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Wochenrückblick: Wählt bloß nicht die Schmuddelkinder – über die Unsitte der medialen Wahl-Bevormundung

Der Ösi-Blick auf den Nackt-Wahltrend in Deutschland, MMvB, der Bild-Papagei
Der Ösi-Blick auf den Nackt-Wahltrend in Deutschland, MMvB, der Bild-Papagei

Der Abgang von Mathias Müller von Blumencron ist eine der wenigen wirklich spannenden Medien-Personalien der jüngeren Zeit. Die Bild-Zeitung wirbt mit einem Donald-Trump-Papagei und Medien und Promis üben sich in einer neuen Unsitte, der Wahl-Bevormundung. Die MEEDIA Wochenrückblick-Kolumne.

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Es gibt nur noch selten Personalien aus der Medienbranche, die einen wirklich elektrisieren. Dass Mathias Müller von Blumencron die FAZ verlässt, ist so eine. Das liegt an der Person von Blumencron. Er hat Spiegel Online als Chefredakteur maßgeblich geprägt. Die Online-Seite des Spiegel zehrt bis heute von seiner Arbeit. Sein Zwischenspiel als Chefredakteur des Print-Spiegel im Duett mit Georg Mascolo war dann weniger ruhmreich aber auch bei der FAZ hat er wichtige Akzente gesetzt. Zum Beispiel mit FAZ Plus ein stringentes Bezahl-Modell etabliert und mit „Der Tag“ eine wirklich nutzerfreundliche App entwickelt, um Inhalte auf einem Smartphone darzustellen. Blumencron gilt zurecht als einer, der digitale Medien-Konzepte in Deutschland erfolgreich voranbringen kann. Dass er auf eigenen Wunsch bei der FAZ geht, ist darum auch glaubhaft. Die Frankfurter hätten ihn sicher gerne behalten. Kein Geheimnis war freilich auch, dass der Hamburger mit der Stadt am Main immer ein wenig gefremdelt hat. Die Pendelei zwischen Frankfurt und dem privaten Lebensmittelpunkt Hamburg mag mit der Zeit Substanz gekostet haben. Die spannende Frage ist nun, wo es von Blumencron hinziehen wird. Zurück nach Hamburg? Oder vielleicht nach Berlin? Die Wege zwischen Hamburg und der Hauptstadt sind deutlich kürzere als zwischen Hamburg und Frankfurt. Wird es ein klassisches Medienunternehmen oder etwas ganz anderes? Wir werden sehen.

Die Bild-Zeitung hat sich von der Agentur Jung von Matt eine neue Werbekampagne erstellen lassen. Das ist dieselbe Agentur, die in diesem Wahlkampf für die CDU wirbt. Sie wissen schon: #fedidwgugl und so. Der Werbespot für die Bild ist zum Glück nicht so bräsig geworden wie die CDU-Kampagne. Wobei ich nicht sagen will, dass die CDU-Werbung ineffektiv ist. Bloß halt bräsig.

Die Idee mit dem Nachplappern und den Papageien (es ist sogar ein Donald-Trump-Papagei dabei!) nimmt die Hysterie um die so genannten Fake News ganz hübsch auf die Schippe. Wobei … das zu Vice Media gehörende Web-Magazin Motherboard hat diese Woche eine Analyse veröffentlicht, welche Medien in Deutschland die meisten irreführenden oder falschen Meldungen verbreiten. Und siehe: Die Bild war da auch mit dabei. Immerhin elf Prozent der von Motherboard analysierten Bild-Artikel seien demnach irreführend oder falsch gewesen. Sitzt da vielleicht doch der eine oder andere Plapper-Papagei in der Bild-Redaktion? Mag sein. Allerdings ist auch das Motherboard-Stück mit Vorsicht zu genießen. Erstens wurden lediglich acht Medien untersucht, was die Aussagekraft sehr stark einschränkt. Zweitens sind unter den untersuchten Medien mit den russischen Propagandaschleudern RT Deutsch und Sputnik sowie der Verschwörungswebsite Epoch Times doch sehr dubiose Quellen. Diese mit Bild, Focus, der HuffPost, SpOn und Vice in einen Topf zu werfen, erscheint nicht zielführend. Und drittens ist die Klassifizierung der einzelnen Artikel als irreführend oder falsch auch nicht immer ganz trennscharf. Um das Mindeste zu sagen. Die wichtigste Information zur Bild-Papageien-Kampagne ist aber folgende aus der Pressemitteilung:

Die bei den Dreharbeiten eingesetzten Papageien wurden von professionellen Tiertrainern unter allen Gesichtspunkten des Tierschutzes betreut. Bei der Produktion kamen keine Tiere zu Schaden.

Haben Sie es mitbekommen? Am Sonntag ist Bundestagswahl! In englischsprachigen Ländern gibt es die schöne Tradition, dass Medien Wahlempfehlungen aussprechen. Zeitungen wie die Financial Times oder der Economist präsentieren dann lange Stücke, in denen sie Argumente abwägen und am Ende eine Empfehlung geben, welche Partei man warum wählen sollte. Deutsche Medien sind mit solchen Wahlempfehlungen deutlich zurückhaltender. Man gibt sich halt gerne unparteiisch. Die deutsche Financial Times hat das gemacht, als es sie noch gab. Seither probiert es das eine oder andere Medium immer mal wieder, eine echte Tradition der Wahlempfehlung hat sich aber nie herausgebildet. Dafür grassiert kurz vor der Wahl eine Unsitte: das Wahl-Verbot, bzw. die Anti-Wahl-Empfehlung. Einige Medienvertreter und viele Privatpersonen und Promis tun öffentlich kund, wen man ihrer Meinung nach bitteschön nicht zu wählen habe. Meist betrifft diese Nicht-Wahl-Empfehlung die rechte Partei AfD, die aller Wahrscheinlichkeit nach trotzdem in den Bundestag einziehen wird. Ich persönlich glaube nicht, dass diese Art der Bevormundung etwas bringt, auch wenn sie gut gemeint sein mag. Im Gegenteil. Mancher, der in seiner Wahl-Entscheidung noch schwankt, fühlt sich vielleicht durch zuviel Wahl-Bevormundung motiviert, das Kreuzchen trotzig doch bei der AfD zu machen. Wahl-Bevormundung betrifft übrigens nicht nur die Rechten. In einer ganzen Reihe von Medien-Kommentaren und Social Media Postings wurde auch dazu aufgerufen, doch bitteschön nicht die Satirepartei DIE PARTEI zu wählen, weil man damit ja auch der AfD indirekt helfe. PARTEI-Chef Sonneborn hat sich zu derlei Unfug ausnahmsweise mal sogar (fast) ernsthaft bei Facebook geäußert.

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In diesem Zusammenhang habe ich aber immerhin einen neuen Begriff gelernt: „Virtue Signalling“. Damit gemeint ist das ostentative Herausstellen der Tatsache, dass man auf der richtigen Seite steht, die richtige Einstellung vertritt, zu den Guten gehört. Dafür taugen Anti-AfD- oder Anti-PARTEI-Wahlaufrufe allemal. Zu mehr aber auch nicht. Wer auf dem Wahlzettel steht, darf auch gewählt werden. Larissa Marolt würde sagen: Bunkt.

Auch in unserem wunderbaren Nachbarland Österreich beschäftigen sich Medien mit der Bundestagswahl. Musste „schmunzeln“.

Weitere Medien-Themen der Woche beackere ich mit meinem Kollegen Christian Meier im Podcast „Die Medien-Woche“. In der aktuellen Folge geht es auch um die Wahl-Bevormundungen aber auch um den BDZV-Kongress mit den umstrittenen Reden von Springer CEO Mathias Döpfner und die Probleme der ARD mit der Transparenz.

Schönes Wochenende!

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