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Ein Magazin im Ausnahmezustand: vom Verlust der Deutungshoheit des Spiegel beim G20

Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer, Spiegel-Cover: schräge Titelwahl
Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer, Spiegel-Cover: schräge Titelwahl

Der Spiegel wurde bereits hart kritisiert für die Entscheidung, am Wochenende des von schweren Krawallen begleiteten G20-Gipfels in Hamburg mit dem Thema gesundes Essen zu titeln. Die misslungene Titel-Entscheidung ist aber nur ein Symptom für den fortschreitenden Verlust der Deutungshoheit beim Nachrichtenmagazin. Auch intern ist die aktuelle Linie des Blattes umstritten.

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Der frühere SZ-Magazin- und stern-Chefredakteur Dominik Wichmann bezeichnete den aktuellen Spiegel-Titel “Essen oder nicht essen“ vom vergangenen Samstag bei Facebook als „sehr einfallslos, schlecht und geradezu peinlich“. Er traf damit einen Nerv und trat eine lange Debatte auch unter namhaften Medienmachern unter seinem Posting los. Dabei ging es Wichmann erklärtermaßen nicht darum, vom Spiegel Unmögliches zu verlangen. In einem Kommentar zu seinem Posting schrieb er:

Von einer Forderung, das gestern Geschehene heute abzubilden, war auch nie die Rede. Von der Erwartung, einen Titel zu setzen, der mit dem allgegenwärtigen Themenspektrum dieses Wochenende auch nur ansatzweise etwas zu tun hat, sehr wohl.

Wie aus dem Spiegel-Hochhaus zu hören ist, soll die Titelwahl auch bei der Montagskonferenz im Hause Thema gewesen sein. Auch dort habe es massive Kritik an der Cover-Entscheidung der Chefredaktion gegeben, was kaum verwundert. Die irritierende Titelwahl vom Samstag hatte Auswirkungen. Das Magazin liegt eine ganze lange Woche mit diesem angesichts der Ereignisse völlig deplatzierten Thema an den Verkaufsstellen. Das hätte man beim Spiegel vermeiden können, indem der Erscheinungstermin frühzeitig wegen des G20 vom Sonnabend auf Montag verschoben hätte. Verschiebungen des Erstverkaufstags sind bei besonderen Umständen im Magazingeschäft durchaus üblich, etwa bei Feiertagen oder großen „Nachrichtenlagen“.

Auch digital wirkt sich die von vielen als situativ unangebracht empfundene Titelgeschichte auf die Wahrnehmung der Marke Spiegel aus. Während das Netz und die Sozialen Medien längst voll waren mit Berichten über erste Krawalle und aus dem Ruder gelaufene Anti-G20-Demos in Hamburg, waberte ein Spiegel-Video durch Facebook, in dem ein Redakteur Schinken zu lustiger Pfeifmusik verkostet und versonnen an edlem Olivenöl schnuppert. Das Video war gewiss als begleitender Inhalt zur Titelgeschichte über gesundes Essen gedacht. Der Facebook-Algorithmus sorgte freilich dafür, dass das Wohfühl-Filmchen von Facebook auch dann noch in die Newsfeeds gespült wurde, während in Hamburg die Straßen brannten und die Pflastersteine flogen.

Während drüben bei FAZ.net der frühere Spiegel- und Spiegel-Online-Chefredakteur Matthias Müller von Blumencron mit Herzblut die Geschehnisse in seiner Heimatstadt in einer ganzen Reihe von Texten kommentierte und analysierte und stern-Herausgeber Andreas Petzold bei Facebook live vom Gruner+Jahr-Dach sendete, stand der Spiegel am Käsestand der Marheineke Markthalle. So jedenfalls das Bild, das man bei Facebook gewinnen konnte.

Am Samstag, 8. Juli, als es in Hamburg immer noch brannte, erklärte die stellvertretende Spiegel-Chefredakteurin Susanne Beyer im Morgenletter „Die Lage“, die Wahl des Spiegel-Titels folgendermaßen:

Die neue Titelgeschichte des SPIEGEL wird auf Sie, liebe Leserin, lieber Leser, so wirken, als sei sie weit weg von den Themen des G20-Gipfels. Tatsächlich geht es um ein Thema des Alltags, den Ernährungskult. Aber gibt es da nicht doch einen gar nicht so fernen Zusammenhang? An den Essenstischen herrscht Überfluss, zugleich müssen wir uns ständig fragen, welche Lebensmittel Allergien auslösen könnten, welche nicht mehr ethisch vertretbar sind. Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Klimawandel, diesen Zusammenhang zwischen diversen Produkten und der Ausbeutung großer Menschengruppen. Essen ist politisch, in Zeiten der Globalisierung so sehr wie noch nie.

Ach so. Essen ist ja auch irgendwie „politisch“. Sarkastisch könnte man hinzufügen, dass der Spiegel auf dem Titel ja immerhin einen Hamburger zeigt und darum auch irgendwie aktuell ist. Die gewundene Rechtfertigung der stellvertretenden Chefredakteurin deutet an, dass sie beim Spiegel schon geahnt haben mögen, dass das vielleicht keine so gute Idee war mit diesem Titel.

Aber wo war eigentlich der Chef des Hauses? Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, der dem Vernehmen nach am Wochenende sogar im Haus war, hielt es offensichtlich nicht für nötig, den Lesern in diesen höchst-dramatischen Tagen die Lage persönlich zu erläutern. Auch am Montag und am Dienstag glänzte Brinkbäumer Kommentar-technisch durch Abwesenheit und ließ mit René Pfister, den Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros von Berlin aus ran. Vom Spiegel-Chef bleibt dagegen diese Einschätzung vom Chefredakteurs-Gipfel des Hamburger Abendblatts in Erinnerung, der im Vorfeld des G20-Gipfels stattfand:

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Wenn es weitgehend ohne Gewalt und vor allem ohne Terroranschlag abgeht, wird G20 für Hamburg Werbung sein. Die Bilder, die von der Elbphilharmonie um die Welt gehen, werden eine große Wirkung haben. Dann kann Hamburg ein Name sein, den jeder kennt.

Klar, hinterher ist man immer schlauer. Aber konnte man das wirklich nicht ahnen, was da auf Hamburg zurollte? Brinkbäumers Kollege, stern-Chefredakteur Christian Krug, war beim selben Termin jedenfalls weniger euphorisch:

Wenn am Ende nur Bilder von brennenden Autos oder von Ausschreitungen im Schanzenviertel um die Welt gehen, ist das für den Tourismus natürlich fatal. Deswegen ist für Olaf Scholz das Ja zu G20 mit einem viel größeren Risiko verbunden als für Angela Merkel.

Der stern zieht diese Woche übrigens seinen Erscheinungstermin vor und druckt Sonderseiten zu G20 und den Krawallen.

Was macht eigentlich der Spiegel? In der Spiegel-Hausmitteilung des aktuellen Heftes ist zu lesen: „Auch nach Re­dak­ti­ons­schluss am Don­ners­tag um Mit­ter­nacht war ein Team von mehr als 30 Re­por­tern von SPIEGEL ON­LINE, SPIEGELund SPIEGEL un­ter­wegs, um den Gip­fel und die Pro­tes­te da­ge­gen zu be­ob­ach­ten. Der di­gi­ta­le SPIEGEL, er­reich­bar über die App, wird, falls er­for­der­lich, ak­tua­li­siert.“ Von einer größeren Aktualisierung der digitalen Spiegel-Ausgabe war auch am Montag und Dienstag nichts zu sehen. War sie nicht „erforderlich“?

Der Spiegel verfolgte aber auch schon vor dem G20-Gipfel eine publizistische Zickzack-Linie. Der Titel vor dem G20-Wochenende zeigte einen Wolf, der wohl den Raubtierkapitalismus symbolisieren soll und die Weltkugel zwischen den gefletschten Zähnen hat. Titeltext: „Globalisierung außer Kontrolle. Traut Euch! Radikal denken, entschlossen handeln, nur so ist die Welt noch zu retten.“ Im Inneren hieß es: „In Hamburg sammelt sich der Protest gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur und gegen die Auswüchse des Finanzkapitalismus. Es ist radikales Umdenken nötig, um die Probleme der Menschheit zu lösen.“ Die ganze Geschichte wirkt wie eine doch arg romantisierte Ranschmeiße an die Szene der Globalisierungsgegner, deren extremistischen Auswüchse dann ein Wochenende später in Hamburg die Wut von der Leine ließen und wahrlich radikal handelten.

Vor wenigen Wochen titelte das Magazin noch „Hauptstadt Hamburg“ und sah den G20-Gipfel im touristischen Dreiklang mit Elbphilharmonie und Schanzenviertel für die wiedergeborene Metropole Hamburg. Nach den Krawallen kommentierte eine Social-Media-Redakteurin dann bei Spiegel Online in pubertär anmutendem Bento-Sprech unter dem Titel „Weltstadt? Vergesst es“:

Ach Hamburg, ey.

„Schönste Stadt der Welt“ ist selbstverliebt der Slogan Hamburgs, auch ohne pittoreskes Altstadtpanorama, ohne Schloss (die Reste der namensgebenden Burg liegen heute unter einem Parkplatz). Wir kompensieren, indem wir Elbphilharmonien bauen, Kreuzfahrtschiffe abfeiern, uns um Olympia bewerben und damit spektakulär scheitern – oder indem wir den G20-Gipfel austragen.

Wir sind das Tor zur Welt, aber sicher keine Weltstadt. Lasst es uns einfach einsehen, dass das völlig okay so ist.

So mäandert Der Spiegel zwischen Verständnis für extrem linke Positionen, Weltstadt-Fantasie und gepflegter Ignoranz.

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Alle Kommentare

  1. Nachdem der Spiegel sich nach der Wahl von Trump bitterlich über die bösen weissen Männer die am ganzen Elend der Welt Schuld sind beklagt hat mußte ich feststellen das ich als alter Spiegelleser dummerweise auch ein weisser Mann bin.
    Danach hab ich mich entschloßen den Spiegel nicht mehr zu kaufen.

    Sätze wie die eines Großaktionärs des Spiegels nach dem die Krawalle wünschenswert sind weil damit der Preis für die Ausrichtung solcher Treffen in unbezahlbare Höhen getrieben wird bestätigen mich in dieser Entscheidung.
    Ich mach mir aber keine Sorgen um die Finanzierung des Spiegels. Als ich das letzte mal beim Frisör darin geblätter haben hatten Bund und Länder einige Anzeigen geschalten.
    Und sollte das nicht reichen den Spiegel langfristig zu finanzieren kann man ja immer noch einen Teil des Rundfunkbeitrags zur Finanzierung der Presse verwenden… dann sind die Journalisten auch dann noch gut versorgt, wenn kein Leser dieses ehemaligen Nachrichtenmagazin mehr kauft.

  2. Alles, was es zum Spiegel zu sagen gibt:

    @Spiegel
    Geh sterben!

    @Journaille
    Lügner in die Produktion, am besten nach Workuta, Steine klopfen!

    Wer so viel gelogen und maniuliert hat und zudem noch gegen Deutsche, also zum Schaden der eigenen Leser, der hat keine Existenzberechtigung mehr!

  3. Der Papier-Spiegel hatte Pech, weil er nicht auf Anti-Randale Wahlkampf machen wollte. Und weil er – auf Verdacht – ganz dolle an das Deeskalations-Gerede von Hamburgs Scholz glaubten wollte. Die Printer haben das Gefühl für linke Radikalisierung ignoriert, weil sie diese – kurz vor der (für den Spiegel blamablen) Merkel-Wahl einfach nicht wahrhaben wollen.

    Das Leitmedium für den journalistischen Durchschnittsdenker ist längst Spiegel-online geworden. Spon berichtete wacker und live über die Ereignisse. Spon wäre aber noch glaubwürdiger, wenn nicht albern-irreale Kommentare aus dem Meinungsressort am positiven Eindruck zweifeln ließen.

    Bei SPON gibt es sichtlich zwei redaktionelle Fraktionen: Einige junge Realo-Reporter, die rausgehen und aufschreiben (wie früher der Rene Pfister). Und selbstgefällige Kommentatoren, die sich mit verstopften Ohren hinterm Schreibtisch wichtig machen. Da fragt eine empörte Anna Reimann ernsthaft: „Warum schaden die Krawalle eigentlich nicht Merkel?“ Hä?
    Doch da ihr Meinungschef (…N.N.) ähnlich tickert, hat Spon Schaden im Dach. Es ist schade, dass das Resort „Meinung“ einem den Spaß an Spon derart vergällt.

    1. So lange bei SPON einige Moderatoren völlig ungehindert von der SPON-Ltg. eine diskriminierende Willkür-Zensur gegenüber voll netiquetten-/regelkonform und seriös postenden Foristen ausüben, deren „erkannte“ Grundhaltung ihren nicht genehm ist, kann das Haus wohl kaum eigene Seriösität und medial-politische Deutungshohheit für sich beanspruchen. Motto: Pressefreiheit ja, Meinungsfreiheit offenbar nur, wenn sie genehm ist – jedenfalls bei eben diesen Moderatoren bzw. Redakteuren.

  4. Was der Spiegel schreibt oder nicht, ist für immer mehr Menschen genauso interessant, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt…

    Selbst spiegel-online schreibt erkennbar an der Wahrheit und den Interessen/Meinungen der Leser vorbei, was man an der chronisch deaktivierten Kommentarfunktion erkennt…

    Genau wie bei gewissen anderen Internetseiten.

    Focus-online und welt-online sind eine der wenigen Ausnahmen…

  5. Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, Herr Winterbauer. Seit etwa zehnJahren wird der Spiegel von globalisierten Wohlfühl-Linken regiert, in deren Traumschiff die grausame Realität kaum noch einbrechen kann. Da ist Beyers Mitteilung nur stringent: den Kampf für Gerechtigkeit ficht man auch mit Olivenöl für 30 Euro.

  6. „Globalisierung außer Kontrolle. Traut Euch! Radikal denken, entschlossen handeln, nur so ist die Welt noch zu retten.“
    Ist doch klar, dass vom Spiegeln nichts kommt. Da haben von ihnen herangezüchtete Radikale ihren Auftrag ausgeführt. Radikal denken, entschlossen handeln. Da ging vielleicht dem Chefredakteur des Spiegel angesichts der Ausschreitungen vielleicht eher vor Stolz das Herz auf, als dass ihm Kritik dazu einfiele. In diesem Fall ist es wie so oft bezüglich Radikalismus. Schweigen kann auch eine ziemlich laute Botschaft sein. Erst Recht wenn es von Relativierungsarien begeleitet wird (Hallo ARD, ZDF „Aktivisten“, Spiegel, Stegner, Kipping, usw. usf.)! Einige werden sich vielleicht bald einer Überwachung durch den Verfassungsschutz nicht mehr entziehen können.

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