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Gruppensex, Drogen und Gehirnwäsche: Erfolgreiche Drehbuchautorin erzählt über ihre Zeit in einer Psycho-Sekte

Ariela Bogenberger in „Aussteigen“
Ariela Bogenberger in "Aussteigen"

Für ihre Drehbücher zu „Marias letzte Reise“ und „In aller Stille“ gewann sie den Grimme-Preis, jetzt tritt Ariela Bogenberger zum ersten Mal selbst vor die Kamera. In der 90-minütigen Interview-Collage „Aussteigen“, die der BR am 25. Juli zeigt, berichtet Bogenberger über ihre Erfahrungen in der Schweizer Psycho-Sekte „Kirschblütengemeinschaft“, der sie fast 20 Jahre lang angehörte.

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Von Hendrik Steinkuhl

Als im September 2015 Medien in ganz Deutschland darüber berichteten, dass in Handeloh südlich von Hamburg 29 Heilpraktiker, Psychologen und Ärzte nach einem, wie sich später herausstellte, ganz schlechten Trip in die Notaufnahme gebracht werden mussten, traf Ariela Bogenberger eine Entscheidung: „Ich habe beschlossen, mit Namen zu sagen, dass ich das nicht gut finde.“

18 Jahre lange war Bogenberger Mitglieder der Schweizer Sekte „Kirschblütengemeinschaft“, deren Guru Samuel Widmer Anfang dieses Jahres gestorben ist. Widmer wirkte weit über die Grenzen seiner Dorfgemeinschaft in Lüsslingen, zu seinen vielen Schülern gehörte auch der Aachener Psychotherapeut Stefan S., der gemeinsam mit seiner Frau das Seminar in Handeloh veranstaltete und sich bald vor dem Landgericht Stade verantworten muss.

Dank LSD und MDMA in einem „wohligen, frühkindlichen Zustand“

Wer eine Vorstellung davon bekommen möchte, was in Handeloh abgelaufen ist, der sollte sich die eineinhalbstündige BR-Dokumentation „Aussteigen“ unbedingt ansehen. Die frühere Journalistin und heutige Drehbuchautorin Ariela Bogenberger berichtet mit gnadenloser Ehrlichkeit davon, wie sie fast 20 Jahre lang einem narzisstischen Scharlatan hinterher lief und dabei permanent auf Droge war. Denn durch Betäubungsmittel induzierte Gruppenmeditationen waren eine von zwei Säulen in der „Therapie“ des Psychiaters Samuel Widmer. „Psycholyse“ nennt sich das Verfahren, bei dem bewusstseinsverändernde Mittel zur Unterstützung der Psychotherapie eingesetzt werden.

Grundsätzlich ist dieser Ansatz nicht verwerflich, in den letzten Jahren häufen sich Berichte über den erfolgreichen Einsatz von MDMA in der Traumatherapie. Doch wurde in der Kirschblütengemeinschaft nicht therapiert, sondern manipuliert. „Er hat mein Geld genommen, er hat meine Kreativität genommen, er hat mich in Situationen gebracht, wo ich hilflos wie ein Kind am Boden gelegen bin“, sagt Ariela Bogenberger über ihren Guru. Mit den Drogen, gerade mit der Kombination aus LSD und MDMA, sei die Manipulation ganz leicht gegangen. Bogenberger spricht von einem „wohligen, frühkindlichen Zustand“, in dem man jede Botschaft glaube, die man bekomme.

„Man liegt aufeinander, und es kommt zum Äußersten“

Einen ähnlich misslungenen Trip wie in Handeloh hat auch Bogenberger miterlebt, mehrere Teilnehmer hätten damals „mit Valium niedergespritzt“ werden müssen. Ihre Freundin Sabine Bundschuh, die die Ansagen der Münchener Verkehrsgesellschaft spricht, erlitt nach Einnahme des Fluoramphetamins 4-FMP zwei Hirnblutungen.

Die zweite Säule der Kirschblütengemeinschaft ist der Sex, vor allem Gruppensex, der sektentypisch als Tantra-Ritual verklärt wird. Wer im Netz nach Samuel Widmer und seiner Gemeinschaft sucht, findet zahlreiche Artikel. Der Sex wird in der Berichterstattung immer wieder thematisiert, doch erst jetzt, durch Ariela Bogenbergers Outing vor laufender Kamera, erfährt die Öffentlichkeit, was genau bei der „Kirschblütengemeinschaft“ in der Horizontalen passiert. „Man liegt aufeinander, und dann kommt es zum Äußersten. Den Orgasmus hat man auf dem, auf dem man gerade zufällig landet.“

Trotz Nachhakens von Regisseurin Petra K. Wagner bleibt Ariela Bogenberger etwas vage, „Ich spreche nicht so gerne darüber“, sagt sie verständlicherweise. Doch irgendwann erschließt sich dem Zuschauer der typische und eigentlich recht simple Ablauf: Eine große Zahl von Frauen legt sich nackt auf den Boden und wird von einer großen Zahl Männer begattet, wobei die Männer nach einer gewissen Zeit eine Frau weiter rücken. Wer beim Rudelbums nicht mitmacht, gilt als Versager im Sinne der Widmer’schen Lehre, der gemäß man bitteschön alle Menschen gleich intensiv lieben solle.

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Die Ausnahme bildete zu Lebzeiten nur der Guru selbst, der unter seinen Anhängern einen göttlichen Status hatte. Einmal, so berichtet Ariela Bogenberger, habe Widmer selbst bei einer Gruppenkopulation mitgemacht. „Er war noch zwei Männer vor mir, da habe ich spontan meine Regelblutung bekommen und musste den Raum verlassen. Später habe ich es so gesehen, dass ich mir selbst das Paradies verweigert habe.“

„Eigentlich bin ich in der Mafia gelandet“

Ihr Bruch mit der Sekte begann, als es im Jahr 2009 bei einer Psycholyse-Sitzung in Berlin zwei Todesfälle gab. Der Therapeut, natürlich auch ein Schüler Samuel Widmers, wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. In der „Kirschblütengemeinschaft“ waren sich laut Bogenberger aber die meisten einig, die Verstorbenen trügen selbst die Schuld. „Ich dachte damals: Eigentlich bin ich in der Mafia gelandet. Ein Menschenleben zählt nicht viel bei uns.“

Über ihren Einstieg in die Sekte sagt Bogenberger, sie sei einer „sehr verletzbare Ende-20-Jährige gewesen“, die in einen falschen therapeutischen Kontext gekommen und dann mit Drogen behandelt worden sei. Zur Sprache kommt auch der frühe Tod des Vaters: Schauspieler Willi Anders, ein schwerer Alkoholiker, nahm sich das Leben, nachdem ihn Ariela Bogenbergers Mutter, die bayerische Volksschauspielerin Veronika Fitz, verlassen hatte.

Zeit berichtet von einem „weit verzweigten psycholytischen Netzwerk“

Leider verliert Ariela Bogenbergers Bericht an Qualität, weil Regisseurin Petra K. Wagner in ihrer ersten Dokumentation erhebliche handwerkliche Mängel präsentiert. Tatsächlich handelt es sich bei „Aussteigen“ um eine reine Interview-Collage, der es völlig an Struktur fehlt. Die Regisseurin erklärt dazu in einem Text auf der BR-Website: „Die Gespräche – auch wenn sie sich auf den ersten Blick einer rein formellen Information nach journalistischen Gesichtspunkten und chronologischen Struktur entziehen – geben Einblicke in Arielas persönliche Geschichte.“ Allein dieser inhaltlich und sprachlich missratene Satz lässt vermuten, dass die Regisseurin ein grundsätzliches Problem mit Struktur hat.

Doch das ist in diesem Fall nachrangig, im absoluten Vordergrund steht, dass es der Regisseurin gelungen ist, eine der erfolgreichsten deutschen Drehbuchautorinnen zur völligen Selbstentblößung vor der Kamera zu bewegen. Wie relevant das ist, wissen wir spätestens seit Mai dieses Jahres, als in der Zeit folgendes zu lesen war: „Die Zeit hat aus Gesprächen mit Aussteigern und Teilnehmerlisten von Seminaren ein weitverzweigtes psycholytisches Netzwerk recherchiert, das sich bereits seit mehreren Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum im Untergrund trifft. Darunter namhafte Schauspieler, Journalisten, Kriminalkommissare, Pädagogen, Wissenschaftler. Sogar der Leiter einer Drogenklinik und eine Vielzahl praktizierender Ärzte und Heilpraktiker sind darunter.“

Viel fällt einem dazu nicht mehr ein. Am besten zitiert man wohl Ariela Bogenberger, die ihre 18 Jahre in der Psycho-Sekte einmal mit diesen Worten kommentiert: „Es ist oberpeinlich!“

„Aussteigen“ läuft am 25. Juli um 22.30 Uhr im BR.

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Alle Kommentare

  1. Vielen Dank an eine mutige Frau die den Tätern die Masken vom Gesicht reist. Jesus Christus möge mit ihnen sein und sie schützen.

  2. Bin beeindruckt von dem Film, den ich gerade in der BR-Mediathek gesehen habe. Um es vorwegzunehmen: Es sieht zu keiner Zeit so aus, dass die Protagonistin die Verantwortung von sich wegschieben will. Vielmehr stellt sie sehr glaubhaft ihre eigene Auseinandersetzung dar mit der Frage, wie sie in diese Bezüge geraten ist, wie sie es so lange auch vor sich selbst leugnen konnte und was das mit ihr gemacht hat. Es geht um Liebesfähigkeit, Schuldigwerden, Widerständigkeit, sehr menschliche Themen.
    Nebenbei, der Film ist vielleicht wirklich etwas lang, das Umkreisen des Themas strengt mit der Zeit etwas an.

    Alles in allem macht mich der Beitrag neugierig auf künftige Produktionen von Ariela Bogenberger.

  3. einfach nur total peinlich von Frau Bogenberger; eigentlich geradezu hässlich!
    Und vieles ist davon nicht wahr! Es war auch ihre Verantwortung, da mitzumachen und sie hat die Drogen selber genommen. Man hat diese ihr nicht einfach verabreicht, so wie sie das behauptet. Da macht es sich die gute Frau zu einfach. Ich an ihrer Stelle würde mich tüchtig was schämen für die Verbreitung von solchen Verleumdungen. Und das von einer Grimme-Preisträgerin! Die Frau hat einfach nicht begriffen, um was es wirklich geht und jetzt straft sie dafür die anderen und macht diese dafür verantwortlich! Gar nicht schön!

    1. Sie sind derjenige der sich schämen sollte. Weil ihnen die Todesopfer egal sind und die Familien die durch diese satanischen widerlichen Sekten zerstört werden!!

  4. Peinlicher geht’s nicht. Ich war mit ihr in der Schule, da hat sie auch immer sehr gern „monologisiert“.
    Ein einziger Egotrip um Aufmerksamkeit.

  5. Scheinbar hat sie sehr viel Spaß gehabt in dieser „Sekte“ sonst hätte Frau Bogenberger die Gruppen-Sex, und Drogen-Partys, früher verlassen !
    Im Nachhinein darüber zu schreiben und Interview`s zu geben, dient einzig allein der „Selbstbefriedigung“ ! Jetzt, mit 55 , im Gegensatz zu früher, machen diese Spiele offenbar keinen Spaß mehr.

    1. Sehr einfache Denkweise Herr Martin. Man kann an ihrer Stelle auch den Mund halten und wie viele die Decke des Schweigens darüber breiten. Dann müßten solche Kritiker sich keine Gedanken machen um Vermutungen kund zu tun und Leute durch den Dreck zu ziehen.

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