Hype um Pflege-Azubi Alexander Jorde zeigt: Das deutsche TV braucht mehr Formate wie die ARD-„Wahlarena“

In der ARD-"Wahlarena" stellte sich Angela Merkel den Fragen von Bürgerinnen und Bürgern

Fernsehen Alexander Jorde wurde quasi über Nacht zum Netz-Star: Der Pflege-Azubi hatte Angela Merkel während der ARD-"Wahlarena" mit den gravierenden Folgen des Fachkräftemangels in der Kranken- und Altenpflege konfrontiert. Der Hype um seine Person und die Begeisterungsstürme für seine Art, Fragen zu stellen, zeigen vor allem eins: Den Polit-Formaten im Wahlkampf mangelt es an Authentizität und Klarheit.

von Nora Burgard-Arp

Fragen, die den Menschen tatsächlich unter den Nägeln brennen, kommen nach wie vor im Profi-TV zu kurz. Ausgezeichnet haben Alexander Jorde am Montagabend vor allem seine Hartnäckigkeit; Jorde ließ sich von der Bundeskanzlerin nicht abwimmeln, argumentierte leidenschaftlich aus eigener Erfahrung und gab sich mit keinerlei Phrasen zufrieden.

Dafür wurde der junge Mann im Netz gefeiert. Auf Twitter wurde er direkt mit Posts wie „Der junge Pfleger hat in 3 Minuten mehr Inhalt gebracht und Merkel gefordert als vier ‚Journalisten‘ in 90 Minuten!“ gefeiert, Medien wie die Welt, Focus Online und Tag24 landeten mit 8.600 bis 10.000 Likes, Reactions, Shares & Co. in der Tages-Top-Ten der deutschsprachigen Artikel. Die „Tagesschau“ stellte die entsprechende Passage aus der Sendung auf Facebook – und erreichte fast 3 Mio. Video-Views.

Etliche Facebook-Kommentatoren und Twitterer nutzten den Ausschnitt aus der Sendung allerdings nicht nur dazu, Alexander Jorde zu feiern. Sondern auch als Anlass, um erneut verbal auf die Moderatoren der Fernsehanstalten einzudreschen. Dieses Phänomen ist nach fast allen Polit-Formaten im aktuellen Wahlkampf zu beaobachten: Die Journalisten seien wahlweise zu distanziert oder dann wieder distanzlos, zu elitär sowieso und sie würden immer dieselben Fragen stellen.

Die Kritik an den Moderatoren mag an einigen Stellen durchaus berechtigt sein, und doch greift sie in diesem konkreten Fall, dem Hype um Alexander Jorde, deutlich zu kurz. Denn der Vergleich zwischen einem Fragensteller aus dem Publikum, der aus seinem persönlichen Umfeld und völlig subjektiv berichtet, und Politik-Journalistin, die zumindest versuchen sollten, eine Subjektivität einzugrenzen, hinkt gewaltig. Ein klassischer Äpfel-Birnen-Vergleich. Man möge sich nur mal kurz vorstellen, wie die Zuschauer wohl reagiert hätten, wenn einer der Moderatoren derart emotional und persönlich geworden wäre.

Kommentarflut bei Facebook: „Merkel würde nicht einen Tag auf Station aushalten“

Dennoch sollte man sich anschauen, warum die Reaktionen auf den jungen Pfleger im Netz derart explodieren. Vor allem liegt das daran, dass Alexander Jorde aus eigenen Erfahrungen berichtet, er ist ein typischer ‚Mann aus dem Volk’: kein Großverdiener – im Gegenteil. Pflege ist harte körperliche Arbeit, mit einem viel zu niedrigen Lohn. Die Kommentare bei Facebook unter diversen Postings zu dem Ausscnitt aus der Sendung sind eindeutig: „Merkel würde nicht einen Tag auf Station aushalten“ oder „In der Pflege bedarf es einer Revolution, die Beruf muss sich wieder lohnen.“ Alexander Jorde spricht also aus, was viele Menschen denken beziehungsweise tagtäglich ertragen müssen.

Und er ist nicht der einzige, der in den sozialen Netzwerken für seine ehrlichen und leidenschaftlichen Fragen gelobt wird. Unter anderem kam auch ein Mädchen mit Down-Syndrom zu Wort, die die Bundeskanzlerin fragte, wie es sein könne, dass Babys mit Trisomie 21 noch im fortgeschrittenen Stadium einer Schwangerschaft abgetrieben werden könnten. „Ich möchte nicht abgetrieben werden“, rief die junge Frau am Ende ihrer Frage und sorgte damit für einen der bislang authentischsten und rührendsten Momente aller Wahlkampf-Formate.

Ein weiterer denkwürdiger Moment war Angela Merkels Gespräch mit einem Mann aus Thüringen, der von seiner Angst vor Überfremdung sprach und vor den scheinbar nicht enden wollenden Flüchtlingsströmen. Die Bundeskanzlerin appellierte an den Mann, „sein Herz zu öffnen“ für diejenigen, denen es schlechter geht, versicherte ihm gleichzeitig, dass die Sozialleistungen für deutsche Bürger*innen nicht gekürzt werden und legte ihm außerdem nah, sich doch nach der Sendung mit einem jungen Mann mit Migrationshintergrund zusammenzusetzen. Dieser hatte kurz zuvor in der Sendung von alltäglichen rassistischen Angriffen auf seine Person berichtet.

Diese Szenen haben die „Wahlarena“ wertvoll gemacht und legen vor allem eins nah: Dass es überaus sinnvoll ist, Menschen aus dem Volk zu Wort kommen zu lassen, moderiert freilich von Journalisten. Der Kreis der immer gleichen Fragen wird durch diese sogenannten Townhall-Gespräche durchbrochen, der Wahlkampf ein ganzes Stück authentischer – und vor allem näher am Bürger. Gerade in Zeiten, in denen Politikern immer wieder Elitendenken und die Vernachlässigung des „kleinen Mannes“ vorgeworfen wird, sind mehr von diesen Formaten unbedingt wünschenswert.

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