„Expansion war gar nicht unser Thema“: Wie thjnk-Chefin Heumann die WPP-Übernahme sieht

Karen Heumann
Karen Heumann

Es war ein Mega-Coup: die weltweite Werbeholding WPP hat vergangene Woche die Hamburger Agenturgruppe thjnk erworben. Doch der Deal kommt nicht überraschend. Denn Deutschlands Werbeagenturen stehen vor großen Herausforderungen, da die Werbekunden immer stärker auf digitalen Kanälen unterwegs sind. Im MEEDIA-Interview erklärt thjnk-Vorstandssprecherin Karen Heumann, welche Vorteile der Einstieg von WPP der Hamburger Agentur bringt.

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Frau Heumann, bislang bemühen sich Werbeagenturen, ihre Unabhängigkeit zu bewahren, um nicht kreativen Zwängen von großen Networks zu unterliegen. Doch die Digitalisierung stellt das Medien- und Werbegeschäft auf den Kopf. Wie weit war dies der Treiber für Ihre Entscheidung, unter das Dach der weltweit größten Werbeholding WPP zu schlüpfen?
Zwänge sehe ich tatsächlich keine, nur Möglichkeiten. Wir können jetzt an einen riesigen Fundus von Know-How und Wissen aller Art anknüpfen. Unsere Kunden sind wie wir in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Der Anspruch von thjnk als ihr strategischer Partner ist es, immer Antworten zu haben, die ausgereift und vor der Welle sind. Die zu entwickeln wird jetzt leichter und schneller.

Sie wollen durch ihre neuen Anteilseigner stärker wachsen. Fehlte thjnk das notwendige Kapital, um aus eigener Kraft zu expandieren?
Expansion war gar nicht unser Thema. Wir sind sehr ehrgeizig, haben aber eher Exzellenz-Ziele als Hegemonial-Gelüste. Der Markenkern von thjnk ist der Glaube an die Kraft des Gedankens. Dafür brauchen wir die besten Leute – und sind manchmal sogar dahin gegangen, wo sie waren. Unsere Dependance in Zürich ist zum Beispiel eine Art Liebeserklärung an die Leute, die nirgends anders leben, aber mit thjnk arbeiten wollten.

Zu Ihren Kunden zählen Commerzbank, Ikea, McDonald’s, ThyssenKrupp, die vor allem international aktiv sind. Haben die Kunden Druck gemacht, um sich WPP anzuschließen?
Wir haben ja immer international gearbeitet, solche Wünsche gab es nie. Aber alle haben es begrüßt, dass sich durch WPP jetzt neue Türen für unsere gemeinsame Arbeit öffnen.

WPP verfügt in Deutschland über diverse Agenturmarken wie Ogilvy, Grey, JWT, Scholz & Friends. Vor allem auf den deutschen Markt fokussierte Werbekunden wählen Agenturen aus, die unabhängig von großen Netzwerken sind. Haben Sie keine Sorge, dass Ihnen jetzt Kunden abspringen könnten?
Wir werden ja in Deutschland nicht schlechter, weil wir mehr Input aus der ganzen Welt nutzen können. Wir wollen, dass alle unsere Kunden davon profitieren, dass wir diese neue Andockstelle haben. Grundsätzlich wird sich für sie nichts ändern.

Planen Sie Zukäufe oder Eigengründungen, um weitere Geschäftsfelder zu besetzen?
Wenn es unseren Kunden hilft, und wir es nicht im WPP-Universum finden, werden wir auch weiterhin gründen.

Bei Ihrem künftigen Wachstumskurs müssen Sie sich mit Ihrem neuen Eigentümer absprechen. Wie stark redet Ihnen WPP ins Geschäft rein?
Die Tinte ist noch nicht trocken, deshalb kann ich da schlecht Auskunft geben. Trotzdem ist doch eines klar: Das größte Interesse von WPP ist es, dass wir erfolgreich sind. Und wir sprechen dort mit Leuten, die in ihren Bereichen extrem austrainiert sind. Was könnte fruchtbarer sein, als mit denen über Strategien nachzudenken? Ich freue mich jedenfalls sehr darauf.

Großen Agenturnetzwerken wird vorgeworfen, dass sie über ausreichend Geld und geeignete Technologien verfügen, aber nicht die nötige kreative Ader besitzen. Haben Sie keine Angst, dass unter dem großen Tanker WPP der kreative Schlendrian einsetzt?
Da kennen Sie meinen Kreativ-Partner Armin Jochum nicht. Bei ihm gibt es keinen kreativen Schlendrian. Und im Übrigen: Bei WPP ist kreative Performance ein explizit formulierter Anspruch, diverse WPP-Agenturen beweisen es.

Als Teil eines großen WPP-Netzwerks unterliegen Sie künftig diversen Zwängen – beispielsweise dem Reporting. Sind Sie darauf vorbereitet?
Unser CFO/COO Ulrich Pallas ist sicher der, für den sich am meisten ändert. Aber er hat viele Jahre in Networkfirmen gearbeitet und begrüßt den Schritt. Es wird ja häufig bemerkt, dass thjnk von drei Ex-Jung-von-Mattlern geführt wird. Was kaum einer weiß: Wir waren alle drei auch einen Teil unserer beruflichen Laufbahn bei BBDO. Und haben es dort sehr gemocht. Ich selbst habe meine ersten Jahre dort verbracht und später enorm profitiert von allem, was mir diese globale Marke an Wissen vermittelt hat.

Sie und Ihre Agenturpartner Armin Jochum, Michael Trautmann und Ulrich Pallas wollen an Bord bleiben. Haben Sie mit WPP eine Klausel vereinbart, um sich nach einer gewissen Karenzzeit galant aus dem Unternehmen zurückzuziehen?
Wir vier sind unbefristet dabei und werden tun, was wir so oder so jeden Tag aufs Neue versuchen: thjnk noch besser und stärker zu machen.

Die Fragen wurden per Mail gestellt.

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