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„Qualität der Zeitung hat sich deutlich verbessert“: FNP-Chefredakteur steht trotz Kritik zu neuem Blattkonzept

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Joachim Braun, seit eineinhalb Jahren Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse, hat die Regionalzeitung neu aufgestellt. Aus einer termin- und ressortgetriebenen Tageszeitung hat der ehemalige Blattmacher des Nordbayrischen Kuriers einen themenbezogenen Titel entwickelt. Doch der Umbau findet nicht durchweg Anklang. Im Interview mit MEEDIA spricht Braun über den schwierigen Weg in die Zukunft.

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Herr Braun, Sie sind seit Anfang 2016 Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse. Vor Kurzem haben Sie die Blattstruktur der Regionalzeitung geändert. Haben Sie deshalb einen neuen Newsroom eingerichtet?
Joachim Braun: Nein, wir brauchen die arbeitsteilige Organisation, um effizienter arbeiten zu können, sowohl horizontal mit den verschiedenen Lokalausgaben zwischen Limburg und Rüsselsheim, als auch vertikal im Zusammenspiel der digitalen Kanäle und des Print-Angebots. Die vorherige Struktur mit Ressortbüros, langen Gängen, verschlossenen Türen und weitgehend autonomen Lokalredaktionen war für die notwendige Qualitätssteigerung und Qualitätskontrolle nicht mehr zeitgemäß.

Welche Vorteile versprechen Sie sich davon?
Gerade die Digitalredaktion als Schnittstelle zwischen den Ressorts hat nun den richtigen Platz in der Mitte der Redaktion. Und dadurch, dass wir mit der Einführung des Reporter-Editoren-Prinzips auch die Produktion der Lokalausgaben nach Frankfurt geholt haben, hat sich schon jetzt, nach wenigen Wochen, die Qualität der Zeitung deutlich verbessert. Die von Ihnen angesprochene Änderung der Blattstruktur ist nur ein kleiner Baustein in unserem Reformprojekt. Sie basiert in erster Linie darauf, dass wir Mantel- und Regionalsport in einem eigenen Buch zusammengeführt haben.

Die Frankfurter Neue Presse hat ein neues Gesicht bekommen: Aus einer termin- und ressortgetriebenen Regionalzeitung haben Sie einen themenbezogenen Titel entwickelt. Wie macht sich dies in der Zeitung bemerkbar?
Naja, noch sind wir in vielen Teilen klassische Regionalzeitung. Wir haben uns aber auf den Weg gemacht, stärker auf Themen, also auf eigenrecherchierte Geschichten, auf Kommentare, Reportagen und Ähnliches zu fokussieren. Und dies aus dem Wissen heraus, dass Terminberichterstattung in heutiger Zeit nicht die Aufgabe eines kostenpflichtigen Premiumprodukts wie der Tageszeitung sein kann, zumal wir in punkto Aktualität längst an Relevanz eingebüßt haben. Wir vollziehen hier eine Entwicklung nach, die andere Zeitungen schon vor Jahren eingeleitet haben. Aber natürlich bedeutet der Verzicht auf Terminberichterstattung für so manchen, betroffenen Leser auch einen Verlust und einen Bruch mit alten Gewohnheiten. Doch festzuhalten ist: Alle unsere Maßnahmen zielen ganz klar auf eine Qualitätssteigerung der FNP und damit auf die Bindung bestehender Leser und auf die Ansprache neuer Zielgruppen. Ressorts und Ressortleiter haben wir übrigens weiterhin. Letztere sind nun die Chefs der Reporterteams – in den Außenredaktionen ebenso wie im Mantel – und verantwortlich für die Themenplanung und –umsetzung. Durch die verbesserten Kommunikationsstrukturen ist der Austausch zwischen den Ressorts allerdings viel intensiver – auch dies bewirkt eine verbesserte Qualität.

Hat sich hierdurch etwas in der Abfolge der Ressorts geändert?
Die größte Veränderung ist, dass nun im ersten, dem Mantelbuch den Politik- und Wirtschaftsseiten zwei Hessen-Seiten folgen. Der Sport, der vorher dort stand, ist nun im vierten Buch, die beiden überregionalen Kulturseiten am Ende des dritten Buchs. Nichts geändert haben wir an der Platzierung der beiden Lokalbücher, jeweils mindestens vier Seiten im zwei und im dritten Buch. Verbindlich sind nun für alle Außenausgaben zwei Frankfurt- und für die Frankfurt-Ausgabe zwei Regionsseiten mit den besten Geschichten aus Rhein-Main. Dies ist ein zusätzliches Angebot, das vor allem auf Pendler fokussiert.

Bislang hat die FNP die Berichterstattung in den verschiedenen Lokalausgaben geographisch heruntergebrochen. So fanden die Leser Nachrichten über ihre Region meist gebündelt auf einer Seite. Jetzt verteilen sich die Berichte im vorderen und hinteren Teil der Regionalzeitung. Warum das?
Wie kommen Sie darauf, dass sich die Lokalberichte auf die gesamte Zeitung verteilen? Ihre Darstellung stimmt so nicht. Richtig ist, wir haben auf den ersten vier Lokalseiten, also jeweils zu Beginn des zweiten Buchs, die geografische Sortierung aufgehoben zugunsten von Themenseiten. Dazu hatten sich vor einem dreiviertel Jahr alle Ressorts in Klausur begeben – übrigens ohne Beteiligung der Chefredaktion – und die Themen sowie Rubriken, Serien und sonstige Formate festgelegt. Die Ergebnisse dieser Klausuren haben wir zusammengeführt und die Seiten definiert als „Best of“, Hintergrund, Leute und Kultur & Freizeit. Die anderen Lokalseiten, im dritten Buch, sind weiterhin geografisch geordnet, mit den Orten und Gebieten im Seitenkopf. Dort findet sich überwiegend der Pflichtstoff.

Wie wirkt sich dies aus?
Dies führt nun dazu, dass ein Artikel – zum Beispiel über die Stadt Kronberg im Taunus – der zuvor fast immer auf der vorletzten Lokalseite stand, nun auch auf einer vorderen Lokalseite stehen kann, wenn das Thema wichtig ist, oder eben auf der letzten Lokalseite namens „Kronberg, Königstein, Glashütten“. Warum wir das gemacht haben? Weil uns das starre Regionalkonzept viel Material ins Blatt gespült hat, das die Veröffentlichung mangels Relevanz und ganz spitzer Zielgruppen nicht wert war, und uns obendrein die Kapazität nahm, um Geschichten zu recherchieren, die über die Stadtgrenzen hinaus wichtig sind. So wie zuvor, das war unsere Meinung, ist es nicht möglich, Qualitätsjournalismus zu produzieren, der auch auf digitalen Kanälen funktionieren wird. Dieses neue Konzept ist jetzt bereits, also nach kurzer Zeit, erfolgreich: Die Qualität der lokalen Geschichten hat sich auch dank des großen Engagements der Kollegen deutlich verbessert. Allerdings müssen sich viele ungewohnte Abläufe noch einspielen, und auch bei der Konsequenz, wie die Themenseiten bespielt werden, ist noch Luft nach oben. Dass wir obendrein unsere Mantelseiten regionalisieren, zielt klar darauf, unserer Regionalzeitung ein eigenes, von Frankfurt/Rhein-Main geprägtes Gesicht zu geben und ist ja nun auch keine Erfindung der FNP.

Mit der Neuausrichtung der Lokalberichterstattung können sich viele Leser nicht anfreunden. Wie viele Leser haben deswegen aktuell ihr Abo gekündigt?
Was heißt: Viele? Dass jede Veränderung Leser kostet, ist bei einem so auf Gewohnheit getrimmten Produkt wie der Tageszeitung nicht unüblich. Zumal ja Tageszeitungsleser aufgrund ihres Alters oft noch strukturkonservativer sind als Käufer anderer Produkte. Rund 400 Abonnenten haben seit 12. Juni gekündigt, weil ihnen die „neue FNP“ nicht gefällt. Etwa doppelt so viele haben sich in irgendeiner Form, entweder beim Leserservice, in ihrer Lokalredaktion oder bei der Chefredaktion direkt, geäußert, die meisten davon negativ. Ich selber habe etwa 250 dieser Mails beantwortet, mit dem Effekt, dass manche, skeptische Leser am Ende doch gesagt haben: „Ok, wir verstehen, was Sie da tun müssen.“ Auch die Rückgewinnung von Kündigern funktioniert bei diesem Thema deutlich besser als bei sonstigen Abbestellern. Darum weiß ich auch nicht, weshalb Sie kürzlich die aus der Luft gegriffene Zahl von 4.000 Abbestellern kolportiert haben. (Anmerkung der Redaktion: MEEDIA hatte zuletzt über Unruhe wegen Abo-Kündigungen bei dem Regionalblatt berichtet und dabei auch eine Zahl von „mehreren tausend Abbestellern“ genannt. Eine Zahl, die der Verlag klar dementiert).

Die Zahl der Abbestellungen wird in der Redaktion mit Sorge aufgenommen. Sie fürchtet, dass der Verlag Kosten einspart – möglicherweise bei freien Mitarbeitern. Ist die Sorge begründet?
Na klar. Mir macht das auch Sorgen. Jeder Abonnent weniger schmerzt. Aber es ist ja nicht so, dass wir aus Langeweile unser Redaktionskonzept geändert haben, sondern aus der Befürchtung heraus, dass unsere Abbestellungen ansteigen. Und genau dies wollen wir verhindern beziehungsweise den Trend brechen. Neben den Investitionen in bestehende und neue Produkte muss wohl jede Zeitungsredaktion in der westlichen Welt auch Kosten sparen – schließlich sind Werbe- wie auch Lesermarkteinnahmen tendenziell stagnierend oder sogar rückläufig. Zuletzt haben wir durch strukturelle Änderungen einige Erfolge gehabt, ohne dass sich am Personalstand etwas verändert hätte. Das möchte ich so lang es geht festhalten. Davon, dass wir explizit bei freien Mitarbeitern einsparen, war bisher nicht die Rede, aber der Honoraretat steht natürlich jedes Jahr aufs Neue auf dem Prüfstand.

Hat sich der Umbau des Redaktionskonzepts positiv auf das Werbegeschäft ausgewirkt?
Für Aussagen dazu ist es noch viel zu früh, zumal unsere Regionalvermarktung RheinMainMedia sich um alle drei Frankfurter Tageszeitungen kümmert und eine Einzelbewertung zur FNP schwierig ist.

Sie planen, mit Beiträgen im Netz Geld zu verdienen. Wann werden Sie auf den Online-Seiten ein Bezahlmodell einführen?
Hoffentlich bald. Wir konzipieren gerade unter Einbeziehung aktueller technologischer Standards eine neue Mobilseite. Diese wird die Basis sein für die künftige Desktopseite, auf der es ein Bezahlmodell geben wird. Einzelheiten kann ich dazu aber noch nicht sagen.

 

Die Fragen an Joachim Braun wurden per E-Mail gestellt.

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