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Turbo-Politik, ein Medienminister mit vielen Hüten und Betriebsräte in „Hundehütten“

Die Kanzlerin bei Brigitte, Stephan Holthoff-Pförtner, Betriebsrats-Box, Bild-Bettwäsche
Die Kanzlerin bei Brigitte, Stephan Holthoff-Pförtner, Betriebsrats-Box, Bild-Bettwäsche

Am Montag wurde die Ehe für alle noch vage verschwurbelt beim Brigitte-Talk thematisiert, am Freitag schon durch den Bundestag gepeitscht. Dass die Grenzen zwischen Medien und Politik bisweilen verschwimmen, zeigt die Berufung von VDZ-Präsident und Funke-Gesellschafter Stephan Holthoff-Pförtner zum NRW-Medienminister. Außerdem: die Mini-Büros von DuMont-Betriebsräten, und Bild erfindet die „Liegenpresse“. All dies im MEEDIA-Wochenrückblick.

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Diese Woche gab es Politik im Turbo-Modus zu bestaunen. Am Montag saß die Kanzlerin noch beim Plausch auf dem Brigitte-Sessel und haute kurz vor Schluss mal eben raus, dass ihr bisheriges Nein zur Ehe für alle nun zur Gewissensentscheidung für Abgeordnete umgedeutelt wird. Das Ganze war eine im typischen Merkel-Duktus maximal verschwurbelte Antwort auf eine Zuschauerfrage, also wohl nicht geplant.

Dass Merkel den Begriff „Gewissensentscheidung“ platzierte, war trotzdem wohl kein Zufall, denn die CDU hatte sich bereits zuvor entsprechend beraten und abgestimmt. Da sich alle anderen Parteien (mit Ausnahme der AfD) für die Ehe für alle aussprachen und diese sogar zur Koalitionsbedingung machen, wählte die CDU-Kanzlerin wie stets den pragmatischen Weg: Umarmen, was man nicht ändern kann.

Ob ihre spätere Empörung im Wirtschaftswoche-Interview, dass die anderen Parteien die Ehe für alle für Parteipolitik und Wahlkampf quasi missbrauchten, echt war – keine Ahnung. Ob geplante Taktik oder Versehen: Nur wenige Tage später wurde die Ehe für alle an diesem Freitag im Bundestag durchgewunken. Konfetti, Regenbogen, Begeisterung (außer bei der FAZ). Merken die bei der SPD wirklich nicht, dass die Kanzlerin ihnen da schon wieder ein Thema weggenommen hat, das bei der Wahl noch zur Differenzierung getaugt hätte? Bislang konnte man ja denken, wer die Ehe für alle will, sollte SPD wählen. Dann sitzt die Kanzlerin mal eben auf dem Brigitte-Sessel und mit einem Halbsatz hat sich die Sache erledigt. Und bei der Abstimmung stimmt sie dann auch noch demonstrativ dagegen, wohl wissend, dass es auf ihre Stimme nicht ankommt, sie aber damit vielleicht den einen oder anderen konservativen Ehe-für-alle-Gegner in den eigenen Reihen milde stimmen kann. Aus machtpolitischer Sicht ist das schon ziemlich beeindruckend.

In Medienhausen sorgte diese Woche der überraschende Rücktritt von VDZ-Präsident und Goldene-Blatt-Leser Stephan Holthoff-Pförtner für einigermaßen Aufregung. Der Funke-Gesellschafter und frühere Anwalt des verstorbenen Alt-Kanzlers Helmut Kohl wechselt als Minister für Bundesangelegenheiten, Europa, Internationales und Medien in die CDU-geführte, neue NRW-Landesregierung. Sein Dienstsitz wird nicht in Düsseldorf sein, sondern in Berlin. Holthoff-Pförtner will seine operativen Aufgaben beim Funke-Verlagskonzern, dessen Mit-Eigentümer er ist, während seiner Ministerzeit ruhen lassen – wäre ja auch noch schöner. Aber als Landesminister muss er dann ja doch wohl die Interessen von NRW vertreten. Ist es eigentlich im Interesse von NRW, wenn ein Medienhaus mit Sitz in Essen, in Berlin eine große Zentralredaktion unterhält, wie Funke das tut? So schreibt zum Beispiel Frank Stach, der Landesvorsitzende des DJV NRW zur Causa Holthoff-Pförtner: „Die Funke-Gruppe hat in NRW massenhaft Arbeitsplätze abgebaut und Zeitungsredaktionen geschlossen – es ist kaum vorstellbar, dass jemand, der für diesen Kahlschlag im medialen Angebot mitverantwortlich war, nun die Medienvielfalt in NRW garantieren will.“ Interessenskonflikt, ick hör dir trappsen. Aber Herr Holthoff-Pförtner hat dafür bestimmt diverse passgenaue Hüte im Schrank, die er bei Bedarf aufsetzen kann.

Ein weiterer NRW-Verlag, um den sich Herr Holthoff-Pförtner von Berlin aus bald kümmern kann, ist DuMont. Das Betriebsrats-nahe Blog „Zeitungslandschaft im Umbruch“ hat ein Foto der neuen Büros für die Betriebsräte von DuMont Berliner Verlag gepostet:

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Das Blog verweist darauf, dass die deutsche Tierschutzverordnung vorschreibe, dass bei Zwingerhaltung von Hunden mindestens sechs Quadratmeter an Fläche vorgeschrieben sei, die neuen Betriebsratsboxen aber nur eine Fläche von 4,1 Quadratmetern haben. Das Blog weiter: „Der Konzernbetriebsrat von DuMont Berliner Verlag verweist auf die Erklärungen vom damaligen Umzugsbeauftragten, Jörg Mertens, dass diese Themen gelöst werden.“ Minister Holthoff-Pförtner, übernehmen Sie! Alles wird gut!

Bei der Bild sind sie jetzt in neue Welten des Merchandising-Geschäfts vorgedrungen und bieten die „Liegenpresse“ bei real feil. Jaha, Humor halt. Bettwäsche mit Bild-Kissen und Schlagzeilen-Decke.

Damit es keine Alpträume gibt, greift man lieber auf keine echten Bild-Zeilen zurück, sondern auf unverfänglich kuschliges wie „Endlich mausschlafen“. Wer’s braucht …

Ihnen ein ausgeruhtes Wochenende!

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