Heiligsprechung per TV-Doku: ARD-Beitrag zum 20. Todestag von Prinzessin Diana als Hochamt für Goldene Blatt-Leser

„ZDFzeit: Dianas Vermächtnis“
"ZDFzeit: Dianas Vermächtnis" Foto: ZDF/Bettmann

Am 21. August zeigt die ARD die HBO-Dokumentation „Unsere Mutter Diana – Ihr Leben und ihr Vermächtnis“, in der Prinz William und Harry so ausführlich wie noch nie über ihre Mutter sprechen. 20 Jahre nach Dianas Tod ist der Film eine einzige Verklärung, bei der sich immerhin die Söhne ein wenig offenbaren. Die Leserinnen des Goldenen Blatts werden sich freuen, allen anderen bietet Youtube die bessere Alternative.

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„Es gibt kaum Tage, an denen ich nicht an sie denke“, „Wir fühlten uns von unserer Mutter unglaublich geliebt, und ich bin dankbar, dass diese Liebe noch anhält“, „Als Sohn konnte ich ihre Liebe spüren, auch wenn sie auf der anderen Seite des Raumes war“, „Auf jedem Foto strahlt sie Liebe aus“, „Sie war die beste Mutter der Welt“, „Ich kann ihre Umarmungen immer noch spüren“, „Ich bin glücklich, dass ich sie 15 Jahre lang als Mutter erleben durfte.“

Es werden sich schwerlich zwei Brüder finden, die ihrer Mutter so zur Ehre gereichen wie William, Duke of Cambridge, und Harry of Wales. Und dann gelingt es ihnen noch, dass all die Hymnen aus ihrem Mund nie peinlich klingen, obwohl sie es, wie sich spätestens in der Transkription zeigt, eindeutig sind.

Die viel beworbene HBO-Doku „Diana, Our Mother: Her Life and Legacy“, die in England am 24. Juli lief und deren deutsche Version vorab für Journalisten zu sehen ist, hat gerade wegen ihrer totalen Verklärung ein psychologisch interessantes Moment. Denn die Prinzensöhne haben offenbar die Ikone, die Diana allerspätestens mit ihrem Tod wurde, vollständig in ihr eigenes Mutterbild integriert. „Ich fragte mich (nach ihrem Tod): Wie kann es sein, dass so viele Menschen, die meine Mutter nie getroffen haben, offenbar mehr fühlten als ich?“ Prinz Harry war zwölf, als seine Mutter starb, es braucht nicht viel geistige Verrenkung, um sich vorzustellen, wie der Sohn das in weiten Teilen der Öffentlichkeit kursierende Bild der Princess of Wales übernahm. Sein Bruder tat es offenbar auch, denn beide machen in der Dokumentation nie den Eindruck, als würden sie einen Text aufsagen. Die übermenschliche Mutter, von der sie da sprechen, scheint in ihrem Kopf tatsächlich zu existieren.

Dass William und Harry auch in der deutschen Version überzeugend klingen, ist ihren hervorragenden Off-Stimmen zu verdanken. Produziert wurde die deutsche Fassung von Seelmann-Film, der Firma von Florian Seelmann-Eggebert und seinem Vater Rolf. Der Mann, über den Günter Struve einmal sagte: „Für mich gilt eine Ehe gar nicht als ordentlich geschlossen, wenn Rolf Seelmann-Eggebert nicht dabei war“, schafft es als Sprecher der Dokumentation mit seiner einzigartigen Gedämpftheit, diesem einstündigen Hochamt eine journalistische Restwürde zu geben. Die Filmemacher Ashley Gething und Nicolas Kent hatten wohl im Sinn, eine Heiligsprechung zu erzwingen, anders ist es nicht zu erklären, dass sie auf die Hymnen der Söhne die Hymnen von Freunden und Bediensteten folgen lassen, anschließend preisen dann Obdachlose die Prinzessin für ihr Engagement, danach kommt Elton John, der die Prinzessin für ihren Einsatz für Aidskranke rühmt, und als man sich schon fragt, warum eigentlich Mutter Teresa das Synonym für grenzenlose Nächstenliebe ist, tritt ein bosnisches Minenopfer ins Bild und sagt: „Prinzessin Diana riet mir, einfach weiterzumachen und die Landmine nicht zu einer Hürde in meinem Leben werden zu lassen. Sie ist der Grund, warum ich noch hier bin.“ Und dann weint der Mann.

Ärgerlich ist diese Dokumentation, weil sie die Verdienste von Prinzessin Diana unbedingt so viel größer machen muss, als sie ohnehin sind. Der Film nimmt seine Protagonistin nicht ernst, diese Diana ist kein Mensch, sondern eine unerreichte Wohltäterin, vollkommen fehlerlos und schließlich, wie es sich für eine Heilige gehört, auch noch asexuell. Abgesehen von ihren Söhnen reden zwei Männer länger über die Prinzessin: Der eine ist ein alter Schulfreund, der andere ist Elton John. Ihre zahlreichen Affären? Sind nicht mal ahnbar.

Die Frau, nicht die Projektion, gibt es – zum Glück – in privaten Aufnahmen zu sehen. 1993 hat Dianas Stimmtrainer Peter Settelen Gespräche mit der Prinzessin gefilmt, in denen sie alles, wirklich alles von sich preisgibt. Die heiklen Bänder sind in England gerade ein riesiges Thema, denn trotz vieler Proteste will Channel 4 am 6. August die auf den Aufnahmen basierende Dokumentation „Diana: In her own words“ zeigen. Im Britischen Fernsehen waren die Bänder bislang noch nicht zu sehen, in den USA dagegen schon. Die 2006 von NBC ausgestrahlte Dokumentation heißt „Princess Diana Revealed“ und ist auf Youtube verfügbar.

„Sie haben meine Bulimie für das Scheitern der Ehe verantwortlich gemacht“, erzählt Diana darin über die Queen und deren Gefolge, „Ich war ihm gegenüber die ganze Zeit wie ein kleines Mädchen, wollte immer gelobt werden“, sagt sie über die Affäre mit ihrem Bodyguard Barry Mannakee.

Die meistfotografierte Frau der Welt, die Mode-Ikone, die erfolgreiche Aktivistin, die Mutter der britischen Thronfolger, sie ist auf diesen Aufnahmen einfach nur Diana Spencer, die sich verlaufen hat in einer Welt, in die sie nicht gehört.

Um das wahnsinnig interessant zu finden, muss man kein Royalist sein.

Die Dokumentation „Unsere Mutter Diana – Ihr Leben und ihr Vermächtnis“ läuft am 21. August um 20.15 Uhr in der ARD.

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Alle Kommentare

  1. Für mich persönlich trifft der Autor die Thematik nicht eindeutig: Nicht jede Dokumentation muss immer alle Teile eines Lebens beleuchten. Die Doku mit den zwei Jungs widmet sich einem bestimmten Part des Lebens von Diana – eine andere dafür dem Tod, wiederum eine andere beleuchtet das Liebesleben der Verstorbenen.

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