Der Spiegel und seine unglaubliche Martin Schulz-Story: die erste und letzte Politiker-Nahaufnahme dieser Art?

Als Kanzlerkandidat vom Hoffnungsträger zum Jammerlappen in 150 Tagen: Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (li.) hatte die Idee, Autor Markus Feldenkirchen recherchierte "Die Schulz Story"

Publishing Großes Kino vom Spiegel: Mit einer bemerkenswerten Titelstory hat das Magazin quasi posthum den herausragenden Beitrag zum Bundestagswahlkampf 2017 geliefert und ein denkwürdiges Kapitel Politgeschichte geschrieben – wie der als Heilsbringer gehypte Kandidat Martin Schulz "on the Road" zum Kanzleramt verheizt wurde. Die Reaktionen reichen von Respekt (für den Spiegel) bis Mitleid (für Schulz).

von Georg Altrogge

Über 150 Tage lang hat Markus Feldenkirchen, politischer Autor im Hauptstadtbüro, den SPD-Kanzkerschaftsaspiranten auf seiner Wahlkampftour begleitet. Das Ergebnis ist ein überaus dichtes Porträt in emotionalen Momentaufnahmen, das einen Spitzenpolitiker zwischen Siegeswillen und Selbstzweifel, zwischen Machthunger und Frust-Currywurst zeichnet. Nicht erst zum Schluss wirkt der Kandidat ausgelaugt und scheint, frustriert von Terminstress, Niederlagen und innerparteilichen Ränkespielen, schon Wochen vor dem Wahltag innerlich bereits das Handtuch geworfen zu haben. Nach außen weiterhin den kraftvoll austeilenden und siegesgewissen Bald-Kanzler zu geben, muss dem Politiker Übermenschliches abverlangt haben: Es braucht nach der Lektüre des Spiegel-Artikels nicht allzu viel Empathie, um zu ahnen, dass Martin Schulz im Spätsommer 2017 ein verdammt einsamer Mann gewesen ist.

Die historische Niederlage mit nur 20,5 Prozent Wählerstimmen hat den SPD-Chef wie seine Partei ins Mark getroffen und muss doch für den Menschen Martin Schulz, der endlich seine Rolle los war und das viel zu große Kanzlerkostüm abstreifen konnte, wie eine Befreiung gewesen sein. Sie dauerte indes nur wenige Tage. Als der Spiegel am Freitagnachmittag vergangener Woche mit der „Schulz Story“ aufwartete, kam das ganze Elend zurück, diesmal jedoch in einer bis dato unbekannten Transparenz und Komplexität. Bezeichnend schon das Zitat von Schulz, das die Headline der Titelstrecke markierte: „Mannomannomann“. Die Kampagnen-Reportage von Markus Feldenkirchen ist schonungslos offen. Das liegt an den äußeren Umständen des Absturzes, den Schulz in wenigen Monaten erlebte – mehr noch aber an dem exklusiven Zugang, den der Kandidat dem Spiegel-Autor gewährt hat: Die Schulz Story ist bester Stoff für Lehrbücher, nicht nur für Journalisten.

Wie es dazu kommen konnte, schildert Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer am Erscheinungstag des Nachrichtenmagazins in einem Newsletter zur „Lage“. Vorbild war ein Feature des US-Magazins New Yorker, das in ähnlicher Weise über die letzten Amtstage von Barack Obama im Weißen Haus berichtet und Brinkbäumer auf die Idee zur „Schulz Story“ gebracht hatte. Der Spiegel-Chefredakteur schreibt: „So etwas funktioniert ja nur mit Zugängen. Und mit Ernsthaftigkeit. Und wenn beide Seiten glauben, dass Politik, dass überhaupt Macht sich nicht abschotten darf. Zugänglich sein muss. Verletzlich sein darf. Dass eben hierin Mut liegt. Schulz‘ Umfeld war gegen das Projekt: viel zu riskant. Das war selbstverständlich nachvollziehbar. Also vergingen drei Wochen. Dann sagte Schulz: ‚Wir machen das.'“

Völlig unüblich für den Hauptstadt-Politbetrieb, in dem die nachträgliche Autorisierung von Zitaten oft als Schwert gegen die Pressefreiheit benutzt wird, stellte Schulz nur eine Bedingung. Brinkbäumer: „Es gab keine Tabus, nur die Wirklichkeit der Politik im Jahr 2017 und die eine Absprache, dass der Text erst nach der Wahl erscheinen dürfe.“ Dafür gab es die maximale Selbstöffnung: „Feldenkirchen konnte mit Schulz im Taxi, im Flugzeug und zu Fuß reisen, ihn zu 50 Terminen begleiten; Strategiesitzungen, späte Currywurst-Dinner, ein letzter Kaffee (beziehungsweise Kräutertee, durch Inge Schulz ausgetauscht) am Wahlsonntag auf der Terrasse in Würselen inklusive“, so der Spiegel-Chefredakteur. „Wie soll das später eigentlich heißen, was Sie da schreiben: So wird man Oppositionsführer?“, habe Schulz Feldenkirchen im August gefragt.

Das alles kommt jetzt via Spiegel-Titelgeschichte ans Licht und konterkariert die Durchhalte-Parolen des vormaligen Kandidaten und Immer-Noch-Parteichefs. Frage Nummer eins ist also, wie glaubwürdig ein Politiker noch sein kann, der sich gegenüber dem Reporter als totaler Loser outete, während er potenziellen Wählern gegenüber auf Marktplätzen und im TV noch den Daueroptimisten Martin Schulz andrehte. Wie aus dem Umkreis der SPD-Machtzentrale verlautet, ist das Entsetzen in der Partei groß. Der Kandidat werde so ein zweites Mal demontiert, und das ohne Not. Denn die Mehrzahl der Berater, zu deren Kreis auch der frühere Bild-Journalist Bela Anda sowie der frühere Tempo-Macher Markus Peichl gehören, war bei der Spiegel-Anfrage skeptisch. Man ahnte, welche PR-Katastrophe im Fall einer Niederlage da drohte.

Dennoch setzte sich Schulz, beflügelt von der Euphorie seiner damaligen Umfragewerte, schließlich durch. Sein Fehler aus Sicht etlicher Politexperten: Das weltweit beachtete Porträt von Barack Obama im New Yorker bezog sich auf eine Zeit, in der der US-Präsident nicht im Wahlkampfmodus, sondern nach zwei Amtsperioden sozusagen auf Abschiedstournee war. Und, so fügen manche hinzu, der Kandidat habe sich selbst auch falsch eingeschätzt: Schulz sei eben kein Obama. Fest steht: Mit der Spiegel-Geschichte über das Versagen von Kandidat wie Beratern dürften die Diskussionen neu entfacht werden, ob Schulz als SPD-Chef zukunftstauglich ist. Einhelliger Tenor der Branchenbeobachter: Einen Gefallen hat der Politiker dem Nachrichtenmagazin getan, das nun ein ganz heißes Eisen im Rennen um die nächsten Journalistenpreise hat, nicht aber sich selbst.

Angesichts des spektakulären Reports aus dem Innenleben des Wahlkampfs fragt man sich allerdings auch, warum der Spiegel so wenig Marketing in eigener Sache betrieben hat. Auf seinem Newsportal Spiegel Online wird der Ball in Sachen Schulz Story komplett flach gehalten, was die Konkurrenz bei Axel Springer in eine beneidenswerte Position brachte. Das Boulevardblatt Bild schlagzeilte am Montag für seine Millionen Leser „Die Schulz-Offenbarung“ und brachte die fünf griffigsten und entlarvendsten Zitate aus dem Spiegel-Artikel in großen Lettern auf Seite eins, versehen mit der Vorzeile: „SPD-Kandidat jammerte schon im Wahlkampf“. Es ist eigentlich unverständlich, warum das Nachrichtenmagazin im Digitalen nicht selbst „in den Lead“ gegangen ist und die wichtigsten Erkenntnisse seiner exklusiven Story offensiver verbreitet hat. Auch hier punktete Bild am Montagmorgen mit der Headline: „Kann Schulz jetzt noch SPD-Chef bleiben?“

Der Spiegel hat – aus welchen Gründen auch immer – eine hochkarätige Chance zur digitalen Markenwerbung ungenutzt gelassen, was umso unverständlicher ist, da etwas Vergleichbares so schnell nicht wiederkommen dürfte. So urteilt stern-Herausgeber Andreas Petzold via Twitter: „Wohl das erste + letzte Mal, dass Politiker einen Journalisten so dicht rangelassen haben.“

Auch TV-Moderator Thomas Gottschalk hält die Bereitschaft des SPD-Spitzenmanns zur Kooperation mit dem Spiegel für keine gute Idee, ebenso wenig Jan Böhmermann:

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer sieht das offenbar anders. Im Newsletter zum aktuellen Heft schreibt er mit Blick auf die Konsequenzen der Schulz-Story: „In Zeiten wachsender Politikverdrossenheit hielte ich es für gut, wenn sehr viel mehr Politiker sehr viel mehr Transparenz und Einblicke zuließen. Damit die Bürger erkennen könnten, dass es sich bei denen da oben um Menschen handelt, mit Stärken und Schwächen, mit Zweifeln und Überzeugungen; und damit die Politiker erkennen könnten, dass es nur der AfD hilft, wenn Imageberater und Pressestellen die Schwächen und die Zweifel verdecken wollen.“ Mindestens in der SPD ist diese Einschätzung definitiv nicht mehrheitsfähig.

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