„Helmut Kohl seine Witwe“: So plump präsentiert der Westfälische Anzeiger den Sarg-Lieferanten des Alt-Kanzlers

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Altkanzler Helmut Kohl (1930 - 2017). Foto: © CDU / Facebook

„Wie können wir ein nationales Thema regional herunterbrechen?“ ist eine der zentralen Fragen des Lokaljournalismus. Der Westfälische Anzeiger beantwortete sie in dieser Woche mit der intensiven Berichterstattung über ein Unternehmen aus Hamm, das den Sarg für Helmut Kohl gebaut hat. An dem Ergebnis hätte Loriot seine helle Freude gehabt.

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Von Hendrik Steinkuhl

„Millionen Menschen werden am Samstag die Trauerfeiern im Fernsehen verfolgen. Ein Hammer wird dabei genau hinschauen.“ Natürlich ist ein Bewohner der westfälischen Stadt gemeint, aber den Gleichlaut mit einem Werkzeug darf man schon lustig finden. Zumal, wenn der Hammer auch noch Tischler ist. Thomas May heißt der Mann, der zusammen mit drei Mitarbeitern den Sarg für Helmut Kohl zusammengeklöppelt hat. Der Westfälische Anzeiger widmete ihm dafür einen Artikel und ein Video – und beide sind ausgesprochen unterhaltsam.

Der beste Satz des zweiminütigen Films lautet: „Rein zufällig war der Bestatter, den Helmut Kohl seine Witwe gewählt hat, unser Kunde.“ Schön zu sehen, dass der westfälische Genitiv noch nicht tot ist; außerdem ist „Helmut Kohl seine Witwe“ die für Maike Kohl-Richter vielleicht treffendste Bezeichnung. Dass der Hersteller von Helmut Kohls Totenschrein „Sargfabrik Glunz“ heißt, kann sich übrigens nur Loriot ausgedacht haben. Genauso wie die Szene, in der Sargbauer May vor einem beinahe baugleichen Exemplar des Kanzlersargs steht und das Werkstück mit den von Teleshopping-Moderatoren bekannten Handbewegungen preist: „Das ist hier eine Eichentruhe mit einer Kanis-Wölbung, die Deckelplatte ist als Buch gefräst, und er hat eine rustikale Oberfläche.“

Nr. 45 „Eiche rustikal mit Buchdeckel“

Zuvor hatte ein Blick in den Angebots-Katalog von Sargfabrik Glunz verraten, dass Helmut Kohl in Katalog Nr. 45 „Eiche rustikal mit Buchdeckel“ zu Grabe getragen wird. Nicht verschwiegen wird auch, dass der Kanzlersarg vom Katalogmodell Nr. 45 abweicht: Der Bestatter hatte 216 mal 92 Zentimeter statt 200 mal 70 Zentimeter bestellt. Helmut Kohl war eben ein großer Mann, und ein großer Europäer sowieso.

Der XXL-Sarg bekam außerdem noch zwei Edelstahlstangen für insgesamt acht Träger statt sechs Haltegriffen für sechs Träger. Und anders als wie üblich in drei bis vier Tagen musste „Eiche rustikal mit Buchdeckel“ innerhalb von 24 Stunden gebaut werden. Die Konsequenz: Nachtarbeit in der Sargfabrik Glunz. Laut Westfälischem Anzeiger hat sich der Einsatz aber gelohnt: „Um 7 Uhr am anderen Morgen hatte der 80 bis 90 Kilogramm schwere Sarg an Bord eines Fahrzeugs der Firma Glunz seinen Bestimmungsort in Rheinland-Pfalz erreicht.“

Rühmann, Westerwelle, Enke …

Erfreulich für das Unternehmen und die Region ist außerdem, wie viele Prominente schon in Särgen von Glunz ihre letzte Reise angetreten haben. Mit der Zwischenüberschrift „Rühmann, Westerwelle, Enke…“ verweist der Westfälische Anzeiger in bemerkenswert lässiger Art auf die Berühmtheiten, die in Hammer Ware in die Erde gelassen wurden.

Wie man nationale Ereignisse aufs Beste regionalisiert, zeigt eine weitere Zwischenüberschrift: „Der Weg des Hammer Sargs am Samstag“. Aus dem Artikel erfährt der Leser schließlich noch, welche Kiste bei Glunz am besten geht: der „Papst-Sarg“ von Johannes Paul II.

Wer weiß, welche Karriere Nr. 45 „Eiche rustikal mit Buchdeckel“ machen wird. Denn die Geschichte über die Kanzlersargbauer hat weitere Verbreitung gefunden. Der Münchener Merkur hat am Freitag ebenfalls über das Thema berichtet, allerdings wurde zwischenzeitlich die Überschrift geändert: „Was diese Männer mit dem Tod von Helmut Kohl zu tun haben“ war der Redaktion aus irgendeinem Grund plötzlich nicht mehr genehm.

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