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Wie wäre es mit ein bisschen Selbstkritik? Thomas Tuma über trotzige Medien und die Lehren aus dem Fall Schabirosky

Handelsblatt-Vize Thomas Tuma (li.), Buchautor Stefan Schabirosky: „Manche Kollegen gerieten beim Versuch, Maschmeyer das Drücker-Handwerk zu legen, in eine Art Blutrausch“
Handelsblatt-Vize Thomas Tuma (li.), Buchautor Stefan Schabirosky: "Manche Kollegen gerieten beim Versuch, Maschmeyer das Drücker-Handwerk zu legen, in eine Art Blutrausch"

"Wer benutzt hier wen?": Nachdem ein ehemaliger Angestellter von Carsten Maschmeyer in einem Enthüllungsbuch sich zu einer jahrelangen "Schmutzkampagne" gegen den Unternehmer bekannt hat, wird in der Branche darüber diskutiert, ob die manche Medien dem aus Rache handelnden Whistleblower auf den Leim gegangen sind. In einem Handelsblatt-Kommentar, den MEEDIA hier dokumentiert, rät Thomas Tuma den Investigativen zu kritischer Selbstreflexion.

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Vor Thomas Tuma

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Sagt der Volksmund. Stefan Schabirosky hat vielfach gelogen. Sagt er selbst. Der Versicherungskaufmann gibt unumwunden zu, aus Rache gegen seinen Ex-Arbeitgeber AWD eine jahrelange Rufmordkampagne gestartet zu haben. Er bezichtigt sich, ebenso anonym wie grundlos Anzeigen initiiert und gefakte Anti-AWD-Seiten ins Netz gestellt zu haben. Er bekennt sich schuldig, firmeninterne Unterlagen manipuliert und Journalisten mit Halbwahrheiten versorgt zu haben – alles mit dem Ziel, den Finanzvertrieb und dessen Gründer Carsten Maschmeyer kleinzukriegen. Und als sein neuer Dienstherr, die Deutsche Vermögensberatung (DVAG), nicht bereit war, ihm für seine schmutzige Arbeit eine Millionenprämie zu zahlen, ging er mit der Geschichte nun auch noch an die Öffentlichkeit. Ein selbst ernannter „Rufmörder“. Ein doppelter Verräter. Ein Schmutzfink. Wer so oft lügt, dem glaubt man nicht, oder?

Man muss anders fragen: Warum bezichtigt er sich derart selbst? Denn neben der öffentlichen Ächtung drohen ihm jetzt ja auch juristische Konsequenzen. Glaubt er, den entgangenen Bonus durch Buchverkäufe doch noch reinzuholen? Da würde er irren. Wird er mittlerweile von Maschmeyer finanziert? Das weist er von sich. Und wäre ein neuer Judas-Lohn von ein paar Hunderttausend Euro es wirklich wert, sich um den letzten Rest der eigenen Reputation zu bringen, wenn an seiner Geschichte und seinen vielen Tausend Dokumenten gar nichts dran ist?

Die Wahrheit ist hier – wie meist – komplexer. Und dabei verschwimmt schnell, wer in diesem absurd anmutenden Schmuddeltheater überhaupt Opfer und wer Täter war und ist.

Fangen wir mit der DVAG an, die ihn angeblich als Rufmörder finanziert hat. Die erste Stellungnahme der Frankfurter wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Ja, man habe den Ex-AWD-Mann jahrelang beschäftigt, „eigenverantwortlich“ und „ohne konkrete Aufträge“. Erst nach fünf Jahren (in denen sein Gehalt stetig stieg) fiel auf, dass Schabirosky gar nichts arbeitet? Und dann lässt ihn die DVAG zum Abschied eine eidesstattliche Versicherung unterschreiben, dass etwaige Gesetzesbrüche während seiner DVAG-Zeit „ohne Wissen, ohne Weisung“ der Konzernspitze geschehen seien? Wer fordert so etwas, der nicht von Unsauberkeiten weiß?

Und Schabirosky selbst? War längst nicht der alleinige Königsmörder. Die Kritik an Maschmeyer und dem AWD gab es schon, bevor er aktiv wurde. Vieles von der negativen Berichterstattung, die er sich als sein ureigenstes Werk ans Revers heftet, hatte zudem mehr Quellen als seine Fake News. Und natürlich wusste Maschmeyer selbst am besten, dass es unter seinen Kunden immer auch welche gab, die ihren Einsatz verloren. Der AWD wird nicht über Nacht zur Sozialstation. Insofern sollte Maschmeyer gut abwägen, inwieweit ihm die neue Rolle als Opfer zusteht.

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Und die Medien, die Schabirosky aufmunitionierte? Jeden Tag melden sich bei ihnen Firmeninsider wie er mit vermeintlich heißer Ware. Diese „Whistleblower“ werden von den unterschiedlichsten – bisweilen niedrigsten – Beweggründen angetrieben. Manche hoffen auf fette Honorare, die es eh längst nicht mehr gibt. Andere wollen vielleicht nur einen Kollegen desavouieren. Es gibt sogar Angestellte, die ein Unrecht öffentlich und die Welt ein bisschen besser machen wollen.

Wir Journalisten werden jeden Tag instrumentalisiert. Es hilft also durchaus, die Hintergründe unserer Quellen zu kennen. Aber wichtiger noch ist am Ende des Tages nicht die Ambition des Informanten, sondern die Qualität seiner Ware. Dass die Fakten stimmen. Dass sie gegengecheckt wurden.

Man muss Maschmeyer nicht mögen, aber auch in seinem Fall war einst ein Herdentrieb zu beobachten. Manche Kollegen gerieten bei dem Versuch, ihm das Drücker-Handwerk zu legen, in eine Art Blutrausch. Da wurde womöglich nicht immer mit der gebotenen Sorgfalt oder notwendigen Distanz auch zu „Informanten“ wie Schabirosky gearbeitet.

Wenn die gescholtenen Redaktionen jetzt trotzig sagen, sie hätten sich nichts zuschulden kommen lassen, dann ist das verständlich. Wichtiger wäre für die ganze Branche, es mit ein bisschen Selbstreflexion oder gar -kritik zu versuchen. Wo drohen vielleicht generell systemimmanente Fallen? Zum Beispiel zeigt der Fall Schabirosky einmal mehr, wie einfach es ist, anonyme Anzeigen einzureichen. Und wie aus solchem „Anfangsverdacht“ dann oft gleich harte Storys werden, in denen letztlich nichts bewiesen ist.

Diese bizarre Rufmordaffäre birgt also durchaus eine Chance: Im Zeitalter von PR-Schattenmännern, Juristenlegionen in den Konzernen, Fake News und Regierungen, die ganz offen alternative Fakten streuen – in so einer Zeit braucht es mehr denn je professionelle Berichterstatter, geschulte Fachleute, unabhängige Einordner. Social Media wird das nie leisten können. Leisten wir uns also Sorgfalt, Transparenz – und immer mal wieder einen strengen Blick aufs eigene Tun.

Dieser Kommentar erschien zuerst im Handelsblatt

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