Anzeige

Produktionsverzögerung beim iPhone X, Enttäuschung über iPhone 8: Apple verliert 50 Milliarden Dollar an Börsenwert

CEO Tim Cook muss beweisen, dass er die Erwartungen der Wall Street erfüllen kann © Apple
CEO Tim Cook muss beweisen, dass er die Erwartungen der Wall Street erfüllen kann © Apple

Die Geschichte wiederholt sich: Wieder stellt Apple ein neues iPhone vor, wieder geht die Apple-Aktie danach an der Börse in den Sinkflug über. Seit der Keynote vor eineinhalb Wochen hat Apple in einem freundlichen Marktumfeld gegen den Trend mehr als 50 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren. Praktisch täglich ziehen neue Hiobsbotschaften die Aktie nach unten: Das iPhone 8 und 8 Plus, die heute in den Handel kommen, enttäuschten Kritiker, die neue Apple Watch 3 hat technische Probleme, während sich die Produktion des iPhone X immer wieder verzögert.

Anzeige
Anzeige

Es ist schwer zu verstehen: Da hat der wertvollste Konzern ein Jahr Zeit, um sich auf seinen wichtigsten Produktlaunch seit längerer Zeit vorzubereiten – und doch ist eine Menge schiefgelaufen. Wieder einmal.

Apple hat eine lange Historie mit problematischen Produktlaunches. 2010 überschatteten Empfangsprobleme (das legendäre „Antennagate“) den iPhone 4-Launch, zwei Jahre später verdarb der neu eingeführte Kartendienst Maps, der als Teil von iOS 6 alle iPhones betraf, dem neuen iPhone 5 bessere PR, wieder zwei Jahre später sorgte das iPhone 6 wenige Tage nach dem Launch mit dem „Bendgate“  (leichte Biegbarkeit der dünnen, neuen iPhones) für Negativschlagzeilen.

iPhone X,  iPhone 8 und 8 Plus, die Apples Watch Series 3: Drei neue Produkt, drei neue Probleme

Drei neue wichtige Produkte hat Apple am vergangenen Dienstag auf seiner Keynote vorgestellt: Das iPhone X. Das iPhone 8 und 8 Plus. Und die Apple Watch Series 3. Zehn Tage später steht fest: Apple hat drei neue Probleme.

Die Apple Watch Series 3? Ist noch so unausgereift, dass das Wall Street Journal, New York Times und The Verge den Daumen senkten und sich Apple sogar für Verbindungprobleme rechtfertigen musste und ein Software-Update als Lösung ankündigte.

iPhone 8 und iPhone 8 Plus? Für die meisten Kritiker schlicht so überflüssig wie ein iPhone aus dem Jahr 2014.

iPhone X? Erst am 3. November lieferbar und möglicherweise über längere Zeit in stark eingeschränkter Verfügbarkeit.  Wie das zum Wall Street Journal gehörende US-Wirtschaftsmagazin Barron’s gestern berichtete, hat Apple mit der Produktion des iPhone X noch nicht einmal begonnen. Erst Mitte Oktober soll die Fertigung demnach beginnen – zwei Wochen vor dem Verkaufsstart…

55 Milliarden Dollar Börsenwert seit Keynote weg: Die Wall Street lässt Apple fallen

Zehn Tage sind seit Apples unter maximalem Medienbuhei inszenierter Keynote vergangen – zehn Tage, in denen Apple  so viele Negativschlagzeilen erntete wie seit Jahren nicht mehr. Fest steht, noch bevor das erste neue iPhone oder die erste Apple Watch über den Tresen gegangen ist: Apple konnte die hohen Erwartungen nicht annähernd erfüllen, sondern hat sich gleich mehrfach ungewöhnliche Patzer geleistet.

Das ist zumindest die eindeutige Reaktion der Wall Street, die die Apple-Aktie seit der Keynote wie einen angeschlagenen Boxer von Runde zu Runde in die Seile schickt. Während der breite Markt seit der Apple-Keynote seitwärts tendierte bzw. der US-Leitindex Dow Jones sogar auf neue Rekordniveaus sprintete, kam die Apple-Aktie fast täglich unter den Hammer.

In sechs der letzten acht Handelstage wurden Verluste eingefahren, die das Papier von 164 Dollar während der Keynote auf nunmehr nur noch als 153 Dollar durchsacken ließ. Der Kursrutsch von knapp 7 Prozent in einem freundlichen Marktumfeld radierte mehr als 55 Milliarden Dollar Börsenwert aus und drückte Apples Marktkapitalisierung inzwischen auch wieder unter die Marke von 800 Milliarden Dollar.

Später iPhone X-Launch bringt Unklarheit bis Februar

Der größte Schaden, den der wertvollste Konzern der Welt sich und seinen Aktionären zugefügt hat, liegt fraglos in der fehlenden Klarheit der nächsten Monate. Investoren tappen seit der Keynote bis mindestens zur Bekanntgabe der Weihnachtsbilanz, die erst Ende Januar / Anfang Februar verkündet werden dürfte, im Dunkeln.

Anzeige

Das September-Quartal, für das Apple noch Anfang August einen erstaunlich optimistischen Ausblick gegeben hat, ist schwer mit dem Vorjahreszeitraum zu vergleichen, weil seinerzeit mit dem iPhone 7 und 7 Plus zwei Flaggschiff-Modelle vorgestellt wurden, die in diesem Jahr von den Nachfolgern iPhone 8 und 8 Plus ersetzt wurden, die aber keine Flaggschiffe sind, sondern teure Highend-Modelle, die vom iPhone X kannibalisiert werden dürften.

Doch das kommt bekanntlich erst am 3. November – und wohl in höchst knapper Verfügbarkeit. Entsprechend wird auch die Dezember-Bilanz ein tough to compare-Quartal, ein Dreimonatszeitraum, der wegen der ungleichen Verfügbarkeit des Flaggschiffs-Modells kaum mit dem Vorjahr zu vergleichen ist.

Plötzlich muss sich Apple wieder beweisen

Für Anleger bedeutet das: Vor ihnen liegen mindestens vier Monate der Unsicherheit mit möglicherweise enttäuschenden Ergebnissen, die Tim Cook zwar durch die veränderten Rahmenbedingungen beim Launch rechtfertigen kann, doch am Ende interessieren die Wall Street unter dem Strich schließlich nur die Dollar und Cent, die verdient wurden.

Einerseits fehlen Apple die fast zwei Monate zurückgestellten Käufe nach der Keynote, die die iPhone-Nachfrage bis zum iPhone X-Verkaufsstart fraglos bremst: das iPhone 8 wird vom iPhone X später irgendwann vielleicht einmal kannibalisiert – was Apple aber jetzt bleibt, sind fehlende Käufe.

Andererseits ist das Zeitfenster vom 12. September bis 3. November jedoch lang – und es wird länger, je knapper das iPhone X verfügbar ist. Es dürfte nicht wenige Käufer geben, die in der wichtigsten Kaufsaison des Jahres dann einfach zu einer Alternative greifen, weil sie schließlich ein neues Smartphone als Geschenk unter den Christbaum legen wollen – diese Alternative muss allerdings nicht aus dem Hause Apple kommen.

Nachgeholte iPhone X-Absätze in 2018 sind kein Selbstläufer

Zwar mögen Apple-Befürworter argumentieren, dass die spätere Auslieferung des iPhone X  die aufgestaute Nachfrage  dann eben in das März- und Juni-Quartal verschieben werde, doch auch für diese Logik gibt es keine Garantie.

2018 nämlich ist das iPhone X, verfügbar oder nicht, in der medialen Wahrnehmung schon wieder vier Monate alt – und es wird älter, je schneller neue Smartphones auf den Markt kommen, was traditionell bereits Ende Februar auf dem Mobile World Congress in Barcelona passiert, wenn die Android-Welt ihre große Leistungsschau zelebriert und selbst viele neue Modelle mit einem randlosen OLED-Display präsentieren dürfte.

Apples iPhone X-Vorteil ist allerspätestens zu diesem Zeitpunkt zunichte gemacht, zumindest der  Wow-Faktor des neuen Apple-Flaggschiffs dürfte sich bis dahin verbraucht haben. Traditionell gilt die ungeschriebene Branchenregel, dass Apple bis zum Mobile World Congress so viele iPhones wie möglich verkauft haben muss, weil danach der Android-Ansturm, 2018 angeführt vom neuen Samsung Flaggschiff Galaxy S9, die Absätze drückt.

Im nächsten Halbjahr ist jedoch alles anders: Apple hat sein mediales Feuerwerk mit dem iPhone X verschossen, ohne es liefern zu können – das ist der Worstcase in der schnelllebigen Techindustrie. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Apple hat seinen iPhone X-Launch vermasselt. Die Wall Street hat unterdessen begonnen, den Schaden einzupreisen – und es sieht aktuell nicht danach aus, als ob sie bereits damit fertig wäre…

 

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige