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Löschen oder nicht löschen: Wie das Satire-Wahlplakat der PARTEI die Überforderung von Facebook zeigt

Schwer zu ertragen und trotzdem Satire: Das Wahlplakat der Partei
Schwer zu ertragen und trotzdem Satire: Das Wahlplakat der Partei

Die Satire-Partei DIE PARTEI hat mit einem provokanten Wahlplakat für den Aufreger der Woche gesorgt. Motiv ist die Leiche des Flüchtlingskindes Aylan Kurdi. Facebook, wo die bitterböse Satire veröffentlicht worden war, stellte das Motiv zwischenzeitlich offline, wofür sich das Netzwerk mittlerweile entschuldigte. Trotzdem kommt es noch zu Löschungen. Der Vorfall macht erneut die Überforderung des Netzwerks im Umgang mit schwierigen Inhalten deutlich.

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Es ist die wohl bitterste Satire, die in diesem Jahr ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat. Die Satire-Partei DIE PARTEI hat sich vorgenommen, den Wahlkampf der CDU ad absurdum zu führen und hat ein Motiv entworfen, das die Inhaltsleere der üblichen Wahlplakate offenlegen soll. Dafür griff der Ortsverband Dresden den CDU-Slogan „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ auf und wandelte ihn ab. „Für einen Strand, an dem wir gut und gerne liegen“, heißt es bei der PARTEI. Dazu gezeigt wird ein Foto, das während der Flüchtlingskrise zur Ikone geworden ist und die an den Strand von Bodrum gespülten Leiche des Flüchtlingskindes Aylan zeigt. Ein furchtbares Bild.

Die Empörung als Reaktion auf das Plakat war programmiert – es polarisiert. Fast schon logisch, dass sich auch Facebook mit dem Thema auseinandersetzen musste. Dort hatte die PARTEI ihr Motiv ebenfalls veröffentlicht, bis zur Löschung dauerte es nicht lang (MEEDIA berichtete). Zurecht?

Mitnichten. Nach ebenfalls erwartbaren Empörung über den Löschvorgang und die „Zensur“ ruderte Facebook zurück. Die Beseitigung der Satire sei ein Fehler gewesen, erklärt eine Sprecherin gegenüber MEEDIA:

In dem Bemühen, die vielen Reports von Menschen auf Facebook, die wir jeden Tag erhalten, schnell und effizient zu bearbeiten, schaut sich unser Community Operations -Team Hunderte von Tausenden von Reports zu Inhalten jede Woche an.

Unsere Reporting-Systeme sind dafür entwickelt, Menschen vor Missbrauch, Hassrede und Mobbing zu schützen und wir bedauern, dass gelegentlich Fehler gemacht werden, wenn solche Reports bearbeitet werden.

Wir wissen, dass es frustrierend sein kann, wenn solch ein Fehler passiert und entschuldigen uns hiermit dafür. Wir haben unsere Prozesse für die Prüfung gemeldeter Inhalte deutlich verbessert und arbeiten weiterhin daran diese zu optimieren.

Der Vorfall zeigt erneut, wie unbeholfen das soziale Netzwerk im Umgang mit komplizierten Inhalten agiert. Die Rolle als Richter darüber, ob ein Beitrag tatsächlich gegen rechtliche Bestimmungen verstößt oder in Ordnung geht, hat sich Facebook nicht ausgesucht. Sie ist dem Unternehmen im Rahmen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes der Bundesregierung quasi aufgedrückt worden. Der PARTEI-Vorfall ist ein Beispiel für das, wovor viele gewarnt haben: voreiliges Handeln, die (vor)schnelle Löschung von Inhalten.

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Denn so schwer das Plakat zu ertragen ist und so geschmacklos es in manchen Augen auch sein mag: Es ist zweifelsohne Satire, die zudem weder rassistisch noch gewaltverherrlichend ist. Und auch nicht gegen Facebooks Community-Standards verstößt.

Wie das Netzwerk mit dem Wahlplakat umgehen kann, ohne sich damit gleich einem Zensur-Vorwurf auszusetzen, zeigt es mittlerweile selbst. Nachdem das Motiv wieder freigegeben war, wird es nur noch mit einem vorgeschalteten Warnhinweis gezeigt. Darin heißt es zwar: „Dieses Foto zeigt möglicherweise drastische Gewalt oder Blutvergießen“, was zwar nicht ganz stimmt, es handelt sich aber offenbar um einen Standardtext. Der Warnhinweis schützt sensible Nutzer vor möglicherweise verstörenden Inhalten. Sie können das verborgene Motiv selbst entsperren. Ähnlich verfahren mittlerweile auch Redaktionen, die entsprechende Warnhinweise vor gewalttätigen Bildern in Videos zeigen oder der Kurznachrichtendienst Twitter.

Mit einer solchen Regelung vermeidet Facebook auch den Verlust von Inhalten, an denen das Netzwerk eigentlich interessiert ist: Diskussionen. „Die äußerst kontroverse (und teils erstaunlich fundierte) Debatte, welche in den hunderten Kommentaren geführt wurde, ging mit der Löschung ebenfalls verloren“, berichtet Maximilian Aschenbach, Vorsitzender des Kreisverbandes Dresden der PARTEI, der die Aktion verantwortet. Auch nach Wiederfreigabe funktioniert die Verbreitung des Motivs nicht einwandfrei. Immer wieder sei es auf einzelnen Accounts der PARTEI zu Löschungen gekommen, so Aschenbach.

Facebook und die Inhalte – es bleibt schwierig.

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