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„Kein Duell, sondern ein Bewerbungsgespräch“: das Medienecho zum Kanzlerduell

Das Moderatoren-Team steht nach dem TV-Duell in der Kritik, Merkel bevorzugt und die Themenschwerpunkte falsch gesetzt zu haben.
Das Moderatoren-Team steht nach dem TV-Duell in der Kritik, Merkel bevorzugt und die Themenschwerpunkte falsch gesetzt zu haben.

Schon im Voraus waren die Erwartungen an das Zusammentreffen von Angela Merkel und Martin Schulz im TV-Duell verhalten. Beide viel zu korrekt, als dass der Zuschauer verbale Ausfälle und persönliche Spitzen erwarten konnte, plätscherte die "Debatte" zwischen den beiden Kanzlerkandidaten vor sich hin. Viele (Chef-) Redakteure haben das Duell noch am Abend kommentiert. Eine Übersicht.

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Stefan Kuzmany, spiegel.de : „Die Millionen politikinteressierter Zuschauerinnen und Zuschauer haben auf vier Kanälen allesamt dasselbe gesehen: Eine sehr zivile, sachorientierte, man könnte auch sagen: stinklangweilige Debatte. […] In die Enge treiben kann der Herausforderer die Kanzlerin trotzdem bei keinem Thema. Schulz hat sich zwar offenbar gut vorbereitet, er hat eine ordentliche Leistung abgeliefert, und wohl kaum jemand würde es für eine Katastrophe halten, wenn bald er anstelle Merkels dieses Land regieren würde. Das ist beruhigend angesichts der furchtbar verzwickten Weltlage, es ist eigentlich ein schöner Beleg der Stabilität dieses insgesamt ja doch noch recht gut funktionierenden Landes. Wenn es nur nicht so einschläfernd wäre.“

Rainald Becker, ARD: „Hinter den Pulten stand nun mal die große Koalition, in Teilen war es mehr Duett statt Duell. Langweilig war es trotzdem nicht. Ein gefühliger, bisweilen emotionaler Herausforderer traf auf die gewohnt technische Kanzlerin. Es gab wenig klare Kante und viel Teflon.“

Gabor Steingart, Handelsblatt Morning Briefing: „Das war kein Duell, sondern ein Bewerbungsgespräch. Martin Schulz will offenbar im September nicht Kanzler, sondern Büroleiter von Angela Merkel werden. Er verlangte nicht ihre Abwahl, sondern sehnte sich nach ihrem Respekt. […] Worin besteht der Wert einer zweiten Volkspartei, wenn sie keine eigene Stimme bietet, sondern nur das Echo?“

Hubertus Vollmer, ntv.de : „Im Rückblick wird man vermutlich sagen: Das TV-Duell war der Moment, als Martin Schulz die Bundestagswahl endgültig verloren hat. Der SPD-Kanzlerkandidat hätte beim Aufeinandertreffen mit Angela Merkel deutlich besser sein müssen als die Bundeskanzlerin. Das war er nicht. Im Gegenteil. […] Die Liste der Themen, über die nicht geredet wurde, ist lang: die Frage, ob Deutschland das Zwei-Prozent-Ziel der Nato einhalten solle. Wirtschaftspolitik. Umweltpolitik. Gesundheitspolitik. Mieten. Die Frage, was die Gesellschaft zusammenhält. Die Zukunft der EU. Der Umgang mit Russland. Beim Thema Diesel erfuhren die mutmaßlich zunehmend entgeisterten Zuschauer, dass beide Musterfeststellungsklagen befürworten, die Kanzlerin den Gesetzentwurf der SPD dazu aber zu bürokratisch findet. Aha.“

Oliver Georgi, faz.net: „Manchmal wendet sie sich bei ihren Antworten auch zuerst an ihn und sagt: „Wir haben oft gedacht…-“ Spätestens da dürfte sich mancher Zuschauer fragen, ob Merkel wirklich gegen Schulz antritt oder ob die große Koalition gerade gemeinsam um ihre Fortsetzung wirbt. Schnell wird klar, dass sich im Berliner Adlershof zwei langjährige europäische (Außen-)Politiker treffen, die sich und ihre Positionen aus unzähligen Verhandlungsrunden in- und auswendig kennen und einander sehr schätzen. In weiten Teilen ist das Duell denn auch eher ein öffentlicher Koalitionsgipfel unter Regierungspartnern als ein heftiger Schlagabtausch.“

Heribert Prantl, sueddeutsche.de: „Alles in allem: Kein Mensch weiß nach dieser Sendung, warum Schulz unbedingt Kanzler werden sollte. Aber jeder Mensch weiß, dass die Moderatoren nicht in der Lage waren, eine Diskussion darüber anzuzetteln. Höhepunkt des Wahlkampfs?Mitnichten. Das wurde gründlich versemmelt.“

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Jochen Arntz, Berliner Zeitung: „Wenn in einem Fernsehduell der Spitzenkandidaten nicht einmal über Themen wie Bildung und Klimawandel geredet wird, wenn die Digitalisierung Deutschlands nur zweimal in Schlagworten fällt, dann hat der Abend sein Thema verfehlt. Und vermutlich auch die Themen vieler Wähler. Da kann man sich noch so sehr in Details vertiefen, wann Merkel und wann Schulz einen Punkt gemacht haben. Sie haben vor allem viele Punkte nicht gemacht, die in Zukunft wichtig wären.“

Michael Bröcker, rp.de: „Entscheidungshilfe für die Unentschiedenen lieferte die Debatte kaum. Beide wollen Steuern für mittlere Einkommen senken, beide sprachen sich (bei der Kanzlerin überraschend!) gegen die Rente mit 70 aus. Der SPD-Herausforderer kritisierte das Engagement des SPD-Altkanzlers Gerhard Schröder beim russischen Ölkonzern Rosneft. Merkel nickte. Und so weiter. Die soziale Gerechtigkeit kam nur als Beiwerk vor, die große digitale Frage, gar nicht. Mehr als nur ein Fauxpas der Moderatoren. Fazit: Der meist souverän und schlagfertig angreifende Sozialdemokrat Schulz hat auch nach diesem Duell ein Problem: Alles, was er forderte, sah Merkel ähnlich oder – noch schlimmer für Schulz – hatte es irgendwie schon mit Sozialdemokraten durchgesetzt.“

Georg Anastasiadis, merkur.de: „Erst glaubte der vom eigenen Hype geblendete Kandidat, im Schlafwagen ins Kanzleramt rollen zu können. Und dann fehlte ihm als Brüsseler Apparatschik die raubtierhafte Gerissenheit eines Alphatieres wie Gerhard Schröder, sich den Wählern nicht als Merkels Double, sondern als Alternative zu empfehlen.“

Michael Stifter, Augsburger Allgemeine: „Schulz wusste, wenn er beim emotionalsten Thema dieses Wahlkampfes nicht punktet, hat er keine Chance. Bei seinen Angriffen klang er dann aber eher wie der CSU-Chef und nicht wie der SPD-Kanzlerkandidat. Mit seiner klaren Kante gegen Erdogan zum Beispiel sprach er sicher vielen aus der Seele. Glaubwürdig wirkte das aber nicht, zumal auch er am Flüchtlingspakt mit der Türkei festhalten will. Schulz hat viel versucht, um die Kanzlerin an ihrem wunden Punkt zu treffen. Es blieb beim Versuch.“

Florian Harms, t-online.de: „Die beiden größten politischen Parteien des Landes haben sich offenkundig entschieden, ihre politischen Konzepte auf kurze Sicht zu planen. Diesen Eindruck hinterließen Merkel und Schulz, und diesen Geist strahlen auch die Wahlprogramme von Union und SPD aus. Die SPD will ganz viel auf einmal: ein neues Bildungssystem, ein neues Gesundheitssystem und ganz viel Zukunft. Zwischen zahllosen Forderungen scheint die Partei das Gespür für die Stimmung im Land verloren zu haben und damit auch einen klaren Fokus auf ein, zwei Kernbotschaften, die sich jeder Wähler merken könnte.“

 

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