Mord-Doku und Koch-Reportagen: Wie Bild-Chef Reichelt via „Operation Netflix“ Paid-Video fördern will

„Wir orientieren uns lieber nach oben als nach unten“: Bild-Chef Reichelt hat intern die „Operation Netflix“ ausgerufen
"Wir orientieren uns lieber nach oben als nach unten": Bild-Chef Reichelt hat intern die "Operation Netflix" ausgerufen

Die Bild hat am Montag eine Dokumentation veröffentlicht, die die Horror-Tat von Marcel Heße aufarbeitet, der im März dieses Jahres seinen Nachbarsjungen Jaden mit Dutzenden Messerstichen ermordet hatte. Der 20-minütige Crime-Film ist Teil einer neuen Initiative, die Bild-Chef Julian Reichelt intern als "Operation Netflix" ausgerufen hat, und mit der er das Bezahlangebot Bild Plus aufwerten will.

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Es ist die wohl blutigste Geschichte des damals jungen Jahres 2017, die sich Bild für die Produktion einer eigenen Video-Dokumentation ausgesucht hat. In „Blutige Hände“ hat ein rund zehnköpfiges Team die Horror-Tat von Herne aufgearbeitet, bei der der 19-jährige Marcel Heße seinen neun Jahre alten Nachbarsjungen Jaden mit mehr als 50 Messerstichen ermordete. In der Doku kommen Jadens Eltern wie auch Ermittler und Psychologie-Experten zu Wort, der Film versucht die Stunden vor der Tat zu rekonstruieren und ein Psychogram des Täters zu erstellen.

Geht es nach Julian Reichelt, dann ist der 20-minütige Film (neben einigen anderen bislang veröffentlichten Video-Pojekten) eine Art Auftakt einer neuen Video-Offensive des Boulevardmediums. Intern hat der Digital-Chef und Vorsitzende der Bild-Chefredakteure – in gewohntem Military-Slang – die „Operation Netflix“ ausgerufen, eine Art Förderungsprogramm für (längere) Doku-Formate.

„Operation Netflix“ ist Teil eines redaktionellen Umbaus, den der Bild-Chef vorantreibt, um der Darstellungsform eine höhere Priorität einzuräumen. „Video darf keinen Zulieferer-Charakter mehr haben“, sagt Reichelt im Gespräch mit MEEDIA. Es gehe darum, Bewegtbild zur gleichberechtigten, alleinstehenden Darstellungsform neben dem Text zu etablieren. „Wir haben kein Text-Ressort, also benötigen wir auch kein spezielles Video-Ressort mehr.“

Maßnahmen wie diese kennen Beobachter bereits aus den USA. Dort erklärte vergangenes Jahr Jonah Peretti, Gründer des Digital-Vorreiters Buzzfeed, die Abschaffung des Video-Ressorts, um Bewegtbild voranzutreiben. „Im Jahr 2016 ein eigenes Video-Ressort zu haben macht genauso viel Sinn wie eine gesonderte Mobile-Unit zu beschäftigen“, erklärte Peretti seinen „big change“ damals.

Bei Bild wird der Wandel ebenso motiviert angegangen, wie die Ankündigung von Peretti für Buzzfeed vermuten ließ, allerdings wird er dennoch anders aussehen. Auch weil das Springer-Medium im Gegensatz zum US-Portal nicht nur auf gratis verfügbare Viral-Inhalte wert legt, sondern auch auf Paid Content – worauf die „Operation Netflix“ speziell zugeschnitten sein soll.

„Netflix ist hier längst zu unserem Konkurrenten geworden“

Sie ist als Art Qualitäts- und Entwicklungsoffensive für Paid-Content zu verstehen. „Es geht darum, unser Bezahl-Angebot mit guten Bewegtbildinhalten, die unsere Nutzer mit der Marke Bild verbinden, weiter aufzuwerten“, erklärt Reichelt. „Das können journalistisch anspruchsvolle Longform-Dokumentationen sein, ich kann mir aber auch Scripted-Reality mit Prominenten vorstellen.“ Bei der Produktion von „Blutige Hände“ habe man versucht, das neue Konzept in der Praxis zu testen und Reporter- mit Video-Kompetenz zu vereinen. Man arbeite bereits an weiteren, weniger harten Format-Ideen.

An einer findet sich eine weitere Parallele, die den internen Projektnamen ebenfalls erklärt. So rührt der Begriff „Operation Netflix“ nicht nur daher, dass Reichelt für manche Video-Inhalte Geld verlangen will, sondern auch aus einer quasi zufällig entstandenen, eigenen Feldstudie. So sei die Idee für die Offensive entstanden, als der Bild-Chef den Netflix „Chef’s Table“, eine Doku-Reihe über Sterne-Köche, gesehen hat. „Die Streaming-Dienste zeigen, dass sie ihren Fokus längst nicht mehr auf reine Unterhaltung legen, sondern auf hochqualitativen Doku-Journalismus. Netflix ist hier längst zu unserem Konkurrenten geworden.“

Das Segment des Food-Journalismus, das Bild mit der Submarke Futtern bereits als viraltauglich identifiziert hat, nutze man nun zum Experimentieren für Longform-Inhalte, erklärt Reichelt. „Im Gegensatz zu Netflix haben wir den Vorteil, dass wir als Journalisten nah an den Menschen sind, egal ob in Berlin, Hamburg, im Ruhrgebiet oder Schwarzwald. Diese Nutzer-Nähe müssen wir nutzen. Das ist unser Vorteil.“ So wird derzeit an einem Format gearbeitet, für das Deutschlands beste Fast-Food-Köche und -Restaurants porträtiert werden sollen – eine Art „Chef’s Fritteuse“ könnte man sagen. „Dafür haben wir im Moment einen Mitarbeiter abgestellt, der zwar kein Netflix-Budget hat, aber Zeit bekommt, mehrere Episoden zu entwickeln“, so Reichelt.

Für Bild ist die „Operation Netflix“ ein weiterer Schritt in der Entwicklung zum Produzenten professioneller Video-Inhalte, aber auch der Versuch, das Bezahlangebot Bild Plus wieder mit eigenen Video-Inhalten zu stärken. Der Verlust der Rechte für die Spielzusammenfassungen der Bundesliga-Partien („Bundesliga bei Bild“) im vergangenen Jahr wurde als Rückschlag für das Bild Plus gewertet. Die Produktion eigener, journalistischer Inhalte kann das Bezahlangebot unabhängiger von solchen Lizenzgeschäften machen – auch wenn die Rechte für die Bundesliga der Jackpot im Video-Segment bleiben.

Reichelt gibt sich dabei gewohnt selbstbewusst. Immer wieder betont der Bild-Macher, mit seinen Informationsangeboten wie „Bild Daily“ in Konkurrenz mit etablierten TV-Formaten aus dem Privatfernsehen zu treten. Mit dem wöchentlichen Format „Die richtigen Fragen“ sitze er bereits den Polit-Talkern „im Nacken“, sagte er jüngst. Und auch wenn von Bild kein eigenes Streaming-Portal oder (zumindest so schnell) kein ganzes Videoportal wie „Spiegel.TV“ (das wiederum werbefinanziert ist) zu erwarten ist, sucht Bild mit seinem internen Projektnamen den Vergleich zu den internationalen Streaming-Playern. „Das kann man größenwahnsinnig finden. Für uns gilt aber: Wir orientieren uns lieber nach oben als nach unten“, sagt Reichelt.

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Alle Kommentare

  1. Real-Crime hat doch gute Zuschauer-Prozente im Free-TV glaube ich.
    Auch bei Print ist Real-Crime recht beliebt
    http://meedia.de/2016/11/30/gegen-derart-dreiste-kopisten-schuetzen-wir-uns-gj-geht-gegen-national-crime-vor/
    RTL2: 6*Autopsie – Mysteriöse Todesfälle
    RTLnitro: 3*American Crime
    VOX: 6*Medical Detectives – Geheimnisse der Gerichtsmedizin
    kabel1-Doku: ab 20:15
    TLC: ab 22:15
    (ohne Gewähr aber vermutlich überwiegend Reality-Doku und vermutlich nicht Scripted oder fiktionale Serien)

    Auch dpa baut video aus (letzte beide Absätze):
    http://meedia.de/2017/06/20/dpa-gruppe-legt-bilanz-2016-vor-umsatz-steigt-aber-die-presse-agentur-gmbh-macht-weniger-gewinn/

    Hat diese Aktivität irgendeinen spürbaren Grund ? 8Megapixel UHD-1-TVs mit 65″ für 799 sind ja der optimale Reader für Journalismus.
    2010 war wohl zu früh: http://meedia.de/2010/10/05/ist-video-die-killer-app-fur-dapd/

    Insgesamt sollten die Wirtschafts-News hellhörig machen: Pro7 verkauft Digital-Investments, Burda ändert die Struktur, vielleicht wechselt DuMont auf HGB um nicht so einfach aufgekauft zu werden, Rocket bringt Startup an die Börse und wartet nicht noch länger… Waren die meisten Aktien-Crashes nicht im September bzw. Oktober (Lehmann-Pleite?) ?
    http://meedia.de/2017/06/22/strategie-greift-dumont-bleibt-2016-in-den-schwarzen-zahlen-verringert-aber-jahresueberschuss/
    Da herrscht auffällige strukturelle Aktivität. Und ab September rollt wohl der Tesla3 und nimmt den etablierten Autofirmen durch 400.000 Vorbestellungen vermutlich bald spürbar Mittelklasse-Modell-Käufer weg.
    http://www.zeit.de/mobilitaet/2016-04/model-3-tesla-vorbestellungen-elektroauto

    Und das man sich Artikel im Auto vorlesen lässt oder beim Bügeln und auf dem TV, Tablett und Smartphone lesen (Text) oder auch gucken (Video, Bilder) will, wird von den Lesern schon lange gefordert. Essen gibts ja auch zum Mitnehmen/Liefern oder auf dem Teller. Bei News hat das noch lange nicht begonnen und Print-basierte (Agentur-)Meldungen dominieren statt endlich die online-Artikel vollwertiger anzubieten.

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