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Kallen oder Jäkel? Warum der VDZ nach dem Rücktritt von Holthoff-Pförtner eine historische Chance nicht verspielen darf

Nach dem Rücktritt von Stephan Holthoff-Pförtner (re.) wäre Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen der hochkarätigste Kandidat für die Nachfolge – für G+J-Chefin Julia Jäkel ist der Präsidentenjob keine Option
Nach dem Rücktritt von Stephan Holthoff-Pförtner (re.) wäre Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen der hochkarätigste Kandidat für die Nachfolge – für G+J-Chefin Julia Jäkel ist der Präsidentenjob keine Option

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Bei der Nachfolge seines überraschend zurückgetretenen Präsidenten Stephan Holthoff-Pförtner spielt der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger auf Zeit – und wird dennoch nicht umhinkommen, bis November eine Richtungsentscheidung zu treffen. Dabei geht es um die Re-Integration von drei abtrünnigen Verlagshäusern, vor allem aber um die Zukunftsfähigkeit des VDZ.

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Gut hundert Tage hat der Verband Zeit, sich neu zu sortieren und einen Kandidaten oder eine Kandidatin zu präsentieren, der oder die dann hoffentlich für die nächsten Jahre dem VDZ ein unverwechselbares Gesicht gibt. Die Herausforderungen für die Verleger-Branche sind immens, und vor allem mit Blick auf die Richtungsentscheidungen auf europäischer Ebene gilt es, die Interessen der Medienindustrie unmissverständlich zu artikulieren. Dies vorausgesetzt, lichtet sich die Zahl der in Frage kommenden Führungskräfte sichtlich. Und über allem schwelt noch der ungelöste Konflikt mit den Verlagen, die dem Verband nach der für sie überraschenden Nominierung von Holthoff-Pförtner den Rücken gekehrt haben. Sowohl für sie als auch für den VDZ ist die Abspaltung ein unbefriedigender Zustand, der den gemeinsamen Interessen schadet.

In der nur wenige Monate dauernden Amtszeit des Funke-Verlegers Holthoff-Pförtner hatte der einflussreiche Verlegerverband zwei Gesichter gezeigt. Zum Einen gab es teils spektakuläre Erfolgsmeldungen, wie die Milliardenstrafe der EU-Kartellbehörden gegen Google, die aus Sicht der Verleger positiven politischen Signale, was das Bemühen um reduzierte Mehrwertsteuersätze für elektronische Presseprodukte angeht oder auch das neue EU-Datenschutzrecht, das die Karten im Vermarktungsbereich zugunsten europäischer Konzerne neu mischen könnte. Der VDZ wirkt, könnte man in Anspielung auf die bekannte Verbandskampagne („Print wirkt“) argumentieren. Das ist richtig, aber nur ein Teil der Wahrheit.

„Hinterzimmerbünde“

Denn auf der anderen Seite war offensichtlich, dass der Eindruck von Geschlossenheit, den die Zeitschriftenverleger gegenüber der Politik lange Zeit vermittelt hatten, deutliche Risse bekam. Der Wahl von Holthoff-Pförtner war ein öffentlich ausgetragener Streit um die Art und Weise der Kandidatenkür vorausgegangen. Der Konflikt endete bekanntlich mit der Abkehr von Gruner + Jahr, der Zeit und dem Spiegel sowie der weniger bedeutenden Verlagsgruppe Medweth (wird von G+J vermarktet). Die vier Häuser warfen den VDZ-Verantwortlichen mangelnde Transparenz vor und argumentierten, dass „Hinterzimmerbünde“ unter sich ausgemacht hätten, wer den aus Altergründen ausgeschiedenen Langzeit-Präsidenten Hubert Burda im Amt beerben würde.

Solche Querelen ramponieren das Image einer Lobbyisten-Organisation, die ihre Industrie in einer existenziellen Herausforderung wähnt. Hatte man vor Jahren den Ausstieg der Bauer Media Group mit ihrer Kiosk-Macht noch einigermaßen problemlos wegstecken können, so war die sich abzeichnende Scheidung von Verlagen, die publizistische Leuchtturmmarken wie Spiegel, stern oder Zeit im Portfolio haben, ein schwerer Schlag für den Verband. Die großen Hamburger Medienhäuser sind nur noch auf Ebene der Landesverbände vertreten. Die nicht unbedeutenden Zahlungen für den VDZ-Bundesverband haben sie eingestellt, ebenso die Mitarbeit in dessen Gremien.

Vor diesem Hintergrund ist der abrupte Ausstieg des gerade erst gewählten Präsidenten beinahe ein Glücksfall, weil er den Weg frei macht, Fehler in der internen Kommunikation zu korrigieren. Dass Stephan Holthoff-Pförtner dem Ruf aus der Landespolitik folgen würde, war wohl nicht geplant, sondern Folge der für viele überraschenden Niederlage von SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei der NRW-Wahl und dem gleichzeitigen Erfolg der CDU, der Holthoff-Pförtner seit langem verbunden ist. Der eigenwillige Funke-Verleger schien nach einigen Synchronisierungs-Problemen mit der Verbandsmaschinerie Fuß gefasst zu haben im neuen Amt. Dass er zu Terminen gern im goldfarbenen Bentley mit Chauffeur vorfuhr, sah man ihm als Marotte nach, obwohl derartige Allüren mit dem Ende der Ära Alfred Neven DuMont eigentlich passé schienen. Dafür zeichnete sich ab, dass der politisch einflussreiche Funke-Gesellschafter sein Netzwerk für den Verband zum Arbeiten brachte. Die Perspektive war da.

Was gegen einen Fachverleger spricht …

Mit dem Rücktritt des Präsidenten steht nun ein Neuanfang bevor. Für den VDZ-Vorstand und Geschäftsführer Stephan Scherzer ist dabei auch Manöverkritik angesagt. Denn die letzte Kandidatenkür wurde definitiv nicht gut gemanagt, auch wenn manche Kritik daran sicherlich überzogen und durchaus von eigennützigen Motiven befeuert war. Dass schon in der ersten Phase der Sondierung nun im Umfeld des Verbandes kolportiert wird, der Nachfolger von Holthoff-Pförtner könne doch ein Fachverleger sein, ist dabei kein gutes Zeichen. Zwar scheint sich das Segment der Fachmedien in allgemeinen Krisenzeiten als ziemlich robust zu erweisen, und auch das Bemühen um die digitale Erneuerung ist etwa bei der Ulmer Verlagsgruppe Ebner um Vorstandschef Gerrit Klein vorbildlich – es fehlt aber die publizistische Power von General Interest-Medienhäusern mit ihren starken Marken.

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Gerade mit Blick auf die Politik, die essentielle Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Medienbranche schafft, wäre es fahrlässig, die Rolle der großen Publikumsmedien bei der Meinungsbildung zu unterschätzen. Was die Leitmedien verbreiten, ist immer noch die wichtigste Währung in den Regierungsvierteln. Unter den Verlagen, die derzeit erkennbar den Ton im Verband angeben, sind aber einige, die über wenige oder gar keine für die öffentliche Meinungsbildung maßgebliche Medien verfügen. Dazu zählen auch Funke und vor allem Klambt. Zwar hat der Essener Verlag auch durch den Zukauf von Springer-Blättern seinen Rang als Branchen-Großmacht gefestigt – viele seiner Zeitschriften stehen allerdings im zweifelhaften Ruf, ein sehr flexibles Verhältnis zur Wahrheit zu haben, wovon auch eine hohe Zahl von einschlägigen Gerichtsurteilen zeugt. Die in Speyer ansässige Mediengruppe Klambt kämpft gefühlt seit jeher gegen das hartnäckige Trash-Image, das die Masse ihrer Publikationen umweht.

Die Rolle des Hauses Burda

Dennoch gelten Funke-Chefmanager Manfred Braun und Klambt-Verleger Lars Rose im VDZ als überaus einflussreich. Die Qualität der Kandidatenauswahl wird deshalb auch davon abhängen, inwieweit sie bereit sind, die Interessen der Verleger-Community über ihre eigenen zu stellen. Eine wichtige Rolle dürfte auch dem Medienhaus Burda zukommen, das mit Hubert Burda zuletzt einen außerordentlich lange amtierenden Präsidenten gestellt hatte. Vielleicht drängte man auch deshalb im vergangenen Jahr nicht darauf, einen Kandidaten aus den eigenen Reihen ins Rennen zu schicken. Nun hat sich die Lage geändert, und schon im Verbands-Interesse ist eine aktive Rolle der Burda-Vertreter bei der anstehenden Personalselektion angezeigt.

Gemessen am komplexen Anforderungsprofil und abgesehen von den schwelenden Querelen bleiben bei eingehender Betrachtung vor allem zwei Kandidaten mit dem notwendigen Potenzial für das VDZ-Spitzenamt: Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen und G+J-Chefin Julia Jäkel. Nennt man ihre Namen im Zusammenhang mit der Wahl im November, dürften beide – aus unterschiedlichen Gründen – zunächst abwiegeln. Kallen wäre nach dem Holthoff-Pförtner-Intermezzo erneut ein Vertreter von Burda, der die zwei Dekaden dauernde Regentschaft seines Verlegers quasi fortsetzen würde. Der Name Jäkel war bereits vor der vergangenen Wahl zur Unzeit genannt (manche sagen: verbrannt) worden, als der Name Holthoff-Pförtner bereits gesetzt war. In der Folge hatten Jäkel, wie auch die Vertreter der anderen Verlage, die das Vorgehen der VDZ-Oberen rügten, stets betont, dass es um Transparenz, aber nicht um eigene Ambitionen gegangen sei.

So sind beide Topkandidaten im Dilemma, dass sie sich erst erklären können, wenn sie gefragt werden. Was für Paul-Bernhard Kallen spricht: Der ehemalige McKinsey-Mann gilt als Garant der Profitabilität und brillanter Verlagsstratege. Zudem ist er im Haus Burda gesetzt und gerade erst mit weit reichenden Vollmachten für die Gewährleistung und Begleitung des Generationswechsels ausgestattet worden. Kallen wird in der Politik respektiert; seine Brandrede im Handelsblatt-Interview gegen die „Datensammelwut“ der US-Konzerne hatte Autorität, auch wenn Horizont-Medienkorrespondent Roland Pimpl dem CEO aus guten Gründen eine gewisse Doppelmoral attestierte. Was Kallen aber trotz seiner langen und erfolgreichen Verlagskarriere sowie der jüngsten Zukäufe von Titeln in England nie ganz abschütteln konnte, ist das Image des Managers und kühlen Rechners, der die schönen Zahlen in der Bilanz weit mehr liebt als seine Zeitschriften und Medienmarken. Einen Verlegerstatus hat er nie erlangt (und wohl auch nie angestrebt), was ihn von früheren Branchengrößen wie Gerd Schulte-Hillen oder aktuellen Amtskollegen wie Mathias Döpner unterscheidet. Für den VDZ-Topjob ist der Springer-Vorstandschef jedoch eine wandelnde Benchmark, führt dieser doch den konkurrierenden Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV).

Mut oder Sicherheit?

Auf der anderen Seite stünde mit Julia Jäkel womöglich eine ganz anders gepolte Kandidatin bereit. Als ihr Name im vergangenen Jahr eher am Rande fiel, hieß es aus VDZ-Kreisen, für das Präsidentenamt seien angestellte Geschäftsführer wie Jäkel nicht geeignet, da diese abberufen werden könnten und dem Verband dann im Gegensatz zu einem Verlagsgesellschafter wie Holthoff-Pförtner nicht längerfristig zur Verfügung stehen würden. Zumindest dieses Argument wird man nach dem jähen Ende der „Ära“ Holthoff-Pförtner kaum mehr vorbringen. Jäkel hat eine steile Karriere hinter sich, sie gilt als Produkt-affin und durchsetzungsstark. Mit ihrem Engagement für die Regulierung von Facebook hat sie zuletzt öffentlich an Profil gewonnen und zumindest bei den Regierungsparteien in Berlin gepunktet, die das „Facebook-Gesetz“ von Heiko Maas noch rasch vor der Wahl auf die Rampe geschoben haben. Die 45-Jährige hätte in der traditionell von Männern dominierten Verlegerszene geradezu einen Exoten-Status, was auch einen gewissen Reiz hätte.

Kallen zu nominieren, wäre für den VDZ die sichere Variante, Jäkel eher die mutige. In letzterem Fall müsste aber zunächst der Streit mit den ausgeschiedenen Verlagen, zu denen Gruner + Jahr gehört, beigelegt und die Aussteiger wieder ins Boot geholt werden. Dazu wird es nötig sein, dass beide Seiten auf Eitelkeiten verzichten und zum Dialog auf Augenhöhe bereit sind. Die Reintegration der Verlage von Spiegel, stern und Zeit ist ein Gebot der Stunde. Die Vakanz an der Spitze schafft unverhofft beste Voraussetzungen für eine Aussöhnung und notwendige Reformen in der internen Kommunikation. Ob es gelingt, die zerstrittenen Parteien wieder an einen Tisch zu bringen, erscheint fast wichtiger als die Frage, ob im November ein Präsident oder eine Präsidentin gewählt wird. Denn ein langfristiger Verzicht des VDZ auf einige der wichtigsten Medienmarken der Republik im Portfolio wäre eine schwere Hypothek für die Zukunftsfähigkeit des Verlegerverbands.

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Alle Kommentare

  1. Im TV waren 8 Franzosen stehend am Tisch und kämpften darum, der Spitzenkandidat ihrer Partei zu werden.
    Das wünsche ich mir für AfD, Grüne, Linke, …. auch endlich mal.
    Dann werden Macher wie Trump oder Macron zum Anführer.

    Stattdessen kann man sich natürlich aus Hinterzimmern oder Fachabteilungen Vorschläge geben lassen…
    Die Großverlage warten doch vielleicht schon auf die Rezession um die Kleinen Verlage nach Abschaffung („Neuzeit-Anpassung“ „Update“ „Verbesserung“,… sprich ABSCHAFFUNG) der Monopolkontrolle billig aufkaufen zu können und die Leser durch Zentralistische Zentral-Redaktionen „informieren“ zu können sprich Agentur & PR-Meldungen ohne viel Kontrolle, ohne viel Mitdenken usw. durchzureichen.

    Mit einem Vorwahlkampf wie in Frankreich und USA könnten sich also vielleicht wahre Macher durchsetzen welche dem Untergang was besseres als Leistungs-Schutz, Meinungsfreiheits-Gesetz o.ä. Ideen entgegensetzen wollen.
    Aber man kann natürlich auch das Establishment weiter an der Macht halten.
    Dann werden USA-KabelTV-Anbieter mit wahrer Meinungsfreiheit über Videotext vielleicht zum letzten brauchbaren Informierer Deutschlands. Le Monde, El Mundo, il Mundo(?), New York Times, London Times usw. erfordert Geld und auch noch Bandbreite (am Handy) und Sprach-Kenntnisse…

    Wenn die Autofirmen vielleicht Milliarden-Strafen (in USA) zahlen müssen, werden deren Werbe-Einnahmen bald vielleicht spürbar weniger und die Verlage haben NOCH weniger Einnahmen und die TV-Sender auch noch usw…:
    http://meedia.de/2017/03/27/utopische-rabattzusagen-wie-der-neue-mediavermarkter-von-volkswagen-zeitungen-magazine-co-schaedigt/
    http://meedia.de/2017/07/27/nach-den-kartell-vorwuerfen-des-spiegel-das-irritierende-kommunikationsverhalten-der-autokonzerne/
    Ab September rollt der Tesla3. Das Tesla3 das für Autofirmen ist, was Iphone1 für Tastenhandy-Firmen (Nokia,…) ist, haben die wohl noch nicht realisiert…
    Allerdings machen die (zwei Auto-Firmen mindestens) ja TV-Werbung wie schlau angeblich ihre Autos sind… und auch die Eisenbahn-Werbung spricht die Autonomen Autos an…
    Deren Leser werden spürbar weniger. Die kämpfen eigentlich ums Überleben aber wer gibt es zu ?
    http://meedia.de/2017/05/18/werbemarkt-waechst-erstmals-seit-2011-aber-zaw-warnt-vor-massiven-risiken-durch-eu-regulierung/
    Sind die Pensionen bei einer Insolvenz eigentlich weg ?

  2. „… der CDU, der Holthoff-Pförtner seit langem verbunden ist.“

    Der Mann ist eines wirklich längerfristig, nämlich schon sein ganzes Leben lang CDU-Funktionär, inzwischen als Schatzmeister des größten Landesverbandes. Kann man natürlich auch „verbunden“ nennen.

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