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Nach dem Rückzug von Stephan Holthoff-Pförtner: Wer wird der nächste VDZ-Präsident?

Langzeitchef Hubert Burda (li.), Nachfolger Stephan Holthoff-Pförtner: Schon nach sieben Monaten ist das Amt des VDZ-Präsidenten wieder vakant
Langzeitchef Hubert Burda (li.), Nachfolger Stephan Holthoff-Pförtner: Schon nach sieben Monaten ist das Amt des VDZ-Präsidenten wieder vakant

Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger hat ein Problem – und gerade deshalb eine Chance. Der überraschende Rücktritt seines Präsidenten nach lediglich siebenmonatiger Amtszeit trifft den VDZ unvorbereitet und stellt die Verbandsspitze vor eine erneute Personalfrage. Zugleich bietet sich jedoch die Gelegenheit, die ausgescherten Verlage Gruner + Jahr, Spiegel und Zeit wieder ins Boot zu holen.

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Zwanzig Jahre hatte Hubert Burda den VDZ geführt und dem Verband nach innen wie außen ein unverwechselbares Gesicht gegeben. Der Verleger war dabei in vielen Dingen seiner Zeit stets voraus gewesen. Als wohl erster deutscher Verlagschef hatte er schon Ende der 90er Jahre erkannt, welche dramatischen Umwälzungen der Welt durch die Startups im Silicon Valley bevorstanden. Zu vielen Gründern knüpfte Burda Kontakte, lange bevor deren Firmen zu Weltkonzernen wurden. Und ihm war bewusst, dass er die Politik in Deutschland und Europa brauchen würde, damit sich Verlagshäuser auf Dauer gegen die Googles und Facebooks behaupten und überleben können. Im aufziehenden digitalen Zeitalter war Hubert Burda Visionär wie Realist, der wusste, was in seiner Position zum Nutzen aller zu tun ist.

Sein Ausscheiden Ende vergangenen Jahres war eine unvermeidliche Zäsur. Bei seinem Nachfolger, der heute nach gerade 234 Tagen die VDZ-Präsidentschaft niederlegte, von einer Amtszeit zu sprechen, erscheint übertrieben: Es war im Vergleich zum Vorgänger eher ein Intermezzo. In der Öffentlichkeit ist Stephan Holthoff-Pförtner in seiner Funktion nur wenige Male in Erscheinung getreten. Dass der Verband dem 68-Jährigen in seiner Abschiedserklärung nun für „wichtige medienpolitische Erfolge der Verlage wie die Verabschiedung der GWB-Novelle, die den Verlagen mehr Kooperationsmöglichkeiten eröffnet, sowie die Entscheidung der EU-Kommission im Kartellverfahren gegen Google“ lobt, erscheint übertrieben: Dahinter stehen doch eher jahrelange zähe Bemühungen, die nun in Entscheidungen einflossen.

Dennoch wäre es ebenso falsch zu mutmaßen, Holthoff-Pförtner habe in seiner Zeit als Verleger-Präsident nichts bewirkt. Der Essener Jurist war um Ausgleich bemüht und nicht unerfolgreich darin, die Wogen im Verband zu glätten und auf die Kritiker seiner Ernennung zuzugehen. Über Monate hatte sich der Verband mit den wichtigen Verlagen Gruner + Jahr, Spiegel und Zeit sowie der Media Group Medweth eine teils öffentlich ausgetragene Fehde um Transparenz bei der Top-Personalie und die Veränderungskultur geliefert. Die endete bekanntlich nicht im Frieden, sondern mit der Ankündigung der Abtrünnigen, dem Verband den Rücken zu kehren. Das hässliche Wort von den „Hinterzimmerbünden“ (Zeit-Chef Rainer Esser) kratzt bis heute am Image des VDZ, aus dessen Umfeld wiederum eigennützige Motive der Abweichler moniert wurden.

Auch wenn die Lage mit Blick auf die vier Verlage offiziell weiterhin als zerrüttet gelten muss, hat es hinter den Kulissen offenbar Ansätze zum Dialog gegeben. Holthoff-Pförtner kam dabei wohl zugute, dass sich die Kritik stets gegen den Machtapparat im Verband gerichtet hatte und nicht gegen seine Person. Und der Funke-Verleger war durchaus zu Kompromissen bereit und soll auch Satzungsänderungen erwogen haben, um Irritationen bei künftigen Wahlen zu vermeiden. G+J, Spiegel und Zeit hinderte das nicht, in dieser Woche mit einer eigenen Veranstaltung in die gesellschaftliche Diskussion um das Facebook-Gesetz der Bundesregierung Flagge zu zeigen. Zum „Journalismusdialog“ in der Berliner Kalkscheune kam auch Bundesjustizminister Heiko Maas und ein hochrangiger Facebook Manager – ein Event, wie er sicher auch gut zum VDZ gepasst hätte.

Der steht nun unvermittelt ohne Präsidenten da und muss die kommenden Monate zur Personalselektion nutzen, um den Mitglieder beim Jahreskongress im November einen neuen Kandidaten zu präsentieren. Das Vakuum, das Holthoff-Pförtner hinterlässt, hat dabei auch etwas Befreiendes: Nun werden die Karten wieder neu gemischt, nun bietet sich die Chance, die Rebellen doch noch wieder in den Verband zu integrieren. Offiziell ausgetreten sind G+J, Spiegel und Zeit bis heute nicht, und es erscheint nun wahrscheinlich, dass es zu diesem Schritt nicht kommen wird. Sie werden einen möglichen Verbleib aber gewiss an Bedingungen knüpfen. Die Position der drei Verlage mit ihren marktbeherrschenden Leitmedien ist stärker als zuvor, denn genau genommen – das zeigen auch die vergangenen Monate – braucht man einander; der VDZ vielleicht ein bisschen mehr als umgekehrt.

Dass der Verband ausgerechnet in der Woche eines seiner großen Erfolge, der EU-Milliardenstrafe gegen Google, nun die Suche nach einem neuen Präsidenten muss, hat immerhin den Vorteil, dass es keinen unmittelbaren Druck gibt. Allerdings ist das Feld der potenziellen Kandidaten eher übersichtlich. Wer käme in Frage? Ein möglicher Name wären Funke-Topmanager Manfred Braun, der gewiss viel von Zeitschriften versteht, dem aber zweifelsohne die hochkarätige politische Vernetzung fehlt, die seine Vorgänger auszeichnete. Und er wäre kaum mehrheitsfähig bei den Hamburger Verlagen, die nun wieder ins Boot geholt werden sollen. Ein weiterer Kandidat könnte Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen sein, der sicher das Format für den VDZ-Job hätte, dessen Leidenschaft für das Gewerbe mit den gedruckten Schriften allerdings ausbaufähig erscheint. Eine interessante Variante wäre die Spekulation, ob G+J-Chefin Julia Jäkel Nachfolgerin von Holthoff-Pförtner werden könnte. Die Verlagschefin hat in den vergangenen Monaten mit deutlichen Ansagen in Richtung Facebook öffentlich an Profil gewonnen. Zudem könnte der immer noch von Männern dominierte Verband mit einer Frau an der Spitze auch ein gesellschaftliches Signal setzen.

Noch erscheint es völlig offen, wer sich im November den VDZ-Mitgliedern zur Wahl stellen wird. Auch die üblichen Spekulationen, ob der VDZ mit dem Verband der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV) vielleicht doch zusammengehen könnte, werden neue Nahrung erhalten. BDZV-Präsident und Springer-Chef Mathias Döpfner wäre in diesem (eher unwahrscheinlichen) Fall natürlich ebenfalls ein idealer Kandidat für die Spitze eines fusionierten Gesamtverbands der Medienindustrie.

Fest steht auf jeden Fall, dass der neue Präsident oder die neue Präsidentin mit dem heute ausgeschiedenen Vorgänger im politischen Berlin und in Brüssel einen einflussreichen Mitstreiter haben wird. Stephan Holthoff-Pförtner wird als Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien sein Büro in der Hauptstadt haben und sich dabei auch für die Verlegerinteressen einsetzen.

 

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