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Führungschaos und unklare Finanzlage: Journalismusforscher Volker Lilienthal legt kritische Correctiv-Studie vor

Ließ Journalismusforscher Volker Lilienthal (r.) sein Projekt begleiten: Correctiv-Gründer David Schraven
Ließ Journalismusforscher Volker Lilienthal (r.) sein Projekt begleiten: Correctiv-Gründer David Schraven

Der Hamburger Journalismusforscher Volker Lilienthal hat 2016 über mehrere Monate Einblicke in die Arbeit des Recherchenbüros Correctiv bekommen und jetzt die Ergebnisse seiner Fallstudie vorgestellt. Die Arbeit gibt Einblicke in die Entwicklung des gemeinnützigen Projektes, legt aber auch ein Kompetenzchaos offen. Zudem thematisiert die Studie Schwierigkeiten bei der Finanzierung von Correctiv.

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Das Recherchebüro hat Lilienthal im vergangenen Jahr Zugang gewährt, um die Idee des stiftungsfinanzierten Journalismus im Allgemeinen und das vergleichsweise junge Projekt im Speziellen wissenschaftlich analysieren zu lassen. Der Forscher hatte sich das Projekt, das größtenteils von der Brost-Stiftung getragen wird, herausgesucht, da es neben den aktuellen „Krisensymptomen“ in der Branche für die drei „positiven Momente“ stehe: „neue Journalismusformen infolge der Digitalisierung, verstärkte Rechercheorientierung sowie neue crossmediale Formen der journalistischen Zusammenarbeit“.

Konzentriert hat sich Lilienthal dabei vor allem auf die „Arbeitsweise von Correctiv und inwieweit sich dabei neue Entwicklungen beobachten lassen“, wie er erklärt. In dieser Woche hat er seine Ergebnisse vorgelegt und kommt zu einer durchaus kritischen Einschätzung des Projektes.

Ein Laden voller Journalisten: über Organisationschaos und Strukturschwäche

Lilienthal zeichnet das Bild eines Projektes und Teams, das ideologisch ehrenhafte Ansätze verfolgt, intern aber durch und durch schlecht aufgestellt ist. Das liegt nach Beschreibungen des Wissenschaftlers vor allem an einem Organisationschaos, das aus der Personalstruktur heraus gewachsen ist. So bestand das Team aus Correctiv vorwiegend aus Journalisten, deren Disziplin die Recherche sei, die weitere wesentliche Faktoren im Entstehungsprozess einer Geschichte allerdings vernachlässigten.

Zwei Jahre nach Start ließen sich noch immer „Probleme bei der in der Redaktion sogenannten Post-Produktion“ feststellen, so Lilienthal. Zwar habe man die Auseinandersetzung mit neuen Storytelling-Formaten und US-Vorbilder als Aufgabe erkannt, „aber bis zum Befragungszeitpunkt noch nicht praktiziert“. Als Gründe macht Lilienthal auf Basis der Mitarbeiterbefragungen zwei Faktoren aus: zum einen die Finanzierung solcher Projekte, zum anderen der zeitliche Aufwand.

Das Personalproblem brachte auch Daniel Drepper, mittlerweile Chefredakteur von Buzzfeed Deutschland, auf den Punkt: Correctiv sei „ein Laden voller Journalisten, die keine Ahnungen hatten, wie man Produktionsabläufe steuert“, zitiert Lilienthal. Darüber hinaus wird eine chronisch hohe Arbeitsbelastung deutlich: So ist von 80-Stunden-Wochen in der Redaktion sowie einer Unterbesetzung im „Tech-Team“, das neben datenjournalistischen Projekten auch die gesamte Umsetzung der Digital-Aktivitäten betreibt, die Rede. „Eine Nachsteuerung scheint erforderlich“, so Lilienthal.

„Autoritäre Kommunikation“: Führungschaos führt zu Frustration

Die von Lilienthal beschriebenen Zustände hinsichtlich der Arbeitsabläufe und Team-Organisation lassen bereits eine Schwäche in der Führung von Correctiv erahnen, die der Wissenschaftler anschließend ebenfalls beschreibt. Grundsätzlich erfährt Lilienthal aus seinen Befragungen eine „gegenseitige Hilfsbereitschaft und Vertrauen sowie die hohe Motivation“. „Entgegen dem Ersteindruck, Correctiv sei eine Insel der Glückseligen, gibt es aber auch einige Entwicklungsaufgaben für die Redaktionskultur“, schreibt Lilienthal.

So werde vor allem die interne Kritikkultur als „unterentwickelt“ empfunden. Es werde zu wenig über die Umsetzung neuer Themen und Recherchen gesprochen, während zu lange an wenig aussichtsreichen Recherchen festgehalten werde. „Nicht jede Recherche funktioniert. Da müssen wir uns auch mal trauen, sie wegzuwerfen und nicht etwas Halbes veröffentlichen“, wird Textchef Ariel Hauptmeier zitiert, der mittlerweile für die Republik in der Schweiz arbeitet.

Als Grund für diese Punkte macht Lilienthal die Redaktionskonferenz aus, die von der Correctiv-Leitung geführt wird. Der Forscher habe die Kommunikation allerdings als „gelegentlich konventionell autoritär“ wahrgenommen und beschreibt die Frustration der Mitarbeiter, wenn ihnen neue (Teil-)Aufgaben zugewiesen werden, ohne dass es vorher eine Absprache oder Besprechung gab. Darüber hinaus wird auch Überschreitung von Kompetenzen angesprochen, die vor allem vom „Publisher“ ausgehe. Gemeint ist damit David Schraven, Gründer von Correctiv und eine Art Herausgeber des Projektes, gleichzeitig Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft. Unter ihm fungierte zum damaligen Zeitpunkt Markus Grill als Chefredakteur, zuständig für die operative Arbeit des Teams. Auch Grill hat Correctiv mittlerweile verlassen. Lilienthal dazu:

Die Doppelung in der Führungsstruktur führt zu Irritationen in der Mitarbeiterschaft. So habe man Schwierigkeiten, Aufgaben zu priorisieren, wenn die Aufträge von zwei Chefs zugleich kommen (GD 174). An sich soll aber das Chefredakteursprinzip gelten, d. h. Grill nimmt für sich in Anspruch, allein zu entscheiden, „was hier inhaltlich journalistisch gemacht wird“ (Grill 126). Die Verabredung mit Schraven sei, dass dieser sich „um die großen strategischen Fragen“ kümmere. Der Publisher bestätigt das, sagt aber auch, dass ihm die Abgabe der journalistischen Verantwortung noch immer schwerfalle (Schraven 17).

Diversifizierung statt Konsolidierung

Lilienthal setzt sich über die gesamte Studie hinweg mit der Frage der Konsolidierung von Correctiv auseinander, kann aber offensichtlich keine finden. „Der Jahresanfang 2017 brachte für Correctiv zunächst vier – maßgeblich von Schraven angestoßene – Neuerungen, die eher Diversifizierung (…) erwarten lassen“, schreibt der Beobachter. „Was auf den ersten Blick nach einer hohen Entwicklungsdynamik aussieht, birgt manche Gefahr für das eigentliche Recherchezentrum  – und sei es nur, dass Management-Kapazitäten absorbiert werden.“

Facebook-Checking und die Frage nach dem Markenkern

Als besondere Herausforderung für das gesamte Projekt Correctiv macht Lilienthal das Engagement in Sachen Fake News bei Facebook aus. Im Januar dieses Jahres wurde bekannt, dass Correctiv Facebook im Kampf gegen Fake News unterstützt und die Fakten von zweifelhaften Beiträgen überprüfen wird. Das Engagement sorgte bundesweit für Aufsehen. Im Fokus steht die Frage, ob die Tätigkeit noch im Sinne der Gemeinnützigkeit steht oder einen kommerziellen Zweck erfüllt. Lilienthal benennt drei „systematische Probleme“:

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  1. Die Tätigkeit für Facebook ist eine reine Dienstleistung,  die nicht-journalistisch ist. Dies verwässert den Markenkern des Recherchezentrums, auch wenn in der öffentlichen Selbstdarstellung im Sommer 2017 von der Verbindung zu Facebook gar nicht mehr die Rede war. (…)
  2. Es gibt ein Problem mit der Ressourcenkalkulation. Die erwähnte Personalausstattung mit drei Fact-Checkern wird möglich gemacht durch eine 100.000-Euro-Projekt-Förderung der Open Society Foundations des US-Investors George Soros. Das Projekt ist auch sechs Monate befristet, könnte also Mitte Oktober wieder auslaufen. Dann würde sich die Machbarkeitsfrage stellen. Was ist wichtiger: Fact-Checking (für Facebook) oder gemeinnütziger Recherchejournalismus? (…)
  3. Correctiv exponiert sich mit dem Fact-Checking im Zentrum eines politischen Streits darum, was politische Wahrheit ist und was nicht. Dieser Kampf ist nicht zu gewinnen. (…)

Keine „absolute“ Unabhängigkeit – Stiftung senkt Fördergelder, mutmaßlich wegen Tichys Einblick

Das Engagement in Sachen Facebook trifft auch beim Finanzier auf Skepsis, erklärt Lilienthal. Zwar wolle die Brost-Stiftung das Rechercheprojekt weiter fördern, allerdings würde man nur noch 400.000 Euro zusagen. Zuvor wurde Correctiv für drei Jahre mit insgesamt drei Millionen Euro finanziert. Hinzu kommt:

Für die Auszahlung habe der Vorstand ‚angesichts einer kritischen Bewertung der gemeinnützigkeitsrechtlichen Projektpraxis von Correctiv im Zusammenhang mit der Kooperation mit Facebook jedoch zur Bedingung gemacht, dass die Geschäftsführung von Correctiv unter Zuhilfenahme von anerkannten Juristen für diese Sachverhalte eine entsprechende Überprüfung ihrer Aktivitäten durchführt und dabei die gemeinnützigkeitsrechtliche Zulässigkeit bestätigt wird‘.

„Die Weiterförderung ist also bislang eine bloße Absichtserklärung“, sagt Lilienthal, der zugleich in der Fußnote eine weitere Erklärung der Stiftung (von Anfang August) nachliefert, „dass inzwischen ‚die korrekte gemeinnützigkeitsrechtliche Praxis von Correctiv bestätigt‘ worden sei“.

Weshalb die Summe deutlich geringer ausfällt als zuvor, hat die Stiftung gegenüber Lilienthal ebenfalls erklärt. So habe man hierfür ausgerechnet auf den als rechtslastig berüchtigten Blog Tichys Einblick, von Ex-WiWo-Chefredakteur Roland Tichy, verwiesen. „Ein dort veröffentlichter Gastbeitrag hatte auch politische Unterstellungen gegen die Stiftung und ihren stellvertretenden Vorstand Bodo Hombach enthalten“, erklärt Lilienthal. „Friktionen wie diese zeigen, dass Journalismusorganisationen wie Correctiv beständig auch unter der Beobachtung der sie fördernden Institutionen stehen. Der Kasus zeige, „dass man die oft beschworene Unabhängigkeit von stiftungsfinanziertem Journalismus (unabhängig von Markt und Staat) nicht als eine absolute missverstehen sollte“.

Alternative Finanzierungsmodelle unter Plan

Die gesenkte Förderung stellt die Correctiv-Macher unter finanziellen Druck. Beim Aufbau alternativer Erlössäulen liege das Unternehmen hinter Plan, so Lilienthal. „2.500 Personen hatten sich bis Mitte April 2017 entschieden, Mitglieder von Correctiv zu werden (üblicher Monatsbeitrag: 10 Euro. Doch schon bis Ende 2015 sollten eigentlich 5.000 Mitglieder gewonnen sein; tatsächlich waren es damals nur 731.“

Lilienthals Fazit: Correctiv kämpft

In seinem Fazit fasst Lilienthal seine Erkenntnisse noch einmal zusammen:

Das Recherchezentrum kämpft, vorrangig mittels journalistischer Leistungen, um Anerkennung, die letztlich umgemünzt werden muss in Zuwendung, verstanden als Aufmerksamkeit (für Publikationen), aber auch als finanzielle Zuwendung, komme sie von Mitgliedern oder von Stiftungen. Die journalistische DNA der Unabhängigkeit stößt realiter an Grenzen, weil die Partner im Feld sich immer auch neu entscheiden und sich z. B. von Correctiv abwenden können.

(…)

Die Mitarbeiter können versuchen, die von außen kommenden Erwartungen bestmöglich zu befriedigen. Der Aufwand, den sie dafür treiben müssen, trägt aber immer einen Zielkonflikt in sich: den der Vernachlässigung von originärer Recherche.

Für seine Studie hat sich Volker Lilienthal Mitte 2016 für 3,5 Monate in die Feldphase begeben, fünf ausgewählte Mitarbeiter befragt, zwölf Mitarbeiter am Arbeitsplatz beobachtet sowie Gesprächsrunden geführt. Die gesamten Ergebnisse der Untersuchung wurden der Fachzeitschrift „Medien und Kommunikationswissenschaft“ (Hans-Bredow-Institut/Nomos) veröffentlicht und sind auch online verfügbar.

Gegenüber MEEDIA hat sich auch Correctiv-Gründer David Schraven geäußert. Nach Veröffentlichung der Studie hatte er sich über teils überholte Informationen geärgert. Auf Nachfrage hat er seine Einwände erläutert und erklärt, weshalb er dem Wissenschaftler dankbar ist.

 

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Alle Kommentare

  1. Correktiv arbeitet nicht gemeinnützlich sondern eigennützlich, da dieses „Recherchebüro“ die zu Verfügung gestellten Gelder vorallem für die dankbaren Gehälter seiner Mitarbeiter verwendet. Man macht seinen Job um Geld zu verdienen und seine Finanziers -und mitnichten die Allgemeinheit- mit seiner Arbeit zu bedienen, denn die Brost-Stiftung und die Soros-Stiftung erwarten für ihr zu Vergügung gestelltes Geld vorallem einen Nutzen für sich selbst. Wäre Correktiv ehrenamtlich, sprich, für umsonst tätig, so sähe die Sache schon ganz anders aus.

  2. Correctiv ist eine niveaulose Verleumdungsplattform mit Alibi-Anstrich. Die Hintermänner sind dubios, dafür sind die Marschrichtungen um so klarer. Wer sowas ernsthaft für neutralen Journalismus hält, dem kann man auch ne tote Maus als Talisman verkaufen.

  3. Die Gegner freuen und bejubeln sich obwohl sich wohl nicht ändern wird. Dadurch hat Correctiv aber im Gegensatz zu Fortschritts-Feinden, Glasfaser-Ablehnern, Plagiatoren-Preisern, Schuldenmachern, widerlegten Mindestlohn-Gegnern und anderen unflexiblen Organisationen jetzt einen Grund oder Vorwand, sich zu verändern. Das schaffen beispielsweise die Autofirmen trotz Dieselgate bis heute eher nicht obwohl Verbrennungs-Motoren so tot sind wie die Dinosaurier oder der Trabbi als die Mauer fiel oder Tastenhandies als das iPhone kam.

    Wie heisst es häufig über Studien: Die Politiker (bzw. deren Praktikanten) suchen sich in 100-500 Seiten die drei Lieblings-Aussagen heraus und ignorieren den ganzen anderen Rest.

    „Unterbesetzung im „Tech-Team“, das neben datenjournalistischen Projekten auch die gesamte Umsetzung der Digital-Aktivitäten betreibt“
    Anonymes Crowdsourcing und dessen Kuratierung is the only way. Der Bitcoin-Erfinder muss sich ja auch anonym halten. Die ständigen Rufe nach neuer Software sind angesichts der teuren Kosten nicht (auf klassischem Weg) realisierbar:
    „http://meedia.de/2016/03/16/thunder-soll-fuer-alle-sein-burda-will-mit-anderen-publishern-eigenes-open-source-cms-weiterentwickeln/“ „teure relaunches“ „lizenzkostenfrei“ also keine Knebel-Wartungs-Verträge.

  4. >>den als rechtslastig berüchtigten Blog Tichys Einblick, von Ex-WiWo-Chefredakteur Roland Tichy, verwiesen.<<

    "Faktenlastig" muss es heissen liebe Meedia Bande, der Wahlkampf ist vorbei.

    ——–

    Brost Stiftung und Soros wollten massiv in den Wahlkampf eingreifen, Schraven hat nicht geliefert, deswegen wird jetzt Kohle abgezogen.

    Für die Zersetzung der AFD werden deutlich mehr Mittel benötigt

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