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Middelhoffs Buch „A115“: Abrechnung mit den Medien im Allgemeinen und dem Spiegel im Besonderen

Thomas Middelhoff und sein Buch „A115 – Der Sturz“
Thomas Middelhoff und sein Buch "A115 - Der Sturz"

Der frühere Bertelsmann- und KarstadtQuelle(später: Arcandor-)Chef Thomas Middelhoff hat einen tiefen Fall hinter sich. Seit Februar 2016 ist er rechtskräftig verurteilt wegen Veruntreuung und Steuerhinterziehung. Über seine Erfahrungen mit Justiz und Medien hat er nun ein Buch veröffentlicht, in dem er auch mit dem Spiegel abrechnet. Das Nachrichtenmagazin hat inzwischen zum Konter ausgeholt.

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Thomas Middelhoff verbüßt seine Freiheitsstrafe in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld als Freigänger. Tagsüber arbeitet er in einer Behindertenwerkstatt. Es ist der größtmögliche Kontrast zu seinem früheren Jetset-Lifestyle als Topmanager zwischen Davos und New York, Helikopter-Shuttle und Vorstandsmeeting. Das Buch, das Middelhoff im Gefängnis geschrieben hat, heißt „A115 – Der Sturz“. A115 ist seine Zellennummer während der Untersuchungshaft.

Dort galt Middelhoff zeitweise als suizidgefährdet, deswegen wurde er alle 15 Minuten kontrolliert. Ein Standardverfahren im Justizvollzug. Der frühere Topmanager empfand es als Folter, zieht in seinem Buch Vergleiche zum berüchtigten US-Terroristengefängnis Guantanamo und sieht den heutigen Strafvollzug in der Bundesrepublik in einer Linie mit dem der Nazizeit. Sein eigenes Schicksal stellt er in die Tradition von Dietrich Bonhoeffer, jenem evangelischen Theologen, der kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf Befehl von Adolf Hitler in einem Konzentrationslager hingerichtet wurde. So ganz ist „Big T“, wie er früher genannt wurde, die Hybris offenbar nicht abhanden gekommen. Everything larger than life, auch im Sturz ins Bodenlose.

„Hexenjagd“?

Neben Justiz, Banken und Manager-Kollegen bekommen auch die Medien im Allgemeinen und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel im Besonderen ihr Fett weg. Middelhoff schildert mit viel Pathos und Emotion, wie das Spiegel-Autorentrio Gunther Latsch, Jürgen Dahlkamp und Jörg Schmitt eine „Hexenjagd“ auf ihn inszeniert hätte. Als öffentliche Person sei er, Middelhoff, quasi „Freiwild“ für die Medienmeute gewesen. So schreibt er:

Die dritte Gruppe ist jene, die gejagt werden kann wie Freiwild, bis auch der untalentierteste Praktikant eines unbedeutenden Provinzblattes mit einer herablassenden Schlagzeile zumindest sich selbst bewiesen hat, dass er ein ganz Großer der schreibenden Zunft ist, ein unentdeckter Ernest Hemingway, nicht in Key West, aber immerhin in seinem Kaff.

Es ist ganz offensichtlich persönlich. Im Kern dreht sich der Vorwurf Middelhoffs an den Spiegel darum, dass das Magazin Spekulationen über angeblich unrechtmäßige Immobiliendeals wider besseres Wissen verbreitet habe. Die Vorwürfe datieren in das Jahr 2005 zurück. Damals verkaufte Middelhoff als Arcandor-CEO Immobilien des Kaufhauskonzerns Karstadt an den Oppenheim-Esch-Fonds, der von seinem damaligen Vermögensverwalter Josef Esch und der Privatbank Sal. Oppenheim geführt wurde. Middelhoff schildert in seinem Buch, wie in die Spiegel-Leute ihm mit einem Fragen-Katalogen inklusive knapper Antwortfrist zu Leibe rückten:

Diese Methode, die in Machart und Tonalität den Charakter eines Verhörs hat und durchaus geeignet ist, unerfahrenen oder sensiblen Personen den Puls in die Höhe zu treiben, schien sich schon damals beim SPIEGEL bewährt zu haben. Zumindest gemessen an der Häufigkeit, mit der sie verlässlich immer wieder eingesetzt wurde. Die zum Teil umfangreichen Fragenkataloge gehen gern an einem Donnerstag ein – wegen des Drucktermins mit einer Fristsetzung bis zum nachfolgenden Freitag. Taktische Gründe angesichts dieses künstlich erzeugten Zeitdruckes würde selbstverständlich niemand annehmen wollen.

Nun sind solche Fragen-Kataloge inklusive knapper Fristen durchaus gängige Methode im Journalismus. Middelhoff beschreibt, wie er versuchte, den Fragen der Journalisten gerecht zu werden. Später habe er erkennen müssen, dass das Beantworten sinnlos war: „Wer diese Fragen beantwortet, hat bereits verloren. Denn die Storyline scheint festzustehen, und Antworten sind meines Erachtens nicht wegen ihres Inhaltes nutzbringend. (…) Blauäugig ging ich davon aus, dass ich nichts zu verbergen hatte und Angriffe und Vorwürfe entkräften könnte. Viel zu spät kam meine Erkenntnis, dass Antworten nur wertvolle Details oder zitierbare Stellungnahmen für einen Artikel lieferten, dessen Grundausrichtung offenbar nicht mehr zu beeinflussen war.“ Eine Erfahrung, die manche, die schon mit investigativen Medien zu tun hatten, womöglich so oder so ähnlich teilen können. Es sei dann, so Middelhoff in seinem Buch, zu einem Gespräch mit den Spiegel-Leuten gekommen, in dessen Verlauf er zusammen mit dem Hausanwalt und dem Arcandor-Pressesprecher „Korrektheit und Sinnhaftigkeit des Immobilienverkaufs“ dargelegt habe. Dummerweise habe der Spiegel trotzdem berichtet:

Zur großen Verwunderung des damaligen Arcandor-Managements erscheint am Montag nach dem Gespräch mit den Redakteuren ein größerer Artikel im SPIEGEL. Grundtenor: Kurz vor meinem Ausscheiden würden mich Schatten der Vergangenheit im Immobilienbereich einholen. (…) Nicht mehr persönliche Bereicherung über die niederländische Entity stand nunmehr im Raum, sondern der Vorwurf, ich hätte vermeintliche Ansprüche von Arcandor gegen Josef Esch nicht durchgesetzt, weil dieser zum damaligen Zeitpunkt als mein Gesamtvermögensverwalter fungiert habe und ich somit von ihm abhängig gewesen sei.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte tatsächlich wegen dieser Vorwürfe und das Landgericht Essen fällte 2012 auch ein so genanntes Grundurteil, dass Middelhoff mit dem Verkauf der Immobilien seine Pflichten verletzt habe. Das Urteil hätte vom Oberlandesgericht (OLG) Hamm geprüft und bestätigt werden müssen, doch dazu kam es nie. Bevor das OLG eine Entscheidung fällen konnte, stellte die Staatsanwaltschaft Bochum das Verfahren 2016 „im Hinblick auf Middelhoffs Verurteilung wegen Untreue und Steuerhinterziehung“ ein. Den meisten Medien war diese Einstellung kaum eine Zeile wert, wie Middelhoff in seinem Buch verbittert festhält. Im Dschungel der zahlreichen Verfahren gegen Middelhoff spielte die Immobiliengeschichte offenbar keine große Rolle mehr. Middelhoff war in den Augen der Justiz wohl gestraft genug.

Ob die Spiegel-Redakteure aus böswilligem Jagdeifer, wie Middelhoff meint, die Story damals wider besseres Wissen vorantrieben, lässt sich nicht beweisen. Tatsache ist, dass es ein Verfahren gab und die Schuldfrage nie abschließend geklärt wurde. Dass die Medien im Falle Middelhoffs stellenweise große Energie in immer neue Enthüllungen auch mitunter zweifelhafter Natur steckten, lässt sich freilich auch nicht von der Hand weisen. Zahlreiche Verfahren gegen den einstigen Top-Manager wurden eingestellt, und einen Straftatbestand wegen Hybris und Größenwahn gibt es nicht. Der Lohn für die drei Spiegel-Leute war der Henri-Nannen-Preis 2010 für den Artikel „Die Middelhoff-Oppenheim-Esch-Connection“.

Der Spiegel schlägt zurück

Beim Spiegel ließen sie die Anwürfe durch Middelhoff nicht unerwidert. Latsch, Dahlkamp und Schmitt veröffentlichten unter dem Titel „Middelhoffs Guantanamo“ eine Art Replik auf das Spiegel-Kapitel in „A115“, die nicht an Deutlichkeit spart. Das Urteil der drei steht schon im Vorspann des Spiegel Online-Textes: Middelhoffs Buch sei „die peinliche Rechtfertigungsschrift eines rechtskräftig verurteilten Absteigers, die vor Fehlern nur so strotzt.“ Die Fehler, die sie Middelhoff dann im Detail nachweisen, sind aber eher Nebenschauplätze: Der ehemalige Arcandor-Chef habe das Ressort Deutschland 1 mit Deutschland 2 verwechselt, bei einem Interview mit Esch sei kein Wein serviert worden, sondern Mineralwasser usw. (siehe dazu Update unter dem Artikel).

Middelhoffs Buch ist das Dokument eines tief Gekränkten und Enttäuschten, daran besteht kein Zweifel. Die Replik der Spiegel-Journalisten auf seine Vorwürfe ist freilich kaum weniger persönlich und giftig.

Middelhoff beschreibt in seinem Buch in geradezu naiver Art und Weise, wie er sich über seinen Sturz Gedanken gemacht hat. Die Schilderung seiner Selbst-Erkenntnis wirkt dabei durchaus authentisch:

In den vielen Stunden, in denen ich in A115 Antworten suchte, hielt ich mir immer wieder auch mein „öffentliches Bild“ vor Augen, die vielen abfälligen Kommentare, die es gegeben hatte. Dann fragte ich mich, wie es angesichts dessen eigentlich dazu hatte kommen können, dass ich Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG und der Arcandor AG wurde, Aufsichtsratsvorsitzender von Thomas Cook, Apcoa, Senator, Polstar oder Moneybookers. Oder Mitglied des Boards der New York Times oder von AOL. Warum ernannte man mich zum Mitglied des Hochschulrates der Universität Münster und zum Beiratsmitglied bei der RWE AG? Sind die Führungsetagen der Wirtschaft allenthalben mit Unfähigen besetzt, die das gleiche Defizit an Menschenkenntnis haben wie ich? Warum haben sie nicht schon Jahrzehnte zuvor erkannt, was für eine „Null“ sie sich da offensichtlich ins Haus geholt haben, sondern erst mit Erhebung der Anklage der Staatsanwaltschaft Bochum und dem Beginn des Strafprozesses?

Es ist die bittere Erkenntnis, dass die ganzen Ehrungen und Lobpreisungen während seiner Zeit an der Spitze gar nicht ihm, dem Menschen Middelhoff, gegolten haben, sondern nur dem einflussreichen Top-Manager „Big T“. Auch die Medien hatten „Big T“ umschmeichelt und umgarnt, als er noch ganz oben stand. Als sich der Wind drehte, konnte der es dann nicht verstehen, dass „die Medien“ in plötzlich nicht mehr bewunderten, sondern jagten.

Thomas Middelhoff ist tatsächlich tief gestürzt, insofern ist der Titel seines Buches korrekt gewählt. So tief stürzen kann aber auch nur einer, der zuvor hoch geflogen ist. Sein Buch ist naiv, stellenweise weinerlich und auch anmaßend. Es scheint aber auch ehrlich zu sein. Middelhoff meint es nicht so, aber sein Buch funktioniert durchaus als eine Art Mahnung, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Und das gilt nicht nur für Manager, sondern auch für Medienvertreter.

 

Update, 20.09.17: Die ursprünglich im Artikel enthaltene Formulierung, wonach die Spiegel-Journalisten in ihrem Text bei Spiegel Online auf Middelhoffs „Kernvorwurf“ nicht eingehen, wurde nachträglich durch MEEDIA entfernt. Richtig ist, dass die Autoren des Nachrichtenmagazins diesen Vorwurf zurückgewiesen haben. Wörtlich heißt es dort: „Falsch ist auch Middelhoffs Behauptung, der Spiegel habe für Vorwürfe im Zusammenhang mit fragwürdigen Immobiliendeals „keine belastbaren Fakten vorgelegt“ beziehungsweise bekannte Fakten „nicht berichtet“. Ebenfalls gestrichen wurde die Darstellung von Buchautor Thomas Middelhoff, wonach der Spiegel ihm gegenüber seinen Vorwurf lediglich „modifiziert“ habe. Die MEEDIA-Redaktion hat die Passagen korrigiert und bedauert den Fehler.

 

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Alle Kommentare

  1. Verlust der Bodenhaftung, begleitet von einer ignoranten Überheblichkeit dürften ein Merkmal vielleicht unserer Zeit, sicherlich jedoch unserer Eliten sein. Die Schadens-Dimensionen sind bei Middelhoff vergleichsweise bescheiden, schlugen jedoch ungewöhnlicherweise hier persönlich auf.

    Eine wirklich problematische Dimension sehe ich eher hinsichtlich des Spiegel. Man ist dort nicht mehr in der Lage, eine Zwiebeln zu schälen, will aber auf das Herumätzen nicht verzichten. Dies ist problematisch deswegen, weil eine freie Gesellschaft nicht auf tiefschürfende Medien verzichten kann. Ansonsten erblindet sie, denn wer sollte die Öffentlichkeit informiert halten, wenn sich Medien dieser Aufgabe verweigern, um sich lediglich öffentlichkeitswirksam an Petitessen hochzuziehen.

    Die Existenz von für eine freie Gesellschaft wirkende Medien wird zur Fake news.

    Mithin ein guter, fast ein mutiger Artikel, Herr Winterbauer. Vielen Dank. Ihrem letzten Absatz ist nichts hinzuzufügen.

  2. „Dann fragte ich mich, wie es angesichts dessen eigentlich dazu hatte kommen können, dass ich Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG und der Arcandor AG wurde, Aufsichtsratsvorsitzender von Thomas Cook, Apcoa, Senator, Polstar oder Moneybookers. Warum ernannte man mich zum Mitglied des Hochschulrates der Universität Münster und zum Beiratsmitglied bei der RWE AG?“

    Am Ende hat die erzwungene Besinnung doch für die eine richtige Frage gereicht, die auch über den Einzelfall hinaus von Bedeutung ist.

    Abgesehen vom Charakter fällt an Herrn Middelhoff doch vor allen Dingen die Unfähigkeit auf, auf Herausforderungen angemessen zu reagieren. Immer und immer wieder tut er das Falsche, schadet den von ihm geleiteten Unternehmen, schadet den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, schadet auch sich selbst.

    Wie konnte jemand, der so wenig Fähigkeiten mitbringt, in solche Positionen gelangen? Und – richtig – ist das ein Ausnahmefall, oder sind die Auswahlkriterien und -verfahren so beschaffen, dass immer wieder solche wenig begabten Personen mit blendender Oberfläche ausgewählt werden?

  3. Ich empfehle eher den Roman „Johann Holtrop“ von Rainald Goetz, dessen Titelheld Middelhoff nachempfunden ist. Insider werden in weiteren Figuren unschwer diverse Medienleute wiedererkennen. Kenntnisreich und unterhaltsam.

  4. Wer sich eine Concorde zur Alleinbenutzung mietet, wer außer einem Zufallserfolg nichts vorzuweisen hat und wer es nicht schafft zivilrechtlich das womöglich als unzutreffend angesehene Strafurteil aufzuarbeiten und keinerlei Rückgrat hat….der sollte sich nicht wundern er stolpert…. aber anstatt wie eine „Big Tussi“ zu heulen weil man ihr die Spielsachen weggenommen hat, sollte er sich lieber mal klar werden, dass er sich das alles selbst zu verdanken hat. Und dann, als angeblicher Top Manager – wenngleich „sensibel und unerfahren im Umgang mit Journalisten“ – sich von Journalisten unter Zeitdruck setzen zu lassen, zeigt doch wie wenig Substanz da tatsächlich zu verrotten ist und womöglich je war….
    Echte Manager haben andere Qualitäten….

  5. Das Buch sollte jeder gutbezahlte Manager in Demut und Dankbarkeit lesen. Die Warnung, nicht als abgehobener Ikarus gen Sonne aufzusteigen und angesichts schmelzender Wachsflügel ins Bodenlose abzustürzen.

  6. Ausgewogener Artikel, habe etwas gelernt. Den Spiegel-Fritzen glaube ich schon lange nix mehr. Außer, dass sie sich für die Größten halten.

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