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Nach peinlicher Lobby-Attacke auf Martin Schulz: Madsack trennt sich von LN-Geschäftsführerin Stefanie Hauer

Stefanie Hauer wird als Geschäftsführerin der Ostsee-Zeitung und der Lübecker Nachrichten abgelöst
Stefanie Hauer wird als Geschäftsführerin der Ostsee-Zeitung und der Lübecker Nachrichten abgelöst

Paukenschlag bei den Lübecker Nachrichten: Geschäftsführerin Stefanie Hauer verliert bei der Konzerngeschäftsführung der Madsack Mediengruppe den Rückhalt. Die ehemalige Zeit-Managerin wird das Unternehmen verlassen. Grund dürfte ihr unglückliches Auftreten beim Journalistentalk mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gewesen sein. Das bei Facebook geteilte Video schlug im Social Web hohe Wellen.

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Es war ein Auftritt, den Stefanie Hauer im Nachhinein ganz sicher lieber vermieden hätte. Anfang September stattete SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zahlreichen Redaktionen einen Besuch ab, um über seine politische Agenda im anstehenden Wahlkampf zu reden – darunter auch den Lübecker Nachrichten (LN). Was eigentlich als Interview mit den Redakteuren gedacht war, nutzte die Geschäftsführerin der zum Madsack Mediengruppe gehörenden Regionalzeitung, um Lobbyarbeit in eigener Verlagssache zu betreiben. Das jedoch ging gehörig daneben.

Was war passiert? Hauer hatte sich in die Gesprächsrunde mit den LN-Journalisten und dem SPD-Chef eingeklinkt, das die Zeitung für Leser als Video auch bei Facebook übertrug. Doch das Gespräch wurde zur Farce: die Medienmanagerin konfrontierte den Kanzlerkandidaten mit den Belastungen durch den Mindestlohn, der mittlerweile auch für Zeitungszusteller gilt. Sie fragte daher den Politiker, ob er sich vorstellen könne, die Verlage durch geringe Sozialabgaben zu entlasten.

Schulz reagierte sichtlich irritiert: „Wenn Sie von dem Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands erwarten, dass er Ihnen etwas zum Mindestlohn sagt, der unterhalb des Mindestlohnes liegt, ist die Antwort nein“, antwortete der SPD-Politiker. Er wisse um den harten Wettbewerb und wolle Verlage auch unterstützen. Auf diesem Wege könne er aber nicht helfen. Das paritätische Versicherungssystem werde er gewiss nicht anfassen, so Schulz. Und er fügte, für einen Spitzenpolitiker ungewohnt konfrontativ, hinzu: „Wenn das Ihre Meinung ist, dann können Sie nicht die SPD wählen.“

Hauer hatte aber noch mehr Lobbyisten-Pfeile im Köcher. O-Ton: „Nachdem man sie an der anderen Stelle kaputtgemacht hat, muss man sie (die Verlage, die Red.) danach mit Subventionen aufpäppeln oder in eine bestimmte politische Richtung lenken, in dem man dann bei ihnen einsteigt. Das kann ja nicht die Antwort darauf sein.“ Ein unerklärlicher Fettnapf-Tritt der besonderen Art, wenn man bedenkt: An der Madsack Mediengruppe ist die SPD-Medienholding ddvg beteiligt. Dem Vernehmen hatte die Zeitungsmanagerin schon seit längerem mit Kritik aus den eigenen Reihen und schwindendem Rückhalt aus der Zentrale zu kämpfen. Wesentliche Vorwürfe: ein ruppiger Führungsstil und eine unklare Markenführung. Das Video war dann wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

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Für die Redakteure war die Situation zum Fremdschämen, der gesamte Auftritt irritierend. Bei Madsack ist es Insidern zufolge ein No-Go, dass Manager sich in Redaktionsgespräche einmischen. Ein Mitarbeiter gegenüber MEEDIA: „Dadurch sind vor allem bei den Kollegen in der Redaktion die Autorität der Geschäftsführerin und auch der Respekt ihr gegenüber irreparabel verloren gegangen. Viele waren angesichts des Verstoß gegenüber dem Grundsatz der Unabhängigkeit der Redaktion regelrecht fassungslos.“ Im Netz erntete die Managerin für ihr Auftreten anschließend massive Kritik. Allein der MEEDIA-Artikel mit dem verlinkten Facebook-Video wurde mehr als 100.000 Mal geklickt.  Wenig später entschuldigte sich Hauer: „In Form und Inhalt war es von mir persönlich ein unglücklicher Auftritt, für den ich mich nur entschuldigen kann.“ Doch dies half ihr offenbar wenig: Die Geschäftsfrau hat den Rückhalt bei der Konzerngeschäftsführung verloren und muss die Lübecker Nachrichten nun verlassen. Schon seit Tagen war Hauer im Verlagsgebäude nicht mehr gesehen worden; heute Mittag wurde dann die Belegsschaft über die Demission unterrichtet.

MEEDIA hatte mit Blick auf die Aussagen Hauers geschrieben:

Dass sich im Rahmen eines Redaktionsbesuches eine Verlags-Geschäftsführerin ins Gespräch einklinkt und die Gelegenheit für Lobbyarbeit nutzt (für die es bekanntlich genügend Verbände gibt), ist an sich schon ein bemerkenswerter Vorgang. Wo sie es aber schon einmal getan hat, hätte Hauer die Gelegenheit für eine sachliche Diskussion nutzen können. Stattdessen begann sie vor Martin Schulz praktisch zu winseln. Ihre Einleitung gleicht einem Offenbarungseid, der in einer ungewöhnlichen Frage endete. So wollte sie von Schulz wissen, ob er als Kanzler Entlastung schaffen könne, beispielsweise indem er Verlagen geringere Sozialabgaben zusagt. Ob es von sonderlich viel Fingerspitzengefühl zeugt, ausgerechnet den Kanzlerkandidaten der SPD in der heißen Wahlkampfphase im Live-Interview ein Nein zum allgemeinen Mindestlohn abzuringen, steht auf einem anderen Blatt.

Hauer war 2015 zu den Lübecker Nachrichten gewechselt und auch für die Ostsee-Zeitung in Rostock verantwortlich. Sie hatte bei beiden Regionalzeitungen ein hartes Sparprogramm umgesetzt. Viele Mitarbeiter verloren daraufhin ihre Jobs. Nun verlässt auch sie das Haus. Interimistisch wird Günter Evert, Konzernbereichsleiter Niedersachsen in der Mediengruppe Madsack, die Geschäfte des Regionalblatts führen.

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