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„MoMa“-Korrespondentin Christiane Meier: „Ich würde gern Donald Trump fragen, ob er noch ganz bei Trost ist“

MoMa-Chefin Christiane Meier: „Wir müssen es schaffen, dass die Zuschauer vor dem Fernseher die Zahnbürste für eine Sekunde weglegen „
MoMa-Chefin Christiane Meier: "Wir müssen es schaffen, dass die Zuschauer vor dem Fernseher die Zahnbürste für eine Sekunde weglegen "

ARD und ZDF feiern in dieser Woche 25 Jahre Frühstücksfernsehen. Das "Morgenmagazin" hat sich nicht nur als launiger Wegbegleiter zum Start in den Tag etabliert, sondern durchaus als politisch relevantes Format. Im Interview mit MEEDIA spricht Christiane Meier, Berlin-Korrespondentin für das MoMa", darüber, wie sie noch verschlafenen Zuschauern Politik näher bringt und wortkargen Politikern auf den Zahn zu fühlen versucht.

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Frau Meier, seit Juli 2012 sind Sie Korrespondentin des ARD-„Morgenmagazin“, Leiterin des „MoMa“-Teams im ARD-Hauptstadtstudio und seit jeher auf Interviews mit den Lenkern und Denkern in Deutschland abonniert. Was wäre eine gute Einstiegsfrage für unser Gespräch?
Christiane Meier: Das ist doch Ihre Arbeit, die Sie machen müssen!

Vielleicht genauso schwierig, wie eine gelungene Einstiegsfrage: Wir haben 20 Minuten Zeit für unser Gespräch – in Ihren Interviews für das „MoMa“ müssen Sie mit deutlich weniger auskommen. Wie schaffen Sie es, etwa einen Bundesjustizminister Heiko Maas in fünf Minuten zu interviewen?
Es ist wirklich sehr wichtig, dass man sich gut vorbereitet. Man muss sich die Disziplin aufzwingen, sich darüber klar zu werden, was man von seinem Gesprächspartner wissen will.

Also: konkrete Fragen, kein Geplauder.
Genau, ich gehe da sehr gezielt ran. Wir laden die Gäste ja nicht zufällig ein. Wir laden einen Gast zu einem Thema ein, weil wir wissen, dass es bei den Zuschauern einen gewissen Informationsbedarf gibt. Dass es etwa ein Streitthema gibt, bei dem es unterschiedliche Positionen gibt, jemand angegriffen wird und vielleicht auch die Gelegenheit braucht, sich zu erklären. Je nachdem, welche Situation wir haben, muss man sich dazu vorher genau überlegen, was jetzt wirklich wichtig ist, was ich rausholen will und was für den Zuschauer wichtig ist. Das kann oftmals ein schwieriger Spagat sein – auch für die Gäste. In der Kürze der Zeit ist es eben notwendig, dass sich alle disziplinieren. Auch die Politiker wissen, dass sie nicht endlos reden können.

Die Kürze des Interviews kann aber auch gegen Sie verwendet werden…
Absolut. Manche Gäste versuchen natürlich auch, sich davonzuschleichen und reden bei ungemütlichen Fragen bewusst um den heißen Brei.

Wie steuern Sie da gegen?
Das sind die Momente, an denen ich einhaken muss. Ich bin der Meinung, dass es in unserer Medienlandschaft möglich sein muss, dass ein Politiker eine Idee vollständig formulieren darf – allerdings nicht zehn Minuten lang. Insofern gehe ich ungern dazwischen, weil ich glaube, der Gedanke muss auch allein wegen der Zuschauer zu Ende gedacht sein. Wenn ich allerdings merke, dass ein Gast ein Ablenkungsmanöver fährt und sozusagen vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, dann gehe ich auch dazwischen. Das finden Politiker natürlich nicht schön, aber das muss dann eben sein.

Warum haben Sie im „Morgenmagazin“ eigentlich noch nicht Martin Schulz oder Angela Merkel interviewt?
Weil sie nicht kommen. Martin Schulz habe ich zwar schon interviewt, allerdings nicht direkt vor Ort – der wurde uns zugeschaltet. Da wird es aber auch noch zu einem persönlichen Gespräch kommen, da bin ich mir ziemlich sicher. Und für Angela Merkel ist das „MoMa“ offenbar kein Format, das ihr zusagt. Wir haben ihr ein Gespräch vielfach angeboten. Das letzte Gespräch ist nun fünf Jahre her. Aber es gibt auch andere Gesprächspartner, die einfach keine Zeit oder Lust haben, zum Gespräch vorbeizukommen.

Zum Beispiel?
Ich habe mich viele Jahre über Außenminister Frank-Walter Steinmeier geärgert, der an keinem einzigen Morgen Zeit hatte. Das hat mich zwar nicht persönlich geärgert, aber durchaus beruflich – besonders in außenpolitisch so wichtigen Zeiten.

Warum ist Frank-Walter Steinmeier noch nicht im „MoMa“ zu Gast gewesen?
Das müssen Sie schon ihn oder noch besser seinen ehemaligen Pressesprecher fragen, ich weiß es wirklich nicht. Wir haben es mindestens 78 Mal, vielleicht auch öfter versucht. Zumindest im Fall Steinmeier heißt es, er habe schlichtweg keine Zeit. Bei Angela Merkel ist es genauso. Und das finde ich schade. Schließlich handelt es sich um von den Bürgern gewählte Repräsentanten. Natürlich können sie nicht jeden Tag im „MoMa“ sein, aber zumindest in Krisensituationen würde man sich wünschen, dass dieser und jener Politiker die Lage einmal aus der Sicht der Bundesregierung erläutert und einordnet.

Schulz und Merkel sind die wohl meist gefragten Politiker in diesem Jahr, ein Highlight im Wahlkampf wird das TV-Duell im September. Es wurde viel über den Modus diskutiert und gestritten: Erst wurde je ein öffentlich-rechtliches und ein privates Duell gefordert, nun ist das Gespräch in zwei Blöcke aufgeteilt – und die Oppositions-Parteien fühlen sich unfair behandelt. Wie sähe, Ihrer Meinung nach, die ideale Konstellation aus?
Die ideale Konstellation ist immer die einfachste. Für mich würde die Konstellation daher so aussehen: Angela Merkel und Martin Schulz werden hingesetzt und tauschen möglichst lange ihre Argumente aus. Ob da ein Moderator, zwei oder noch mehr sitzen – völlig egal. Die Kandidaten müssen da sitzen und miteinander reden und debattieren, möglichst häufig. So, dass die Wähler den Eindruck gewinnen, tatsächlich zu verstehen, wen man da überhaupt wählt. In diesem Fall bin ich Vertreterin der schlichten journalistischen Form.

Ist es schlicht, vier Moderatoren in zwei Blöcken die Kandidaten befragen zu lassen?
Ich halte das für schwierig, ehrlich gesagt. Die Qualität eines Gespräches besteht doch in der Nachfrage und des Zuhörens. Bei so vielen Moderatoren kann das eigentlich nur gelingen, wenn die Zweier-Teams eine übermenschliche Verbindung zueinander besitzen und sich ergänzen. Im Grunde genommen geht es um Information und nicht um Selbstdarstellung. Deswegen halte ich das Konzept der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender für zu kompliziert.

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Neben Angela Merkel: Welchem Machtinhaber würden Sie aktuell gern eine Frage Ihrer Wahl stellen – und wie lautet diese?
Wie viele habe ich? Ich würde logischerweise gern mit Donald Trump reden und ihn fragen, ob er noch ganz bei Trost ist.

Eine schöne Einstiegsfrage.
Bloß nicht. Aber ich würde wirklich wissen wollen, was ihn antreibt, den destruktiven Kräften in seinem Beraterkreis zu erlauben, ihn derart zu bestimmen. Bei Wladimir Putin würde ich die Frage stellen, die eine amerikanische Kollegin auch gestellt hat, ob er Einfluss auf die US-Wahlen genommen hat. Und da würde mich vor allem interessieren: Was will Russland eigentlich? Die Antwort bekommt man wahrscheinlich nicht – aber man sollte wenigstens die Frage stellen.

Kommen Gäste, etwa Politiker, auch gezielt auf das „MoMa“ zu?
Die meisten trauen sich das nicht, weil wir da auch widerstandsfähig sind. Aber ja, das gibt es auch – Vertreter von Politikern rufen hier an und haben ein „ganz tolles Gesprächsthema“. Das kann auch sein, aber das muss eben abgewogen werden: Ist das Thema für uns wichtig? Ist es für den Zuschauer wichtig? Dieses Interesse hat oberste Priorität – das ist letztendlich journalistisches Handwerk. Wenn es zufällig passt, sagen wir solche Anfragen auch zu. Aber zu unseren Bedingungen.

Mit einigen Politikern haben Sie hingegen schon zahlreiche Interviews geführt, kennen sich seit Jahren. Sind Sie mit einigen Gesprächspartnern per Du?
Nein, niemals. Das ginge zu weit. Das heißt nicht, dass ich meine Gesprächspartner nicht mag – unter anderen Umständen könnte ich mit dem ein oder anderen sogar befreundet sein. Einige Politiker versuchen einen zu vereinnahmen, manchmal ist man aber auch selbst dazu geneigt, einen Gesprächspartner netter zu finden als andere. Da ist es wichtig, professionell und auf Distanz zu bleiben. Das ist gar nicht so einfach, muss aber so sein.

Fällt Ihnen ein Beispiel aus jüngster Zeit ein?
Da fallen mir jede Menge Beispiele ein. Aber die möchte ich nun nicht unbedingt ausbreiten. Man darf das aber auch nicht falsch verstehen. Ich bin eigentlich immer dazu bereit, die Politik zu verteidigen. Politiker brauchen Außenwirkung, wollen erklären, was sie machen – das ist ihr Job. Natürlich gibt es auch Hintergründe im machtpolitischen Bereich, aber es hat auch durchaus seriöse und ernstzunehmende Gründe. Beispielsweise, wenn es einen Streit um ein neues Gesetz gibt. Dann wollen Politiker natürlich bereits morgens über eine reichweitenstarke Plattform ihren Standpunkt klarmachen. Ich finde es daher gar nicht so verwerflich. Verwerflich wäre es nur, wenn wir das immer annehmen würden.

Dennoch: Es scheint nahezu unmöglich, innerhalb Ihrer kurzen Zeit ein gehaltvolles Gespräch zu führen – zusätzlich erschwerend ist die Tatsache, dass Sie nur eine Chance haben und Ihre Gespräche oftmals noch in anderen ARD-Formaten aufgegriffen werden. Bei Ihnen muss jede Frage sitzen – aber auch jede Antwort. Sind die Gesprächsthemen, vielleicht sogar einige Fragen, vorher abgesprochen?
Nein, die Fragen sprechen wir nicht ab – das wäre ja absurd und unsinnig. Zumal einige davon tatsächlich erst im Gespräch aufkommen. Was wir natürlich machen ist, dass wir einen Politiker zu Thema „XYZ“ einladen. Alles andere halte ich auch für unseriös. Nicht jeder kann immer alles perfekt draufhaben. Was ich allerdings versuche, ist das Gespräch für mich im Kopf zu strukturieren.

Hat es denn schon Gespräche gegeben, nach denen Sie enttäuscht über das Interview im Allgemeinen oder die Antworten Ihres Gesprächspartners im Besonderen waren?
Ja, das gab es schon öfter. Das ist entweder der Fall, wenn die Gäste nicht ausgeschlafen und nicht fokussiert sind. Oder wenn sie ganz bewusst versuchen, mich in die Irre zu führen. Das passiert aber nicht oft, sonst wären sie ja nicht zu Gast – jeder Gesprächspartner hat ja das Recht, dem Interview fernzubleiben. Falls es aber zu einer dieser Situationen kommt, gehe ich aus dem Gespräch und ärgere mich maßlos, weil es eine verpasste Chance ist. Und ich glaube und hoffe, dass meine Gesprächspartner das dann auch tun. Was ich daher wichtig finde, und das ist eine handwerkliche Sache, ist, dass wir nur wenig Zeit haben und uns vorab versuchen zu strukturieren. Ich bin nicht „Monitor“ und auch nicht Der Spiegel. Ich habe keine Chance, mit meinen Gästen ein zweistündiges Interview zu führen.

Ist das nicht ein unliebsamer Zustand für Sie – oder ist das „MoMa“ einfach das falsche Format für ausschweifende Gespräche? Immerhin haben Sie es wohl größtenteils noch mit schläfrigen Zuschauern zu tun. Und sogar mit schläfrigen Politikern.
Es ist hin und wieder ärgerlich, aber: Wir haben erst einmal die Chance, in einer komprimierten Form komplexe politische Zusammenhänge zu vermitteln. Das ist eine Herausforderung. Wir müssen es schaffen, dass die Zuschauer vor dem Fernseher die Zahnbürste für eine Sekunde weglegen und denken: „Ach, das ist ja interessant!“. Das ist der maximale Erfolg, den man erreichen kann. Wenn es darum geht, ein Thema wirklich in allen Verästelungen darzulegen oder argumentativ zu umrunden, dann ist das „MoMa“ tatsächlich das falsche Format. Das geht nicht. Aber ich kämpfe, und das kann jeder beim „MoMa“ bestätigen, um jede Sekunde Gesprächszeit.

Als Leiterin des „MoMa“-Teams im ARD-Hauptstadtstudio haben Sie aber sicherlich die Möglichkeit, die Kollegen auf ein im Interview vielleicht zu kurz gekommenes Thema anzusetzen.
Ja, natürlich. Wir sind ja sowieso in ständigem Kontakt. Ich sitze in Berlin, die Redaktion in Köln – das ist ohnehin eine spannende Konstellation. Der Input kommt von beiden Seiten. Bei mir kommt er sozusagen aus der politischen Blase in Berlin, während die Redaktion in Köln von außen einen Blick darauf wirft. Manchmal kommt sie auf abgefahrene Ideen, an die ich im Leben nicht gedacht hätte. Aber diese kreativen Auseinandersetzungen sind eben sehr wichtig. Klar foppen mich die Kollegen hin und wieder, ein Gespräch könne auch in zwei Minuten über die Bühne gehen, und gut ist – wenn ich aber einen Minister zum Gespräch da habe, will ich meine vier Minuten haben. Das klingt schon komisch genug.

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