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Interview-Abbrüche und Strafanzeige gegen Spiegel-Reporterin: Weidels durchsichtige Fehde gegen die Medien

Kalkulierter Abgang? AfD-Politikerin Weidel verließ die Live-Sendung „Wie geht’s Deutschland“
Kalkulierter Abgang? AfD-Politikerin Weidel verließ die Live-Sendung "Wie geht's Deutschland"

Am Dienstag stürmte Alice Weidel scheinbar empört aus der ZDF-Sendung „Wie geht’s, Deutschland?“. Tatsächlich war ihr öffentlichkeitswirksamer Abgang nicht das erste Interview, das sie beleidigt abbrach. Bereits am Freitag davor ließ sie kurzerhand einen Reporter der Oberhessischen Presse verschnupft stehen. Jetzt wird bekannt, dass die AfD-Spitzenkandidatin Strafanzeige gegen eine Spiegel-Journalistin erstattet hat – eine Kampagne mit System?

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Der Verdacht drängt sich auf, dass die AfD hier eine Anti-Medien-Kampagne geradezu orchestriert, mit der die Rechtspopulisten kurz vor der Wahl bei Unentschlossenen punkten wollen. Aber der Reihe nach: Bereits am vergangenen Freitag kam es zum ersten Interview-Krach der neuen AfD-Frontfrau mit einem Journalisten. Ähnlich wie beim ZDF einige Tage später ärgerte sich die Spitzenkandidatin über eine Frage zu der möglichen Islam- und Ausländerfeindlichkeit der Partei.

Der Reporter hatte gefragt:

Sie haben aber vor allen Dingen Ihre Wähler in letzter Zeit wahrscheinlich damit – mit der Flüchtlingsfrage – gebunden für sich. Von daher stehen Sie auch für diese AfD, die sich auch mal, sagen wir ruhig islamfeindlich, ausländerfeindlich präsentiert …

Weidel antwort:

Wir sind weder islam- noch ausländerfeindlich, und das sind mir zu unqualifizierte Fragen. Ich mach das nicht mehr. Es tut mir leid. Mit Rassismus und ausländerfeindlich und so. Ich brauch das alles nicht. Dann müssen Sie sich vernünftige Fragen differenziert überlegen, aber ich mach das hier nicht. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Der Abbruch erfolgte bereits nach knapp vier Minuten und der zweiten von vier verabredeten Fragen. Zuvor hatte sich die Spitzenfrau der AfD schon mit dem Fotografen gestritten, weil dieser sie während des Interviews fotografieren wollte. Sie war dagegen, weil sie auf sochen Fotos immer “einen Gesichtshänger” hätte und das gäbe dann “ein schlechtes Bild” von ihr.

Die Oberhessische Presse veröffentlichte das Gespräch mit Weidel im exakten Wortlaut, also auch ohne “sprachliche Glättungen”. Zudem legen die Marburger Wert auf den Fakt, dass sie eine Audio-Datei des Interviews vorliegen haben.

Die Journalisten wollten den Vorfall erst nicht weiter dokumentieren. Aber nachdem die Politikerin selbst das abgebrochene Interview während einer Wahlkampfveranstaltung ansprach, entschloss sich die Redaktion dann doch dazu, das versuchte Gespräch zu publizieren.

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Vier Tage nach dem missglückten Termin mit dem Reporter in Kirchhain, verließ Weidel dann – wiederum empört – die ZDF-Talkshow. Sie ging, nachdem CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sie aufgefordert hatte, sich von umstrittenen AfD-Mitgliedern wie den Co-Spitzenkandidaten Alexander Gauland und dem thüringischen AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke zu distanzieren.

Seither lässt sie die Fehde mit mit der Presse weiter eskalieren. So sagte sie am gestrigen Donnerstag einen lange verabredeten Talk-Show-Auftritt bei Maybrit Illner ab und legte am heutigen Freitag nach, in dem sie via Facebook verlauten ließ, dass sie bei der Staatsanwaltschaft Hamburg gegen eine Spiegel-Journalistin eine Strafanzeige gestellt hätte. Der Vorwurf: Die Journalistin soll in Recherchegesprächen behauptet haben, dass Alice Weidel gesundheitliche Probleme habe. Zitat von Weidel dazu: „Die Hexenjagd der Presse nimmt immer absurdere Züge an. Sie scheut nun offensichtlich nicht einmal mehr davor zurück, angebliche gesundheitliche Probleme aus der Intimsphäre zu thematisieren. Wenn nun aber in Recherchen auch noch Falschbehauptungen zu Krankheiten verbreitet werden, ist für mich die rote Linie überschritten.“

Mit einer möglichen Darstellung als Opfer der Medien inklusive der Produktion immer neuer kleiner Aufreger und Skandale folgt die Politikerin einem klassischen Muster, mittels dessen Populisten seit Jahren Wahlkampf führen. Ob nun Trump in den USA, Strache in Österreich oder Le Pen in Frankfreich.

Tatsächlich könnte das aktuelle Verhalten der AfD sogar einem festgelegten Drehbuch folgen. In einem Anfang des Jahres bekannt gewordenen Strategiepapier der Partei wurde dieses Vorgehen bereits skizziert. So hieß es unter anderem, dass man „vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken“ wolle.

Update, 15.40 Uhr:
Gegenüber MEEDIA erklärte der Spiegel zu der Strafanzeige von Weidel: „die Staatsanwaltschaft hat den Spiegel bisher nicht über den Eingang einer entsprechenden Strafanzeige informiert. Die Vorwürfe von Alice Weidel sind völlig unbegründet, der Spiegel plant keine Berichterstattung über ihren Gesundheitszustand.“

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