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Stefan Aust über die Whistleblower-Zwickmühle: „Es ist keine große investigative Leistung, einen Daten-Stick im Briefkasten zu finden“

Welt-Herausgeber Stefan Aust, Maschmeyer-Kampagne: „War bei den sogenannten Whistleblowern immer skeptisch“
Welt-Herausgeber Stefan Aust, Maschmeyer-Kampagne: "War bei den sogenannten Whistleblowern immer skeptisch"

Das Buch des Anti-Maschmeyer-Whistleblowers ruft kontroverse Reaktionen hervor. Dessen angeblicher Auftraggeber hält die Enthüllungen für maßlos aufgebauscht. Und die Medien, die den Informanten mit der Hidden Agenda als Quelle nutzten, sehen kein Problem darin, dass dieser von einem Konkurrenten der Zielscheibe seiner Kampagne Geld bekam. Ex-Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust sieht das anders.

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Was über das Buch „Mein Auftrag: Rufmord“ vorab veröffentlicht wird, klingt wie der Plot eines durchgeknallten Drehbuchautoren: Ein rachsüchtiger Ex-Mitarbeiter startet eine Schmutzkampagne gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber und wird dafür von dessen ärgstem Konkurrenten bezahlt. Und reihenweise Investigative bei den Leitmedien machen das Intrigenspiel mit. Was haben Sie gedacht, als Sie davon erfuhren?
Stefan Aust: Dass rachsüchtige Mitarbeiter Informationen herausgeben, um ihrer früheren Firma zu schaden, ist nicht neu. Dass sie dafür von einer Konkurrenzfirma bezahlt werden, das war für mich wirklich überraschend und erschreckend. Ich war bei den sogenannten Whistleblowern immer skeptisch, da dürfte es manche geben, die eine verborgene eigene Agenda haben.

Auch zu Ihrer Zeit als Spiegel-Chefredakteur gab es Maschmeyer-Enthüllungen im Nachrichtenmagazin. Wie denken Sie heute darüber?
Was der Spiegel oder andere Medien damals über Maschmeyer geschrieben haben, muss ja nicht alles falsch gewesen sein. Wir waren immer sehr vorsichtig und haben darauf geachtet, dass die Geschichten gut belegt waren. Das ändert aber nichts daran, dass Informationen im Nachhinein besonders kritisch hinterfragt werden müssen, wenn sich herausstellt, dass der Informant im Sold einer Konkurrenzfirma stand.

Bei vielen Investigativ-Stories ist unklar, welche Quelle die Informationen gestreut hat. Worauf müssen Reporter, worauf müssen Chefredakteure beim Umgang damit achten?
Ich habe bei relevanten Geschichten immer genau wissen wollen, welche Quellen unsere Mitarbeiter hatten, um zu vermeiden, dass wir uns von irgend jemandem instrumentalisieren ließen. Man kann das niemals ganz vermeiden, aber das Risiko muss erkannt und auch soweit wie möglich ausgeschlossen werden.

Gerade für Investigativ-Berichterstattungen gibt es immer wieder Journalistenpreise, wie zuletzt zum Beispiel für die viel diskutierten Panama Papers. Welche Grundregeln sollten die Enthüllungsmedien beachten?
Ich bin grundsätzlich immer skeptisch, wenn die Quellen unbekannt sind. Niemand kann dann übersehen, für welches Spiel er benutzt wird. Selbst wenn Unterlagen echt sind, kann immer sein, dass jemand die Medien für seine eigenen Interessen benutzen will. Es ist ja keine große investigative Leistung, einen Computerstick mit Daten im Briefkasten zu finden. Wenn es dafür dann Preise gibt, bin ich ich eher zurückhaltend mit Beifall.

Haben Sie im jetzt veröffentlichten Fall der Anti-Maschmeyer-Kampagne Erkenntnisse oder den Verdacht, dass manche Medien ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen sind?
Ich glaube, dass jeder Journalist die Informationen und Unterlagen des Informanten etwas kritischer betrachtet hätte, wenn ihm klar gewesen wäre, dass dieser von einem Konkurrenzunternehmen bezahlt wird. Das mag sich jetzt mancher schönreden.

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Sollte man unter Umständen bei Unkenntnis der Motive, die einen Whistleblower treiben, auf die Veröffentlichung einer Story verzichten? Ist das im medialen Wettbewerb überhaupt eine realistische Option?
Natürlich ist das immer eine Option. Ich habe einmal auf eine große Geschichte verzichtet, weil mir die Herkunft eines Aktenordners sehr dubios erschien. Und es war mir klar, dass dann ein anderes Medium die Geschichte bringt. So kam es dann auch. Damit muss man leben, wenn man nicht jedes Schmutzgeschäft mitmachen will.

Buchautor Stefan Schabirosky behauptet, die Presse sei eilfertig auf seine Story „eingestiegen“, die Kampagne „wie geschmiert“ gelaufen. Machen Medien es Manipulatoren mit Insiderwissen zu leicht?
Natürlich macht es die Konkurrenzsituation solchen „Informanten“ manchmal leicht, den einen gegen den anderen auszuspielen. An diesem Fall wird besonders deutlich, wenn erstmal einer auf die Geschichte eingestiegen ist, laufen alle anderen hinterher. Das ist sehr problematisch.

Wie kann ein Blattmacher verhindern, dass sein Medium sich unfreiwillig vor den Karren von undurchsichtigen Strippenziehern spannen lässt?
Als erstes muss man sehr genau wissen, woher die Informationen kommen und feststellen, welches die Motive des „Whistleblowers“ sind. Auch da kann man getäuscht werden, wie der aktuelle Fall zeigt. Aber wenn man genau hinsieht, kann man eine Menge Risiken vermeiden. Meine Devise lautet: Nehmt die Informationen, aber nicht die Sichtweise des Informanten, lasst euch nicht instrumentalisieren. Das ist manchmal leichter gesagt als getan. Insofern ist die Kenntnis der Quelle das Wichtigste überhaupt. Ich habe immer gesagt: Wenn ich meinen Kopf in die Schlinge stecke, will ich wenigstens wissen, wie haltbar der Strick ist.

Das Interview mit Stefan Aust wurde per E-Mail geführt.

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Alle Kommentare

  1. Wenn man sich vor Augen hält, wie viele absonderlichen Vorgänge den Niedergang dieser BRD mittlerweile säumen ohne daß sich irgendwelche Medien darauf einlassen würden, dann erhält diese Whistleblower- story eine geradezu satirische Dimension. Die gipfelt dann in Fragestellungen wie:

    „Wie kann ein Blattmacher verhindern, dass sein Medium sich unfreiwillig vor den Karren von undurchsichtigen Strippenziehern spannen lässt?“

    Unfreiwillig. Undurchsichtig. Vor einen Karren spannen läßt.

    Satire pur.

    1. Ebenfalls für Satire könnte man Ihren gerne herbei fabulierten „Niedergang dieser BRD“ halten. Muss schon schlimm sein, wenn man in einem solch sauberen Rechtsstaat wie der DDR mit vielfältigen, unabhängigen Medien aufgewachsen ist und dann die schlimmen Umstände in der Bundesrepublik ertragen muss …

  2. http://meedia.de/2017/02/03/vg-wort-und-die-lieben-spesen-ehrenamtler-fliegt-fuer-4-000-euro-mit-business-class-zur-sitzung-ein/
    Das man alles verbrennt und nur noch mit (natürlich vorher) selbst gemachten Photokopien arbeitet sollte da drin stehen. Aber den Informanten schützen scheint nicht ansatzweise interessant zu sein.

    Viele Leute wissen Aktenzeichen und Informationen. Da braucht man keine Terabytes an Daten.

    Und wenn man sowieso mindestens eine weitere Quelle als Bestätigung braucht ist es völlig irrelevant ob man eine Ex-Frau oder einen geschassten Manager oder null (USB-Stick) Quellen hat. Man muss die Informationen ja sowieso überprüfen können. Ein normaler Tisch hat mindestens drei Beine also sollte man 3 Quellen haben. Woher die erste Information (also die Tischplatte) kommt, ist hingegen egal.
    Ausserdem kann man lauern bis die Konkurrenz den Kopf raus-steckt und per Google Alerts drauf warten und dann die vorbereiteten eigenen Texte in Anlehnung an die Konkurrenz veröffentlichen und das Haupt(rechts)risiko ist die (vermeintlich schnellere) Konkurrenz eingegangen.

    Das Beispiel mit der Tranche: War damals nicht der CFO gegangen weil er die Grundstücke anders bilanzieren wollte ? Also ist der Informant sowas von egal weil man nämlich alle DAX-Konzerne offen und öffentlich ins Gesicht fragt, wie viele Grundstücke sie haben und ob die Grundstücke nach Verfahren A oder Verfahren B bewertet werden. Dann sähe man die Unterschiede und kostenlos würden Experten die Unterschiede verdeutlichen. Viele Leute hätten die Tranche dann ja vielleicht trotzdem gekauft. Als Boni-Manager sollte man schauen, keinen Fehler zu machen. Seit Madoff landet man oft genug im Knast. Denn die Pensionsfonds und Lebensversicherungen brauchen keine Geldverluste durch Manager.
    http://www.reuters.com/article/us-volkwwagen-emissions-idUSKBN1AK1OY
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/abgasaffaere-kalifornischer-pensionsfonds-will-vw-verklagen-a-1080789.html vom 2.August
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/abgasaffaere-kalifornischer-pensionsfonds-will-vw-verklagen-a-1080789.html vom 4.März

    Deep Throat hatte doch Watergate in Gang gesetzt. Nach 30 Jahren hat er sich geoutet. Ich glaube er bekam den Job als FBI-Direktor nicht und hat sein dann Wissen genutzt. Es gibt immer jemanden der die Beförderung nicht bekommen hat und etwas zu erzählen hat.
    http://www.derwesten.de/staedte/essen/essens-bundestagsabgeordnete-hinz-wusste-vom-mobbing-vorwurf-id11995027.html
    Da würde ich mal eine brauchbarere Informantenkultur zu etablieren. Aber wieso auch wenn nur noch 5 Zentral-Redaktionen bundesweit die Agentur- und PR-Meldungen verkünden.
    http://www.spd-altendorf.de/meldungen/30788/213068/Zum-anonymen-offenen-Brief-an-die-SPD-Essen-und-die-Presseberichterstattung.html
    letzter Absatz. Die Mitarbeiter sind bekannt und haben nichts zu befürchten. Eine gute Presse (z.b. weil man die SPD nicht mag) und jede gute Gewerkschaft könnte problemlos jeden befragen und über die Vorwürfe abstimmen lassen damit alle SPD(FDP, Linke, AfD, Grünen…)-Büros glücklich und zufrieden betrieben werden…
    „sämtliche möglichen Leaker feuern“ motiviert auch nicht gerade: http://meedia.de/2017/07/28/obszoenste-beschimpfungen-offene-drohungen-trumps-neuer-sprecher-scaramucci-flippt-voellig-aus/ „er sagt sogar, alle Leaker töten zu wollen.“
    Ist Obama besser ? Diese Beamte sind vermutlich für die künftigen Renten oder Lebensmittel-Preise und Zilliarden Dollar mit-verantwortlich: http://www.spiegel.de/politik/ausland/fall-shirley-sherrod-die-rassismus-affaere-die-keine-war-a-707979.html
    Da berichtet man natürlich lieber regierungskonform…

    Komischerweise wird Deutschland durch die Presse nicht ständig besser (oder aktuell der HSV) sondern eins nach dem anderen (HSV vermutlich nicht) an China verkauft. „Danke“ Presse.
    Die Presse hat weder Trump noch Brexit kommen sehen und erkennt nicht, das Verbrenner vorbei sind und Millionen deutsche und Zillionen weltweite Jobs, Autofirmen, Erdölfirmen und Erdölstaaten bald wohl dort stehen wo Trabant und Wartburg nach dem Mauerfall standen. Keinen kümmert es. Es würde reichen wenn jeder Politiker und jeder DAX-Konzern öffentlich erklären müssen, für die nächste Krise gerüstet zu sein und keine Hilfs-Milliarden zu brauchen. Die deutsche Bank hatte das ja damals dankenswerterweise gemacht.
    Statt also irgendwas heraus zu finden kann man die auch dazu bringen, öffentliche Erklärungen abzugeben. Ausreisser erkennt man dann.

    Die oft einseitige und oft voreingenommene Berichterstattung damals über die Piraten wiederholte sich bei Trump und AfD. Davon wird das Land nicht besser. Presse basiert leider auf platzbeschränktem Print und nutzt die Möglichkeiten von Online für viel vollwertigere Artikel immer noch nicht. Vielleicht muss man warten bis die Journalismus-Professoren ausgetauscht sind. Wenigstens sind Videos inzwischen normaler.
    http://meedia.de/2017/06/20/dpa-gruppe-legt-bilanz-2016-vor-umsatz-steigt-aber-die-presse-agentur-gmbh-macht-weniger-gewinn/ letzter Absatz

    Und
    http://meedia.de/2017/07/18/angeblicher-insektenschwund-wie-die-medien-in-die-gruen-rote-wahlkampffalle-tappten/
    beweist ja, das man gerne einseitig informiert wird aber auch, das die Quellen oft genug wohl nicht gelesen wurden obwohl es genug interessierte Leser geben würde welche einen hingewiesen hätten. Man muss ja nix machen was andere freiwillig arbeiten: Siehe Tom Sawyer wo er den Zaun anstreichen soll ich glaube ziemlich früh im Buch. Der kuratierte(?) Leser und kuratierende Journalist sind wie ein Turbo-Motor für den wahren Journalismus denn durch Leser-Feedback wird man immer besser. wikipedia: turbolader Der Leser gibt immer mehr ergänzende Informationen (und Quellen!) so das beim Thema nix wichtiges mehr weggelassen wird. Trumps Bauprojekte sind z.B. fertig geworden und kosten nicht das zehnfache wie versprochen. Bei BREXIT war zwar das Wettbetrags-Volumen gegen Brexit aber die tausenden kleinen Mini(jobber)-Wetten waren wohl für Brexit und vielleicht nur ein paar dicke Bonzenwetten von EU-Profiteuren gegen Brexit ! Deutschland war bei den Wetten für FußballWM wohl recht weit oben und hat ja auch gewonnen (als Beleg das man immer die Wetten quasi als alternative Umfragen anschauen sollte z.b. auch bei Bundestags-Wahlen)
    http://meedia.de/2017/07/06/neue-kapitalspritze-fuer-merkurist-journalismus-startup-erhaelt-millionen-foerderung/ dafür braucht man keine Informanten sondern man kann z.b. Wasserproben nehmen oder Singvögel zählen oder sonstwas sinnvolles machen um Licht ins Dunkel zu bringen.

    Oft gehts auch nur um Negatives weil die wenigen (Pseudo/Möchtegern/…)-Erfolge meist lauthals verkündigt werden und sich Parteien mit Verantwortung für Milliarden (oder auch nicht) oft genug gerne als Wahlgewinner bezeichnen und vielleicht nicht mehr viel mitbekommen (1). Positive Meldungen gibts ja auch fast nur von überlegenen Super-Firmen also was will Warren Buffet als nächstes kaufen, was ist das nächste iPhone, iPad,… und natürlich Tesla der seine Erfolge einfach abliefert und oft genug nicht vorher lauthals herumtönt:
    http://www.golem.de/news/powerpack-tesla-nimmt-netzspeicher-in-kalifornien-in-betrieb-1701-125793.html
    Praktisch alles was er anfasst funktioniert. Nennt doch drei (für den Kleinaktionär) erfolgreiche Google-Zillionen/Zilliarden-Übernahmen ?
    http://www.golem.de/news/dota-2-deutscher-kuroky-gewinnt-the-international-mit-team-liquid-1708-129457.html letzter Absatz

    (1) http://meedia.de/2017/05/16/misslungene-tv-auftritte-von-schulz-lauterbach-und-oppermann-die-spd-spitze-entzaubert-sich-selbst/

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