Anzeige

iPhone X: Warum Apple mit seinem neuen Smartphone-Flaggschiff ein hohes Risiko eingeht

iphonex_front_crop_top_corner_splash-e1505306314773.jpg
So sieht Apples neues Flaggschiff-Smartphone aus: das iPhone X © Apple

Apple-Fans haben einen neues Objekt der Begierde: Das iPhone X besitzt alle Zutaten eines Kultsmartphones – es ist schick, es ist neu, es ist teuer, sehr teuer. Wird es der erwartete Kassenschlager? In der westlichen Welt, in der für Smartphones auch über 1000 Euro bezahlt werden können, vermutlich. Und doch geht Apple mit dem iPhone X-Launch ein so hohes Risiko wie seit Jahren nicht mehr ein: Die restliche Produktlinie sieht nämlich plötzlich buchstäblich alt aus.

Anzeige

Apple konnte am Dienstag trotz Firmware-Leaks doch noch überraschen: Nicht so sehr mit dem iPhone X, dessen Features und am Ende auch weitgehend das Design hinlänglich bekannt waren, sondern mit seiner erstaunlich großen Produktlinie.

Gleich zwischen fünf Modellen können Apple-Fans nun wählen – vom iPhone SE bis zum iPhone X. Acht verschiedene Geräte stehen plötzlich zur Auswahl – so viel wie noch nie. Sieben von den acht sehen nach der Enthüllung des iPhone X mit der abgesetzten Einfassung (Bezel) und dem Home-Button jedoch buchstäblich alt aus.

Das iPhone 8 dürfte einen schweren Stand haben 

Besonders das iPhone 8 und 8 Plus, die sogar nochmals eine Preisanhebung gegenüber der Vorgängergeneration erhalten hat, wirken seltsam deplatziert: Sie sind nur minimal besser als die nun deutlich günstigeren Versionen der beiden Vorjahre (iPhone 7 und iPhone 6s), können es aber nicht annähernd mit dem neuen Flaggschiff iPhone X aufnehmen.

„Normalerweise wartet Apple ein Jahr damit, bis es seine iPhones obsolet macht“ , twitterte ein CNET-Redakteur während der Keynote. „Das iPhone 8 hatte eine Lebensdauer von 10 Minuten.“

Tatsächlich gibt es kaum ein sinnvolles Verkaufsszenario für das iPhone 8: Wer bereits ein iPhone 7 oder 6s besitzt, wird als nächstes iPhone kaum zum 8 greifen, sondern gleich zum X. Und wer ein altes iPhone besitzt oder erstmal eines erwerben möchte, dürfte eher Gefallen an den preislich ermäßigten Modellen 7 und 6s finden.

Kann Apple die Ziele des September-Quartals mit dem iPhone 8 erreichen?

Der Verkaufsstart in einer Woche dürfte daher so spannend werden wie selten (auch wenn Apple keine Verkaufszahlen mehr mitteilt): Es dürfte nicht wenige potenzielle iPhone-Käufer geben, die ihre Order für den Launch des iPhone sechs Wochen zurückhalten – nämlich bis zum Launch des X.

Wie Apple seine erstaunlich optimistische Guidance für das September-Quartal lediglich mit dem iPhone 8 / Plus halten will, weiß aktuell nur Tim Cook. Die Wall Street misstraut dem Apple-Chef offenkundig – und lässt die Apple-Aktie seit der Keynote immer weiter fallen.

Das iPhone X wiederum steht damit zum späten Launch unter enormem Erfolgsdruck. Es muss liefern, dabei ist zunächst völlig unklar, in welcher Menge es ausgeliefert werden kann. Auch das belastet die Aktie. Übersichtlich wird Apples Geschäftsverlauf erst wieder nach dem Weihnachtsquartal.

Erhöhtes Problempotenzial bei neuen iPhone-Generationen 

Dass das iPhone X zum sofortigen Kassenschlager wird, gilt unter Analysten, Aktionären und Apple-Fans in erstaunlicher Eintracht als ausgemacht. Aber wie planbar ist der Launch einer ganz neuen iPhone-Generation tatsächlich?

Die Vergangenheit verdeutlich eindrucksvoll, dass neu eingeführte Generationen fast immer Problempotenzial in sich bargen: Das iPhone 4 (2010) mit Empfangsproblemen (dem legendären „Antennagate“), das iPhone 5 mit dem neu eingeführten Kartendienst Maps (der als Teil von iOS 6 alle iPhones betraf), das iPhone 6 mit dem „Bendgate“  (leichte Biegbarkeit der dünnen, neuen iPhones), beim iPhone 7 mit dem Ende des Klinkensteckers.

Wer braucht Face ID?  

Das Potenzial für den nächsten Aufschrei scheint unterdessen bereits ausgemacht: Die als Killerfeature vorgestellte Gesichtserkennung Face ID versagte nicht nur bei der Vorstellung auf der Bühne jämmerlich, sondern fiel auch in den ersten Social Media-Reaktionen krachend durch.

Face ID wirkt für viele Nutzer auf den ersten Blick unnötig und vor allem creepy – und es wirft eine neue Datenschutzdebatte auf. Der Wow-Faktor ist etwas anderes. Es scheint, als erschließe sich das Nutzungsszenario des aus Minority Report oder Black Mirror entlehnten Features nicht jedem – 20 mal größere Sicherheit hin oder her. Nicht auszudenken zudem, wenn es Probleme in der täglichen Anwendung gibt. Face ID besitzt fraglos das Potenzial, Apple mehr Ärger einzubringen als Begeisterungsstürme.

Geht Apples Zukunftswette auf?

Und was, wenn das iPhone X bei Auslieferung den einen oder anderen Mangel aufweisen sollte – höhere Kratzanfälligkeit der Ränder oder Probleme jedweder Art beim erstmals verwendeten OLED-Display, dessen Implementierung, wie vielfach kolportiert, äußerst kompliziert sein soll?

Tatsächlich also geht Apple mit seinem iPhone X-Launch ein so hohes Risiko wie seit dem iPhone 6-Launch vor drei Jahren nicht mehr ein. Auf der einen Seite zeigt Apple seinen Nutzern, wie es selbst im Werbespruch herausstellt, „die Zukunft“, auf der anderen Seite macht diese Zukunft die Gegenwart der iPhone-Produktlinie vom SE bis zum iPhone 8 aber eigentlich schon wieder zur Vergangenheit.

Wenn die Zukunft in Form des iPhone X nun aber nicht hält, was sie verspricht, hat Tim Cook ein echtes Problem, das schon der Große Gatsby kannte: Man kann die Vergangenheit nicht zurückholen.

Anzeige
Anzeige