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„Die Wahrheit ist: Niemand braucht Air Berlin“: die Pressestimmen zur Insolvenz der Airline

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Air Berlin ist insolvent. Keinen der Kommentatoren überraschte diese Nachricht. Lediglich mit dem Zeitpunkt mitten in den Sommerferien hatte keiner der Beobachter gerechnet. Die meisten Journalisten sind sich sicher: Das Ende der Airline wird kaum spürbare Spuren hinterlassen. Auch bei den Gründen herrscht Einigkeit: „Schlampiger kann man kaum managen“ (FAZ).

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Carsten Knop schreibt in der FAZ: „Die Lufthansa darf sich darüber freuen. Den Frankfurtern fallen schuldenfreie Filetstücke zu, vielleicht bekommt auch Easyjet den einen oder anderen Teil von Air Berlin zugeschlagen. Die 8600 Mitarbeiter werden sich keine allzu großen Sorgen machen müssen. Vielleicht sollten sie sich sogar auf einen Arbeitgeber freuen, der besser geführt ist.“


„Warum jetzt?“. Bei Spiegel Online fragt Dinah Deckstein nach den Gründen, warum Etihad gerade jetzt die Zahlungen für die deutsche Airline einstellt. Sie schreibt: „Diese Frage müssen sich die Verantwortlichen bei Etihad gefallen lassen. Dass es um die deutsche Fluglinie nicht gut stand, war in der Branche schon lange bekannt. Unter anderem deshalb reiste Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Anfang Mai mit der Bundeskanzlerin nach Abu Dhabi, um in Gesprächen mit der Regierung nach einer Lösung für Air Berlin zu suchen. Die wurde zunächst zwar nicht gefunden. Allerdings sagten die Scheichs zu, ihren Ableger zumindest bis zum Spätherbst 2018 weiter zu alimentieren, um den Wahlkampf der Kanzlerin nicht im Hochsommer mit Horrormeldungen über die Insolvenz von Air Berlin zu torpedieren.“


Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart merkt spitz in seinem Morning Briefing an: „Was einen allerdings stutzig macht ist, dass das Management mitteilt, es wolle sich ohne Insolvenzverwalter, also in eigener Regie, sanieren. Im Interesse der Sicherheit im deutschen Flugverkehr sollte der Staat wachsam sein. Bislang sparte die notleidende Fluggesellschaft schon am Service und an der Pünktlichkeit. Nicht, dass die Air-Berlin-Maschinen demnächst mit nur einem Flügel starten. Jeder Absturz spart schließlich die Kosten der ordnungsgemäßen Landung.“

Für die Süddeutsche kommentiert Jens Flottau: „Die Wahrheit ist: Niemand braucht Air Berlin. So verständlich es ist, dass die Bundesregierung nun einen Überbrückungskredit bereitstellt, damit die Flugzeuge nicht stehen bleiben und wenigstens die vielen Urlauber in den nächsten Wochen nach Hause fliegen können, so wichtig ist es auch, dass es keine weiteren Staatshilfen gibt.“ Weiter heißt es: „Doch Air Berlin hat auch anderen, gesünderen und besser geführten Konkurrenten den Platz weggenommen. Diese Lücke wird nun nicht nur von Eurowings gefüllt, sondern vielen anderen: Ryanair, Easyjet oder Condor. Die Erfahrung aus anderen Fällen lehrt, dass die Flugbranche nicht lange braucht, um solche Ausfälle zu kompensieren.“

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In der taz schreibt Richard Rother: „Ob mit oder ohne Air Berlin – am Himmel wird sich nicht viel ändern: Der (Billig-)Flugverkehr, der zulasten von Umwelt, Flughafenanwohnern und Beschäftigten geht, wird weiterhin zunehmen. Weil es sich immer mehr Menschen leisten können und wollen, mit ihren Rollkoffern in andere Städte, an Strände, in Ski- oder Wandergebiete einzufallen, um etwas zu erleben, was sie posten können.“

In der Welt bringt Dietmar Deffner eine alternative Sichtweise ins Spiel: „Für die stark wachsende irische Billigfluglinie Ryanair gibt es keinen Zweifel. Bei der Insolvenz der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft Air Berlin und der angekündigten Übernahme von Unternehmensteilen samt Beschäftigten durch die Lufthansa handelt es sich um ein abgekartetes Spiel.“ Denn für Ryanair ist es „eine künstlich erzeugte Insolvenz“, „die offensichtlich aufgesetzt wurde, „damit Lufthansa eine schuldenfreie Air Berlin übernehmen kann“. Dies widerspreche aber sämtlichen Wettbewerbsregeln von Deutschland und der EU.“

Zeit Online geht der Frage nach, warum die Airline überhaupt pleite gehen musste: „Wer nach den Gründen des Niedergangs von Air Berlin fragt, erhält häufig dieselbe Antwort: Es sei das Resultat einer ‚völlig fehlgeschlagenen Strategie‘, sagt Gerald Wissel, Gründer der Hamburger Beratungsgesellschaft Airborne Consulting. Ein großer Fehler sei es gewesen, Air Berlin als erfolgreiche Tourismusairline zu einer zweiten Lufthansa umbauen zu wollen. Zudem hätten die immer neuen Strategiewechsel und Allianzen die Komplexität im Unternehmen enorm erhöht – über ein effizientes Maß hinaus. ‚Ein bisschen Ferienflieger, ein bisschen Businessflotte, ein bisschen Zubringer für Etihad – dieser Plan konnte nicht aufgehen. Aber Etihad als Eigentümer wollte das zu lange nicht wahrhaben‘, sagt Wissel.“

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