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Die Wahl in den Digital-Medien: Nachrichten-Portale machen TV-Sendern erstmals ernsthaft Konkurrenz

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Die Zeiten, in denen das Fernsehen Bundestagswahlen live begleitete und die anderen Medien die Ergebnisse und das Gesehene hinterher analysierten und interpretierten, sind vorbei. Via Ticker, Echtzeit-Datenanalysen und Facebook-Live liefern die Nachrichten-Portale in diesem Jahr erstmals weit mehr Hintergründe und Realtime-Infos, als eine einzelne TV-Station alleine zu leisten vermag. MEEDIA hat die Online-Portale nach ihren genauen Plänen zur Wahl gefragt.

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Dabei zeigt sich, dass alle wichtigen Player natürlich einen Standard-Repertoire-Mix aus Nachrichten, Hochrechnungs-Grafiken und Live-Blogs liefern werden. Soviel zur klassischen Routine. Mit Hilfe von Facebook-Live zünden jedoch gleich mehrere News-Sites eine neue Stufe in der bundespolitischen Wahlberichterstattung. So planen Bild.de, stern.de und auch Focus Online eigene Sendungen über das Social-Network.

Facebook Live als Plattform der Wahl

So richtete stern.de im Online-Newsroom extra ein Facebook-Live-Studio ein, in dem die komplette Führungsmannschaft der Print- und Online-Redaktion das Wahlgeschehen kommentiert, analysiert und live einordnet.

Auch die Bild hat ein eigenes Studio aufgebaut. Im 19. Stock des Axel Springer Hauses in Berlin. Dort wollen Chefredakteur Julian Reichelt, Politik-Chef Nikolaus Blome und Reporter Moritz Wedel mit vielen Prominenten das politische Geschehen aufarbeiten. Bereits am Samstag bringt die gedruckte Bild vier Sonderseiten auf denen 25 Redakteure und Reporter aus ihrem Heimatort berichten, wie die Menschen in deren alter Umgebung die Veränderungen in den letzten 2 Jahren erfahren haben und wie sie dies politisch prägt.

Focus Online positioniert in den Wahlzentralen der Parteien einen Reporter und setzt auch auf Liveberichterstattung via Facebook. Dazu hat das Burda-Portal in ein Studio am Brandenburger Tor prominente Gäste eingeladen (u.a. Walter Riester, Eberhard Diepgen). Auch das Handelsblatt plant eine Reihe von Video-Analysen. Die Welt will via Facebook-Live hinter die Kulissen der Redaktionsarbeit blicken.

Neue Tools feiern Premiere

Interessant ist zudem, welche weiteren Spezialitäten die Redaktionen noch im Angebot haben:

Süddeutsche.de setzt auf ein neu entwickeltes Tool, bei dem die Nutzer jeweils Wahlkreise eingeben können und dann sofort in einem automatisierten Verfahren Grafiken und Textanalysen zu jeder Region erhalten. Zudem planen die Münchner eine Art Live-Reportage, bei der die SZ-Korrespondenten die Stimmung der Bürger nach der Wahl an verschiedenen Orten in Deutschland erkunden wollen. Das Projekt soll bis zum Montagabend laufen. Die Sonderseite “SZ-Wahlzentrale“ soll einen kompakten Überblick liefern, während die Redaktion zusätzlich auch Updates per WhatsApp, Telegram oder Instagram liefern will.

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Auch die Welt setzt auf Datenanalyse. So bieten die Berliner am Sonntagnacht eine Übersicht für jeden der 299 Wahlkreise, wie welcher Direktmandat abgeschnitten hat. Zudem schlüsselt die Redaktion auf, wie viel Macht welche Generation hat und wie das Wahlergebnis aussehen würde, wenn die Nichtwähler auch eine Partei wären.

Die Analyse der 299 Wahlkreise zeigt auch der Tagesspiegel in seinem großen Wahl-Special. Zudem wollen die Berliner in einer Twitter-Analyse zusätzlich Informationen darüber liefern, welche Themen die jeweiligen Filterblasen der Parteien bewegt.

Beim stern.de sollen, wie bereits beim G20, auch diesmal wieder die Print- und Online-Redaktion “ganz eng Hand in Hand” arbeiten. Dafür wird die Redaktion aufgestockt und fast verdoppelt.

Die taz hat ein eigenes Projektteam zur Wahl gebildet. Die 27 Mitarbeiter*innen sind seit drei Wochen im Einsatz und “besetzen seit dem den Konferenzraum mit ihren Arbeitsplätzen”, wie die stellvertretende Chefredakteurin Katrin Gottschalk gegenüber MEEDIA erzählt. Weiter sagt sie: “Und unsere Kommune, das Community-Team der taz, bereitet sich schon einmal mit Reaction GIFs auf verschiedene Szenarien vor: die AfD wird drittstärkste Partei, die SPD rutscht unter die 20 Prozent, die Grünen schaffen es gar nicht.”

Live-Ticker reloaded

Vice.de-Chefredakteurin Laura Himmelreich kündigt dagegen einen “unkonventionellen Live-Ticker” und Nach-Wahl-Reportagen an, die aber “sicher nicht aus Parteizentralen” kommen. Bislang fielen die Berliner bereits mit einem interessanten anderen Themenzugang auf. So testete beispielsweise eine Redakteurin, mit welcher Partei Sie am erfolgreichsten bei Tinder ist.

„Claus-Strunz-Volksmaulschule“

Die Titanic verspricht dagegen, mit der Wahl so “neutral und überparteilich” umzugehen, “wie es in Deutschland üblich“ sei. Dafür kooperiert der publizistische Arm der Partei laut Chefredakteur Tim Wolff mit dem “strategischen Onlinepartner“ bundestagswahlergebnis.ru. Dieser liefere umfassende Schnellanalysen und -urteile, ungeprüfte Gerüchte und will bereits schon kurz vor 18 Uhr den Sieger vermelden. “Um das alles professionell leisten zu können, haben wir unsere Reporter speziell vorbereitet: mit einem Besuch der“Claus-Strunz-Volksmaulschule für Journalismussimulation“ und jeder Menge Wodka von unseren Kollegen aus Moskau.” Für Wolff ist vor allem eines sicher: “Nur auf titanic-magazin.de wird man die ganze Wahrheit über die Wahl erfahren. Die anderen sind Fake News.”

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