Neuer VDZ-Präsident oder eine Branchen-Superholding: Stehen die Verbände vor einer Neuordnung?

Bislang nur ein Denkmodell: Fünf Medien-Einzelverbände könnten sich zu einer Holding zusammenschließen, um Strukturen zu straffen und den Einfluss in Berlin und Brüssel vergrößern
Bislang nur ein Denkmodell: Fünf Medien-Einzelverbände könnten sich zu einer Holding zusammenschließen, um Strukturen zu straffen und den Einfluss in Berlin und Brüssel vergrößern

Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger steht davor, einen neuen Präsidenten zu wählen. Dies nährt in der Verlagsbranche Überlegungen, das gesamte Verbandswesen auf neue Standbeine zu stellen. So könnte nach dem Denkmodell eine Super-Holding über den wichtigsten Branchenverbänden thronen. Deren Präsident hätte eine immense Machtposition, um gegenüber der EU-Politik schlagkräftiger aufzutreten. Dem Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter seien solche Spekulationen bekannt. Der VDZ entgegnet, dass er an seinen Strukturen festhalten will.

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Gruner + Jahr-Chefin Julia Jäkel, Burda-CEO Paul Bernhard Kallen oder ein bislang ungenannter Fachverleger – die Suche nach einem Nachfolger für den ausgeschiedenen Präsidenten des Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, Stephan Holthoff-Pförtner, ist in vollem Gange. Die Delegierten sollen Anfang November eine neue Spitze wählen. Sollten Jäkel oder Kallen das Rennen machen, wäre dies eine neue Ära in der Geschichte des VDZ. Erstmals würde nach mehreren Jahrzehnten ein Manager auf Zeit die Geschicke des Verbands leiten. Bislang waren Firmeneigentümer wie Werner Hippe, Inhaber des Godesburger Fachverlags Asgard, der Münchener Großverleger Hubert Burda oder Stephan Holthoff-Pförtner, Mitgesellschafter der Essener Funke Mediengruppe, die Stimme der deutschen Zeitschriftenbranche.

Die bevorstehende Wahl des VDZ-Chefs nähren in der Branche aber auch Überlegungen, die Verbandsstrukturen der deutschen Verlagswirtschaft völlig neu zu ordnen. In Verlegerkreisen könnte man sich nach MEEDIA-Informationen auch vorstellen, eine Art Super-Verbandsholding zu etablieren. Teil dieser Holding wären fünf Einzelverbände – darunter der VDZ, der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), der Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter, der Verband Deutscher Lokalzeitungen sowie der Bundesverband Druck & Medien. Weitere Verbände – beispielsweise von Digitalunternehmen – könnten folgen. Geleitet würde die Mega-Verbandsholding von nur einem Präsidenten. Er diente dann als Sprachrohr, um wesentliche Interessen der einzelnen Verbände gegenüber der Politik zu vertreten. Der Vorteil: die quälende Suche nach geeigneten Kandidaten für die jeweiligen Verbandsspitzen könnte endlich der Vergangenheit angehören. Zudem würden eine einflussreiche Stimme die Interessen vieler Verbände bündeln.

Operativ behielten die einzelnen Verbände aber weiter ihre Eigenständigkeit. Ein Hauptgeschäftsführer, wie beispielsweise beim VDZ Stephan Scherzer, würde die Verbandsgeschäfte leiten und bei wichtigen Themen die Interessen der einzelnen Mitglieder abrufen. Dennoch bliebe die Neuordnung für die einzelnen Verbände organisatorisch nicht ohne Folgen. Vorstellbar ist, wichtige Ressorts auf Holding-Ebene zu stellen. Dazu gehört beispielsweise die Medienpolitik, die die einzelne Verbände betreiben. Der Charme der Konstruktion: das Ressort wäre schlanker und schlagkräftiger aufgestellt. Dies könnte helfen, um die Interessen der Branche auf europäischer Ebene besser abzudecken. Hier stehen im nächsten Jahr wichtige Änderungen an, beispielsweise beim Datenschutz. Die Gesetzesänderungen sind für die Branche einschneidend, damit sich diese gegen die zunehmende Datenmacht der Tech-Konzerne wie Google, Facebook & Co. auf den heimischen Märkten behaupten können.

Die neue Verbandskonstruktion hätte zudem weitere Vorteile. Wichtige Aufgaben, wie das Gattungsmarketing oder die Verwaltung, können effizienter und kostengünstiger erfolgen. Dies käme kleineren Mitgliedsunternehmen zugute, die angesichts rückläufiger Vertriebs-, Vermarktungs – und Druckerlösen unter zunehmenden Ertragsdruck stehen. Doch das Gedankengebilde dürfte in der Branche auf Widerstand stoßen. Immer wieder wird diskutiert, den BDZV und VDZ zu fusionieren. Doch jeder gedanklicher Anlauf für einen Zusammenschluss scheitert meist an den unterschiedlichen Vorstellungen der Zeitungs- und Zeitschriftenhäuser – beispielsweise schon an kleineren Themenfeldern wie dem Grosso.

Vielfach scheitern die Überlegungen für eine radikale Neuordnung des Verbandsstrukturen aber auch an den Verbänden selbst. Sie wollen keine Macht verlieren, um ihre Existenzberechtigung zu behalten. Doch in der Branche gibt es seit Längerem Überlegungen, radikaler und in größeren Einheiten zu denken. Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr: Funke-Geschäftsführer Manfred Braun hatte in einem Brancheninterview im November gefordert, dass sich die Verlagswirtschaft endlich aus ihrer „Engstirnigkeit der Kleinstaaterei“ befreien müsse. So sollten sich die Zeitungs- und Zeitschriftenhäuser in der Vermarktung auf breiter Front zu einem Supervermarkter zusammenschließen. Nur so könnten die Medienunternehmen den Wettkampf gegen Google, Facebook & Co. bestehen. Warum also nicht auch eine Super-Holding auf Verbandsebene?

Der VDZ betont auf Anfrage von MEEDIA, dass der Verband an den bisherigen Strukturen festhalten will. „Für den VDZ ist das (Modell) kein Thema und wird auch in keinem Gremium diskutiert“, erklärt ein Verbandssprecher. Der Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter betont hierzu auf MEEDIA-Anfrage: „Solche Spekulationen und Diskussionen um eine mögliche Neuordnung bzw. Umstrukturierung sind nicht neu und uns bekannt. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns mit solchen Themen zunächst innerhalb unserer Verbandsstrukturen befassen und dann den Meinungsbildungsprozess unserer Verbandsmitglieder abwarten. Erst wenn aus Mutmaßungen ein konkretes Modell wird, kann ein Abstimmungsprozess dazu erfolgen“, betont eine Sprecherin.

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Alle Kommentare

  1. Es soll einen neuen Superpräsidenten geben, der – worüber eigentlich? – ganz besonders viel Macht hat. Wer kommt jetzt auf die Idee, dass „die quälende Suche nach geeigneten Kandidaten“ – vulgo: Machtkämpfe – der Vergangenheit angehört? Lieschen Müller-Lipinski?

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