Anzeige

„Detlef Soost“ Talkshow bei RTL 2 – die 90er haben angerufen und hätten gerne ihre Talkshow zurück

„Fame – peinlich oder Karrierechance“ – berechtigte Frage von Detlef Soost (l.) in seiner Show
"Fame - peinlich oder Karrierechance" - berechtigte Frage von Detlef Soost (l.) in seiner Show

Ist das jetzt Chuzpe oder Verzweiflung, dass ein Sender eine 90er-Jahre Daily-Talkshow nachbaut und im Jahr 2017 mit einem Fitness-Heini und ehemaligen Casting-Zuchtmeister auf den Sender schickt? RTL 2 hat dem früheren „Popstars“-Schreck Detlef „D“ Soost eine Talkshow gegeben. Der Sinn der Veranstaltung bleibt unklar.

Anzeige
Anzeige

In den 90er Jahren waren Daily-Talks der heiße Scheiß. Die unangefochtene Königin des Formats war Arabella Kiesbauer bei ProSieben, aber es gab auch Hans Meiser, Johannes B. Kerner, Jörg Pilawa, Sonja Zietlow, Ilona Christen, Bärbel Schäfer und viele andere mehr. Als letzter Daily-Talk wurde 2013 „Britt“ mit Britt Hagedorn von Sat.1 beerdigt. Damals teilte der Sender mit: „Die Quoten der letzten Monate haben gezeigt, dass Talk offenbar nicht mehr den Nerv der Zuschauer trifft.“ Und das war 2013 schon eine mutige Aussage, denn alle anderen Daily-Talks waren da schon längst abgeschaltet und zum Glück vergessen. Dieser Nerv des Patienten Zuschauer war schon da lange abgestorben.

Aber manchmal kommen sie ja wieder und so versucht RTL 2 es nun mit einer Reanimation des totgeglaubten Formats. Nachmittags um 15 Uhr bespielt Testosteron-Bolzen „D“ die ganze Klaviatur des Daily-Talks. Studio-Zuschauer werden befragt, gecastete Peinlich-Figuren hereingeschleppt, die sich gegenseitig beurteilen müssen. Dazu werden C- bis Z-Promis gestellt, wie zum Beispiel Dschungelcamp-No-Name Julian FM Stoeckl zum schönen Thema „Fame – peinlich oder Karrierechance?“. Für einige Gäste dieser Sendung scheint die Teilnahme an ebendiesem Dschungelcamp so etwas wie der Olymp einer substanzlos herbeifantasierten TV-Karriere zu sein. Manchem Bildungsbürger gilt das Camp ja immer noch als Endstation einer Karriere – es kommt aber auch hier offensichtlich ganz auf die Perspektive an. Von ganz unten betrachtet, sieht die Welt halt anders aus. Auch die unvermeidlichen Vaterschaftstest vor laufender Kamera – eine Idee, mit der die schon schwächelnden Daily-Talks seinerzeit künstlich beatmet wurden – ist schon vom Sender angekündigt. Eigentlich hätte RTL 2 die planmäßige Einstellung des Formats zum Start auch gleich mit verkünden können.

Anzeige

Neue Ideen? Fehlanzeige. Man könnte sich in der Tat auch eine Aufzeichnung von einer ollen „Britt“- oder „Sonja“-Sendung auf VHS anschauen, wenn man denn eine hätte, und es wäre nichts anders. Weitere Themen von „Detlef Soost“ in dieser Woche sind: „Ich bin zu geil für diese Welt!“, „Curvy vs. Skinny“, „Golddigger – ich suche einen reichen Partner“ und „Sport extrem – ein echter Beziehungskiller“. Zeitloses Material, das RTL 2 ohne Probleme auch noch spätnachts versenden kann, wenn Not am Mann ist.

Es hat Gründe gegeben, warum das längst totgerittene Format Daily-Talk vor Jahren beerdigt wurde. Die täppischen Zankereien hatten sich schlicht abgenutzt. Danach kamen noch die Gericht-Shows und nun haben Scripted-Reality-Formate wie „Berlin Tag & Nacht“ längst übernommen und bieten einen vielfach höheren Identifikationsfaktor für das an Trash interessierte Publikum, das nachmittags RTL 2 schaut. Es gibt tatsächlich keinen einzigen Grund, warum das Einschalten einer Show wie „Detlef Soost“ lohnen würde. Außer man interessiert sich brennend für die Frage, ob dem Moderator irgendwann nicht doch die Augäpfel vor lauter Kraft aus dem Kopf fliegen.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Promi-Schwangerschaften und Promi-Hochzeiten ziehen vielleicht nur alle 3-5 Jahre wie man an den letzten Versuchen sah. Dann erst wächst vielleicht das entsprechende Publikum nach.

    Haus-Bau-, Renovierungs- und Garten-Shows gibts seit Jahrzehnten. Top Gear kann ewig laufen. Wer wird Millionär wird 18(?). Von Sportsendungen mal ganz abgesehen.
    D.h. wenn man es schlau anstellt, kann man vielleicht sogar eine Talkshow jahrzehntelang machen.
    Ich gucke mir – im Gegensatz zu naiven Jungwählern – keine Kanzlerduelle und Politiker mehr an. Trotzdem gibt es viele solche Talkshows fast täglich(?) auf den ÖR und gab es nicht neulich den Hinweis weniger (keine) Politiker sondern besser mal Experten einzuladen.
    Mehrere Daily Night Shows (oder wie die heissen) können Jahrzehnte lang in USA laufen aber Talkshows hier angeblich nicht ? Lief Oprah nicht Jahrzehnte lang ?

    Evtl. ist der Sendeplatz ungünstig. Daher wohl testen die Sender neue Sachen inzwischen erst im Internet, bauen ein Brand bzw. „erste Reichweite“ (quasi wie Lese-Exemplare im Buchhandel) auf und überlegen dann genau den Sendeplatz. Das vermute ich zumindest mal. Sendungen nach 3 Ausstrahlungen absetzen ist ja inzwischen nicht un-üblich. Zuschauer sind vielleicht auch Träge beim Lernen neuer Sendungen im recht formatierten Vormittags/Nachmittags-Programm.
    Abends ab 20 Uhr läuft ja oft was anderes wenn auch je nach Jahreszeit etwa dasselbe: DSDS, Supertalent, Promi-Haus, Promi-BigBrother, Supermodel, Löwen,… Da ist man von sich aus gelernt flexibler.

  2. Ich schau mir lieber 10 Talkshows am Stück an, als eine Sendung wie Berlin-Tag und Nacht, Hilf mir doch… . Ich hab jetzt mal rein geschaut und muss sagen, so schlecht ist die nicht mal. Und zum abschalten nach der Arbeit vollkommen legitim.

  3. Das ist die reine Verzweiflung der „Programmdirektoren“ oder wie auch immer sie heißen mögen in den unterschiedlichsten Sendern. Es gelingt nicht viel… Aber vielleicht müssen einfach nur neue, kompetente Leute ran. Gilt auch für alle anderen und vor allem den ÖR (Öffentlich-rechtlicher Rundfunk – was ein Kompetenz suggerierender Titel .. )

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*