Politischer Sturm über Al-Dschasira: Katars TV-Kanal wird zum Spielball der Krise am Golf

„Bei uns läuft alles wie immer“, sagt Negm von Al-Dschasira. „Oder können Sie hier irgendwo einen Sturm bemerken?“
"Bei uns läuft alles wie immer", sagt Negm von Al-Dschasira. "Oder können Sie hier irgendwo einen Sturm bemerken?"

Der Nachrichtensender Al-Dschasira übt in der arabischen Welt großen Einfluss aus. Schon seit langem ist der Kanal ein ständiges Ärgernis für Saudi-Arabien und seine Verbündeten Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Ägypten. Die Herrscher in den vier Ländern haben deshalb eine klare Forderung an den Emir von Katar übersandt: Al-Dschasira muss abgeschaltet werden. Für immer.

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Während ein politischer Sturm über seinen Sender hinwegfegt, will Salah Negm von einem Ausnahmezustand nichts wissen. Unten im riesigen Newsroom des Nachrichtenkanals Al-Dschasira arbeiten die Redakteure am Programm der nächsten Stunden, ein Stockwerk höher bemüht sich der Nachrichtendirektor in seinem Büro in Katars Hauptstadt Doha um Normalität. „Bei uns läuft alles wie immer“, sagt Negm, schmaler Körper, graue Haare, leise, aber feste Stimme. „Oder können Sie hier irgendwo einen Sturm bemerken?“

Doch Al-Dschasira erlebt derzeit eine der schwersten Zeiten in seiner mehr als 20-Jährigen Geschichte. Seit dem Ausbruch der Krise um Katar steht der von dem Emirat finanzierte Nachrichtensender im Fokus des Streits. Schon seit langem ist der Kanal ein ständiges Ärgernis für Saudi-Arabien und seine Verbündeten Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Ägypten. Die Herrscher in den vier Ländern haben deshalb eine klare Forderung an den Emir von Katar übersandt: Al-Dschasira muss abgeschaltet werden. Für immer.

Sie stören sich vor allem daran, dass Al-Dschasira Ägyptens Muslimbrüdern und anderen Islamisten breiten Raum in der Berichterstattung einräumt. Der Sender biete „Terrorismus und Extremismus“ ein Podium, wetterte VAE-Außenminister Anwar Karkasch am Samstag. Der Kanal gilt zudem als eines der Medien, die 2011 die arabischen Aufstände anfachten.

Ägyptens Elite gibt ihm bis heute Mitschuld daran, dass 2013 die Muslimbrüder an die Macht kamen. Als das Militär 2015 den frei gewählten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi stürzte, berichtete Al-Dschasira so ausführlich wie kein anderer Sender über die Gegenproteste – zum Verdruss auch der Mächtigen in Saudi-Arabien und den VAE, die die Muslimbrüder wie Ägyptens derzeitige Regierung als Terrororganisation ansehen und sie mit harter Hand verfolgen.

Kritiker werfen Al-Dschasira vor, er sei nichts anderes als ein Mittel, mit dem das kleine Katar Einfluss ausüben will. Für die Gegner des Senders ist besonders ärgerlich, dass er mit seinem in der arabischen Welt nach wie vor populärem Programm noch immer die Massen erreicht wie nur wenige TV-Kanäle. Mit dem Ableger Al-Dschasira Englisch, für den Salah Negm arbeitet, macht er international aber auch den Programmen von CNN und der BBC Konkurrenz. Von Sarajewo aus sendet Al-Dschasira zudem ein eigenes Programm für den Balkan. Mit rund 3000 Mitarbeitern ist der Sender ein globaler Spieler geworden.

Die Frage nach dem politischen Einfluss seines Geldgebers hat Salah Negm schon oft gehört, diesmal antwortet er mit einer Gegenfrage: „Die Deutsche Welle wird von der deutschen Regierung finanziert. Würden Sie ihr dieselbe Frage stellen?“ Der 60-Jährige hat früher für die BBC gearbeitet und lange in Holland gelebt, er kennt die Medien im Westen. Al-Dschasira könne so frei arbeiten wie die Deutsche Welle, sagt er: „Wir bekommen von niemandem Anweisungen.“ Mehrfach zählt er die Leitlinien für Al-Dschasiras Berichterstattung auf: „Genauigkeit, Fairness, Ausgewogenheit.“

Philip Seib, Journalismus-Professor an der Universität Süd-Kalifornien, hält Vergleiche mit demokratischen Ländern, die volle Meinungsfreiheit gewähren, ohnehin für unangebracht. Solche Verhältnisse gebe es in der arabischen Welt nicht. „In einer Region, in der selbst eine teilweise Pressefreiheit ein Fortschritt ist, liegen Al-Dschasiras Standards über der Norm“, meint Seib, der das Buch „Der Al-Dschasira-Effekt“ geschrieben hat. Der Nachrichtenkanal kritisiere zwar nicht die katarische Herrscherfamilie, fordere den Status quo aber auf andere Weise heraus.

Tatsächlich ist der Sender bekannt dafür, unterschiedlichste Seiten zu Wort kommen zu lassen. Berühmt-berüchtigt ist die Talkshow „Die entgegengesetzte Richtung“, in der sich die Gäste und der Moderator Faisal al-Kassim schon mal anschreien. Salah Negm erzählt, nach dem Ausbruch der Krise um Katar habe sich der Sender auch bemüht, Stimmen aus den Blockade-Ländern auf den Sender zu bringen: „Aber Saudi-Arabien hat ihnen nicht erlaubt, mit uns zu reden.“

Negm will es nicht sagen, doch insgeheim dürfte er sich über die Vorwürfe der anderen Staaten gegen Al-Dschasira wundern. Saudi-Arabien etwa finanziert mit dem in Dubai ansässigen Kanal Al-Arabija längst einen eigenen Nachrichtensender, der ganz im Sinne des Königreichs berichtet. Dem Emirat Abu Dhabi wiederum gehört zu Hälfte der Sender Sky News Arabija.

Diese Kanäle stünden im Wettbewerb mit Al-Dschasira, sagt Journalimus-Professor Seib. „Al-Arabija und Sky News Arabija bieten Nachrichten an, die konservativer und mehr im Mainstream sind als das Angebot von Al-Dschasira“, meint er. „Ihr Journalismus steht in Übereinstimmung mit den Ansichten der Regierungen von Saudi-Arabien und der VAE, die oft im Streit mit Katar sind.“ So ist Al-Dschasira nur Teil des Kampfes am Golf, der auch über die Medien ausgetragen wird.

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