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„Komplexer und größer als Herr der Ringe“: Kulturwissenschaftler erklärt Hype um „Game of Thrones“

Cyber-Kriminelle erbeuteten unveröffentlichtes „Game of Thrones“-Material vom US-Sender HBO
Cyber-Kriminelle erbeuteten unveröffentlichtes "Game of Thrones"-Material vom US-Sender HBO

Der weltweite Hype um die Fantasy-Saga "Game of Thrones" (GoT) ist aus Sicht der Wissenschaft durchaus erklärbar. "Der Knackpunkt ist eine inneren Spannung zwischen knallhartem Realismus und Fantasy", erklärte ein Kulturtheorie-Professor. GoT könne dazu führen, dass die herkömmliche Hollywood-Fantasy an Stellenwert verliert. Denn der GoT-Schöpfer George R.R. Martin schlage alle üblichen Fantasy-Strukturen kaputt.

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Im Gegensatz zu herkömmlicher Fantasy, die meist gängigen Schemata folge, komme bei GoT tatsächlich immer alles anders, als man denke, sagt Jan Söffner von der Zeppelin Uni in Friedrichshafen am Bodensee. Man frage sich immer, was passiert, wer das letzte Wort haben und wie die Sache ausgehen wird. Söffner hält „Game of Thrones“ zwischen Mittelalter, Drachen und Untoten tatsächlich für „etwas sehr Großes“, das man wohl auch in 100 Jahren noch kenne. Zwar habe die Serie noch nicht die Dimension und vor allem die Figuren von „Star Wars“, womit George Lucas mehrere Generationen von Kindern beeinflusst habe. Doch sei es viel komplexer und größer aufgezogen als etwa Tolkiens Weltklassiker „Herr der Ringe“. Entscheidend sei, wie US-Autor George R.R. Martin die Story weiterführe und ob die TV-Serie ihr Niveau bis zum Schluss halten könne. Aktuell läuft die vorletzte Staffel der Serie.

Herkömmliche Hollywood-Fantasy folge meist der Mythentheorie von Joseph Campbell, erklärte Söffner. Heißt: Junger Held lebt in der Realität. Er erhört den Ruf aus einer höheren, anderen Realität; er tritt dort ein. Er hat einen Mentor, der meist stirbt, und er lebt am Ende in beiden Realitäten. Für „Star Wars“ sei das prägend gewesen, für „Harry Potter“ oder „Matrix“ ebenfalls. Durch GoT könne man diesen Standard-Mythos eigentlich nicht mehr so richtig ernst nehmen. „Eventuell geht da eine Epoche zu Ende.“

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Die Fans erwarten laut Söffner gar nicht, dass Gutes passiert, dass sich alles zum Guten wendet. Im Gegensatz zur herkömmlichen Fantasy werde man ständig enttäuscht. Es gebe nur gebrochene Charaktere, die Figuren scheitern. Eine Erlösung gebe es nicht. Martin schlage alle üblichen Fantasy-Strukturen kaputt. „Und er tut das innerhalb einer Fantasy-Geschichte.“ Das Ergebnis: ständige Enttäuschung aber auch ständige Hoffnung.

Die Länge. „Wir leben in einer Zeit der Langerzählung“, sagte Söffner. Zwar würden alle sagen, sie hätten keine Zeit – aber die Erzählungen würden richtig lang. „Es geht nicht darum, sich kurz irgendwas erzählen zu lassen. Sondern darum, in eine Erzählung hereinzuwachsen – und durch sie eine Haltung zum Leben zu gewinnen.“

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Alle Kommentare

  1. Wenn man ausgerechnet durch GoT „eine Haltung zum Leben“ erhält, mache ich mir Sorgen. Haben vergangene TV-Generationen durch Langläufer wie „Dallas“ eine „Haltung zum Leben“ abgeleitet?

    Überhaupt „Dallas“ und das Phänomen Seifenoper: „Game of Thrones“ hat nichts erfunden oder erstmals umgesetzt. „GoT“ ist die konsequente Anwendung der Erzählmuster der Seifenoper auf eine Fantasy-Intrigengeschichte.
    Auch in „Dallas“, „Dynasty“, „Falcon Crest“ oder deren täglichen Vorbildern „General Hospital“ und „Springfield Story“ ist allen Figuren immer nur Schlimmeres passiert (ständiges Scheitern und ewige Hoffnung) und haben die personellen Verstrickungen höchste Komplexität erreicht.
    Hier ist alles nur größer und bunter und mit Drachen.

    Das Vorbild für das Spiel der Throne sind die Rosenkriege (15. Jhdt, Lancaster vs. York), angereichert durch fantastische Elemente und Zombies.
    Als der Fantasy- und SF-Autor Jack Vance (1919-2016) starb, haben viele Nachrufe daran erinnert, dass der „Game of Thrones“ mit seiner „Lyonesse“-Trilogie (1983-1989) ein weiteres Vorbild hat (Adelige und Könige streiten sich um den Thron der Älteren Inseln in einer Art fiktiver Vorgeschichte zur Artussage). Auch Jack Vance hat nach 100 Seiten Sympathiefiguren und vermeintliche Handlungsträger völlig überraschend umkommen lassen.

    Was „Game of Thrones“ (das Romanwerk, nicht die TV-Serie) so herausragend innerhalb der Fantasyliteratur macht, ist die subjektive Erzählweise, die den Leser zwingt, die „Wahrheit“ über die Charaktere zwischen den Zeilen herauszulesen.

  2. In der Bibel gibts doch auch meist kein Happy End.
    Man müsste man die Bibel-Geschichten die passenden Game of Thrones Äquivalente nebeneinander setzen.

    Der beste Film aller Zeiten bekam keinen Oscar. An seinen Oscar-Besieger kann sich die Mehrheit vermutlich nicht einmal mehr erinnern. Später wurde IMDB mainstreamig, aber die Hälfte der Top-100-Kino-Filme ist vermutlich immer noch qualitativ kulturell und sehenswert und nicht nur Mainstreamig und Kandidat für Schlefaz. Für die täglichen Fernsehtipps ist das vielleicht (neben den Oscar-Gewinnern) auch einen Tipp wert, wenn die Filme doch mal laufen sollten.
    „Diagnose:Mord“ täglich bei Sat.1-Gold hat ein paar Folgen wo man sich über TV-Serien-Industrie bzw. TV-Sender lustig macht. Ich glaube da war ein Zitat wie „Meine neue Cop-Serie wird ein Klassiker wie Hill Street Blues“. Wer hier erinnert sich noch an Hill Street Blues ? Vergleicht sie mal bei IMDB anhand der gewonnenen Preise mit euren aktuellen Lieblings-Serien, Homeland, Mentalist, NCIS, Komissarin Lund usw.
    Game of Thrones kann also (wie schon Hill Street Blues, 21 Jump Street, MacGuyver, Baywatch oder andere (vergessene) Klassiker eines Jahrzehntes) sehr sehr schnell vergessen sein.

    Eine Dschungelcamp-Kandidatin kannte ich glaube letztes oder vorletztes Jahr Roger Moore oder Sean Connery nicht als James Bond. Sich darüber lustig zu machen ist aber ein Denk-Fehler.
    Neulich bei Promi-Haus gab es das vielleicht auch, aber ich habe das Beispiel vergessen.

    BITTE Bild und Welt, erfinden sie einen Bilder-Test wo jede Altersgruppe sich wieder findet.
    Manche Promis bald bei Dschungelcamp kennen Ronald Reagan und Bin Laden vermutlich nicht. Ist ja auch nicht schlimm. Manche „Quoten-„Rentner bei Dschungelcamp kennen dafür Daniel Craig nicht und finden das vermutlich korrekt. D.h. wenn Bild+Welt alle James-Bond-Darsteller oder berühmte Comedians (Dieter Hildebrandt und Louis de Funes oder Tegtmeier(?) neben Böhmermann und Kebekus und Mario Barth) oder ganz einfach nur US-Präsidenten Trump, Obama, Clinton, Kennedy. Eisenhower, Ronald Reagan, nebeneinander auf Fotos zeigen einfach nur auf, zu welcher Altersgruppe man gehört.
    Ich glaube „Cher“ hatte in jedem Jahrzehnt einen Top-10-Musik-Song-Hit. Viele Comedians hingegen haben nur ein Jahrzehnt lang Erfolg und werden dann abgelöst. Bei Musikern gibts zig „One-hit-Wonder“ oder bei Künstlern „One-Trick-Ponies“.
    Wahre Leister wie Jamie Lee Curtis (Scream Queens-Serie, Helloween-Filme) oder Sigourney Weaver (Alien-Kinofilme, Avatar, Be Kind – Rewind,…) schaffen es seit Jahrzehnten, jeder Generation postiv bekannt zu sein.

    Und das TV-Serien die neue Erzählform sind, wurde schon vor 20(!) Jahren in einer Dokumentation von Arte bewiesen, führt aber erst jetzt (wohl durch die 20jährige frische Frau) der Entscheider zu Zillionen-großen Förder-Budgets der (bisher verhindernden) Entscheider. Und schon damals war Twin Peaks von 1990 das Beispiel
    Mal sehen wie die jämmerllchen Ausreden lauten werden falls keiner diese Zillionen-Serien sehen will. Doch deren Pension ist sicher…

    Und ob man eigenständige Kinofilme (oft wohl für Heranwachsende,Teenager und 20jährige) und Serien vergleichen kann, müsste man auch mal überlegen. Auch weil man Arthouse und die ganzen Non-Hollywood-Filme unterschlägt. Die meisten Zeitschriften gibts nur im Abo/Kunden/Vereinsmitglieder-Zeitschriften und sind wohl gar nicht bei IVW d.h. IVW ist nur die Spitze vom Eisberg. Und das McDonalds (oder Hollywood-Mainstream-Kino) viele Kunden hat macht Wholefoods ja nicht überflüssig. Tarantino hat mit Pulp Fiction damals vielleicht auch neue beliebte Geschichts-Formen etabliert. Und entsprechen z.B. Sin City oder From Dusk till Dawn (ok, da überleben ich glaube zwei Leute wie bei vielen Katastrophen-Filmen aber nicht wie üblich die komplette typisch amerikanische Vorzeigefamilie) der obigen Definition bzw. dem typischen Hollywood Happy End ? Sowas geht also auch im Kino auch wenn man dort nur 90-180 Minuten hat. Bei Kino erwartet man ein paar Überlebende und wenn Hannibal Lecter(?) vom FBI erschossen werden würde, könnte man keinen weiteren Teil drehen. Bei Serien hingegen kann man immer Schauspieler vorzeitig sterben lassen was bei Daily Soaps usw. ja ganz üblich ist oder siehe Charly Harper.

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