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MEEDIA-Wochenrückblick: So sorgt die SWMH für die Verbreitung des AfD-nahen Deutschland Kuriers

AfD, Leo Erika Steinbach-Fischer, neuer Podcast „Die Medien-Woche“
AfD, Leo Erika Steinbach-Fischer, neuer Podcast "Die Medien-Woche"

Diesmal im MEEDIA-Wochenrückblick: Ex-Titanic-Chefredakteur Leo Fischer sorgte dafür, dass man beim Twitter-Account des Zeit-Magazins Wahrheit und Fake beim besten Willen nicht mehr auseinanderhalten konnte. Die AfD brüstet sich mit einem Ex-Bild-Chef, der keiner ist. Die SWMH sorgt für die Verbreitung des Deutschland Kuriers und es gibt einen neuen Medien-Podcast.

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Wir leben in verwirrenden Zeiten, liebe Leser. Das hoch seriöse Zeit Magazin hat sich vor einiger Zeit den PR-Gag ausgedacht, dass Promis oder Journalisten für ein paar Tage ihren Twitter-Account übernehmen. Die Gast-Twitterer sollen dann ihre Lieblings-Stücke aus der Zeit oder dem Magazin teilen oder sonstwie mit der so genannten „Twitter-Kolumne“ spielen. Wie sie vielleicht mitbekommen haben, war aktuell der ehemalige Titanic-Chefredakteur Leo Fischer als Gast-Twitterer gebucht und er tat, was ein ehemaliger Titanic-Chef halt so tut: Er haute den laden mit satirischen Mitteln kurz und klein. Fischer tauschte zunächst das Profilbild des Zeit Magazins gegen eine Foto-Montage aus, bei der sein Gesicht in ein Bild der früheren CDU-Politikerin Erika Steinbach montiert ist. Danach veranstaltete er Umfragen. Zum Beispiel fragte er, welche Luxus-Uhrenmarken die „lieben Leser“ denn am schlechtesten finden. Wohlgemerkt waren die Uhren-Marken alles Anzeigenkunden des Zeit Magazins. Die Redaktion setzte dem Treiben Fischers ein Ende, als dieser via Eilmeldung fälschlicherweise den Tod von Mehmet Scholl und einen beginnenden Atomkrieg in Nordkorea verkündete. Dass die Redaktion Fischer den Twitter-Account wegnahm, ist verständlich, kam im Web aber wenig überraschend nicht gut an.

Als der Zeit Magazin Twitter-Account mit Zwinkersmiley verkündete, dass Satire „alles“ dürfe, befand sich der Account schon längst selbst im Satire-Modus. Leo Fischer hat den „Satire darf alles“-Tweet sogar mit seinem Kürzel gezeichnet (lf). Wobei freilich auch das (red)-Kürzel der Redaktion unter dem Tweet stand. Die Verwirrung war perfekt. Dass es der Titanic-Mann nicht dabei belassen würde, gepflegt langweilige Lesetipps zu twittern, wenn man ihm den Twitter-Account eines so stockseriösen Magazins in die Finger gibt, hätte man sich vielleicht denken können.

Die AfD ist schnell dabei, wenn es darum geht, die Presse anzuprangern. Andererseits schmückt man sich auch bei der blauen Partei gerne mit irgendwelchen Mainstreammedien-Bezügen. Wenn bei einer Wahlveranstaltung der AfD also der frühere Springer-Journalist Nicolaus Fest spricht, wird er in der Ankündigung als „ehemaliger Chefredakteur der Bild-Zeitung“ bezeichnet. Das meinen die nicht ironisch, sondern Fest soll dadurch wohl eine Art von Bedeutung verliehen werden. Oh, ah, der Typ war Chefredakteur der Bild-Zeitung, der muss ja ein toller Hecht sein. So in etwa.

Der Fehler im Detail ist nun natürlich, dass Fest nie Chefredakteur der Bild war, sondern Leiter des Kultur-Ressorts und stellvertretender Chefredakteur der Bild am Sonntag. Solche Funktionen in der zweiten Reihe sind für Angeberzwecke natürlich eher suboptimal geeignet. Ist das, was die AfD da macht, eigentlich schon Fake-News?

Haben Sie schon mal den Deutschland Kurier in der Hand gehabt? Das ist diese Wochenzeitung des Vereins zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten, die es den Mainstreammedien mal so richtig zeigen will und die mit der AfD angeblich nix zu tun, obwohl sie teilweise wirkt, wie eine Parteizeitung derselben. Sollten Sie in der Region Stuttgart wohnen, könnte es sein, dass der Deutschland Kurier vergangenes Wochenende huckepack mit der Anzeigenzeitung Stuttgarter Wochenende in ihrem Zeitungsrohr landete. Das Anzeigenblatt mit einer Auflage von 213.000 Exemplaren legte das AfD-nahe Druckerzeugnis nämlich bei. Die alternative Stuttgarter Wochenzeitung Kontext hat den Geschäftsführer des Anzeigenblatts, einen Herrn Reese, gefragt, ob er das für eine gute Idee hält. Seine Antwort: Es sei nicht sein Job, die „Appetitlichkeit“ von politischen Prospektbeilagen zu bewerten. Demokratietheoretisch betrachtet müssten auch solche Meinungen einen „Marktplatz“ finden. Veröffentlicht würde aber natürlich selbstredend nur, was „rechtskonform“ ist.

Sie kommt mir seltsam bekannt vor, diese Argumentation. Als die große Süddeutsche Zeitung jüngst kritisiert wurde, weil sie just am Jahrestag des missglückten Putschversuchs in der Türkei eine türkische Propagandaanzeige veröffentlichte, rechtfertige SZ-Geschäftsführer Stefan Hilscher das ganz ähnlich: „Wie der Verlag zum Inhalt der Anzeige steht bzw. ob er  diesen für unbedenklich hält, ist somit für die Entscheidung, ob diese Anzeige veröffentlicht wird, nicht ausschlaggebend.“ Wichtig für die Bewertung, ob eine Anzeige veröffentlicht wird oder nicht, sei allein, ob diese gegen hiesiges Recht verstößt.

Die SZ gehört übrigens genau wie das Stuttgarter Wochenende zum Konzern Südwestdeutsche Medien Holding (SWMH). Zum Fall SZ und die Türkei-Anzeige schrieb ich: „Wir drucken alles, was Geld bringt und nicht strafbar ist, reicht als Handlungsmaxime vielleicht für ein Anzeigenblättchen aus. Für eine Süddeutsche Zeitung ist das zu wenig.“ Mittlerweile würde ich von dieser Einschätzung abrücken wollen. Ein Pamphlet wie den Deutschland Kurier für ein paar Euro dem eigenen Medium beizulegen, ist selbst für ein Anzeigenblättchen so ein bisschen würdelos. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Die dürfen das machen. Wenn sie meinen, sollen die das auch machen. Vor allem, wenn einem das eigene Image komplett egal geworden ist.

Zum Schluss noch etwas in eigener Sache: Der Deutschland Kurier im Stuttgarter Anzeigenblättchen ist auch eines der Themen in dem neuen Medien-Podcast „Die Medien-Woche“. Welt-Medienredakteur und mein Ex-MEEDIA-Kollege Christian Meier und ich sprechen in dem Podcast künftig immer freitags über Medienthemen der Woche. Weitere Themen der Auftakt-Episode sind der Bruch der ARD mit ihrem Fußball-Experten Mehmet Scholl, der Wirbel um das unflätige Facebook-Posting von ZDF-Moderatorin Dunja Hayali, Donald Trumps eigene Nachrichtensendung „Real News“ und der Start in die Wahl-Interview-Saison. Hören Sie doch mal rein!

Schönes Wochenende!

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