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Premiere der Gameshow „The Wall“: Endlich drehen sie bei RTL wieder richtig durch

RTL-Show „The Wall“ mit Moderator Frank Buschmann (r.)
RTL-Show "The Wall" mit Moderator Frank Buschmann (r.)

Ein Heiratsantrag für eine Grundschullehrerin, ein heulender Rentner und ein Moderator, der die Säge macht: Die erste Ausgabe der RTL-Gameshow „The Wall“ war bestes 90er-Fernsehen. So weit over the top ging es seit der 100.000-Mark-Show nicht mehr, die Sendung mit der Wand ist damit genau das richtige Format für Emotionsmonster Frank Buschmann.

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Von Hendrik Steinkuhl

Was haben wohl die Zuschauer gedacht, denen dieser Moderationsderwisch bislang unbekannt war? „Ja, ja, ja!“, „Yes, Yes, Yes!“, „Du Miststück!“ oder „Wir haben dich im Griff, du Biest!“ brüllte der Mann, den alle, inklusive der Kandidaten, nur Buschi nennen. Anlass seiner Freude und Ziel der Injurien von Frank Buschmann war übrigens eine zwölf Meter hohe Wand. Das Konzept von „The Wall“ stammt aus den USA, dort läuft die Show seit Dezember letzten Jahres, allerdings dauert sie – mit einem Kandidatenpaar – nur 45 Minuten. RTL brauchte mit zwei Kandidatenpaaren 255 Minuten, aber dreiviertelstündige Vorabendquizsendungen gehören ja bei den Kölnern schon lange nicht mehr zum Portfolio. Dann lieber das Konzept strecken und einen ganzen Samstagabend damit füllen.

Das Grundkonzept der Sendung ist schnell erklärt: Die Kandidatenpaare müssen in der ersten Runde gemeinsam Quizfragen beantworten, dafür haben sie so lange Zeit, wie drei Bälle auf dem Weg über „The Wall“ nach unten brauchen. Die Wand ist ein Nagelbrett in Groß, alte „Der Preis ist heiß“-Fans kennen das Ganze unter dem Namen „Plinko“. Die Bälle jedenfalls springen und fallen vom Zufall gelenkt zwischen den Nägeln hin und her, unten angekommen landen sie in Röhren, die mit Gewinnsummen zwischen einem und 250 000 Euro belegt sind.

In den Runden zwei und drei werden die Kandidaten getrennt: Einer bleibt auf der Bühne und pokert um die Gewinnhöhe, indem er auf die Wahrscheinlichkeit einer richtigen Antwort setzt und entscheidet, aus welchen der sieben Startpositionen die Bälle hinab geschickt werden. Der andere Kandidat wird „in die Isolation“ geschickt, und auf diese Formulierung hätte man wirklich verzichten können. Auf dieser Welt existieren die für die Betroffenen grausame Isolationsfolter und Isolationshaft, da gehört es sich einfach nicht, Kandidaten „in die Isolation“ zu schicken oder „Kandidat in Isolation“ auf ein Insert zu schreiben. Auch dann nicht, wenn es im amerikanischen Original genauso heißt. Dass Frank Buschmann witzelt: „Isolation muss man sich so vorstellen: Krabbel in den Kühlschrank, mach die Tür zu, und du kriegst nichts mit außer Quizfragen“ macht es nicht besser.

Zumindest für den Trash-Freund ist es aber schön zu sehen, wie das Konzept die Trennung der Kandidaten inszeniert. Der Partner in Isolation bekommt zwar nichts mit, sagt aber immer wieder, von Streichern untermalt, Aufbauendes zu seinem Mitspieler. Im ersten Durchgang sind das Patchworkpaar Sabrina und Basel an der Reihe, er ab Runde zwei in der Isolation, sie kreischend, lispelnd, die Kugeln küssend und Herzchen für ihren Partner formend auf der Bühne. Und wenn die Kugeln fallen, die die Gewinnsumme erhöhen, will Grundschullehrerin Sabrina sie am liebsten auf die Seite brüllen, auf der die 250 000 Euro stehen. „Hopp, hopp, hopp, komm, komm, komm, rechts, rechts, rechts …“

Am Ende stehen auf dem Konto des Pärchens fast 300 000 Euro – was Basel, der ja in Isolation sitzt, nicht weiß. Er bekommt per Rohrpost einen Vertrag angeboten, der ihm und seiner Partnerin bei Unterzeichnung knappp 60 000 Euro garantiert. Was wird der Teamleiter aus Meckenheim machen? Erst mal darf er zurück auf die Bühne und muss dort mit seiner Sabrina durchsprechen – ihr gegenüber stehend und beide Hände haltend – wie es beiden in der von RTL erzwungenen Trennungsphase ergangen ist. Im amerikanischen Original ist es genauso, da allerdings lockert der Moderator mit Leichtigkeit und viel Ironie die Show stärker auf, als es der in ständiger Symbiose mit seinen Kandidaten stehende Frank Buschmann jemals könnte.

Die deutsche Show ist damit noch trashiger als das amerikanische Original, und die Krönung ist erreicht, als Basel sagt, er habe eine Doppelstrategie verfolgt: Vertrag zerrissen, aber in der Beziehung gehe er auf Nummer sicher. „Sabrina, möchtest du meine Frau werden?“, fragt der Kniende – und Sabrina möchte. „Mir steht das Pipi inne Augen, aber das ist jetzt euer Moment“, sagt Buschi-Buschmann, bald hoffentlich auch der Trauzeuge. Endlich also wieder richtiges 90er-Jahre-Fernsehen bei RTL, mit Heiraten, Geld erspielen, Ausflippen und Heulen.

Kandidatenpaar zwei heißt dann mit Nachnamen amüsanterweise Hasenfuß. Papa Magnus und Sohn Dirk sind ganz dicke Buddies und fassen sich im Einspieler und auf der Bühne ständig und sehr herzlich an. In die Isolation geht der Vater, dem Pathos nicht fremd ist. „Hallo Junge, ich gehe hier durchs Fegefeuer für dich, ich möchte dir Energie schicken.“ Der Junge liegt derweil permanent auf dem Bühnenboden, und zwar immer dann, wenn die Bälle in den ersehnten Röhren gelandet sind. Parallel dazu springt Frank Buschmann über die Bühne, als hätte er selbst gerade seinen Kontostand um einige hunderttausend Euro erhöht; gelegentlich packt er auch die Säge aus.

Auch Papa Magnus zerreißt den ihm angebotenen Vertrag, was er seinem „Jungen“ unter Tränen mitteilt, sogar die Brille ist schon benetzt. Der 64-Jährige, vom Sohn „se Brain“ genannt, hat weise entschieden, denn Wasserschutzpolizist Dirk hat knapp 700 000 Euro erspielt.

Am Ende des Abends hat RTL also an vier Deutsche in Paris knapp eine Million Euro ausgeschüttet, einen Heiratsantrag gezeigt und Frank Buschmann ein Format geschenkt, in dem er zweieinhalb Stunden lang das machen darf, was er am besten kann: ausrasten. Was will man von diesem Sender mehr?

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