Medien-Bashing bei „Hart aber fair“: Sind Journalisten schuld am Aufstieg der AfD?

Klare Worte an Medienkritiker: Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender bei "Hart aber fair"

Fernsehen Haben die Medien eine Mit-Schuld am Aufstieg der AfD? Und wenn ja, wir groß ist diese? Die Rolle der Medien beim Aufstieg der AfD wurde in der gestrigen „Hart aber fair“-Sendung im Ersten erneut ausführlich diskutiert. Eine besondere Rolle fiel dabei dem früheren ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender zu.

von Stefan Winterbauer

Nikolaus Brender? Da war doch mal was … Brender war von 2000 bis 2010 Chefredakteur des ZDF. Sein Vertrag wurde damals nicht verlängert, weil sich vor allem der damalige hessische CDU-Ministerpräsident Roland Koch im ZDF-Verwaltungsrat gegen ihn ausgesprochen hatte. Brenders Demission wegen politischer Einflussnahme gilt als Sündenfall des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Nach dem Fall Brender musste der ZDF-Staatsvertrag nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts neu geschrieben und staatsferner gestaltet werden.

Dieser Nikolaus Brender also, der durchaus als streitbar gilt, saß nun bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ und verteidigte die Medien im Allgemeinen und das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Besonderen gegen Anwürfe der politischen Vertreter. Vor allem die CSU-Politikerin Dorothee Bär und die SPD-Noch-Familienministerin Katarina Barley gingen scharf mit den Medien ins Gericht.

„Ich hatte das Gefühl, ich mache den Fernseher an und es gibt nichts anderes mehr“, schimpfte die Ex-SPD-Generalsekretärin Barley und bezog sich damit vor allem auf ARD- und ZDF-Talkshows im Jahr 2016 und das Thema Flüchtlingskrise. Über die Hälfte der Gesprächssendungen, so hat Barley ausgerechnet, hätten sich mit dem Leib- und Magenthema der AfD befasst. Sie selbst habe das „rasend“ gemacht. Die SPD habe über Rente, Gesundheit und Bildung diskutieren wollen und gesendet wurden Flüchtlinge.

Dorothee Bär behauptete gar, eine Person aus dem öffentlichen Rundfunk habe ihr gegenüber erklärt, dass man gerne AfD-Politiker einlade, weil das der Quote zuträglich sei und auch mal für einen Skandal sorge. Eine Äußerung, die Brender von der Seite sogleich als „Unsinn“ bezeichnete.

Der Grünen-Politiker Robert Habeck, der als Umweltminister in einer Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein regiert, sagte, es gehe nicht darum, dass nicht über die Flüchtlings-Problematik geredet werden dürfe, sondern darüber wie man darüber redet. Er sei nicht glücklich darüber, wenn über „jeden Rülpser der AfD“ gleich eine Sendung gemacht werde. Habeck: „Die Einspieler, die gefehlt haben, sind Bilder aus den Flüchtlingslagern. Konfrontieren sie Gauland doch mal mit solchen Bildern.“ Katharina Barley wünschte sich, man hätte die AfD auch mal zu Themen wie Bildung, Rente oder Familie befragen sollen.

So verlief in etwa die Schuldzuweisung der Politik in Richtung Medien. Plasberg spielte auch die Aussagen des CSU-Spitzenkandidaten Joachim Herrmann aus der „Berliner Runde“ vom Sonntag ein, der mit Verweis auf das „TV Duell“ ganz ähnliche Vorwürfe in Richtung ARD und ZDF machte.

Nikolaus Brender platze da schon recht früh der Kragen. Erstmals ziehe eine rechts-nationalistische Partei in den Deutschen Bundestag ein, „und darüber sollen wir nicht sprechen“, fragte er. Hätte er, Brender, als Fragesteller in der „Berliner Runde“ gesessen, er hätte Herrmann „Bescheid gegeben“. Daran dürfte man keinen Zweifel haben. Brenders bekanntester Auftritt war seine robuste Zurechtweisung des völlig aus dem Ruder gelaufenen SPD-Kanzlers Gerhard Schröder in der Elefantenrunde nach der Wahl 2005. Auch damals sah der in der Wahl knapp gegen Angela Merkel unterlegene Schröder übrigens eine „Medienkampagne“ gegen sich und die SPD am Werk.

Moderator Plasberg brachte als Beispiel den umstrittenen Auftritt des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland nach seiner skandalösen Aussage, man solle die Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), „in Anatolien entsorgen“. Gauland war schon vor dieser Aussage eingeladen gewesen. Plasberg erklärte, er und seine Redaktion hätten das ganze Wochenende vor der Sendung diskutiert, wie man damit umgehen soll. Ob man Gauland etwa wieder ausladen soll oder nicht. Die Talkshow-Macher haben sich dann aber für die Konfrontation entschieden.

Zu dem beliebten Vorwurf, die Medien würden über jedes Stöckchen springen, das ihnen die AfD hinhält sagte der frühere ZDF-Chefredakteur: „Was ist ein Stöckchen? Ist die Aussage, dass das Mahnmal in Berlin ein Schandmal ist, ein Stöckchen oder ist das kein Stöckchen? Diese Dinge, die eine Partei charakterisieren, müssen besprochen werden. Medien, genau wie die Politik, sind auf der Suche nach dem richtigen Umgang mit solchen Parteien. Gegenseitige Schuldzuweisungen nützen überhaupt nichts. Es geht nicht um die Quote, sondern um den Inhalt.“ In dieser Aussage steckt womöglich ein Rezept, wie tatsächlich mit einer Partei wie der AfD umzugehen ist: Medien sollten sich immer wieder selbstkritisch prüfen, ob sie dabei sind, auf Provokationen oder aufgebauschte Skandälchen, vulgo: Stöckchen, hereinzufallen. Die Forderung der nunmehr AfD-Abtrünnigen Frauke Petry im Wahlkampf, ARD und ZDF abschaffen zu wollen, fiele womöglich in diese Kategorie. Trotzdem wurde breit über diese Quatsch-Forderung berichtet.

Wenn der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal als „Mahnmal der Schande“ bezeichnet oder der Partei-Obere Gauland Frau Özoguz „in Anatolien entsorgen“ will, dann ist das aber mehr als ein Stöckchen. Das sind Aussagen, die eine Richtung, eine Gesinnung in der Partei offenlegen und die auch von den Medien aufgegriffen werden müssen. Es stimmt, dass Medien – genau wie die Parteien – noch mit dem Umgang mit der AfD ringen und es werden dabei durchaus Fehler gemacht. Zum Beispiel wenn fragestellende Journalisten versuchen, mit jeder Frage an die AfD sogleich einen Vorwurf zu transportieren oder den oder die Befragte in einem fort zu entlarven. Pauschale Schuldzuweisungen an die Medien, wie sie nun vermehrt stattfinden, sind aber trotzdem unfair und nicht angebracht.

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