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ProSiebenSat.1 ruft die „Medienordnung 4.0“ aus und will Geld vom Staat – aber wofür eigentlich?

Der ProSieben-Sat.1-Vorstand Conrad Albert fordert einen Systemwechsel
Der ProSieben-Sat.1-Vorstand Conrad Albert fordert einen Systemwechsel

ProSiebenSat.1-Vorstand Conrad Albert erhob in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eine originelle Forderung: Privatsender sollten, neben ARD und ZDF, auch öffentliche Gelder bekommen, da diese die Grundversorgung „gerade in jungen Segmenten“ de facto mit übernehmen würden. Heute legt die TV-Gruppe eine Studie vor, die die Forderung stützt. Was ist davon zu halten? Nicht viel.

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ProSiebenSat.1 entwickle ein Modell einer „Medienordnung 4.0“ ist die Pressemitteilung zur Studie überschrieben, die der TV-Konzern von dem Medienrechtler Professor Mark Cole von der Uni Luxemburg erstellen ließ. Die Studie lotet die rechtliche Machbarkeit einer öffentlichen finanziellen Förderung von Privatmedien aus und kommt – wenig überraschend – zum Schluss, dass das schon irgendwie machbar wäre.

Die Politik müsste halt bloß einen „Public-Service-Auftrag“ definieren und der Rundfunkstaatsvertrag müsste entsprechend umgeschrieben werden. Eine unabhängige Kommission würde dann über das Geld wachen und Fördermittel je nach Projekt vergeben. So die Vorstellungen in der Studie. Sehr verkürzt könnte man sagen: ProSiebenSat.1 will endlich auch ein bisschen Staatskohle haben.

Der Wunsch ist verständlich. Wer hätte das nicht gerne: Geld vom Staat. Die Privat-TV-Macher schauen stets einigermaßen neidisch auf die rund acht Milliarden Euro Rundfunkbeitrag, die ARD und ZDF Jahr für Jahr kassieren, während sie sich mit dem volatilen Werbemarkt herumschlagen und digital dazuverdienen müssen. Als Begründung für den Wunsch hat man sich das Schlagwort vom „Generationenabriss“ ausgedacht. Grob gesagt bedeutet dies, dass jüngere Menschen nur noch wenig bzw. immer weniger öffentlich-rechtliches Fernsehen schauen. Die ARD nahm den Vorstoß zum Anlass, mal nach den Zuschauerzahlen von „Tagesschau“ und ProSieben „Newstime“ zu schauen. Ergebnis:

Die Tagesschau ist auch in der jungen Altersgruppe die meistgesehene Nachrichtensendung. Sie kommt bei den 14- bis 29-Jährigen im ersten Halbjahr 2017 allein mit der 20-Uhr-Ausgabe auf täglich 360.000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Damit liegt die Tagesschau deutlich vor der Sendung „ProSieben Newstime“, die hier 230.000 Zuschauer verzeichnet. Zusammengerechnet erreichen ARD und ZDF mit den Hauptausgaben von Tagesschau und „heute“ im Schnitt täglich 430.000 Zuschauer im Alter von 14 bis 29.

Das bezieht sich klar auf die Aussage von ProSiebenSat.1-Manager Conrad Albert, der in der FAS sagte, die ProSieben-Nachrichten würden deutlich mehr junges Publikum erreichen als „Tagesschau“ und „heute“ zusammen. Für Ihre Darstellung hat die ARD allerdings auch die „Tagesschau“-Zuschauer der Dritten Programme dazugezählt – aber Zuschauer ist schließlich Zuschauer.

Albert meint in der FAS, weil private Sender bei den Jungen die Grundversorgung quasi mit übernehmen würden, stünde ihnen auch Geld zu. Von wegen Erfüllung einer gesellschaftlichen Aufgabe usw. Aber sind solche Forderungen wirklich ernst zu nehmen, bzw. sind sie begründet? Es sieht eher nicht danach aus. Betrachten wir uns nur exemplarisch einmal das Tagesprogramm des Senders ProSieben von diesem Montag: Da läuft ab mittags die Sitcom „Two an a Half Men“, die Trickserie „Die Simpsons“, die Comedy-Reihe „The Middle“, der Dauerbrenner „The Big BangTheory“. Dazwischen das Boulevardmagazin „taff“, „Newstime“ und „Galileo“. Am Abend gibt es dann vier Folgen „The Big Bang Theory“ am Stück, gefolgt von vier Folgen „Two an a Half Men“, gefolgt von vier Folgen „The Big Bang Theory“, gefolgt von vier Folgen „Two an a Half Men“. Ach ja, um 3 Uhr morgens kommen dann fünf Minuten lang „Spätnachrichten“.

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Es gehört schon eine gewisse Chuzpe dazu, ein solches Programm als Grundversorgung zu bezeichnen und dafür öffentliches Geld zu wollen.

Ja, schon klar. Man würde in der ominösen „Medienordnung 4.0“ die Staatskohle nur für kommissionsverlesene Projekte zur Förderung der Meinungsvielfalt wollen. Es ist aber schon erstaunlich, dass Sender, die größtenteils US-Konservenware abspielen, plötzlich ihr gesellschaftliches Gewissen entdecken, wenn es um Geld geht.

Man sollte sich zudem daran erinnern, dass ProSiebenSat.1-CEO Thomas Ebeling jener Manager war, der den Verkauf des früher mal konzerneigenen Nachrichtensenders N24 in die Wege leitete. 2009 gab Ebeling der Süddeutschen Zeitung ein Interview, in dem er sagte: „Nachrichten sind vielleicht für das Image bei Politikern wichtig, aber nicht unbedingt bei allen Zuschauern. Der Durchschnittszuschauer wird nicht verzweifeln, falls es bei N24 Veränderungen geben sollte.“

Kurz danach verkaufte er den Sender im Rahmen eines Management Buyouts an den damaligen Geschäftsführer Torsten Rossmann, Stefan Aust sowie den Fernsehproduzenten Thorsten Pollfuß. Später übernahm Axel Springer N24 und verschmolz den Sender mit seiner Welt-Gruppe. Bis heute produziert N24 allerdings die Nachrichten für die ProSieben.Sat.1-Sender. Nun könnte man durchaus argumentieren, dass Nachrichten ein ganz wesentlicher Bestandteil einer medialen Grundversorgung sind. Nachrichten, TV-Nachrichten zumal, sind teuer in der Produktion und es ist schwierig, damit Gewinne zu erzielen. Das hatte der TV-Manager Ebeling damals richtig erkannt und entsprechend konsequent gehandelt. Warum er nun Jahre später aber meint, für seinen nachrichtenbefreiten Konzern öffentliches Geld einfordern zu können, ist rätselhaft.

Zumal eine wirtschaftliche Notlage nicht erkennbar ist. Für 2016 meldete die P7S1-Gruppe mal wieder Rekorde bei Umsatz und Gewinn. Man wird nicht müde, die eigenen Erfolge in Sachen Digitalisierung herauszukehren. Die Münchner Fernsehmacher strotzen nur so vor Selbstbewusstsein, wenn es darum geht, an der Börse bella figura zu machen. Dass man dann eher weinerlich nach Geld vom Staat ruft, will zu diesem Selbstverständnis nicht recht passen.

So ist die „Medienordnung 4.0“ wohl am ehesten als eine Art politische Forderung zu verstehen. Man muss in gewissen Abständen halt mal wieder daran erinnern, dass zwei öffentlich-rechtliche Sender viel Geld kosten und einer eigentlich auch reichen würde. Dass ARD und ZDF, die nach eigener Selbstwahrnehmung auch unter immensem Kostendruck stehen, sich Rundfunkbeiträge zu Gunsten von Privatanbietern abzwacken lassen, das ist eher nicht anzunehmen.

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Alle Kommentare

  1. Ok, fassen wir mal als Buchhalter bzw. Kostenrechner zusammen:

    Die ARD, ZDF und so weiter sitzen am Füllhorn. Geld spielt keine Rolle.

    Die sogenannten pay-tvs müssen sehen wie die an Geld kommen. Entweder werden die gesponsort oder durch Werbeeinnahmen oder jetzt durch Gebühren. Dabei teilen sich 30 oder 40 Sender etwa 6 Euro/Monat/Nutzer. Auf diese Art kommen im Vergleich zu ARD/ZDF allenfalls Cents zusammen.

    Jetzt wirft der Autor pro7 bzw. dem gesamten pay-tv vor – kurz gesagt – „Hartz 4“ Fernsehen zu machen.

    Natürlich würde sich auch pro7 so etwas wie die ZDF heute Redaktion leisten. Mehrere Moderatoren die jeder zwischen 300-700000 € p.a. verdienen. Die pro Redaktionstag über 40 Arbeitsvorbereiter verfügen. Denen mehr als 110 journalistische Rechercheure in 30 oder 40 Ländern als Informationszuträger dienen. Die anderen ca. 460 redaktionellen Mitarbeiter will ich gar nicht erwähnen.

    Das alles möchte der pro7 Moderator natürlich auch gerne. Aber woher soll pro7 das Geld nehmen?

    Natürlich ist eine wirtschaftliche Notlage bei pro7 aktuell nicht erkennbar, wie es der Autor von meedia weiter oben schreibt. Fein erkannt. Falls dem so wäre, dann müßte pro7 entweder dicht machen oder sich Geld beschaffen. ARD und ZDF befinden sich regelmässig in finanziellen Notlagen. Unlängst wurde Personal entlassen und die 1,7 Mrd. € aus dem Gebührenüberschuss angegangen um das zu kompensieren. Sollte das nicht ausreichen, wird einfach die Gebühr erhöht und das Füllhorn wirft etwas schneller noch mehr Geld aus.

    Das Problem kann nur gelöst werden indem ARD und Co. in die private Wirtschaft entlassen werden und sich selber um Geld kümmern müßten, eben genau wie es pro7 muss. Ansonsten werden weiterhin Artikel wie diese geschrieben in denen ARD und Co. bis über den Klee gelobt und pro7 einfach als „Hartz 4“ oder trash-tv abgetan wird.

    Das ist nicht fair Herr Winterbauer.

  2. „während sie sich mit dem volatilen Werbemarkt herumschlagen und digital dazuverdienen müssen“
    Statistiken wären nett. Man sollte ja vorausschauend wissen, was in der Rezession passieren wird.

    Südafrika hat womöglich neulich die Rezession erklärt und gehört wohl auch zu den G20.

    Die Konserven kann man kritisieren. Aber auf Sat.1 laufen montags zeitgleich neue Folgen von Scorpion, MacGuyver und Rush Hour weil bessere Serien wie Lethal Weapon und Hawai5-0 vor 2-3 Wochen ihre Staffeln beendigt hatten und man jetzt mit schwächeren Serien – aber neuen Folgen – das Sommerprogramm bestreiten wollte.
    Da ist es un-schlau auf Pro7 gegen die eigenen Neu-Ausstrahlungen auf Sat.1 zu konkurrieren. Morgen abend läuft auf Pro7 Gotham und The Flash und auf Sat.1 dann vielleicht „Konserve“.
    Weil die Leute es schon auf Netz gesehen haben (Prime, Maxdome, Netflix,…) ist das Publikum auf zdf-neo vielleicht komplementär-er so das Orange is the new Black dort bessere Prozente und Zuschauer-Zahlen erreichen kann als bei den jugendlicheren Sendern wo neue US-FreeTV-Serien oft überraschend wenig Zuschauer finden. Siehe Sat-1-Änderung wegen letzter Woche wo wohl Rush-Hour nach hingen geschoben und ab heute neue Folgen Hawaii-5-0 gezeigt werden.

    Auch zum Bericht zur „Halligalli Best oft“ wohl am Samstag (?) hätte man dazuschreiben können, was RTL sendet. Denn starke Sendungen (DSDS, Bachelor, Supertalent,…) werden auf den Konkurrenz-Sendern durch preisgünstige eigen-formate (oft vielleicht schon längst abgedreht und im Archiv liegend) konkurriert. Besonders gut hat man das an den Verschiebungen letzten Freitag und Sonntag wegen Fußball erkennen können.
    Auch die Abschluss-Sendungen starker Formate haben vielleicht gleiche Prozente aber weniger Gesamt-Zuschauer als früher. 10% weniger Zuschauer sind vermutlich 10% weniger Werbe-Einnahmen. Das könnte man locker berechnen. Fernsehen wird kleiner. Also muss man digital dazuverdienen wie Ihr ja oben schreibt.

    „Zumal eine wirtschaftliche Notlage nicht erkennbar ist. “ Die Rezession wird kommen. Die DAX-Regeln müssten geändert werden, damit Pro7 nicht rausgeschoben wird, nur wegen 1-2 Jahren schlechter Kurse.

    Wenn ein Flüchtlingslager mit 1000 Flüchtlingen folglich 1000 Essen am Tag kocht aber 500 Flüchtlinge auf Arbeit sind und dann daher dort essen, dann sollte man natürlich 500 Essen weniger kochen.
    D.h. als Sat.1 und RTL anfingen, hätte man pro dort gesehener Minute die ÖR-Budgets um diese Zuschauer-Minuten (also die entsprechenden Geld-Beträge) kürzen müssen. Oder halt wegen Qualität um 50% also 2 Minuten bei RTL und oder SAT.1 hätten Kürzung um 1 ÖR-Minute bedeuten müssen. Denn man muss ja nicht bezahlt werden wenn jemand anders schon die Leistung erbringt.
    Stattdessen wachsen die Budgets. Hörer-Stunden sind schon eine Metrik. Zuschauer-Minuten wollen wir schon lange. Und Summierung über die Sender-Gruppen. Als ob RTL und RTL2, VOX, RTLnitro, RTLplus, SuperRTL und n-tv Konkurrenten wären obwohl man iphoneSE und iPhone7(8?) doch auch zusammen-addiert.

    Jeder vom Volk sollte per kostenloser App entscheiden können, was mit ihren GEZ-Geldern passiert. Den verbleibenden Rest können die ja wie bisher verteilen. Leider nennt keiner ein Land wo man es endlich programmieren darf. Wieso lässt die AfD oder Linke es nicht in Russland endlich programmieren ? Keine Partei betreibt aktive digitale Partizipation. Hinterzimmer sind wohl beliebter…
    Man muss ein Facebook-Konto (inclusive der Daten-Schutz-Mäßigen Kritik der EU–Kommission oder einfach nur ehrbarer Programmierer) haben um Fragen stellen zu können…
    Wenn AfD-Freunde oder Linke schlau sind, drücken sie dort dann durch schlaue Fragen die Wahlprozente aller ihrer Gegner.

    „TV-Nachrichten zumal, sind teuer in der Produktion “ Handy-Kameras haben 20 Megapixel. 8 Megapixel sind UHD-1/4k. FullHD sind nur 2 Megapixel.
    Die Handies werden immer Lichtstärker – vermutlich weil die Leute im Dunkeln Selfies machen wollen. Ich glaube iPhone hatte f/1.8 und das neue Samsung evtl f/1.7
    Auch lässt dpa seit neuesten die Reporter eigene Videos drehen:
    http://meedia.de/2017/06/20/dpa-gruppe-legt-bilanz-2016-vor-umsatz-steigt-aber-die-presse-agentur-gmbh-macht-weniger-gewinn/
    „Ausbau des Bildangebots“ bzw. der Absatz dahinter.
    Und den Content gibts scharenweise per Presse-Mitteilung. Und nur weil die anderen stundenlang von vor irgendeinem Gebäude herumstehen und man nix vernünftigeres sendet heisst das nicht, das man das (teuer) auch machen muss.
    Radio muss alle Agenturmeldungen auf 5 Minuten News umschreiben. Online und Print hingegen copy-pasten oft genug nur die Agentur-Meldung und die Kommentare ergänzen wichtige Informationen. Aber dpa arbeitet anscheinend an besseren(schnelleren) Workflows für Videos also TV-Sender und Online-News.

    Frühstücksfernsehen gilt vielleicht auch als News bzw. Informations-Inhalt. Aber die Leute wollen Nachrichten in ihrer Filterbubble hören/lesen/sehen – und werden kalt überrascht wenn VHS, Schallplatten, Nokia-Handies, Röhren-Fernseher und Verbrennungs-Autos durch was neues ersetzt wurden und die Profite+Jobs dann bei Tesla und China stattfinden.

    Es gibt überraschend viele kleine Lokal-Sender. Vielleicht sollten die auch etwas ab bekommen. Die senden viel Wiederholungen und Shopping-TV, haben aber auch lokale Nachrichten, Interviews usw. und kommen somit vielleicht auf 30-120 Minuten frisches lokales Programm jeden Tag.

    Davon erkennt man, das viele Leute wohl gestiftete oder presse-rabattierte PayTV-Abos oder Internet-TV nutzen, aber wohl schon sehr lange kein lineares TV mehr kennen.
    Da braucht man sich nicht wundern wenn man nicht erkennt, wieso Trump, Brexit und Erdogan gewählt werden.

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