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Die Medien und die Flüchtlingskrise: Was die Haller-Studie über den Zustand des Journalismus verrät

Medienwissenschaftler Michael Haller, Studie über „Die Flüchtlingskrise in den Medien“
Medienwissenschaftler Michael Haller, Studie über "Die Flüchtlingskrise in den Medien"

Der Medienwissenschaftler Michael Haller hat mit der Uni Leipzig und der Hamburg Media School eine umfangreiche Studie und Analyse der Medienberichterstattung zur Flüchtlingskrise 2015 und 2016 erstellt. Der Befund der Studie ist für die Medien nicht schmeichelhaft. Und die Art und Weise, wie das Papier diskutiert wird, zeigt weitere Defizite auf.

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Haller hatte die Studie, die im Auftrag der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung erstellt wurde, vorab der Wochenzeitung Die Zeit zur Verfügung gestellt. Diese veröffentlichte vergangene Woche einen Artikel samt zugespitzter Vorabmeldung. Überschrift der Vorabmeldung: „Studie der Otto Brenner Stiftung: Medien haben in der Flüchtlingskrise versagt“ Es ist ein Kennzeichnen solcher Vorabmeldungen, dass sie häufig noch eine Schippe drauflegen. Der Zeit-Artikel selbst hat die weit weniger aufgekratzte Überschrift „Mit dem Strom“. Im Vorspann des Artikels heißt es: „Eine Studie beleuchtet die Rolle der Medien in der Flüchtlingskrise. Ihr Ergebnis: Zeitungen waren eher Volkserzieher als kritische Beobachter. Stimmt das?“

Das klingt differenziert, allerdings interpretiert auch der Zeit-Artikel die Haller-Studie missverständlich. Das Land habe unter „einem publizistischen Stromausfall“ gelitten, schreibt die Zeit. Und weiter: „Kritiker, so impliziert die Studie, mussten eines besseren Menschseins belehrt werden, mit Argumenten wie: Deutschland brauche Hunderttausende junger Flüchtlinge, als Arbeitskräfte und um der Überalterung der Gesellschaft entgegenzuwirken.“ Der bildhafte Vergleich vom „Stromausfall“ rechtfertigt wohl das noch deutlichere Wort vom „Versagen“ in der Vorabmeldung. Obwohl in der kompletten Studie dieses Urteil an keiner Stelle in dieser Deutlichkeit gefällt wird. Haller betont gegen Ende der Studie sogar, dass es ihm nicht um Medien-Bashing gehe.

Aber Medien lasen in der Studie genau das, was sie eigentlich nicht sein wollte: Medien-Bashing. Und das wurde mit jener bisweilen befremdlich anmutenden Lust an der Selbst-Kasteiung weiter überdreht, wie es in der Branche nun mal üblich ist. Zum Beispiel wenn der im über- und verdrehen nicht eben ungeübte Medien-Aggregationsdienst turi2 aus dem „versagt“ dann dichtet: „Studie: Medien haben in der Flüchtlingskrise völlig versagt“.

Hallers Studie kümmert sich inhaltlich um den bisweilen vorhandenen Gleichklang führender Medien am Beispiel der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise. Manche nennen es Herdentrieb, andere – auch Haller – sprechen von Mainstreammedien. Für solche, die den Glauben an die vierte Gewalt schon verloren haben, ist es „die Lügenpresse“.

Das methodische Vorgehen einer solchen Studie, die sich der quantitativen und qualitativen Textanalyse bedient, kann man immer kritisieren. Dass sich Haller und sein Team in erster Linie auf drei überregionale Tageszeitungen (FAZ, Die Welt und Süddeutsche) beschränken, mag man als Manko begreifen, ist aber vertretbar und unter dem Gesichtspunkt der Durchführbarkeit verständlich. Immerhin analysiert die Studie ergänzend auch Texte aus zahlreichen Lokal- und Regionalzeitungen, die sich im wesentlichen mit den Ergebnissen der Untersuchung der drei großen Zeitungen decken.

Die zentrale und am stärksten belegte Aussage der Studie ist, dass Medien bei der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise einseitig die Perspektive der Politik wiedergaben:

Die Akteure, die Beteiligten und Betroffenen kamen in den drei Leitmedien vergleichsweise selten im O-Ton zu Wort. Die Journalisten waren offenbar – neben dem tagesaktuellen Nachrichtengeschäft – mit der Bewertung, Beurteilung und Deutung der Ereigniszusammenhänge beschäftigt. Das heißt: Ihr Bezugssystem ist in erster Linie die Politik, ihr Interesse gilt den Handlungsoptionen der politischen Akteure. (Seite 29)

(…)

Die Feinanalyse der Akteure und Sprecher auf der politisch-institutionellen Ebene (gem. Tab. 9 rund zwei Drittel aller als relevant/ prominent identifizierten Akteure/Sprecher) unterstreicht die Dominanz der bundespolitischen Systemebene deutlich. (Seite 34/35)

Das gilt laut Studie sowohl für Artikel, die der Informationsvermittlung dienen, als auch für Kommentar- und Meinungsbeiträge. Und zwar sowohl bei den überregionalen Leitmedien als auch bei den Regional- und Lokalmedien.

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Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass zwischen Fakten und Meinungen oft nur unzureichend unterschieden wird. Zwar gesteht Haller zu, dass eine hundertprozentig scharfe Trennung gar nicht immer möglich ist. Die Befunde der Textanalysen zeichnen aber ein ernüchterndes Bild:

Der journalistische Qualitätsgrundsatz, aus neutraler Sicht sachlich zu berichten, wird in rund der Hälfte der Berichterstattungen nicht durchgehalten. Insbesondere die Art
und Weise, wie über die Positionierung eines Politikers berichtet wird, ist oftmals wertend und beurteilend, bei Vertretern der Opposition mitunter auch „von oben herab“. Zudem schreiben die Korrespondenten nicht selten in einer Diktion, die persönliche Nähe, auch Vertrautheit zur politischen Elite suggeriert (auktorialer Duktus). Diese Attitüde kann beim Leser den Eindruck erzeugen, die berichtenden Journalisten seien weniger am Thema selbst als an den über das Thema transportierten Querelen interessiert. (Seite 134/135)

Die Medien kommen alles andere als gut weg in der Studie, keine Frage. Die Studien-Ergebnisse attestieren den Medien aber kein allgemeines „Versagen“ und erst recht kein „völliges Versagen“. Die Ergebnisse der Studie belegen auch nicht, dass die Medien die Bevölkerung umerziehen wollten, wie die Zeit meint.

Dieses Missverständnis ist insofern nachvollziehbar, da der Text, der die Studien-Ergebnisse begleitet und einordnet, des öfteren Interpretationen vornimmt und Schlüsse zieht, die manchmal mit den faktischen Ergebnissen der Studie nichts zu tun haben. So wird beispielsweise an einer zentralen Stelle, auf Seite 123, der Video-Kommentar eines SZ-Redakteurs ausführlich zitiert, der gar nicht Bestandteil der Untersuchung war, Haller aber als „sinnfällig“ erschien. Noch ein Beispiel: In einem Halbsatz in der Zusammenfassung wird das vielfach wegen populistischer Clickbaiting-Methoden kritisierte Online-Angebot Focus.de in einem Atemzug mit Angeboten wie Tagesschau.de, Welt.de und Spiegel.de als „als glaubwürdig geltend“ eingeordnet. Im Begleittext rutscht dem Medienwissenschaftler Haller da also auch an einigen Stellung Meinung zwischen die Fakten und er spekuliert. Manchmal macht er das kenntlich, manchmal nicht. Man könnte auch sagen: Hier und da bricht der Journalist in ihm durch.

Die Erkenntnisse, die die Studie liefert, werden dadurch freilich nicht entwertet. Haller gelingt es mit der Studie, erstmals faktenbasiert herzuleiten, woher der allgemein diagnostizierte Bruch zwischen Publikum und Medien herrühren könnte: Konformität (Herdentrieb), Orientierung an den (politischen) Eliten, Bevormundung. All dies führt zum Vertrauensverlust. Er lenkt den Blick damit auf ein ganz grundlegendes, strukturelles Problem der Medienbranche.

Am Ende stellt Haller fast schon versöhnlich fest, dass einige Redaktionen mittlerweile bemüht seien, nachzuholen was versäumt wurde: „den Reden der Politiker mit Skepsis begegnen, bei den Wortführern kritisch nachfragen, den Darstellungen der Behörden genauer auf den Grund gehen, abweichende Positionen thematisieren, Betroffenen-Erzählungen hinterfragen, die Rechthaberei beenden, eigene Fehldeutungen eingestehen.“

In einer Fußnote nennt er namentlich den Spiegel und die Zeit als positive Beispiele für zwei Medien, die dazugelernt hätten. Beide waren freilich nicht Teil der Untersuchung. Es bleibt viel zu tun.

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Alle Kommentare

  1. Worum gehts? Zustand unserer Medien? Heute und hier bei meedia.de:

    Kritik an mangelnder Transparenz: Spiegel löscht umstrittenes Sachbuch „Finis Germania“ aus Bestseller-Liste.

    Bei Amazon ist das Buch ebenfalls nicht mehr erhältlich.
    Der Buch-Titel sagt auch etwas über die Kumpanei unserer Medien.

    Vergeßt niemals deren Schande, daß ein Spiegel sich dazugesellt hat.

  2. Hallo, hallo, liebes meedia, liebe Journalisten,

    es ist alles eine Sache der Interpretation. Wirklich! Tatsächlich sprudelt die Studie doch über vor Lobpreisungen.

    Wie es um den deutschen Journalismus steht zeigt gerade das AfD-Wahlplakat von der Petry mit ihrem Baby. Die BILD Zeitung nutzt das Plakat zu einem grandiosen bashing und sieht die AfD bei 5% in dem Artikel, während der BILD eigene Politbarometer die AfD bei 9,5% sieht und die SPD/CDU/CSU auf 61,5%. Alle, aber wirklich alle dieser Nachrichten sind in Wirklichkeit getarnte Kommentare. Aber keines der Leitmedien weist es als Kommentar aus.

    Klappere ich jetzt die 15 aktuellen Leitmedien durch = ähnliches bashing. Niemand aber auch wirklich niemand erwähnt die vielen Baby- und Kinderwahlplakate von CDU, CSU, FDP, Die Linke, Grüne. Die CDU hat übrigens sehr sehr viele. Gefunden habe ich übrigens keine von der NSDAP. Aber eines von Charlie Chaplin in „Der große Diktator“. Zählen wir das mal herzlos mit.

    Angeprangert wird aber nur das AfD Babywahlplakat.

  3. Neuer Spin: die Medien würden ihre Rolle aufarbeiten. Schon toll, wie es immer weitergetrieben wird..

  4. Zitat: „Am Ende stellt Haller fast schon versöhnlich fest, dass einige Redaktionen mittlerweile bemüht seien, nachzuholen was versäumt wurde.“ Das kann ich noch nicht feststellen, Herr Haller. Wann hat sich denn z.B. nur mal EIN Medium mit den ganzen Rechtsverstößen von Regierung und Behörden befasst und entsprechendes straf- und zivilrechtliches Vorgehen dagegen eingefordert? Ich kann mich nicht erinnern.

    Volle Zustimmung zu Karl-Ernst Neumann. Das ist das Abbild von zwei Drittel der „Journalisten“ die sich Rot-Grün nicht nur verbunden, sondern schon fast zugehörig fühlen. Diese Leute, die Herr Neumann beschreibt haben den Beruf verfehlt und gehören nicht in den Journalismus.

    Aber immerhin hat Michael Haller mal einen Anfang gemacht. Jetzt bitte noch eine vergleichbare Studie über die Fernsehsender plus BILD, die schon jetzt in diese erste Studie gehört hätten.

  5. Die Presse hat viele Baustellen. Keinen kümmert es.

    Preisdruck macht Qualitäts-Druck. Mitdenken und Rückfragen traut sich keiner oder um sich keinen Stress zu machen copy-pasted man nur die Agentur-Meldung oder PR-Meldung.

    Man berichtet auch nur wie die Herausgeber-Familie es vorgibt um stolz eine linke oder rechte oder neoliberale Zeitung/Zeitschrift zu lesen obwohl Klimawandel, Bildungs-Lüge und natürlich Mindestlohn-hat-Deutschland-keine-Millionen-Jobs-gekostet inzwischen jedem Rentner klar sein dürften.

    Die Kontrollfunktion der Presse funktionierte vermutlich noch nie. Fast jedes Land ausser China wird jährlich schlechter. Die Rezession (oder auch nur ein neuer Superzyklus) stehen vor der Tür und kein DAX-Konzern hat geschworen, in der nächsten Rezession keine Subventionen zu benötigen währen die Verantwortlichen gigantische Pensionen kriegen. Als Wirtschafts-Journalist würde ich jeden Politiker und Konzern ständig garantieren lassen, genug Reserven für die nächste Rezession zu haben. Das alle die gigantischen Staatsschulden und Rettungs-Zilliarden für Banken und Auto-Konzerne bezahlen während der Wohnraum weggeschwemmt wird, interessiert wohl keinen, obwohl die meisten Mainstream-Medien ganz dringend die Werbe-Einnahmen brauchen und man europaweite Einheits-Kampagnen aus Zentral-London vorgegeben kriegt oder (wie womöglich Sky) nur noch aus London fremd-gesteuert wird. Und die Baublase wird platzen wie der Ost-Aufbau.
    Wenn man 10% weniger Leser oder Zuschauer hat, hat man auch 10% weniger Werbe-Einnahmen. Im Gegensatz zu vielen Medien hat Spiegel überraschenderweise wohl nur ein Prozent verloren.
    Aber die Verwaltungen sind zu groß und Strukturen zu teuer.
    Viele Firmen arbeiten lieber für die Golfplatz-Boni-Manager und eher selten für den Kleinaktionär. Wie viel Prozent der Abwrack-Prämie oder Ost-Aufbau-Förderung wurden endlich mal ans Volk zurück gezahlt ?

    Sinkende Leserzahl und Abwanderung der Aufmerksamkeits-Minuten also auch der Werbung an andere Medien erhöhen den Druck noch. Wo bleiben die Einsparungen ? In den Pensionen und Gehältern und Verwaltungs-Kosten der Verlage und anderen Unternehmen ? Oder beim Vermieter ? Dazulernen oder sich einfach nur zu Erinnern ist wohl nicht angesagt.

    Flugmeilen-Sammler oder auch Plagiatoren kommen ja wohl sogar inzwischen wieder zurück. Bald gibts wohl gar keine Kontroll-Funktion mehr. Die Gewalt-Spirale wird weiter gehen wo Millionenfache Arbeitslosigkeit durch die kommende Rezession nicht durch Krieg und Wiederaufbau ausgeglichen werden kann.

    Die Presse lernt ja offensichtlich auch nicht dazu, das bisher praktisch fast kein Regierungswechsel Verbesserung erbrachte.
    Oder sind die arabischen Länder, Irak und Afghanistan Erfolge der europäischen Aufbau-Politik ? UK ist schlau und verlässt das marode Schiff durch Brexit.

    1. @ Medien müssten – vor allem dies: sich kürzen fassen! Danke.

      1. Sorry.
        Ich bin kein bezahlter Journalist also nicht geübt im Straffen vielfältiger Aspekte und der Journalismus hat halt auch viele Baustellen. Also Sorry, aber manche Aspekte sollten nicht untergehen oder zumindest mal angesprochen werden.
        Online-Journalismus ginge ausführlicher. Print war platzbeschränkt wie Burger-Boxen. Online hingegen könnte endlich mal vollwertig sein, weniger weg lassen und meist auch die Quellen verlinken.
        Ich verlinke normalerweise auch Referenzen und erkläre ausführlicher und nachvollziehbarer als ein bezahlter Redakteur dem man einfach glaubt oder der nur 20(?) Sekunden in 5-Minuten-Radio-Nachrichten für ein Thema hat. Für Kommentare von „irgendwem“ sollte das normal sein bevor Nachfragen kommen. Daher schreiben aktuell beispielsweise fast alle (Kommentare und Berichte) deutlich dran, das die zehn Prozent für AfD bei der Wahl-Umfrage von der INSA-Studie stammen.
        Update: Nur noch 9% heute auch bei INSA:
        http://www.wahlrecht.de/umfragen/
        http://www.wahlrecht.de/umfragen/insa.htm
        Wegen der Historien (auch für Landtagswahlen inclusive offizieller Wahl-Ergebnisse !) würden korrupte Diktatoren solche überlegen informative Sites wohl gerne löschen.

        Wie schon beim Thema Spiegel(1) finden sich viele informative und lesenswerte Kommentare. Das löst zwar die Grundprobleme des Journalismus nicht (mehr), aber ausreichend viele Leser beschreiben hier brauchbar Aspekte, mit denen sie zu Recht unzufrieden sind.
        Die informative Ausbeute ist besser als oft bei vielen Amazon-Produkten mit vielen Amazon-Rezensionen.
        Da muss man leider auch (oft zu viel) Zeit investieren.
        (1) http://meedia.de/2017/06/14/der-spiegel-und-seine-sinnlosen-mainstream-innovationen-ihr-seid-doch-ein-nachrichtenmagazin/

        Und um Bezahlpostern den Wind aus den Segeln zu nehmen sind Referenzen und klare Logik-Ketten auch hilfreich.

  6. Nein, Herr Winterbauer. Die Studie schreibt ausdrücklich über eine „euphemistisch-persuasive Diktion,“ durch die „Willkommenskultur zu einer Art Zauberwort verklärt“ worden sei, „mit dem freiwillig von den Bürgern zu erbringende Samariterdienste moralisch eingefordert werden konnten.“

    Das „grundsätzlich strukturelle Problem“ der Medien ist in der Tat, daß ihre Akteure mehrheitlich dem linken Spektrum zuzuordnen sind und dies mit dem Willen zur „Bevormundung“ eine unbedingte Unterstützung von Merkels Flüchtlingspolitik zur Folge hatte.

    Schauen Sie doch einfach mal, wieviele Medien überhaupt über diese Studie berichten. Oder wieviele deutsche Medien über die harte Schelte berichteten, die der Europarat nach dem Silvesterdebakel an ihre Adresse richtete:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wieso-europarats-abgeordnete-den-deutschen-die-leviten-lesen-14039702.html

  7. Haller kenne ich, seit ich in den neunziger Jahren in Leipzig an der Uni in seinem Bereich Vorlesungen hielt. Er ist kritisch, unbequem und gewiss nicht jedermanns Kumpel. Seine Studie zur Berichterstattung über die Migration und Flüchtingskrise zeigt indessen gleich zweierlei: dass die Medien sich immer wieder auf der vermeintlich „guten“ Seite einreihen, oder, umgekehrt: üble Kampagnen betreiben, wie z.B. in den Fällen zu Guttenberg, Wulff, Kachelmann – sehen sie danach Ihre gravierenden Fehler ein – wie auch jüngst beim G-walt-20-Gipfel in Hamburg? Mitmichten.Journalisten sind die letzten, die Fehler zugeben. Sie wissen einfach zu oft alles besser. Und genau das machen einige als Reflex auf Hallers Studie nun wieder. Peinlich.

  8. Die Aussage der Haller-Studie trägt dazu bei, dass jetzt zeitgleich ausgerechnet Martin Schulz das Streit-Thema „Flüchtlinge“ zum SPD-Wahlkampf-Thema macht, um der Merkel-CDU einzuheizen. Das Ergebnis im wutbürgerlichen Streit ist vorhersehbar: „Flüchtlinge raus“ – und „Merkel muss weg“. Es ist aber ein „Schulz-Trick“.

    Die SPD-Strategie: Schulz sieht, dass er mit all seinen Themen keine Wähler mehr hinzugewinnen kann. Seine letzte Möglichkeit: Er löst einen Wahlkampf-Krach um Flüchtlinge aus, der schwankende, rechte CDU-Stimmen in die Arme der AfD treibt. Nur so kann Merkel Stimmen verlieren – dann reicht es eventuell vielleicht doch noch für Rot-Rot-Grün (statt Schwarz-Gelb).

    Denn die AfD-Stimmen sind ja bei der Regierungswahl verlorene Stimmen. Sie fehlen jedoch Schwarz-Gelb.

    Die Haller-Studie der Brenner-Stiftung bereitet mit ihrer Kritik an der damaligen „refugee-welcome“ Kampagne den medialen Boden für eine thematische Kehrtwende der Presse vor. Jetzt hängt alles davon ab, wie die zunehmenden Flüchtlingszahlen im Sommerloch von den Medien skandalisiert werden.

    Gewinnen werden beim dem Schulz-Trick auf jeden Fall die Rechtsradikalen – und vielleicht Schulz mitseiner rot-rot-grünen Regierung.

  9. Ich will kein Beckmesser sein, einzig, um Fehldeutungen und neuen Kolportagen vorzubeugen, hier eine kleine Präzisierung zu Herrn Winterbauers ansonsten zutreffender Besprechung: Auf Seite 123 der Haller-Studie heißt es wörtlich: „Exkurs (fett gedruckt): Sinnfällig der in unserem Zeitungstexte-Korpus nicht enthaltene Videoblog-Kommentar des Wirtschaftschefs der Süddeutschen Zeitung …“ usw. Es wurde also sehr deutlich und transparent unterschieden zwischen Studienergebnissen und veranschaulichender Interpretation. Dies ist mir als Wissenschaftler nicht unwichtig.

    1. Sehr geehrter Herr Haller,

      da haben Sie natürlich recht, die Stelle ist als „Exkurs“ gekennzeichnet. Trotzdem geben solche Einschübe vielleicht Anlass für Missverständnisse, da Sie damit das eigentliche Feld der Studie verlassen. Nicht umsonst wurde genau diese Stelle von dem Autoren des Zeit-Textes zitiert.

      Beste Grüße
      SW

  10. Sehr guter Artikel. Die Studie wirft Fragen auf, die mit dem speziellen Problem der Flüchtlingskrise direkt gar nichts zu tun haben. Zum Beispiel die Tatsache, dass es eine strenge Trennung von Meinung und Information immer weniger gibt, weil nackte Informationen heute im Überfluss vorhanden sind und daher Journalismus meist gleich die Deutung mit liefert. Eine andere Frage ist der Konflikt zwischen Vielseitigkeit und der Bindung an Werte. „Herdentrieb“ kann durch Phantasielosigkeit entstehen. „Einseitige“ Wertungen können aber auch entstehen, weil klare Werte dahinter stehen, denen sich Journalisten oder auch ihre Medien verpflichtet fühlen. Dieser Spagat, zu seinen Werten zu stehen ohne einseitig zu werden, gelingt nicht immer. Aber die „Entfremdung“ zwischen Medien und Lesern ist sicher auch zum Teil dadurch begründet, dass sich deren jeweilige Werte unterscheiden. Sollen deswegen Journalisten ihre Werte opportunistisch aufgeben?
    Das Problem ist komplizierter, als die Studie und vor allem die Verarbeitung der Studie deutlich werden lässt.

  11. Medien und ihre Kritiker werden immer versagen, weil sowohl Journalisten wie auch Bürger nicht akzeptieren können, dass es keine Monokausalitäten gibt.

    Hallers Studie ist hilfreich. Wer sie als Antwort auf alle Probleme verstehen will, hat nichts verstanden und wird nichts verstehen.

  12. Herr Winterbauer sollte besser nachdenken, bevor er irgendeinen Nonsens schreibt, um seine 3 Artikel pro Tag voll zu bekommen.
    Wenn Herr Haller seine Studie vorab weitergibt, ist das erstens ein unwissenschaftliches Verhalten und zweitens lässt er sich dann darauf ein, dass ein Medium – hier die „Zeit“ – die Tonlage der Berichterstattung vorgibt. Herr Haller ist an der Berichterstattung folglich selbst schuld.

    Wenn Herr Winterbauer eine Sekunde Zeit zum Nachdenken hätte, müsste er darauf kommen, dass andere Medien bis zur Veröffentlichung der Studie den Bericht der „Zeit“ als Grundlage für die Berichterstattung nehmen.

    Dann hält sich Winterbauer mit solchen Nebensächlichkeiten und Selbstverständlichkeiten auf wie der Aussage, Haller gehe es nicht um Medien-Bashing. Wer hätte das erwartet? Was für ein Wunder…

    Wenn Herr Haller aber in seiner Studie „gravierende Dysfunktionen“ bei Medien feststellt, die sich „tief eingefressen“ hätten, heißt dies, dass die Medien ihre Funktionen nicht erfüllen – ein größeres Versagen kann man sich wohl schlecht vorstellen.

    1. @Lesen bildet? Wenn es das nur täte. Bei Lesen bildet – wer immer das auch sein mag – offenbar nicht, sonst schriebe er nicht so einen Quark.

  13. War Deutschland überrascht ? Ja!
    Hat Deutschland deswegen gelitten? Nein!
    Hat Deutschland falsch entschieden? Nein!
    Hat Presse falsch verhalten ? Nein !
    Gab in Deutschland vermehrt Verbrechen ? Nein !
    Wo ist DAS Problem ?

    All andere nur Minderheit quäkende Unzufriedene, die erst durch Brandanschläge, schwachmat Demos und unfähige kommunation Aufmerksamkeit bekommt! Deswegen kriegt Presse schelte?
    Facepalm!!!

    1. Leider ist die Flüchtlingskrise NICHT das erste Versagen der Presse. Griechenland, Ukraine, Syrien – auch bei diesen drei Krisenherden wurden und werden nur westliche Positionen wiedergegeben. Ich bin sicher, dass diese einseitigen Berichte der wahre Grund für die Krise der Medien ist.

      1. @ P.B. da ist was dran – aber ob die Medien das mal zum Anlaß zur Selbstkritik und vor allem beim nächsten Anlaß zur Rücksichtnahme nehmen werden? Eher wird der Papst evangelisch.

    2. Minderheit? Dann teilt mal die Kosten unter den Bahnhofsjubelern und Teddybärwerfern auf – NAMENTLICH !!! und finanziell voll dafür einstehend, was Ihre vermeintliche Mehrheit da will. Dann wird diese (Ihre) vermeintliche Mehrheit ganz schnell zu einer verschwindenden Minderheit!

    3. Habe geschrieben Text? Ja!
      War sich gut? Nö!

      All andere bling bling und Knopf drücke hohe Leistung? Alle schwachmat ausser mich!
      Palmface!

  14. Das Problem liegt in der zunehmenden Emotionalisierung der Berichterstattung. Ich war damals zufällig Zeuge, als der „Train of Hope“ im Frankfurter Hauptbahnhof ankam. Ich traf dort auf Kollegen, die während ihrer Freizeit voller Begeisterung auf den mit Flüchtlingen besetzten Zug wartete. So, als käme der Messias höchstselbst auf Besuch. Ich konnte das schon damals schwer nachvollziehen. Die Medienbranche hat überwiegend hier völlig versagt und ist zu Jubelpersern verkommen. Praktischerweise lagen sie auf einer Linie mit der Regierung. Das ist ungut. Über einen Vertrauensverlust bei Konsumenten, die sich im Nachhinein mit ihren Befürchtungen bestätigt fühlen, muß man sich da nicht wundern.

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