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Wochenrückblick: Spiegel-Chef Brinkbäumer wird als Temposünder zum kleinen Viralstar in der Schweiz

Der eine fährt (ein bisschen) zu schnell, der andere drückt zu schnell auf „Teilen“. Und dann war da noch Mutti bei den YouTubern ….
Der eine fährt (ein bisschen) zu schnell, der andere drückt zu schnell auf "Teilen". Und dann war da noch Mutti bei den YouTubern ....

Freitag ist Wochenrückblick-Tag bei MEEDIA. Diesmal in unserer kleinen Kolumne zum Wochenausklang: Klaus Brinkbäumer fährt zu schnell durch Zürich. Die Kanzlerin und die YouTuber. The Mooch bei Stephen Colbert und Matthias Matussek fällt auf Fake-News rein.

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Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer war in Zürich ein bisschen zu flott unterwegs. Mit der Betonung auf „ein bisschen“. Stadtauswärts in der Stampfenbachstraße wurde der deutsche Alpha-Journalist mit 54 km/h geblitzt, wo 50 erlaubt waren. Nach Abzug der Toleranz blieb eine Übertretung von 1 km/h. Dafür kassierte Brinkbäumer einen Strafzettel in Höhe von 40 Schweizer Franken, bzw. 37,38 Euro. In der Schweiz, wo sie für alles possierlichere Namen haben, heißt der Strafzettel übrigens „Busse“. Woher ich das so genau weiß? Klaus Brinkbäumer veröffentlichte ein Foto seiner Busse auf Facebook und schrieb dazu: „Liebe Schweiz, ich weiß schon, Du möchtest ernst genommen werden, aber manchmal fällt das schwer. Herzlich, Dein Klaus“

Das Posting machte Furore. 671 Reactions und fast 400 Kommentare dürfen schon nach Schweizer Maßstäben schon als kleiner Viral-Hit gelten. Der Chef schaffte mit seinem Strafzettel übrigens auch deutlich mehr Social-Media-Engagement als die meisten Spiegel-Geschichten auf Facebook. Wenn Aufmerksamkeit wirklich eine Währung wäre, könnte Brinkbäumer seinen Zettel damit mehr als bezahlen. Darauf wird sich das Zürcher Ordnungsamt aber vermutlich nicht einlassen.

Mit der Aufmerksamkeit ist so eine Sache. Waren im Schnitt 55.000 Zuschauer beim YouTuber-Interview der Kanzlerin jetzt „eigentlich weniger als nichts“, wie die FAZ meckerte, oder eigentlich doch ganz respektabel. Zum Vergleich: Am selben Tag interviewte BuzzFeed Außenminister Sigmar Gabriel live bei Facebook und kam durchschnittlich gerade mal auf 300 Live-Zuschauer. Wenn man eine Wassermelone aus dem Fenster wirft und das filmt, hat man bei Facebook mit Sicherheit ein größeres Publikum. Aber können das die Maßstäbe sein? Fairerweise muss man hinzufügen, dass die Interviews natürlich auch nach der Live-Sendung online sind und mit der Zeit mehr Abrufe sammeln. Die YouTube-Kanzlerin steht mittlerweile bei rund 1,4 Mio. Abrufen und der BuzzFeed-Siggi bei rund 36.000. Gerade im Vergleich zum Fernsehen ist das natürlich immer noch eher mickrig. Zumal YouTube bereits nach 30 Sekunden einen Aufruf zählt und Facebook bereits nach drei Sekunden. Die herablassende Art, mit manche Altmedien wie die FAZ die interviewenden YouTuber abgekanzelt haben, ist trotzdem unangebracht. Klar, es gab einiges zu meckern. An einem interessanten Merkel-Interview sind aber auch schon zig gestandene Journalisten gescheitert.

Ein wirklich tolles Interview war dagegen jenes, das der US-Late-Night-Talker Stephen Colbert mit dem geschassten Trump-Sprecher Anthony Scaramucci führte. Schon bemerkenswert, dass „The Mooch“ in Colberts Show kam, obwohl der ihn wegen seiner ebenso unsäglichen wie irren Auftritten mehrfach gnadenlos gegrillt hatte. Auch im Gespräch schenkten sich die beiden nichts. Schleim-Attacken seitens Scaramuccis wurden von Colbert scharf zurückgewiesen. Von der Körpersprache und Phrasierung seiner Monologe her erinnert mich Colbert unheimlich an Harald Schmidt, der heute übrigens 60 Jahre alt wird. Anders als Schmidt ist Colbert aber hoch-politisch. Schmidt hat zwar auch immer Witze über Politik gemacht, dabei aber die Rolle des distanzierten Ironikers nie verlassen. Colbert dagegen geht dahin, wo es wehtut. In einer Zeit, in der die USA von einem Trump regiert werden, sind Colberts Einstiegs-Monologe eine kleine Wohltat.

Wo wir gerade bei Trump sind: Wo ist eigentlich die so gefürchtete Fake-News-Welle im deutschen Wahlkampf? Vielleicht sind die Fake-News-Produzenten ja eingenickt, als sie den neuen SPD-Spot auf YouTube gesehen haben. In dem 90-Sekünder erzählt ein müde klingender Martin Schulz irgendwas über Gerechtigkeit. Dazu gibt es Bilder von spielenden Kindern und Gute-Laune-Mucke. Die Mischung aus beliebiger Stock-Footage und Phrasen will auf YouTube nicht recht zünden: 91.661 Abrufe bisher. Die Hoffnungen, dass die Spots der CDU spritziger oder inhaltsschwerer werden, sind – sagen wir mal – begrenzt.

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Wobei: Eine einsame Fake-News hatten wir diese Woche dann doch. In den Sozialen Medien kursierte ein angebliches Schreiben des Innenministeriums von Nordrhein-Westfalen, das sich schnell als Fälschung herausstellte. Protokolle sollten laut dem gefälschten Schreiben nur noch mit Bleistift ausgefüllt werden, um sie später problemlos abändern zu können. Verbrechen von „Flüchtlingen, Asylbewerbern oder Menschen mit Migrationshintergrund“ sollten so nicht länger registriert werden. Wer das nicht beachte, riskiere eine „strenge Rüge mit Verwarnung und sogar Dienstentlassung“. U.a. die Berliner Morgenpost hat alles Wissenswerte dazu aufgeschrieben. U.a. Erika Steinbach und Matthias Matussek sorgten fleißig dafür, dass sich diese Fake-News auf Facebook verbreitete. Immerhin haben beide das entsprechende Posting nach Bekanntwerden der Fälschung gelöscht und Matussek hat sich sogar für die Verbreitung entschuldigt.

Trotz solcher Einzelfälle sind Fake-News hierzulande kein Massenphänomen geworden. Eine gewisser Hang zur Langeweile im Politbetrieb hat auch manchmal Vorteile.

Die Themen Stephen Colbert und die Kanzlerin bei den YouTubern behandeln mein Kollege Christian Meier und ich auch in der zweiten Folge unseres neuen Medien-Podcasts „Die Medien-Woche“. Außerdem geht es um die Debatte um das Rufmord-Buch des früheren AWD-Mitarbeiters Schabirosky und eine wirklich aufsehenerregende Reportage von Vice News zu den rechtsextremen Ausschreitungen in Charlottesville. Ich würde mich freuen, wenn Sie reinhören. Den Podcast können Sie jetzt auch bei iTunes anhören und abonnieren. Falls es Ihnen gefällt, auch gerne ein paar Sternchen bei iTunes lassen. Feedback ist willkommen unter der Mailadresse medien-woche@meedia.de.

Schönes Wochenende!

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