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Wochenrückblick: War Andrea Nahles’ Fresse-Spruch schlimmer, genauso schlimm oder weniger schlimm als der von Gauland?

Seriöses bei RTL II, Mann mit Hundekrawatte, Frau mit Geldsorgen, Frau mit großer Klappe (v.o.l.n.u.r.)
Seriöses bei RTL II, Mann mit Hundekrawatte, Frau mit Geldsorgen, Frau mit großer Klappe (v.o.l.n.u.r.)

Die neue SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles versetzte den Medienbetrieb mit ihrem „Fresse“-Spruch in Wallung. Die Bild hat eine komische Kolumne. RTL 2 kann auch seriös und ARD und ZDF bohren ganz dicke Struktur-Bretter. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne

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Sie hat „Fresse“ gesagt, die Andrea Nahles. Ja und, schulterzucken die einen. Wo bleibt der Anstand, rufen die anderen. Kurz nochmal die Faktenlage: Die neue SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles wurde von Journalisten gefragt, wie für sie die letzte Sitzung mit dem bisherigen Koalitionspartner CDU/CSU gelaufen ist. Darauf sagte sie wörtlich: „Ein bisschen wehmütig und ab morgen kriegen sie dann in die Fresse“. Danach hat sie laut, manche meinen: meckernd, gelacht. Die Aussage hatte sie so oder so ähnlich zuvor schon in der Sitzung gemacht. Die CDU/CSU-Kollegen hätten gelacht, meinte Nahles. Was folgte war ein mittlerer medialer Aufschrei. Darf die das? Muss das sein? Dieser Ton! Verrohung der Sitten! Und überhaupt. FJW schrieb einen Brief. Das ganze Programm. Schnell wurden Parallelen zum AfD-Spitzenmann Alexander Gauland gezogen, der in der Wahlnacht im Triumph tönte, die AfD werde die Merkel nun „jagen“ und man werde sich das Land und das Volk zurückholen. Von wem auch immer. War der „Fresse“-Spruch von Andrea Nahles nun schlimmer, genauso schlimm oder weniger schlimm als der von Gauland? Hier meine fünf Cent dazu:

1. Den Gauland-Spruch, dass man Merkel „jagen“ wolle, fand ich gar nicht so schlimm, sondern für die künftige Opposition angemessen krawallig. Sein zweiter Satz, der mit dem Land und dem Volk, das man zurückholen will, war deutlich schlimmer, erregte aber komischerweise weniger Aufsehen.

2. Nahles’ Fresse-Spruch war klar als Witz erkennbar, die Aufregung darüber ist natürlich gnadenlos übergeigt. Gut finden muss man Frau Nahles oder ihre Wortwahl deswegen trotzdem nicht.

3. Der Medien-Betrieb ist in seiner überwiegenden Mehrheit (es gibt ein paar Ausnahmen) immer noch extrem leicht erregbar. Wiederkehrende Appelle, man möge doch nun mal bitte ein paar Gänge runterschalten, scheinen nix zu bringen.

Ich fürchte daher, viele der lieben Kollegen werden auch über das nächste Stöckchen springen, das die AfD oder wer auch immer ihnen hinhält.

Wer hätte übrigens gedacht, dass Alexander Gauland sogar modische Akzente setzen kann. Die Rede ist natürlich von seiner berüchtigten Hundekrawatte. Diese Woche stolperte ich über eine Bild-Plus-Schlagzeile, die da lautete: „Gaulands Schlips-Geheimnis“. Beim zugehörigen Foto pappte der Vermerk „Geheim – bitte nicht weitersagen“ drauf. Da MUSS man ja draufklicken, das ist genetisch so angelegt. Also draufgeklickt und – Zack – Produktenttäuschung! Hinter der gnadenlosen Überverkaufe steckte die so genannte „Klatsch-Kolumne“ der Bild, in der scheinbar wahllos Spekulationen, Erfundenes und aus dem Netz Aufgeklaubtes verrührt werden. Es wurde auch kein wie auch immer geartetes, Gauland’sches „Schlips-Geheimnis“ gelüftet. Das „Geheimnis“ besteht offenbar darin, dass Gauland eine Hundekrawatte trägt. Ende der Geschichte. Tags darauf tönte es aus der „Klatsch-Kolumne“: „Spritzt Kim Botox?“ Angebliche „Geheimdienstinformationen“ sollen besagen, dass sich der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un gesichtschirurgischen Eingriffen unterzieht, weil er aussehen will wie sein Großvater. Mit Verlaub: Was ist das für ein Kokolores? Schon klar, ist ähnlich ernst gemeint wie der „Fresse“-Spruch von Nahles. Aber solche „Inhalte“ sind tatsächlich Teil des Bezahl-Angebots von Bild.de, weil’s halt vorher in der Print-Ausgabe gestanden hat. Vielleicht sollte man dieses Prinzip nochmal überdenken. Sowas schreibt ja noch nicht einmal Focus Online ab!

Wo bleibt das Positive? Bittesehr: Neulich aus Versehen RTL II eingeschaltet und glatt hängen geblieben. Es lief die Dokureihe „Kleine Helden ganz groß – Wenn Kinder kämpfen müssen“. Gezeigt wird dabei das Schicksal verschiedener Kinder mit schweren Krankheiten und/oder Behinderungen. Ein blind geborener Junge, einer der wegen eines Tumors beinahe seinen Arm verliert und auch noch Mukoviszidose hat, ein schwer behinderter Junge und seine gesunde Schwester. So etwas kann leicht aufgesetzt oder schlimm tränendrückermäßig werden. Aber, oh Wunder: Die Doku kam ganz ruhig und sachlich daher, der Film nahm seine Protagonisten ernst und ich blieb gerade wegen dieser Unaufdringlichkeit dabei. Solche Momente im Fernsehen gibt es heute leider nur noch selten zwischen all dem Jahrmarkt-Klimbim. Nach der Doku habe ich dann trotzdem schnell ausgeschaltet, denn später am Abend folgte „Love Island“. Brrr.

Achtung, ganz, ganz schwere Kost: ARD, ZDF und Deutschlandfunk haben an diesem Freitag ihre Berichte zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an die Rundfunkkommission der Länder abgegeben. Es geht um einer grundlegende Strukturreform und dabei natürlich auch um Geld. Mit folgenden Worten begann die Pressemitteilung der ARD zum Thema:

Die Gremienvorsitzendenkonferenz der ARD (GVK) plädiert für eine konvergente Ausgestaltung des öffentlich-rechtlichen Auftrags, einhergehend mit einer Reform des Finanzierungssystems.

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Alles klar? In Sachen Geld sagt die ARD Folgendes:

Weiteren Anpassungsbedarf sieht die GVK beim Finanzierungssystem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die GVK spricht sich dafür aus, den Anstalten längerfristige Planungssicherheit zu garantieren und Wirtschaftlichkeitsanreize zu schaffen. Ein geeigneter Weg ist nach Ansicht der GVK, den öffentlich-rechtlichen Anstalten innerhalb eines jeweils angemessenen finanziellen Rahmens und unter Berücksichtigung eines Teuerungsausgleichs mehr Flexibilität in der Mittelverwendung zu geben. Unumstößlicher Grundsatz dabei muss stets die Sicherstellung der Auftragserfüllung sein.

Sind Sie noch wach? Diese Berichte zur Strukturreform … ich stelle mir zentnerschwere Druckwerke vor, deren furchteinflößender Umfang nur noch von der Kompliziertheit und Staubigkeit ihrer Texte übertroffen wird. Die armen Menschen, die das durcharbeiten müssen. Alleine das Wort „Gremienvorsitzendenkonferenz“. Ich krieg Gänsehaut.

Wenn ich das kafkaeske Wortgeklingel aus der Pressemitteilung mal kurz polemisch und natürlich total unfair übersetzen darf: Die Öffis wollen mehr Kohle vom Beitragszahler und keiner soll ihnen bitteschön dabei reinquatschen, wie sie das Geld ausgeben.

Die Kehrseite von „mehr einnehmen“ ist ja „weniger ausgeben“. Was Spar-Vorschläge betrifft, da vermeiden die Sender tunlichst, dahin zu gehen, wo es wehtut. An der Verwaltung soll ominös gespart werden, es soll verstärkt „kooperiert“ werden und bei der Technik will man irgendwie auch sparen.

Mich erinnert das ein bisschen an die Strategie der Autokonzerne beim Diesel-Skandal, sie wissen schon: Software-Update. Die ARD spielt eine neue Software auf und schwupp-di-wupp läuft der Laden 13 Prozent billiger. Ganz ohne Streichung von Korrespondentenbüros, bösen Stellenabbau oder dem Einstellen von Sendungen. Man kann es den Verantwortlichen aber auch nicht wirklich vorwerfen. Die nun eingereichten Vorstellungen sind Verhandlungsmasse. Gerade die Ministerpräsidenten in den östlichen Bundesländern, denen die AfD im Nacken sitzt, werden irgendwelche Opfer wollen. Da scheint es nur logisch, wenn die Rundfunk-Seite mit Maximal-Forderungen in die Verhandlungen in den Ring.

Ihnen ein schönes Wochenende!

PS: Hören Sie am langen Wochenende doch mal in den Podcast „Die Medien-Woche“ rein, den ich zusammen mit meinem Welt-Kollegen Christian Meier mache. Diesmal diskutieren wir die Frage, inwieweit die Medien am Aufstieg der AfD eine Mitschuld trifft. Viel Spaß beim Hören!

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