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Lindner auf „populistischen Abwegen“ oder mit „gelungener Provokation“? Das Medien-Echo auf die Krim-Äußerungen des FDP-Chefs

FDP-Bundesvorsitzender Christian Lindner
FDP-Bundesvorsitzender Christian Lindner

Sieben Wochen vor der Bundestagswahl bringt sich Christian Lindner mit einem Vorschlag zum Umgang mit Russland ins Gespräch: Um die Basis für einen ergiebigeren Dialog mit Putin zu schaffen, müsse Deutschland die Krim zunächst als "dauerhaftes Provisorium" anerkennen und Sanktionen lockern. Die Medien reagieren empört. Ist PR-Profi Christian Lindner dieses Mal über das Ziel hinaus geschossen?

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Die Kommentatoren sind sich größtenteils einig: Lindner hätte sich die Äußerungen zum Umgang mit der annektierten Krim und zur Lockerung der Russland-Sanktionen besser sparen sollen. Sowohl innerhalb Deutschlands als auch über die Bundesgrenzen hinaus hat er mit seinem im Interview mit der Funke Mediengruppe vorgetragenen Vorstoß so kurz vor der Bundestagswahl ein falsches Signal gesendet.

So kommentiert Christina Hebel bei Spiegel Online: Lindners Forderung nach einem russlandfreundlichen Kurs sei berechnet, aber nicht gut durchdacht gewesen. Es handele sich hierbei zwar wahrscheinlich um eine „gezielte Provokation eines Parteichefs“, man dürfe den „Profilierungsversuch im Wahlkampf“ aber nicht leichtfertig abtun. „Ihm (Putin) nun Entgegenkommen bei den Sanktionen zu signalisieren, ist nicht nur das falsche Zeichen zum völlig falschen Zeitpunkt, es ist auch fahrlässig und schadet der westlichen Verhandlungsposition.“

Richard Herzinger von Welt/N24 wirft dem FDP-Mann vor, „den Genscher“ zu machen – nur dass die Fußstapfen, in die Lindner zu treten versuche, ein bisschen zu groß für ihn seien. Es sei typisch für die FDP, „in Sonntagsreden von Freiheitswerten zu reden – und dann doch mit Diktaturen kuscheln.“ Linder habe außerdem der Ausgangslage der deutschen Außenpolitik für Gespräche mit Russland geschadet: „Indem er dem Kreml im Voraus die Einhaltung von Grundnormen des internationalen Rechts erlassen will, unterminiert er die Grundpfeiler des westlichen Verhandlungsposition gegenüber einem autokratischen Aggressor.“

Rainer Woratschka titelt auf tagesspiegel.de „Lindner auf populistischen Abwegen“ und kritisiert die Appeasement-Idee des FDP-Chefs. Er habe gezeigt, „dass die Liberalen nach ihrem erzwungenen Sabbatical keineswegs schon wieder zum Mitregieren gereift sind“. Auch Woratschka hebt die Parallelen zu den großen deutschen Außenpolitikern während des Kalten Krieges hervor und bezeichnet diesen Pathos als „besonders peinlich“.

Laut Bild-Chefreporter Paul Ronzheimer ist der FDP-Chef vor Putin eingeknickt. Ihn stört vor allem der Widerspruch zwischen Lindners jüngsten Aussagen und dem Parteiprogramm der FDP. „Christian Lindner redet gern von Werten, Freiheit und Menschenrechten. Wie kann ausgerechnet er in der Krim-Frage Putin jetzt so entgegen kommen? Warum tut er das im Wahlkampf? Geht es ihm am Ende nur um deutsche Unternehmen, die nach einer Lockerung von Sanktionen wieder bessere Geschäfte mit Russland machen könnten?“.

Thomas Ludwig von der Neuen Osnabrücker Zeitung bezeichnet das Interview dagegen als „gelungene Provokation des Gegners“ und unterstreicht, dass Lindner in Bezug auf die Krim als ‚dauerhaftes Provisorium‘ nur ausgesprochen habe was „realpolitisch längst Status Quo“ sei. Lindner habe lediglich hervorgehoben, dass die Sanktionen „bei einem substanziellen Einlenken der russischen Regierung“ gelockert werden könnten. Das hat laut Ludwig aber „nichts mit Kuschelkurs gegenüber Moskau zu tun.“

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