Bild und Boris Becker – Schlammschlacht nach dem Aus der Boulevard-Traum-Ehe

Boris, Bild, die Zeit, Erdogan und G20 – mords was los im Wochenrückblick
Boris, Bild, die Zeit, Erdogan und G20 - mords was los im Wochenrückblick

Der G20-Gipfel und die ihn umwabernden Proteste und Randale halten die Republik und vor allem Hamburg in Atem. Die Bild findet kein gutes Haar mehr an ihrem früheren Darling Boris Becker. Und die Zeit vergaloppiert sich ein wenig beim Loben ihres absolut gelungenen Erdogan-Interviews. Der MEEDIA-Wochenrückblick

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Im Umfeld des G20 Gipfels in Hamburg kam es zu den erwarteten Krawallen des so genannten Schwarzen Blocks. Die Bilder, die über soziale Medien verbreitet wurden und werden, verstören. Zum Beispiel hier, wenn Chaoten durch Hamburg ziehen, Autoscheiben einschlagen und wahllos Fahrzeuge in Brand setzen.

Mit Protest hat das wirklich nix zu tun, sondern nur mit sinnloser Zerstörungswut. In einigen Medien und in den Netzwerken ist dabei immer wieder die Frage zu lesen: Warum nur in einer Großstadt wie Hamburg? Das sei unverständlich. Warum nicht irgendwo an einem abgelegenen Ort, wo dieser G20-Gipfel niemanden stört? Dazu ist zu sagen, dass die G20 Gipfel bislang in der Regel immer in Großstädten stattfinden, u.a. 2013 in Moskau, 2011 in Cannes, 2010 in Toronto, 2009 in London usw. In den Städten wurden meistens Convention Center für die Treffen genutzt, ähnlich wie nun in Hamburg das Messegelände. Dass ein G20 Gipfel in einer Großstadt stattfindet, ist also nicht ungewöhnlich. Und: Sollte ein Land wie Deutschland nicht auch in der Lage sein, ein solches Treffen in einer Stadt abzuhalten? Würde man nicht vor den Chaoten im Vorfeld kapitulieren, wenn man sagen würde: Nein, das geht nicht? Die „Anne Will“-Sendung vom kommenden Sonntag fragt mit Blick auf die Kosten und Krawalle: „War es das wert?“ Das ist die falsche Frage. Gerade so, als ob gewaltsame Ausschreitungen zu einem solchen Gipfel ein unabänderliches Naturgesetz wären. Sind sie nicht. Das sind Chaoten, die sich dazu entscheiden Terror und Gewalt zu verbreiten und die der Staat zur Rechenschaft ziehen muss.

Kanzlerin Angela Merkel sagte zu dem Thema in der aktuellen Zeit:

Außerdem muss ein G20-Gipfel mit seinen zahlreichen Delegationen und den Tausenden von Journalisten wegen der Hotelkapazitäten und der benötigten Infrastruktur in einem Ballungsgebiet stattfinden. Das ist, anders als G7, auf dem Land nicht so gut zu machen. Und was London, St. Petersburg, Toronto, Seoul oder Brisbane konnten, sollte in Hamburg auch möglich sein.

Recht hat sie! Trotzdem kann man natürlich mit guten Gründen die Sinnhaftigkeit solcher Mega-Gipfel bezweifeln und gesittet protestieren. Die Frage „ob es das wert“ ist, ist aber gesondert von den Krawall-Chaoten zu beantworten.

Die aktuelle Zeit hat nicht nur das angesprochene Merkel-Interview, sondern auch ein Gespräch von Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Ein doppelter Coup für die Zeit. Vor allem das Erdogan-Interview ist sehr lesenswert. Wie Erdogan mitten im Gespräch auf einmal anfängt, di Lorenzo zu duzen, wie er sich immer mehr in Rage redet und bezweifelt, dass deutsche Medien keine Anweisungen zur Berichterstattung erhalten. Das alles ist höchst selbst-entlarvend. An einer Stelle sagt Erdogan dann doch tatsächlich: „Wir haben eine tief verwurzelte Staatstradition, die verhindert, dass wir emotional reagieren.“ Gut, zu wissen!

Die Zeit-Leute waren zurecht stolz auf diese Ausgabe, auch wenn Online-Chef Jochen Wegner vor lauter Begeisterung bei Twitter dann doch in Sachen Eigenlob ein wenig die Gäule durchgingen:

Da waren ja immerhin noch die Interviews, die Erdogan der ARD, RTL und CNN gegeben hat. Auch die nachgeschobene Begründung, er beziehe sich nur auf Printmedien, sticht nicht, denn die französische Le Monde hatte vergangenes Jahr auch ein Erdogan-Interview. Aber egal. Die Petitesse wurde korrigiert.

Bereits am vergangenen Wochenende veröffentlichte die Süddeutsche ein lesenswertes Interview mit Boris Becker. Der Tennisheld sprach über diese Sache mit dem Insolvenzantrag in Groß-Britannien und die mediale Berichterstattung über ihn in Deutschland. Dabei sagte Becker: „Ich bin seit Jahren nicht mehr aktiv in der Boulevardpresse, ich gebe kein privates Interview mehr. Ich bin froh, dass meine Boulevardkarriere zu Ende ist.“

Das war mal anders. Es gab Zeiten, da stellte Becker selbst jedes Fitzelchen seines Privatlebens öffentlich aus und startete mit Boris-Becker.tv sogar einen eigenen Web-TV-Kanal, für den er sich die Bild als Partner mit ins Boot holte. Das war anno 2009. Heute sind „BB“ und die Bild nicht mehr so dicke. Springers Boulevardmarke ließ keine Gelegenheit aus, Beckers Insolvenz-Geschichte haarklein und reichlich hämisch zu rapportieren und hochzujazzen. Auch angebliche Eheprobleme mit Gattin Lily und eine Sommerparty für seinen Sohn (mit der Anmerkung „Dafür reicht’s noch“) wurden breitgewalzt. Alfred Draxler kommentierte in seiner Kolumne „Nachgehakt“ (das ist jene Kolumne, in der Draxler auch schon mal seine journalistische Reputation mit der von Franz Beckenbauer verknüpfte): „Becker beißt immer wieder die Hand, die ihn füttert“. In dem Text geht es lang und breit um die lange zurückliegende Trennung Beckers von seinem Trainer Günter Bosch und seinem Manager Ion Tiriac (1987 war das). Warum nur, entsteht der Eindruck, die Zeile des Draxler-Kommentars würde auch auf das aktuelle Verhältnis zwischen Becker und der Bild ganz gut passen?

Bild.de-Schlagzeilen über Boris Becker aus den vergangenen Tagen

Davon abgesehen ist Boris Becker aber natürlich ein Thema und man muss ihn journalistisch auch nicht mit Samthandschuhen anfassen. Wie man das gut machen kann, zeigt diese Woche exemplarisch der stern mit einem Becker-Cover, das aussieht wie ein Filmplakat:

Eigentlich eine idealtypische stern-Story: Promi-Faktor aber trotzdem mit Recherche. Ich bin mal gespannt auf den Verkauf. stern-Chef Christian Krug hat ja schon zu seiner Zeit als Gala-Chefredakteur 2013 bewiesen, dass er Händchen für Becker-Titel hat:

Man kann viel über ihn sage, aber langweilig war es mit „BB“ noch nie.

Schönes Wochenende!

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