Ernüchternde Zahlen für digitale Abendzeitung: Spiegel Daily lockt weniger als 3000 Voll-Abonnenten

Spiegel Daily ist die große digitale Zukunftswette des Nachrichtenmagazins: Bei einem Misserfolg würde der Druck auf Verlagschef Thomas Hass wachsen
Spiegel Daily ist die große digitale Zukunftswette des Nachrichtenmagazins: Bei einem Misserfolg würde der Druck auf Verlagschef Thomas Hass wachsen

Knapp zwei Monate ist die neue digitale Tageszeitung Spiegel Daily jetzt am Markt. Doch der Erfolg des als Hoffnungsträger gestarteten Angebots scheint sehr verhalten, die Verkäufe äußerst mau. Nach MEEDIA-Informationen wurden bislang weniger als 3000 Abos abgeschlossen. Damit gerät Verlagsgeschäftsführer Thomas Hass nach den Flops von Spiegel Classic und Spiegel Fernsehen weiter unter Druck.

Anzeige

Als geschlossenes und Smartphone-optimiertes Newsangebot soll Spiegel Daily eine Lücke schließen und das ideale Nachrichtenmedium u.a. für Pendler sein, denen die Zeit fehlt, die Fülle der auf Portalen angebotenen Themen während des Tages zu konsumieren. Im Stile einer Abendzeitung wird das Produkt nicht aktualisiert, wartet zugleich aber nach Strategie des Spiegel-Verlags mit exklusivem Content auf, um eine feste Lesergruppe an das aufwändig erstellte Daily zu binden. Damit tritt Spiegel Daily auch in Konkurrenz zu bereits verfügbaren Apps wie Der Tag von FAZ.net, Bild plus oder Handelsblatt 10.

Viel Zeit und Geld haben die Macher investiert. Immer wieder hat das Team um das Reporter-Urgestein Cordt Schnibben in den vergangenen Jahren das Produkt angepackt, umgebaut und optimiert, als ob es das traditionsreiche Nachrichtenmagazin noch einmal erfinden müsste. Rund 20 Mitarbeiter wurden dem Vernehmen nach eingestellt, um Daily neben den übrigen Spiegel Online-Themen zu wuppen. Am Dienstag, 16. Mai, ging Daily online.

Doch bereits die ersten Reaktionen  fielen gemischt aus. Manche Mediendienste äußerten sich wohlwollend, doch es hagelte auch Kritik. Vielen Digitalexperten fehlt es an klaren Kaufargumenten, auch die technische Umsetzung sei nicht optimal. Sie erkennen keinen Mehrwert, kein überzeugendes Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich Spiegel Daily aus dem Dschungel an Gratis- und Bezahlangeboten hervorhebt.

Zu ähnlich sind die Themen und Geschichten, die auch die Wettbewerber anbieten, zu gut das gratis bei Spiegel Online erhältliche Angebot. Und es fehlen regionalisierte Inhalte, die Daily als Konkurrenz von Zeitungen und Zeitungsportalen hätten positionieren können. Auch MEEDIA stellte eine ganze Liste an Problemen zusammen, die für das ehrgeizige Projekt erfolgskritisch sein können.

Nun werden sich die Kritiker bestätigt sehen: Eineinhalb Monate nach dem Launch ist die Spiegel-Innovation offenbar alles andere als ein Verkaufsschlager – und weit entfernt davon, eine neue Ära in der Welt der Bezahldienste einzuläuten. So sind die bisherigen Abo-Zahlen nach MEEDIA-Informationen sehr verhalten. Hausintern kursiert eine Zahl von weniger als 3.000 neu abgeschlossenen Voll-Abos. Damit würde die App bei einem Preis von 6,99 Euro monatlich um 20.000 Euro in die Unternehmenskasse spülen – hochgerechnet über das Jahr sind dies gerade mal 250.000 Euro. Die dafür geheuerte Redaktion kann damit nicht ansatzweise refinanziert werden.

Zum Start haben die Hamburger zwei Bezahlmodelle offeriert: Monatspass und Wochenpass. Der Monatspass beinhaltet einen kostenlosen Probemonat. Dann werden 6,99 Euro pro Monat fällig. Für den Wochenpass ruft der Spiegel 2,49 Euro auf. Für Abonnenten des digitalen Spiegels ist Daily gratis, Print-Abonnenten bekommen die digitales Abendzeitung für 0,50 Euro. Letztere beiden Kundengruppen tragen also nicht oder nur geringfügig zur Refinanzierung des Angebots von Spiegel Daily bei und sollen wohl vor allem die Vermarktungschanchen beflügeln. Zum Launch konnte der hauseigene Vermarkter Spiegel Media den Autokonzern Audi für eine Exklusivbelegung gewinnen – die endet allerdings Mitte August nach drei Monaten.

Ein Spiegel-Sprecher hält sich auf Anfrage von MEEDIA nach konkreten Abo-Zahlen bedeckt: „Wir sind in diesem sehr frühen Stadium mit der Entwicklung der Abo-Zahlen zufrieden. Spekulationen über konkrete Zahlen kommentieren wir nicht.“

Sollte Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass die Verkaufszahlen nicht deutlich steigern, dürfte es für den ehemalige Leiter der Vertriebsabteilung schwierig werden, die Investition in den digitalen Hoffnungsträger der Spiegel-Gruppe langfristig zu amortisieren – und dies bei hohen laufenden Personalkosten. Denn der Verlag hatte in Erwartung einer breiten Akzeptanz die Redaktionsmannschaft für die Smartphone-App kräftig aufgestockt, zusätzlich wurden neue Leute eingestellt. Zudem hatte der Spiegel namhafte Kolumnisten verpflichtet, die hier nicht aus purem Altruismus arbeiten dürften – darunter Entertainer Harald Schmidt oder Meteorologie-Unternehmer Jörg Kachelmann.

Die Crux für Hass: Er kann das Web-Produkt nicht wie Spiegel Classic oder Spiegel Fernsehen sang- und klanglos einmotten, weil es sich wirtschaftlich nicht trägt – zu wichtig, zu prestigeträchtig ist Spiegel Daily für die gesamte Web-Welt des Spiegel-Hauses. Hass muss also an der Tageszeitung festhalten, auch schon, um nicht noch das letzte Fünkchen Hoffnung der Medienbranche im Keim zu ersticken, dass sich mit digitalen Bezahlangeboten, die hochwertigen Qualitätsjournalismus liefern, dauerhaft kaum Geld verdienen lässt. Die müden Verkaufszahlen von Spiegel Daily senden aber auch noch ein anderes Signal aus: Spiegel plus wird kaum ein Selbstläufer und damit wohl auf absehbare Zeit keine tragende Umsätzsäule.

Damit gerät Hass stärker unter Erfolgsdruck, schnell neue potenzielle Erlösbringer zu entwickeln. Denn sein angestrebtes Ziel, zusätzlich 20 Millionen mehr umsetzen, rückt nach den Flops von Spiegel Classic und Spiegel Fernsehen derzeit in weite Ferne. Wichtig ist daher, dass das für September geplante Lifestyle-Supplement S-Magazin endlich neue Impulse bringt, damit das Unternehmen seine langfristigen Ziele nicht verfehlt.

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Mal was ganz anderes:
    Ich persönlich finde die Bebilderung bei Meedia immer wieder faszinierend.
    Second to none.

    1. Und in Sachen Informationsgehalt brillieren seine Statements mit dem selben Niveau wie prototypische Spon-Artikel.

      Schleiertanz als Hochamt des Journalismus?

  2. Bei den 6,99 € müssen Sie 19% MwSt rausrechnen. Dann liegt man mit 3.000 Abonnenten eher bei 15.000 Euro Umsatz monatlich (=180.000 € pro Jahr).
    20 Personen Redaktion kostet zu Vollkosten ca. 2 Mio € im Jahr. Nur Personal.
    Damit ist alles gesagt. Ein Desaster. Das wird böse enden.
    Der Grund für die Misere: Beim SPIEGEL-Verlag begreifen die Leute an der Spitze nicht, wie Innovationen funktionieren. Schade.

    1. Haha, jetzt bringen sie aber die Neu-Redakteure zum Weinen, ziehen sie mal 50% ab und sie liegen immer noch zu hoch.

  3. Ich sehe eine sehr deutlich Parallele zwischen dem Spiegel und dem HSV. Hier wie dort begann die Misere, dass die Basis das Führungspersonal fortgejagd hat, ohne einen Plan zu haben, wie es sonst weitergeht. Seitdem dilletiert das Führungspersonal in den viel zu großen Schuhen der Vorgänger und mit Ausnahme der Hardcore-Fans wendet sich das Publikum aufgrund der grottenschlechten Leistungen ab und hofft auf den baldigen Untergang.

    Witzig auch, dass es ein Spiegel-Mann war, der an führender Stelle mit den Absturz des HSV eingeleitet hat.

  4. Das sind bestimmt alles gewerbliche Nutzer… die setzen die Kosten von der Steuer ab!

    Wer zahlt den freiwillig für „Märchen aus 1001 Nacht“???

  5. Tscha, so ist er eben der Digitalkunde. Egal, was man ihm aufwändig gefertigt vor die Nase hält – er nimmt’s recht gerne, aber zahlen will er nicht.

    Vielleicht sollte sich einfach der gesamte Mediensektor einmal für eine Weile abmelden und statt aufwändiger Berichterstattung nur noch die Frage aushängen, warum man denn eigentlich für nix arbeiten soll. Luft und Liebe muss doch eigentlich reichen, oder?

    Wer mal böse drüber lachen möchte:
    http://www.jamiri.com/portfolio-details/fans.html

    1. Das ist wirklich eine gute Idee. Das Ding ist nur: vermutlich würde die meisten Menschen merken, wie gut ein Stop der Gehirnwäsche tun würde. Ich jedenfalls würde den SPIEGEL, den STERN oder die ZEIT u.a. wahrlich nicht vermissen. Also, liebe Meinungsmacher, kündigt eure Stellen und versucht in einem neuen Job etwas Sinnvolles zum gesellschaftlichen Leben beizutragen.

      1. Ach, gerade Sie würden dann schon nach drei Tagen an überquellenden Aggressionsstau zugrunde gehen. Das ist nicht schön, überlegen Sie sich das gut.

    2. Wow. Die „Geiz-ist-Geil“- Ideologie erreicht inzwischen sogar ihre obersten Verkünder.
      Wer hätte das jemals für möglich gehalten?
      Manche. Doch sie wurden als fossile Sozialromantiker verspottet. Wieso funktioniert denn da jetzt der Trickle-down-Effekt nicht?

      Wenn Milchmädchen kühne Rechnungen aufstellen und sich dann wundern, dass sie selbst nicht im luftleeren Raum operieren.

      Jetzt bliebe nur noch die Option Markenkerngerechter USP durch Qualität und Distinktion.
      Vielleicht sollte man es mal versuchen mit

      – Fleischhauer hinter Paywall?
      – Neueste ökonomische Erkenntnisse zu scheuen Rehen?
      – Täglich frisch gebündelte Russengerüchte aus der transatlantischen Munkelküche ??

      *Röchel* *Bis Ende Lachanfall in Sauerstoffzelt verlegt*

  6. Ist ja traurig, ein weiteres Projekt was nicht etwa zusätzliches Geld bring sondern zusätzlich Kosten verursacht.

    Nicht das der Spiegel jetzt noch schneller pleite geht.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige