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„Das Leben danach“: Kritiker feiern WDR-Film über Loveparade-Tragödie

„Das Leben danach“  ist ein Film über die Massenpanik auf der Loveparade 2010
"Das Leben danach" ist ein Film über die Massenpanik auf der Loveparade 2010

Sieben Jahre ist es her, dass es auf der Loveparade in Duisburg zu einer furchtbaren Tragödie kam: Am 24. Juli 2010 starben im panischen Gedränge am Eingangsbereich des Geländes 21 Menschen. Hunderte wurden zum Teil schwer verletzt und Unzählige traumatisiert. Die Schuldfrage ist bis heute ungeklärt. Der WDR hat die brisante Thematik in einem fiktiven Fernsehdrama verfilmt.

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Die 24-Jährige Antonia Schneider (gespielt von Jella Haase) ist „kaputt“, wie sie selber sagt, ein „Arschloch“, das „nichts auf die Reihe kriegt“. Kaputtgemacht hat sie die Loveparade 2010: Sie wollte ausgelassen feiern und wurde während der Massenpanik im Gedränge so schwer traumatisiert, dass sie ihr Leben bis heute nicht in den Griff bekommt. Sie weiß auch sieben Jahre danach noch nicht, wohin mit ihrer Angst, mit ihrem Zorn und auch mit ihren Schuldgefühlen gegenüber den Toten. Eines Abends verwüstet sie die Gedenkstätte in Duisburg und trifft dabei auf den Taxifahrer Sascha, dessen Leben angeblich auch während der Loveparade zerbrach.

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat sich mit „Das Leben danach“ einer schwierigen Thematik angenommen und das mutige Experiment gewagt, die realen, schmerzhaften Geschehnisse während der Loveparade in einem fiktiven Film aufzuarbeiten. Alle Figuren sind frei erfunden, doch die beiden Autoren Eva und Volker A. Zahn beziehen sich mit ihrer Geschichte auf die Aussagen zahlreicher Überlebender, die bis heute unter dem Trauma der Loveparade leiden.

Der Mut des WDR hat sich offenbar gelohnt: „Das Leben danach“ feierte am 23. Juni 2017 Premiere auf dem Filmfest München und die ersten Kritiker überschlagen sich mit Lob: „Das Leben danach“ gebe einen tiefen Einblick in Antonias Gefühlswelt und zeigt, wie ihre Wut „und der bislang vergebliche Schrei nach Aufklärung und Gerechtigkeit in sich erstarren, abkapseln und auf Dauer unerträglich werden können“, lobte die Jury des Bernd Burgemeister Fernsehpreises in der Begründung für die Nominierung. „Schuld und Erlösung kämpfen in allen Figuren miteinander, ohne je pathetisch zu werden. Der Film schafft es, dem Zuschauer diese Figuren sehr nahezubringen.“ Er sei ein mutiger und unbequemer Film, „der es dem Zuschauer nicht einfach macht“.

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Helge Toben rezensiert für die dpa: „Der Film blickt mehrfach in Abgründe. Etwa, als Antonia am offenen Sarg eines Bekannten steht, der Selbstmord begangen hat. ‚Du siehst eigentlich ganz glücklich aus‘, sagt sie zu ihm. Oder bei der Geburtstagfeier für ein Kind, das bei der Loveparade starb. Es war der kleine Bruder von Antonias bester Freundin. Antonia war mit ihm zu der Techno-Parade gegangen – und hatte ihn ihm Gedränge verloren (…) Eine drastische Szene ist auch der Sex mit dem erst 14 Jahre alten Sohn Saschas. Hoffnung und Liebe haben es sehr schwer in diesem Film, der aber auf Humor nicht verzichtet. Das Normale ist, dass fast nichts mehr normal ist. Regisseurin Nicole Weegmann gelingt es dabei, neben der zerstörerischen Wut Antonias auch ihre verletzlichen Seiten herauszuarbeiten, etwa wenn Antonias beste Freundin wegzieht. Der Film endet schließlich dort, wo er begonnen hat: im Tunnel. Und nicht ohne Hoffnung.“

„Wer einen fiktiven Film über ein reales Drama dreht, das mit zahlreichen Aufnahmen und Medienberichten dokumentiert und bekannt ist, steht vor einer fast unlösbaren Herausforderung. Trotzdem war eine Verfilmung richtig, vor allem diese, denn eine Auseinandersetzung mit dieser Katastrophe bleibt notwendig, mindestens als Erinnerung“, schreibt Kristian Frigelj in der Welt. „Es ist ein gut gemachter, schwer erträglicher Film. Er löst Wut aus, denn immer wieder spukt die Frage herum, wie man eine solche Veranstaltung überhaupt genehmigen könnte (…). Und die Filmemacher wagen noch etwas Unerhörtes: Sie lassen das Thema Vergebung anklingen. Können Überlebende und Hinterbliebene einem ‚Schuldigen‘ der Loveparade-Katastrophe verzeihen? Das klingt undenkbar, und innerlich hört man sich sofort „Nein“ schreien. Aber ein Mensch im Film kann das. Vielleicht.“

„Das Leben danach“ läuft am 27. September 2017 im WDR.

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