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#trending: keine „Urlaubswelle“ bei Flüchtlingen, der Facebook-Trick von Kronehit und Verschwörungstheorien in Charlottesville

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Guten Morgen! Twitter feierte am Mittwoch den 10. Geburtstag des Hashtags. Am 23. August 2007 startete ein Web-Marketing-Spezalist in dem sozialen Netzwerk damit, Tweets mit Hilfe des "#"-Zeichens in Gruppen zusammenzufassen. Twitter programmierte seinen Dienst so um, dass Worte mit dem "#" davor verlinkt wurden - und der Hashtag war geboren.

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#trending // News & Themen

Vor einigen Tagen ging bei diversen Medien eine Story durch die Decke, in der es um angeblichen „Urlaub“ von Flüchtlingen in ihren Heimatländern ging. Die Welt beispielsweise sammelte mit der Headline „Baden-Württemberg: Flüchtlinge machten offenbar mehrfach Urlaub in Heimatländern“ mehr als 53.000 Interaktionen bei Facebook und Twitter ein, „Tichys Einblick“ erreichte mit der zynischen Zeile „Urlaubswelle im Irak und Syrien: Flüchtlinge auf Heimaturlaub“ fast 19.000 Likes & Co., zahlreiche andere Medien erzielten zumindest vierstellige Interaktionsraten.

Inzwischen hat der SWR die ganze Sache, die auf einem Antrag der AfD an die Landesregierung Baden-Württembergs basierte, mal recherchiert. Ergebnis: „Die wirkliche Zahl von Reisen anerkannter Flüchtlinge dürfte noch weit höher liegen als 153.“ Aber: „…nur rund die Hälfte der Personen kam aus ihrem Heimatland überhaupt wieder zurück nach Deutschland“ und bei denen, die zurück kamen: „Urlaub als Grund wurde in keiner der erhaltenen Antworten genannt. Genannte Gründe waren schwere Krankheiten oder Todesfälle in der Familie und einmal der Verkauf eines Hauses im Heimatland.“ Innenminister Thomas Strobl sagt, dass sein Ministerium: „niemals behauptet hätte, dass die zurückreisenden Flüchtlinge in ihren Heimatländern Urlaub machen würden.“ Und weiter: „Der Frage, ob sein Ministerium nicht hätte spätestens aufklärend eingreifen müssen, als die öffentliche Debatte aufkam, wich Strobl aus.“

Mit anderen Worten: Wieder einmal war einigen Redaktionen die potenziell klickträchtige Story (Flüchtlinge! Urlaub! Skandal!) wichtiger und nicht die genaue Recherche der Hintergründe.

#trending // Social Media

Eins der weltweit erfolgreichsten Facebook-Posts kam im bisherigen Jahr vom österreichischen Radiosender Kronehit. Über 2,6 Mio. Likes, Reactions, Shares und Kommentare sammelte es seit dem 2. August ein. Wie das passieren konnte? Es handelt sich um ein Gewinnspiel, das komplett darauf ausgerichtet war, eine gigantische Zahl an Interaktionen zu generieren. Die Mitspieler sollten einen Kommentar unter dem Post hinterlassen. Hätte er dort drei Minuten gestanden, ohne dass jemand einen weiteren Kommentar abgibt, hätte derjenige ein Auto gewonnen. Das Gewinnspiel ist nun zu Ende – kein Kommentar stand drei Minuten oben. Rechnet man die Zahl von 2,57 Mio. Kommentaren um, ist das auch kein Wunder: Statt ein Kommentar pro drei Minuten gab es in den drei Wochen des Spiels in jeder Minute (!) durchschnittlich 85 Kommentare. Für den Sender hat sich die Aktion sehr rentiert: Es gab viel Aufmerksamkeit.

[Nachtrag: Das Auto wurde unter allen Kommentatoren verlost, es gab also einen Gewinner, auch wenn kein Kommentar drei Minuten oben stand.]

Das KRONEHIT 25.000 € Facebook Posting powered by Hyundai!Poste HIER einen Kommentar. Ist DEIN Kommentar mehr als 3…

Posted by KRONEHIT – Wir sind die meiste Musik on Dienstag, 1. August 2017

#trending // Wahljahr 2017

Jens Spahn sorgte am Mittwoch vor allem in Berlin für hitzige Debatten. In einem Zeit-Interview kritisierte er „elitäre Hipster“ in Großstädten, insbesondere Berlin, die „ausschließlich Englisch sprächen“ und sich damit gegenüber den Normalbürgern abschotteten. „Alle, die nicht mithalten können bei der Generation easyJet bleiben außen vor.“ Und: Es habe sich „eine völlig neue Form von Parallelgesellschaft entwickelt: Junge Leute aus aller Welt, die unter sich bleiben“.

Nun ja. In den sozialen Netzwerken formierte sich zumindest sehr viel Hohn und Spott. So twitterte der Grüne Erik Marquardt: „In Berlin bekommt zum Glück niemand mit, wie peinlich Jens Spahn andauernd Verhaltenspolizei spielt. Verstehen da ja alle nur Englisch.“ „Bundesvogel“ ergänzte: „Jetzt hat mich Jens Spahn so erschreckt, mir wären fast die Chia-Samen ins Craft-Beer gefallen!“. Auch unter Facebook-Posts der „Tagesschau“ und anderer Medien gibt es viele viele Spahn-kritische Kommentare. Für Spahn wird die Aktion dennoch ein Erfolg gewesen sein. Es herrscht Wahlkampf. Und da ist Aufmerksamkeit viel wert.

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#trending // Entertainment

In Deutschland war die erste Staffel der großartigen US-Serie „This is Us“ leider ein kompletter Flop. ProSieben verzeichnete bei den 14- bis 49-Jährigen Marktanteile von weit unter 10%, zuletzt nur noch um die 5%. In den USA hingegen war die Drama-Serie in der TV-Saison 2016/17 die erfolgreichste neue Serie im jungen Publikum und wurde in der Quoten-Tabelle nur von American Football und „The Big Bang Theory“ geschlagen. Kein Wunder also, dass die ersten drei Minuten Material aus der neuen zweiten Staffel, die Ende September anläuft, am Mittwoch für Aufsehen bei Facebook sorgten. In nur zwei Stunden erreichten sie 2,5 Mio. Video Views, sowie über 120.000 Likes & Co.

It's finally here! Get an exclusive look at Season 2 of This Is Us. Don't miss the season premiere Tuesday, September 26 at 9/8c on NBC.

Posted by This Is Us on Mittwoch, 23. August 2017

#trending // Worldwide

In den USA erntet ein Artikel von Brennan Gilmore für Politico viel Aufmerksamkeit. In „How I Became Fake News“ beschreibt er, wie er als Augenzeuge des Auto-Anschlags in Charlottesville mitten in Verschwörungstheorien hinein gezogen wurde. Er, der zufällig den Anschlag mit seinem Smartphone gefilmt hatte, soll den Theorien zufolge im Auftrag von „George Soros, Hillary Clinton, Barack Obama, the IMF/World Bank, and/or a global Jewish mafia“ den Anschlag erfunden oder arrangiert haben, um Stimmung gegen die Rechten zu machen – unterstützt von Sendern wie MSNBC. Die Story, die inzwischen mehr als 60.000 Interaktionen auf Facebook und viele weitere Tausende auf Twitter und Reddit generiert hat, erinnert an die von Richard Gutjahr. Auch er geriet in ähnliche Verschwörungstheorien, als er Augenzeuge des Terror-Anschlags von Nizza und des Amoklaufs von München geworden war.

#trending // Deutsche Tops des Tages

Story nach Social-Media-Interaktionen: Der Postillon – „Parfüm-Verkäuferin genervt, weil sie ständig nach neuem Duft „FDP“ gefragt wird“ (30.700 Interaktionen bei Facebook und Twitter)

Story nach Likes & Shares bei Twitter: Der Postillon – „Parfüm-Verkäuferin genervt, weil sie ständig nach neuem Duft „FDP“ gefragt wird“ (1.200 Retweets und Likes)

Story bei Blendle (nach Likes): Galore – „Es ist wichtig, eine Vorstellung davon zu haben, welche Spuren ich hinterlasse.

Google-SuchbegriffKim Wall (100.000+ Suchen)

Wikipedia-SeitePeter Madsen (Ingenieur)(23.500 Abrufe)

Youtube-Video: Marti Fischer – „Kopfkirmes mit Ralph Ruthe | Ein Loop zwischendurch

Song (Spotify): Axwell Λ Ingrosso – „More Than You Know“ (361.500 Stream-Abrufe aus Deutschland am Dienstag)

Musik (Amazon): Queens of the Stone Age – „Villains“ (Audio CD)

DVD/Blu-ray (Amazon): „Fast & Furious 8“ (Blu-ray)

Game (Amazon): „Call of Duty: WWII – Standard Edition“ (PlayStation 4)

Buch (Amazon): Corinna Wild – „A. i. O. – ALL IN ONE: Rezepte für den Thermomix“ (Taschenbuch)

#trending // Feedback und Teilen

Anmerkung: Alle in #trending genannten Zahlen beziehen sich wenn nicht anders vermerkt auf den Vortag der Newsletter-Veröffentlichung (Stand: 24 Uhr)

Was finden Sie gut an #trending? Was schlecht? Was fehlt Ihnen? Schreiben Sie mir!

Mehr Social-Media-Trends und -Themen lesen Sie in meiner nachmittäglichen Kolumne in der Handelsblatt-10-App. Erhältlich für iOS und Android.

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Alle Kommentare

  1. „Der Frage, ob sein Ministerium nicht hätte spätestens aufklärend eingreifen müssen, als die öffentliche Debatte aufkam, wich Strobl aus.“
    Diese Leute bzw. seine Kollegen schützen das Volk vor der nächsten Krise und Stark-Regenfällen, sichern die Arbeitsplätze und Renten einer immer länger lebenden Bevölkerung und sorgen natürlich auch für eine stetig steigende Bildungsqualität (5 von 12 Politikern wurden vorgestern bei Promi-Big-Brother korrekt zugeordnet ?) und zeitnahes kostenloses Update aller Dieselgate-Fahrzeuge.
    Wieso steht sein Parteiname also nicht dahinter und auch bei Jens Spahn fehlt der Parteiname oder etwa nicht ?

    Wo also darf man ein Firefox-Plugin programmieren um immer die Partei, Gehalt und Pensionsanspruch und größten Blamagen in Onlineartikeln zu ergänzen – weil die Presse es oft genug wohl vergisst.
    Für Übersetzungen, Thesauri oder so ähnlich wie Oxford advanced learners dictionary (englische Worte auf englisch(und nicht auf deutsch) erklärt) bzw. bei Kindle Erklärungen für vermeintlich schwere Worte gibt es solche Ergänzungs-Konzepte ja schon.

    Schön aber das – endlich – auf Schlampereien im Journalismus hingewiesen wird. Reisserische Headlines locken wohl leider immer noch zu viele Leute an und verleiten leider zum Sharen was aber nichts neues ist (1). Wahrere und korrigierende Gegen-Headlines müssten das vielleicht ausgleichen aber die Mehrheit copy-pasted wohl lieber die Agenturmeldung. Preisdruck macht Personaldruck macht Zeitdruck macht Qualitätsdruck und keiner kriegt noch mit was abgeht.
    „Grusel-Krimi um getötete Journalistin Kim Wall: Zerstückelte Peter Madsen ihre Leiche?“
    http://meedia.de/2017/08/24/grusel-krimi-um-getoetete-journalistin-kim-wall-zerstueckelte-peter-madsen-ihre-leiche/
    könnte man vielleicht auch abgeschwächter formulieren.

    (1) http://t3n.de/news/headlines-artikel-lesen-sharen-718430/
    oder zwei Jahre vorher „ungelesen geteilt“ in
    http://t3n.de/news/clickbaiting-leeren-versprechen-faengt-leser-566686/

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