Warum ARD-Experte Mehmet Scholl gehen sollte und Tobias Escher sein logischer Nachfolger wäre

Taktik-Erklärer Tobias Escher (li.) und Profi-Plauderer Mehmet Scholl
Taktik-Erklärer Tobias Escher (li.) und Profi-Plauderer Mehmet Scholl

Er war einer der besten und unterhaltsamsten Fußballer, die Deutschland je hatte, doch als Fernsehexperte ist Mehmet Scholl eine Fehlbesetzung. In dieser Woche löste er mit einem geschmacklosen Witz über Cristiano Ronaldo einen Shitstorm aus – mal wieder. Viel schlimmer aber sind seine Analysen, die nicht zuletzt Scholls prädestinierten Nachfolger in den Wahnsinn treiben.

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Von Hendrik Steinkuhl

Tobias Escher ist das, was man seit einigen Jahren einen Nerd nennt: Seine Frisur ist eigentlich keine, seine Hemden sehen aus, als hätte seine Mutter sie gekauft, und wenn er selbst auf dem Platz steht und gegen den Ball tritt, hat man Angst, dass er sich dabei etwas bricht. In allem, was er darstellt, ist der Fußballjournalist Tobias Escher die Antithese zu Mehmet Scholl, diesem rechtzeitig kahlrasierten Fashion-Victim und Über-Techniker, der mal über einen Griechenland-Urlaub am Beginn seiner großen Karriere erzählte: „Ich habe mich da einfach an die Bar gesetzt und mich wirken lassen.“

Scholl erzählte das in der Geste der Verspottung seines früheren Selbst, doch im Nachhinein zweifelt man ein wenig an der Distanzierung. Denn ist das, was Scholl als ARD-Fußballexperte leistet, substanziell mehr, als sich einfach wirken zu lassen?

Escher nannte Scholls Löw-Kritik „dreist“

Scholls Gegenbild Tobias Escher jedenfalls, der als Autor der Website Spielverlagerung.de bekannt wurde, gerät über dessen Taktikeinlassungen regelmäßig in Wallung. In den hervorragenden Fußballsendungen Bohndesliga und EM-Studio des Streaming-Kanals Rocket Beans TV erwähnt Escher immer wieder, wie wenig er von Scholls Analysen hält. Und als der ehemalige Bayern-Profi bei der EM im letzten Jahr Joachim Löw und DFB-Chefscout Urs Siegenthaler für die Taktik gegen Italien in den Senkel stellte, nannte Escher in der Rheinischen Post die Kritik von Scholl schlicht „dreist“. Scholl hatte die Dreierkette und das dadurch gedrosselte Offensivspiel der deutschen Mannschaft als komplette Schnapsidee dargestellt. Eine tragfähige Begründung dafür lieferte er nicht, geschweige denn machte er sich Gedanken darüber, warum Weltmeister-Trainer Löw seine Mannschaft in dieser Formation aufs Feld geschickt hatte.

Der Experte Scholl ist wie der Spieler Scholl: instinktgetrieben

Tobias Escher ist zu höflich, um es auszusprechen, deshalb müssen es andere tun: Mehmet Scholl hat damals vermutlich nicht nur aus Egozentrik, sondern auch aus Überforderung ausschließlich gewütet und nicht begründet. Denn nichts in Scholls bisheriger Expertentätigkeit lässt vermuten, dass er die Notwendigkeit eines mit einer Dreierkette verdichteten Zentrums gegen Italiens Doppelspitze erkannt hätte. Obwohl er die Fußballtrainer-A-Lizenz gemacht hat, agiert Scholl vor dem Mikrofon weiterhin genauso wie als Spieler: instinktgetrieben.

„Dreierkette im Aufbau gegen mannorientierten Drei-Mann-Sturm ist … mutig. Und Rechtsfokus scheint mir auch wenig Sinn zu machen“, twitterte Tobias Escher wie immer absolut nachvollziehbar während der wackeligen ersten 20 Minuten im Confed-Cup-Spiel Deutschland gegen Chile. „Ich bin froh, dass wir die erste Halbzeit, wo es auf der Kippe stand, überhaupt überlebt haben“, sagte Scholl in seiner Analyse. Dann lobte er, dass die Deutsche Nationalmannschaft irgendwann das Spiel angenommen und das Tempo rausgenommen habe. Tatsächlich nahmen die Chilenen irgendwann das Tempo raus, sie hatten es ja bis dahin auch diktiert. Als ihm Matthias Opdenhövel eine Zahl zum Spiel nannte, entgegnete Scholl wie üblich: „Bleib mir weg mit Statistik!“, und angesprochen auf einen möglichen Bayern-Wechsel von Leon Goretzka orakelte er ebenfalls wie gewohnt in extenso, dass es neben dem fußballerischen Talent noch ganz besondere andere Fähigkeiten brauche, um sich beim großen FCB durchzusetzen.

Mehmet Scholl ist aus der Zeit gefallen

In der Fußballszene gibt es einen Begriff, der Männer wie Scholl hervorragend umschreibt, auf den ewig jungen Mehmet aber nie angewendet wird: Alt-Internationaler. Noch viel mehr als seine ehemaligen Mitspieler Lothar Matthäus und Stefan Effenberg geriert sich Scholl vor der Kamera als Veteran, „Damals an der Ostfront“ heißt bei ihm „Damals bei den Bayern“, „Auge in Auge mit dem Russen“ entspricht „Ich saß zehn Jahre neben Oliver Kahn“. Der früher so unterhaltsame und originelle Scholl erscheint heute als ein Relikt der 90er, zusammengehalten von den immer gleichen Sprüchen und Anekdötchen. Dass Jens Jeremies einst zu Patrick Vieira sagte: „Siehst du die Mittellinie? Kommst du drüber, macht es aua!“ ist einer dieser Standards, die Scholl immer dann von sich gibt, wenn die Deutsche Nationalmannschaft einem gegnerischen Spieler zu viel Raum gewährt. Andere Maßstäbe als seine eigenen und die des früheren FC Bayern kennt Scholl nicht, und nie gehen seine Analysen tiefer als „Räume eng gemacht“ und „früh draufgegangen“.

Mit Mehmet Scholl hat die ARD einen jüngeren Günter Netzer verpflichtet; einen Plauderer, der das Publikum nicht mit Fachwissen behelligt, aber dafür gerne mal einen raushaut. „Vielleicht kommt Cristiano Ronaldo ja wirklich in den Knast. Dann mache ich mir Sorgen, dass er als Miss September endet“, sagte Scholl jüngst zur Steuer-Affäre des Weltstars. Der Shitstorm war verdient, nicht weil der Spruch homophob, sondern schlicht deplatzierter Locker-Room-Talk war. Nie hätte man gedacht, dass man das einmal sagen würde, aber Mehmet Scholl ist aus der Zeit gefallen. Seine Analysen, seine Sprüche, seine Attitüde, das alles gehört in eine Ära, in der man noch einen Libero hatte und junge Spieler von den älteren Kollegen im Training regelmäßig umgegrätscht wurden, die fußballerische Variante der Äquatortaufe.

Tobias Escher hat hinlänglich bewiesen, was er kann

Als TV-Experte ist Scholl das Äquivalent zu Trainern wie Schaaf, Magath oder Veh, die wegen früherer Erfolge und sperrigen Persönlichkeit zwar noch viele Anhänger haben, aber eben auch nichts anderes sind als fußballerische Vergangenheit. Jüngere Trainer mit großer taktischer Flexibilität und der Fähigkeit zur offenen Kommunikation haben längst ihren Platz eingenommen.

Und deren Äquivalent unter den Experten heißt wiederum Tobias Escher. In unzähligen Artikeln, in seinem hervorragenden Buch „Vom Libero zur Doppelsechs: Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs“ und als Experte bei Rocket Beans TV und Sky hat Escher bewiesen, dass in Deutschland derzeit niemand ein Fußballspiel besser lesen und erklären kann als er.

Das ZDF hat neben dem hervorragend eingespielten Duo Welke und Kahn den Ex-Trainer Holger Stanislawski, der ebenfalls zeigt, wie interessant der Fußball sein kann, wenn man ihn so anspruchsvoll betrachtet, wie er heutzutage gelehrt wird. Man darf deshalb sogar soweit gehen, die ARD auch beim Fußball an ihren Bildungsauftrag zu erinnern – dem sie mit Mehmet Scholl nicht gerecht wird.

Spätestens nach der nächsten WM sollte Das Erste seinen „Experten“ Scholl rausrotieren und dafür den Experten Escher bringen. Und wenn es ohne smarten Ex-Profi nicht geht, möge man beim haartransplantierten aber eben auch ziemlich sympathischen Frauenschwarm Christoph Metzelder anfragen.

So oder so: Die Zeit der Veteranen im Fußball geht langsam vorbei, ob an der Seitenlinie oder im Fernsehstudio. Und das ist gut so.

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