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Netflix: US-Wirtschaftsmagazin Barron’s sagt dem Streaming-Pionier schwere Zeiten und möglichen Crash von 50 Prozent voraus

Netflix-CEO Reed Hastings hat eine der größten Erfolgsgeschichten der Internet-Ära geschrieben
Netflix-CEO Reed Hastings hat eine der größten Erfolgsgeschichten der Internet-Ära geschrieben

Video-Streaming-Pionier Netflix ist eine der größten Erfolgsstorys der Internet-Ära und der jüngeren Börsengeschichte. Kurz vor dem 20-jährigen Firmenjubiläum wird Netflix an der Wall Street bereits mit 74 Milliarden Dollar bewertet. Geld verdient das von Reed Hastings geführte US-Unternehmen trotzdem fast keines. Der Grund: Netflix braucht Unsummen, um seine Binge-Watch-süchtige Klientel mit immer neuen Serien bei Laune zu halten. Das US-Wirtschaftsmagazin Barron's glaubt, dass die Rechnung nicht mehr lange aufgeht und prognostiziert Netflix den großen (Börsen-)Absturz. 


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In zwei Wochen ist es so weit: Netflix wird am 29. August bereits 20 Jahre alt. Neben Amazon, Google und Facebook ist der Streaming-Pionier die größte Erfolgsstory der amerikanischen Internetwirtschaft.

Die Superlative sind atemberaubend: Aus einem DVD-Versender, der einst den milliardenschweren Platzhirschen Blockbuster herausforderte, ist nach Disney und (inzwischen wieder)  Time Warner der drittwertvollste Medienkonzern erwachsen. Mit stolzen 74 Milliarden Dollar wird Netflix inzwischen bewertet: Wer beim Börsengang vor 15 Jahren nicht mal 7000 Dollar investiert hätte, wäre heute Millionär.

Wie lange geht die Wachstumsstrategie noch auf?

Allein: Rein fundamental ist Netflix‘ enorme Bewertung nicht zu erklären. Gerade mal 66 Millionen Dollar verdiente der Video-Streaming-Dienst im abgelaufenen Quartal – ein Bruchteil der Gewinne der US-Medienriesen. Der Grund ist in der aggressiven Wachstumsstrategie von Konzernchef Reed Hastings zu suchen, der nach dem Vorbild von Amazon jetzt jeden Cent der heutigen Einnahmen in das Geschäft von morgen investiert.

Tatsächlich sind die Ausgaben gewaltig: Stolze 6 Milliarden Dollar investiert Netflix allein in diesem Jahr  für seine Eigenproduktionen, die einen Serien-Hit nach dem nächsten produzieren – von „House of Cards“, das den Hype um Netflix begründete, über „Orange is the new Black“ bis zu neueren Hits wie „Stranger Things“ und „The Crown“.

Mehr eingestellte Serien: „Bloodline“, „The Get Down“ und „Gypsy“ nicht verlängert

Doch nicht mehr jede millionenschwere Wette geht auf: Baz Luhrmanns  Hochglanz-Hip-Hop-Epos „The Get Down“ wurde ebenfalls nach einer Staffel wieder abgesetzt wie die gerade gestartete Psychoserie „Gypsy“ mit Hollywood-Star Naomi Watts. Noch bemerkenswerter: Auch die Kultserie „Bloodline“ wurde nach drei Staffeln nicht verlängert.

Netflix-Chef Hastings hatte unlängst erklärt, dass sich Zuschauer auf mehr Serien-Einstellungen gefasst machen müssten: „Ich bedränge unser Programmteam immer: Wir müssen mehr riskieren, ihr müsst mehr verrückte Dinge ausprobieren“, hatte Hastings im Gespräch mit CNBC bekannt.

„The Trouble with Netflix“: Barron’s sagt schwere Zukunft voraus

Der Hintergrund ist klar: Netflix will sich nicht nur auf altbekannte Serien-Hits verlassen, sondern braucht überraschende, neue Produktionen um sein Abonnentenwachstum hochzuhalten. Genau an dieser Stelle beginnt für das Wirtschaftsmagazin Barron’s die Problematik.

Der Ableger des Wall Street Journals entwarf in seiner Titelgeschichte am Wochenende ein düsteres Zukunftsszenario für Netflix. Der Tenor: Langfristig werde Netflix Probleme bekommen, den immer größeren Bedarf seiner seriensüchtigen Kunden zu erfüllen – zumal zu den gewohnten Preisen.

Fraglos ist Netflix‘ enormes Wachstum nicht nur dem großen Content und der erstklassigen technischen Distribution, sondern auch dem sehr kundenfreundlichen Geschäftsmodell geschuldet. Mit Startpreisen von 8 Dollar / Euro ist Netflix im Grunde zu günstig, um sein enormes Wachstum weiter zu finanzieren.

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Netflix hat 5 Milliarden Schulden – und 15,7 Milliarden Dollar Zahlungsverpflichtungen

Was schließlich gerne vergessen wird und in der letzten Woche erneut die Runde machte: Netflix hat fast 5 Milliarden Schulden und weitere Zahlungsverpflichtungen mit seinen Content-Partnern in Höhe von 15,7 Milliarden Dollar. (Die LA Times machte daraus die – sachlich falsche – Sensationsstory von 20 Milliarden Schulden.)

Irgendwann – nicht morgen und nicht nächstes Jahr, aber irgendwann in der Zukunft – wird Netflix seinen Investoren zeigen müssen, dass der Streaming-Pionier gewillt ist, echtes Geld zu verdienen. Das geht wiederum nur mit Preisanhebungen, die zu einem großen Aufschrei und einer spürbaren Verflachung des Abonnentenwachstums führen dürfte.

Disney-Rückzug belastet

Zumal, wenn Netflix‘ Angebot durch den Wegfall von Content-Partnerschaften ausgedünnt wird. Das Szenario wird schon in eineinhalb Jahren bei den wichtigsten Content-Lieferanten Wirklichkeit: Disney, das aktuell fast 100 Titel in der deutschen Netflix-Bibliothek anbietet, darunter Klassiker wie „Der König der Löwen“,  „Cinderella“ und „Toy Story“, startet 2019 seinen eigenen Streaming-Dienst und wird Netflix mit Inhalten der Marke Disney und Pixar entsprechend nicht mehr beliefern.

Für Netflix ist das eine ziemlich schlechte Nachricht: Der Streaming-Pionier muss künftig auf wertvolle Inhalte verzichten und sich mit Disney auf einen neuen Rivalen einstellen.

Konkurrenz von Amazon, Apple und Facebook

Und nicht nur Disney drückt: Mit Amazon Prime Video besteht bereits ein ernst zu nehmender direkter Streaming-Konkurrent aus dem Internetlager, der selbst über schier unbegrenzte Ressourcen verfügt. In diesem Jahr soll der drittwertvollste Internetkonzern der Welt mit Ausgaben von 4,5 Milliarden Dollar nur unwesentlich weniger in Content investieren als Netflix.

Und dann sind da noch die anderen Internet- und Technologiebörse-Rivalen. Facebook hat in den USA mit „Watch“ gerade seine Video-Ambitionen untermauert und soll Gerüchten zufolge ebenfalls ambitionierte Hochglanzproduktionen in der Güteklasse von „House of Cards“ oder „Scandal“ in Auftrag gegeben haben.

Barron’s sieht Abwärtspotenzial von 50 Prozent

Und dann ist da auch noch der wertvollste Konzern der Welt, der seine Bemühungen in Sachen Bewegtbild langsam, aber sicher forciert. Bisher hat Apple für seinen Musik-Streaming-Dienst Apple Music das Kultformat „Carpool Karaoke“ und die verunglückte Reality-TV-Show „Planet of the Apps“ gelauncht.

Doch das dürfte nur der Anfang der Content-Initiative sein: Die  Sony-Manager Jamie Erlicht und Zack Van Amburg, die die Erfolgsserien „Breaking Bad“ und „Better Wall Saul“ mitentwickelt haben, dürften kaum ohne Ambitionen verpflichtet worden sein. Entsprechend rechnet der Wagnisfinanzierer Loup Ventures damit, dass Apple seine Film- und Serien-Ambitionen binnen der kommenden fünf Jahre auf massive 7 Milliarden Dollar pro Jahr aufstocken wird – und sogar seinen ersten  Oscar gewinnt.

In anderen Worten: Die Konkurrenz für Netflix wird von allen Seiten größer. Die Folge: Davon dürfte auch Netflix und seine Aktionäre etwas zu spüren bekommen – Barron’s sieht ein Abwärtspotenzial von knackigen 50 Prozent. Das goldene Zeitalter des Fernsehens könnte weiter bei Netflix‘ Programmen liegen – das goldene Zeitalter der Netflix-Aktie könnte indes nach Kurssteigerungen von über 15.000 Prozent vorüber sein.

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