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„Wir sind auf gutem Weg, die Probleme zu bereinigen“: Correctiv-Chef Schraven über Kritikpunkte der Lilienthal-Studie

Finanzierungsdruck führt zu „Projektitis“: Correctiv-Gründer David Schraven reagiert auf die Studie von Volker Lilienthal
Finanzierungsdruck führt zu "Projektitis": Correctiv-Gründer David Schraven reagiert auf die Studie von Volker Lilienthal

Die Correctiv-Studie des Journalismusforschers Volker Lilienthal gibt einen Einblick in die Arbeit des Recherchebüros und legt zugleich vor allem organisatorische Schwächen offen. Auch die wackelige Finanzierung wird zur Sprache gebracht. In diesem Punkt erhebt Correctiv-Gründer David Schraven Einspruch und verweist auf veraltete Angaben. Gegenüber MEEDIA erklärt er, weshalb er sich auf die Studie eingelassen hat und er dem kritischen Forscher dankbar ist.

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Volker Lilienthal beschreibt in seiner Studie Schwächen in der Organisationsstruktur von Correctiv, die er in der Führung begründet sieht (z.B. Kompetenzüberschreitungen, immer weiter neue Projekte). Inwiefern stimmen die Beschreibungen Lilienthals mit Ihrer Wahrnehmung überein, an welchen Stellen würden Sie widersprechen?
David Schraven: In der Tat ist das eines der größeren Probleme, die wir bei Correctiv haben, die wir lösen müssen. Die Mehrzahl der beschrieben Probleme ergibt sich aus der Art der Finanzierungsstruktur aller gemeinnütziger Organisationen. So sind gemeinnützige Organisationen in einem Finanzierungs-Bereich darauf angewiesen, Projektfinanzierungen zu erhalten. Dazu müssen Projekte aufgebaut werden. Dies kann schnell zu einer so genannten „Projektitis“ führen.

Was bedeutet das?
Eine „Projektitis“ zeichnet sich dadurch aus, dass zu viele Projekte begonnen werden, um sie zu managen. Zudem bindet man durch Projekte schnell viele Kräfte mittelfristig – etwa in Recherchen, die über ein Jahr gehen –, so dass sie nicht mehr für andere Aufgaben zur Verfügung stehen, etwa für kurzfristige Reportagen. Daraus entstehen schnell Konflikte.

Aus Beobachter-Perspektive ist die Transparenz gegenüber Dritten (in diesem Fall der Wissenschaft) löblich. Aber ebenso ungewöhnlich. Was waren für Sie die Gründe, an dieser Studie teilzunehmen – was hätten Sie sich erhofft?
Ich war Volker Lilienthal sehr dankbar, dass er seine Studie gemacht hat. Ich erhoffte mir, dass wir Schwachstellen gerade in unserer Organisationsstruktur erkennen und daraus lernen können. Kritik ist gut und willkommen. Wie gesagt, wir sind eine lernende, transparente Organisation. Andere Organisationen verschließen sich, um ungestört arbeiten zu können. Wir sehen in Offenheit und Kritik kein Problem – sondern einen Weg, Probleme zu lösen.

Ein großes Problem ist die langfristige Finanzierung, die laut Studie auf wackeligen Beinen steht.
Bei Correctiv haben wir eine Finanzierungsstruktur, die auf vier großen Strömen basiert und die wir kontinuierlich ausbauen müssen. Wir haben eine Kernfinanzierung, dann haben wir Projektfinanzierungen, dann haben wir die Community-Finanzierung, zuletzt einen Geschäftsbereich. Diese Ströme müssen in Einklang gebracht werden. Wenn ein Bereich zu groß wird, bekommt man schnell Probleme – etwa im Bereich der Kompetenzverteilung. Beispielsweise, wenn jemand Kräfte aus einem projektfinanzierten Bereich im Segment der Kernfinanzierung einsetzen will, dies aber nicht möglich ist, weil die Kräfte bereits gebunden sind. Diese komplexe Finanzierungsstruktur auszubalancieren, ist schwierig. Gerade in einer neuen, lernenden Organisation, die das Feld des gemeinnützigen Journalismus zum ersten Mal in nennenswerter Größe in Deutschland betritt.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind und nach und nach die größten Probleme bereinigen. Etwa indem wir Teile der Projektfinanzierungen im Verlauf der vergangenen Monate in Kernfinanzierungen umwandeln konnten und dadurch mehr Mittel zur Verfügung haben, Kräfte ungebunden von Projekten einzusetzen. Außerdem bemühen wir uns, kleinere Projekte bleiben zu lassen, da der Koordinierungsaufwand zu groß ist. Wir sind uns der Probleme bewusst und sind auch an dieser Stelle der Kritik von Lilienthal dankbar. Dies führt dazu, dass wir unsere Organisation verbessern können.

Die Studie rückt mehrere Personalabgänge, vor allem die von Daniel Drepper, Markus Grill und Ariel Hauptmeier, in ein anderes Licht – es lassen sich Zusammenhänge zwischen ihnen und Führungsschwierigkeiten interpretieren.
Ich denke, hier kann man nicht alles und jeden über einen Kamm scheren. Wir hatten vier große Abgänge. Jeweils gab es andere Gründe. Ariel Hauptmeier wollte einen neuen Job als Textchef bei dem erfolgreichen Start-up „Republik“ in der Schweiz. Daniel Drepper bekam ein Jobangebot als Chefredakteur von Buzzfeed, Markus Grill wurde Leiter des Berliner Büros des Rechercheverbundes. Stefan Wehrmeyer wollte einfach nach anstrengenden Aufbaujahren bei Correctiv etwas anderes machen. Ich denke, wir hatten zusammen eine gute, manchmal auch schwierige Zeit. Ich halte es aber für normal, dass sich Redaktionen im Laufe der Zeit verändern. Correctiv ist nun fast vier Jahre alt. Dass in dieser Zeit auch Führungspositionen in einem sich ständig verändernden Start-up neu besetzt werden, ist in meinen Augen nachvollziehbar. Zumal es mich sehr freut, dass der Weg von Correctiv aus nicht in eine Sackgasse führt,
sondern in neue spannende Tätigkeiten. Das zeigt, dass niemand in Correctiv festgefahren ist.

Wie wird die zukünftige Redaktionsstruktur von Correctiv aussehen?
Wir werden bald neue Führungspositionen besetzen. Wir werden eine Chefredaktion und einen neuen Textchef haben und eine neue Verlagsstruktur. Dazu kann ich derzeit allerdings noch nichts genaueres sagen, weil wir mitten in Gesprächen mit mehreren Kandidaten sind. Ich gehe davon aus, dass wir zum 1. Januar soweit sind, die wichtigsten Positionen neu zu besetzen. Ich glaube, Correctiv kann dadurch stabiler und besser werden.

Der Studie zufolge ist das Facebook-Engagement ein interner Knackpunkt, der auch hinsichtlich der Correctiv-Finanzierung wesentlich ist. Es heißt, die Brost-Stiftung, Ihr größter Geldgeber, fördere Sie nur noch mit 400.000 Euro und auch nur, wenn das Engagement für das soziale Netzwerk rechtlich überprüft wird. Sie haben bei Twitter behauptet, die Angaben in der Studie seien veraltet. Können Sie das genauer erklären?
Diese Angaben sind nicht korrekt und leider veraltet. Und traurigerweise zog Lilienthal an dieser Stelle auf Basis von alten Informationen die falschen Schlüsse, was dazu führte, dass andere Leute in der weiteren Diskussion falsche Zusammenhänge aufstellten. Ich hätte mich gefreut, wenn Lilienthal uns hier nochmal mit konkreten Fragen konfrontiert hätte, dann hätten wir ihm gerne die korrekten, aktuellen Informationen gegeben. Stattdessen hat er allgemein ein Gespräch über die Ergebnisse seiner Studie angeboten, das wir aufgrund von Zeitdruck nicht zu den vorgeschlagenen Terminen wahrnehmen konnten.

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Wie lautet Ihre Version?
Richtig ist Folgendes: Im Zuge der breiten und aggressiv geführten Debatte im Frühjahr um unsere Aktivitäten auf Facebook wurde in Frage gestellt, ob wir weiter gemeinnützige Arbeit gewährleisten können, wenn wir kein Geld für die Faktenchecks auf Facebook bekommen. Die Brost-Stiftung musste sichergehen, dass wir weiter gemeinnützig sind, um nicht selbst Probleme mit dem Finanzamt zu bekommen. Auch uns war es wichtig, diese Frage eindeutig zu klären. Das ist normal und entspricht der Sorgfaltspflicht von gemeinnützigen Unternehmen, sich hier abzusichern. Aus diesem Grund haben wir eigenständig Prof. Rainer Hüttemann vom Institut für Steuerrecht der Universität Bonn beauftragt, unsere Tätigkeit auch vor dem Hintergrund unserer Tätigkeit auf Facebook zu prüfen. Der Steuerrechtler kommt in seiner Studie zum Ergebnis, dass alles in Ordnung ist: wir sind können so weiter gemeinnützig arbeiten. Das Ergebnis nahm die Brost-Stiftung zum Anlass, uns weiter zu fördern. Natürlich hätte uns die Brost-Stiftung nicht weiter fördern können, wenn wir nicht gemeinnützig gewesen wären. Das hätte aber gar keiner machen können. (Anm. der Red.: In der Zwischenzeit hat sich mit der Open Society Foundation eine Finanzierungsquelle – über 100.000 Eur0 – für die Facebook-Aktivitäten gefunden)

Es werden aber nur noch 400.000 Euro fließen. Für den Anschub bekamen Sie deutlich mehr.
Die Brost-Stiftung fördert uns nicht jährlich mit 400.000 Euro und wollte das auch nie. Es handelt sich um eine Initialförderung. Im laufenden Jahr beträgt diese Förderung 400.000 Euro fix und kann bei Erreichen einiger Benchmarks erhöht werden. Auch die Formulierung von Benchmarks ist bei Förderungen gemeinnütziger Organisationen völlig normal. Wie und ob die Förderung im kommenden Jahr noch ein letztes Mal fortgeführt wird, besprechen wir derzeit gemeinsam. Es wäre sehr schön, wenn sich Lilienthal in diesem Punkt korrigiert. Das würde ihm keinen Zacken aus der Krone brechen.

In der Studie wird angeführt, dass die Stiftung ihr finanzielles Engagement aufgrund eines kritischen Beitrages bei Tichys Einblick gesenkt habe. Der dortige Artikel hatte „auch politische Unterstellungen gegen die Stiftung und ihren stellvertretenden Vorstand Bodo Hombach enthalten“, wie Volker Lilienthal schreibt. Von „Kampagnenjournalismus“ war die Rede.
Das entzieht sich meiner Kenntnis. Es kann aber gut sein, da Leute, die uns schaden wollen, meist unsere Geldgeber angreifen. Das ist der negative Effekt der Transparenz. Nicht wir als Handelnde werden angegriffen, sondern die Leute und Stiftungen, die uns unterstützen. Wir kennen das auch schon von der AfD und anderen Rechten. Wir glauben aber, dass wir das aushalten müssen und veröffentlichen unsere Geldgeber weiterhin. Nur Privatpersonen, die befürchten müssen, aus konkreten Gründen von Extremisten angegriffen zu werden, legen wir nur unserem Ethikrat gegenüber offen.

Die besprochene Studie von Journalismusforscher Volker Lilienthal hat MEEDIA hier zusammengefasst.

Die Fragen an David Schraven wurden schriftlich gestellt.

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