsident Donald Trump zu einem Dauerthema in seiner Show.

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Natürlich gibt es die großen US-Medien mit globaler Reichweite wie die New York Times, das Wall Street Journal, die Washington Post oder CNN. Und natürlich wurden die herausragenden Ereignisse immer auch in diesen Medien kommentiert und eingeordnet, inklusive flammender Appellen gegen den Waffen-Fetischismus in den USA. Keines der klassischen Medien erreichte aber die Reichweite und Betroffenheit bei einem weltweiten Publikum wie Kimmel & Co. Fast scheint es, als seien die Latenight-Moderatoren die Leitartikler unserer Zeit. Sie versorgen ihre Zuschauern mit einem moralischen Kompass, wenn sich das „Fenster zur Hölle“ öffnet, wie Kimmel das formulierte. Dazu zählt selbstverständlich auch John Oliver, der mit seiner HBO-Show „Last Week Tonight“ schon lange auf dem Grat zwischen Comedy und exzellent recherchiertem Journalismus balanciert.

Die enorme Resonanz, die die ernsten Beiträge der Humor-Handwerker haben, liegt in erster Linie an deren Empathie begründet. Für viele Zuschauer sind Leute wie Kimmel, Fallon, Noah oder Colbert mit ihren Shows tägliche Begleiter des Alltags. Man kennt sie, man lacht mit ihnen und nun kann man auch mit ihnen weinen. Das ist eine Nähe, die ein Schreiber der New York Times vermutlich niemals erreichen kann. Das ist auch einer der Gründe, warum man ein solches Phänomen hierzulande vergeblich sucht. Den deutschen Komikern und Talkern sind zuviel Nähe und Empathie in der Regel suspekt.

Unvorstellbar, dass etwa der Groß-Ironiker Harald Schmidt vor laufender Kamera Tränen nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin vergossen hätte. Wenn er da noch auf Sendung gewesen wäre. Undenkbar, dass Schmidt sich überhaupt derartig politisch positioniert hätte, wie dies Kimmel, Fallon, Noah und Colbert mittlerweile regelmäßig tun. Harald Schmidt wahrte stets die Distanz, die Mauer aus Ironie wurde bei ihm nie durchbrochen. Ähnlich verhält es sich mit Jan Böhmermann. Der versucht sich bisweilen zwar auch in politischen Äußerungen und löste mit einem unflätigen Gedicht auch schon mal versehentlich eine Mini-Staatskrise aus – Empathie ist dem öffentliche Böhmermann aber fremd.

Nach dem Terroranschlag in Brüssel eröffnete er seine Show mit einem fast fünfminütigen „Kein Bock Böhmolog“, in dem er auf die Terroranschläge einging und motzig verkündete „keinen Bock“ mehr zu haben, „mir nächtelang irgendwelche sensiblen Texte aus den Fingern zu saugen.“ Es folgten trotzig-ironische Erklärungen, dass der Terror ihm keine Angst mache und ein paar Witzchen darüber, dass er für solche „sensiblen Texte“ ja auch nicht bezahlt werde. Der Unterschied zwischen dem Böhmermann und Kimmel könnte nicht größer sein. Der eine versorgt sein Publikum mit einem moralischen Kompass, der andere mit ironischen Schenkelklopfern.

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Alle Kommentare

  1. Bereits bei Trump stehen diese Herrschaften für Medien-Mainstream. Klar, daß traditionelle US-Journalisten ihnen neiden, „Reichweite und Betroffenheit“ zu erzielen.

    59 Tote und viele Verletzte, da wird es gut verständlich, mit Äußerungen, meinetwegen auch mit Regungen Wirkung zu entfalten.

    Daß die sich für zentrale Bestimmungen ihrer eigenen Verfassung nicht einsetzen, verläßt ihren üblichen Rahmen demnach nicht.

    Da ist mir ein Harald Schmidt lieber, der sich solche Varianten von öffentlichem Mut meistens verkniffen, sich rausgehalten hat.

    Einige Leute haben eines immer auf ihrer Seite: sie haben immer Recht. Wie richtig, daß Winterbauer sie hochleben läßt.

  2. Anti Gun Propaganda! Jimmy Kimmel hat fünf Bodyguards, die alle schwer bewaffnet sind. Hillary Clinton ganz sicher auch viele Bodyguards mit Langwaffen. Alles sehr durchsichtig, dass funktioniert nicht mehr im Zeitalter des Internets.

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