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Dürfen die das? „Tagesschau“ und ARD-Hauptstadtstudio starten Facebook-Format „Frag selbst!“

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Politische Berichterstatter müssen das Sommerloch in diesem Jahr wohl kaum fürchten. Die Bundestagswahl steht an und zahlreiche Medien begleiten den Wahlkampf mit neuen Formaten – auch die ARD, die am Wochenende "Frag selbst!" gestartet hat. In dem Format stellen sich Spitzenpolitiker den Fragen der Zuschauer. Das Besondere: Ausgestrahlt wird die Sendung zuerst bei Facebook. Dürfen die das?

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Konzeptionell ist an „Frag selbst“, das am Sonntag zum ersten Mal ausgestrahlt worden ist, nichts neu. Im Rahmen des Bundestagswahlkampfes empfängt das ARD-Hauptstadtstudio nun fast wöchentlich die Spitzenpolitiker derjenigen Parteien, die nach der Wahl im September voraussichtlich weiter, wieder oder erstmals mit einer Fraktion im Bundestag vertreten sein werden, und stellt ihnen Fragen, die Zuschauer aktiv in die Sendung einbringen können. Den Anfang machte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, die brav auf Fragen von Zuschauern und Moderatorin Tina Hassel antwortete. Es ging darum, weshalb man überhaupt die Grünen wählen sollte, um den Erhalt oder Verfall alter Grünen-Werte, um Cannabis und Kohlekraft.

Und doch ist etwas besonders an dem neuen ARD-Format: Denn der altbekannte Inhalt wurde in eine neue Form gegossen. Ausgestrahlt wurde die Livesendung „Frag selbst“ nicht auf dem eigenen Kanal, sondern exklusiv als Live-Stream bei Facebook. Und es kommt die Frage auf: Dürfen die das? Das Fernsehen im Generellen und die öffentlich-rechtlichen Anbieter im Speziellen bringen die besten Voraussetzungen für Video-Content bei Facebook mit. Professionelle Studios, modernes Equipment und erfahrene Moderatoren sorgen für beste Qualität, Pixel-Bilder und Stotter-Sprecher sind ausgeschlossen.

Das gefällt auch Facebook. Das Netzwerk, das seine Video-Offensive seit einiger Zeit immer weiter in den Vordergrund rückt, will seine Nutzer möglichst lange im eigenen Netzwerk halten. Professionell produzierte Inhalte tragen dazu bei. Und weil Fernsehmacher schon wissen, wie das mit dem Bewegtbild funktioniert, spart Facebook sogar den Aufwand für Workshops und Kooperationen, die das Unternehmen vor allem mit und für klassische Verlage organisiert. Wie ein Facebook-Sprecher auf Nachfrage erklärte, sei das Unternehmen an der Entstehung von „Frag selbst“ nicht beteiligt gewesen.

Hinzu kommt bei den Öffentlich-rechtlichen: Die Hemmschwelle, Inhalte zu Facebook zu tragen, ist wesentlich geringer als bei privaten Medien-Akteuren. Sendern wie der ARD geht es nämlich in erster Linie darum, mit ihren Inhalten möglichst viele Menschen zu erreichen. Die sozialen Netzwerke ermöglichen ihnen – wie allen anderen auch – die Ansprache jüngerer Zielgruppen, die sie mit dem klassischen Programm nicht mehr erreichen. Auf die Monetarisierung sind die gebührenfinanzierten Sender nicht angewiesen.

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Auch deshalb dürfte die privatwirtschaftliche Konkurrenz auf Aktivitäten wie „Frag selbst“ nicht einfach mit einem Schulterzucken reagieren. Wie sehr sie die Öffentlich-rechtlichen im Internet stören, zeigten zuletzt die Streitigkeiten über Produkte wie die Tagesschau-App oder Funk, das junge Angebot von ARD und ZDF, das gezielt auf Plattformen Dritter stattfindet und so genannten Distributed Content produziert. Für Funk wurde sogar der Rundfunkstaatsvertrag angepasst.

Freilich gibt es für ARD und Co. bereits ein Regelwerk, das Richtlinien für Online-Only-Formaten wie „Frag selbst“ vorgibt. Im so genannten Drei-Stufen-Test prüfen (öffentlich-rechtliche) Gremien, ob solche Aktivitäten mit dem Rundfunkstaatsvertrag konform sind. Dabei wird unter anderem untersucht, ob das Format „den demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen der Gesellschaft entspricht“, ob und „in welchem Umfang“ es „in qualitativer Hinsicht zum publizistischen Wettbewerb beiträgt“ und es wird überprüft, „welcher finanzielle Aufwand“ für die Produktion erforderlich ist. Entwickelt wurde der Drei-Stufen-Test, der für seinen großen bürokratischer Aufwand kritisiert wird, damals für die digitalen Mediatheken. Inhalte für Facebook und Co. waren damals noch kein so großes Thema.

Bei allen drei Fragestellungen würde das neue Format wohl bestehen. Zu einer Prüfung mithilfe des Drei-Stufen-Tests ist es aber gar nicht gekommen. Der Test fällt nur dann an, wenn die Formate keinen Sendungsbezug vorweisen können. Sendungsbezug heißt: Das Angebot ergänzt ein Angebot aus dem linearen Fernsehen. Bei „Frag selbst“ ist das nach ARD-Angaben der Fall. Denn obwohl das Format offensichtlich auf Facebook zugeschnitten ist und ohne das Netzwerk konzeptionell gar nicht funktionieren würde, sei es als Erweiterung des linearen Programms zu verstehen.

Denn „Frag selbst“ wurde wenige Stunden nach der Live-Ausstrahlung bei Facebook im Programm von „tagesschau24“, einem Informationsangebot von ARD-aktuell, wiederholt. Damit fand sich das Programm auch im linearem TV wieder. Der Sender erreicht einen monatlichen Marktanteil von durchschnittlich 0,3 Prozent, was laut Chefredakteur Kai Gniffke zwar immerhin täglich zwei Millionen Menschen entspricht, damit aber als Nische bezeichnet werden darf. Bei „tagesschau24“ lief die Talk-Sendung am Sonntagabend um 23.10 Uhr. Es ist schwer zu glauben, dass sie dort mehr Zuschauer erreicht hat als bei Facebook, wo das Video mittlerweile mehr als 95.000 Views gezählt hat.

Auch wenn diese Strategie in der Branche nicht unumstritten ist, ist sie eine Art legitimierter Griff in die Trickkiste. Er ermöglicht öffentlich-rechtlichen Sendern, digitale Formate zu entwickeln und die Entwicklung – vor allem in sozialen Netzwerken – nicht zu verpassen. Durch Ausspielwege  wie „tagesschau24“ laufen die Sender zudem keine Gefahr, die Zuschauer der etablierten und großen Sender mit neuen, digitalen Formaten, zu verwirren.

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