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„Totschweigen ist keine gute Lösung“: Wie Medien mit den kalkulierten Medien-Eklats der AfD umgehen sollen

Medienforscher Bernd Gäbler beschäftigt sich schon länger mit dem richtigen Umgang mit der AfD
Medienforscher Bernd Gäbler beschäftigt sich schon länger mit dem richtigen Umgang mit der AfD

AfD-Politikerin Alice Weidel stürmt scheinbar empört aus einer ZDF-Talksendung, und viele Medien berichten darüber. Aber gehen sie der Populisten-Partei damit nicht auf den Leim und machen sich zum unfreiwilligen Wahlkampfhelfer? Wie sollen sich Medien angesichts dieses Dilemmas verhalten? MEEDIA hat darüber mit Bernd Gäbler gesprochen. Der Ex-Direktor des Grimme-Institutes hat eine Analyse zum Umgang der Presse mit der AfD verfasst.

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Sie haben sich mit Berichterstattung über die AfD beschäftigt und kamen – verkürzt gesagt – zu dem Ergebnis, dass zu viele Redaktionen über jedes Stöckchen springen würden, dass ihnen die Partei hinhalte. Haben Sie das Gefühl, dass sich in den vergangenen Wochen die Berichterstattung über die AfD etwas versachlicht hat?
Bernd Gäbler: Ja, generell habe ich dieses Gefühl. Es werden weniger sachliche Fehler gemacht als in der Anfangszeit, und es wird etwas mehr nachgedacht über Umfang und Qualität der Berichterstattung.

War der Abgang von Alice Weidel aus der ZDF-Talkshow ihrer Einschätzung nach ein kalkulierter Eklat?
Wenn man genau hingeschaut hat, dann wirkte der Abgang von Frau Weidel so ganz spontan nicht. Sie agierte schon vorher gespielt aggressiv, stritt mit der Moderatorin, drohte an, dass es so keinen Zweck habe. Dann wählte sie für den tatsächlichen Abgang allerdings einen falschen Moment. Sie ging als der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer ihr vorwarf, sich nicht vom Rechtsradikalismus abzugrenzen. Für den normalen Zuschauer wirkte dies wie ein Ausweichen vor einer völlig berechtigten Frage. Die AfD diskutiert halt lieber über ihre Idee von den gelenkten Medien als über die eigene Nähe zum Rechtsradikalismus. Nur für ihre hundertprozentige Fan-Base gelang die Selbst-Inszenierung als Medien-Opfer. Etwas zu schnell ging Frau Weidel dann ja auch online mit scharfen ungerechtfertigten Angriffen auf Frau Slomka persönlich („absolut unprofessionell“) und die GEZ. Dieser Abgang war kein „Eklat“ (Rheinische Post), sondern er wirkte wenig authentisch und inszeniert.

Wie sollen die Medien über Weidel-Abgang berichten? Sollen sie überhaupt berichten?
Totschweigen ist keine gute Lösung. Gute Berichterstattung ist sachlich, ruhig und einordnend. Ein knapper Kommentar, eine kurze Reflexion über die Taktik der AfD – so etwas ist sicher angemessen. Schnellschüsse wie „Weidel platzte der Kragen“ oder „Eklat in ZDF-Sendung“ dagegen sind meistens nur gedankenlose Reflexe. Solche Medienhektik spielt denen in die Karten, die Medien instrumentalisieren wollen.

Grundsätzlich: Wie zufrieden sind Sie mit der generellen Berichterstattung der Medien in diesem Wahlkampf?
Es gibt zu wenig gute Reportagen von der Basis. Es gibt zu wenig konfrontative Interviews mit dem Spitzenpersonal. Es gibt zu wenig horizonterweiternde Fragestellungen. Zu viele Journalisten bewegen sich in dem Meinungskorridor, den die großen Volksparteien vorgeben. Was tun wir gegen Hunger und Armut in der Welt? Wie gehen wir mit den globalen Migrationsbewegungen um? Wie wird die Arbeit in einer digitalisierten Wirtschaft aussehen? Müssen dann nicht Arbeit und Einkommen entkoppelt werden? Vor welchen inhaltlichen Fragen steht dann das Bildungssystem? Das sind nur ein paar Themen, zu denen man gerne frische Ideen hören würde.

Teilen Sie den Vorwurf, dass Claus Strunz mit seiner Moderation des Kanzler-Duells Kräfte wie die AfD stärkt?
Dass sehr viel über das Flüchtlingsthema gefragt wurde, entspricht sicherlich dem Interesse der Wähler, aber die Richtung, aus der gefragt wurde, war schon einseitig: Wie können wir unsere Grenzen dichter machen und besser abschieben? Wer glaubt, das seien die entscheidenden Zukunftsfragen, springt sicher zu kurz. Herr Strunz, der ja bekennender Populist ist, darf als Abgesandter des Springer-Konzerns in die Welt des Fernsehens ruhig ein wenig agitieren. So gab er Martin Schulz ja sogar die Gelegenheit durch die Korrektur eines entstellt verkürzten Zitats ein wenig zu glänzen. Da wirkte Schulz jedenfalls souveräner als bei der umständlichen Widergabe seines angelesen Zitats von Dschalal ad-Din Rumi. Ich sehe das gelassen. Es darf ruhig unterschiedliche Typen von Journalisten geben.

Was raten sie den Medien, wie sie sich in den bis zum Bundestagswahlkampf noch verhalten sollen?Genauer hinsehen und weniger Rudel-Journalismus. Einmal erlebte ich vor einer Landtagswahl in Hessen, dass die SPD sogar im reichen Bad Homburg mehrmals Infostände aufstellte und die Mitglieder sich sehr engagierten. Da wusste ich, dass Frau Ypsilanti gut abschneiden würde. Vor einer Landtagswahl In NRW erlebte ich, wie plötzlich Herr Lammert mit seinem CDU-Stand sogar die Einkaufszone in Wattenscheid beherrschte – tatsächlich gewann dann die CDU mit Herr Rüttgers. Für alle Journalisten, die immer nur in den Bussen mit den Spitzenkandidaten herumkutschiert waren, kam beides überraschend.

Zur Person: Bernd Gäbler, ehemaliger Direktor des Grimme-Instuituts, ist Prof. für Journalismus an der FHM Bielefeld und hat vor kurzem für die Otto Brenner Stiftung die Schrift: „AfD und Medien – Analyse und Handreichungen“ (Arbeitsheft 92) geschrieben

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